Bad Driburg (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Bad Driburg in HX.svg Bad Driburg ist eine Stadt mit derzeit ca. 19.000 Einwohnern im Kreis Höxter; sie liegt am östlichen Hang des Eggegebirges im Naturpark Teutoburger Wald ca. 20 Kilometer östlich von Paderborn (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Blick auf Driburg, um 1670 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Eine erste Ansiedlung sehr weniger Juden in Driburg ist für die Mitte des 17.Jahrhunderts belegt. Der kleine Ort war in der Folgezeit immer darauf bedacht, keine weiteren jüdischen Familien in seinen Mauern zu dulden und ließ diese Ablehnung auch dem Landesherrn, dem Fürstbischof von Paderborn, zur Kenntnis bringen. So hieß es in einem 1719 verfassten Schreiben des Stadtrates, dass „seit Menschen Gedenken und bis auf diese Stunde” nur ein Schutzjude mit seiner Familie in Driburg wohnte und „daß Höchstdieselbe ggst. nicht gestatten werden, daß uns noch eine zweite Familie aufgedrungen und hierdurch die Anzahl dieses Volkes in unserer Stadt vermehrt werde. ...” Erst im beginnenden 19.Jahrhundert zogen weitere jüdische Familien hierher; dennoch hat es in der Stadt nie eine größere Gemeinde gegeben, weil sich der Magistrat des Ackerbürgerstädtchens lange Zeit gegen einen weiteren Zuzug von Juden sträubte. Nach 1830/1840 erlangten einige jüdische Geschäftsleute eine gewisse Bedeutung in der Stadt; neben diesen Vermögenden gab es auch eine Reihe Familien, die als Lumpensammler und Fellhändler am Rande des Existenzminimums lebte.

Die offizielle Gründung der Synagogengemeinde Driburg erfolgte im Jahre 1854; ihr angeschlossen waren die Ortschaften Alhausen, Altenbeken, Herste, Langeland, Reelsen und Schwaney.

Bis um 1800 besuchten die wenigen Driburger Juden die Synagoge in Pömbsen. Danach wurden Gottesdienste in dem Privathaus eines Driburger Juden abgehalten. Im Jahre 1828 oder - anderen Angaben zufolge schon um 1810 - erfolgte dann die Einrichtung einer Synagoge in der Schulstraße. Knapp 50 Jahre später zerstörte ein Großbrand in der Stadt das Gebäude. Zwei Jahre danach wurde am gleichen Standort ein Synagogenneubau errichtet und eingeweiht; der Synagogenraum verfügte über ca. 100 Plätze, davon 40 auf der Frauenempore. Zu den Gottesdienstbesuchern in Driburg gehörten auch jüdische Kurgäste.

Der jüdische Friedhof am Schirrmannweg wurde um 1820 angelegt. Der älteste erhaltene Grabstein trägt die Jahresangabe 1823; die letzte Beerdigung fand hier 1940 statt.

Juden in (Bad) Driburg:

        --- um 1660 ....................... eine jüdische Familie,

    --- um 1750 .......................    2     “       “   n,

    --- 1802 ..........................   16 Juden,

    --- 1809 ..........................    4 jüdische Familien,

    --- 1843 ..........................   46 Juden,

    --- 1880 ..........................   67   "  ,

    --- 1888 ..........................   71   “  ,

    --- 1895 ..........................   70   “  ,

    --- 1909 ..........................   46   “  ,

    --- 1925 ..........................   47   “  ,

    --- 1932 ..........................   38   “  ,

    --- 1939 ..........................   42   “  ,

    --- 1941 (Dez.) ...................   31   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Band III: Reg.bez. Detmold, S. 151

Geschäftliche Erfolge jüdischer Geschäftsleute führten im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts zunehmend zu Ansehen und Integration in die bürgerliche Mittelschicht der Kleinstadt; kommunalpolitische Aktivitäten, z.B. als Stadtverordnete oder Zugehörigkeit zur Freiwilligen Feuerwehr und lokaler Vereine waren Beleg dafür.

Mit der beginnenden NS-Zeit änderten sich auch in Driburg die Lebensbedingungen der hier wohnhaften Juden. Zwar gab es etliche christliche Einwohner, die weiterhin zu ihren jüdischen Nachbarn hielten, doch der wachsende psychische Druck veranlasste die jüdischen Familien, ihre Geschäfte aufzugeben und den Ort zu verlassen. Während des Novemberpogroms wurde die Driburger Synagoge verwüstet und anschließend in Brand gesetzt. Nur die Umfassungsmauern blieben stehen. Wenig später erwarb die Kommune das Gelände, ließ den zerstörten Teil des Gebäudes wieder aufbauen und nutzte diesen dann für unterschiedliche Zwecke (u.a. Feuerwehrgerätehaus).

Mehrere jüdische Männer wurden inhaftiert und z.T. anschließend ins KZ Buchenwald verbracht. Bis 1940 konnten elf von den insgesamt 42 Driburger Juden, die im Jahre 1939 noch in der Stadt gelebt hatten, emigrieren. Ende 1941 mussten die meisten der verbliebenen Familien ihre Häuser verlassen und in die beiden „Judenhäuser“ (Schulstraße u. Lange Straße) umziehen; von hier aus erfolgte für die allermeisten die Deportation in den Osten“. 26 jüdische Bewohner Driburgs wurden Opfer des Holocaust.

Ein 1949 angestrengtes Verfahren gegen die Brandstifter der Dribuger Synagoge wurde aus „Mangel an Beweisen“ eingestellt.

Heute erinnert eine Gedenktafel an das ehemalige jüdische Gotteshaus.

Der israelitische Friedhof am Schirrmannweg weist heute noch etwa 50 Grabsteine auf; der älteste datiert von 1823. 1949 ist auf dem Gelände ein Denkmal errichtet worden, das z.T. aus Fragmenten zerstörter alter Grabsteine besteht und die Namen der während der NS-Zeit ermordeten Juden Driburgs trägt. Auf der Rückseite sind die folgenden Worte zu lesen:

Dahingeschiedene - verzeihet

dass Brüche Eurer Grabsteine hier Verwendung fanden.

Das ehemalige Synagogengebäude, das jahrelang einen Leerstand verzeichnet hatte, ist von der Gemeinde St. Peter und Paul angemietet worden; solange die Pfarrkirche renoviert wird, finden hier die Werktagsgottesdienste und kleinere Beerdigungsfeiern statt.

  Gedenkstele (Aufn. Eah, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Zum Gedenken an das Schicksal der jüdischen Driburger wurde im Jahre 2009 eine Sandsteinstele mit den Namen der Deportierten aufgestellt. werden. Standort ist der Platz vor dem Haus Nr. 68 (ehemaliges Haus Schiff; auch als „Judenhaus“ bezeichnet) in der oberen Langen Straße. Die Gedenkstätte wurde gestaltet vom Bildhauer Herbert Görder und initiiert vom gemeinnützigen Verein "bürgerpunkt".

 

Im heute zu Bad Driburg gehörenden Ortsteil Pömbsen existierte seit Mitte des 19.Jahrhunderts ebenfalls eine autonome jüdische Synagogengemeinde.

[vgl. Pömbsen (Nordrhein-Westfalen)]

 

Auch im Ortsteil Dringenberg gab es im 19.Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinschaft, die um 1865 mit ca. 30 Mitgliedern ihren Höchststand erreichte. Seit Mitte der 1850er Jahre gehörten die Dringenberger Juden der Synagogengemeinde Peckelsheim an, dennoch nutzten sie weiterhin einen eigenen Betraum (bis ca. 1900). Verstorbene wurden zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Peckelsheim begraben; seit ca. 1885 stand ein eigenes Gelände am Ort zur Verfügung. Derzeit findet man auf dem Areal noch elf Grabsteine.

jüdischer Friedhof in Dringenberg (Aufn. Ts., 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Altenbeken lebten zu Beginn der NS-Zeit 14 Bürger jüdischen Glaubens; die meisten von ihnen wurden Opfer der Shoa. Vor ihrer Deportation wurden die Angehörigen der in Altenbeken lebenden Familie Ikenberg gedemütigt und körperlich misshandelt. In einer Akte heißt es dazu: "Am 13.10.1940 gegen 3 Uhr nachts drangen mehrere Männer gewaltsam in das Haus der Familie Ikenberg ein. Sie demolierten Möbel, warfen Lebensmittel auf die Erde und beschmierten Tapeten und Gegenstände mit Blut. Die Verletzungen zog man sich beim Zerschlagen der Scheibe zu. Es wurden einige Personen dafür bestraft, aber sehr human."

Seit 2007 erinnern elf sog. „Stolpersteine“ und eine Gedenktafel an Mitglieder der Familie Ikenberg.

Altenbeken - 2016-05-29 - Stolperstein Minna Ikenberg.jpg Altenbeken - 2016-05-29 - Stolperstein Herbert Ikenberg.jpg Altenbeken - 2016-05-29 - Stolperstein Arthur Ludwig Ikenberg.jpg Altenbeken - 2016-05-29 - Stolperstein Kurt Herbert Ikenberg.jpg 

vier von elf  "Stolpersteinen" - verlegt in der Adenauer Str. (Aufn. Tsungam 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0) 

Weitere Informationen:

Adolf Diamant, Die kleine Gemeinde mit stolzer Synagoge. Von den Juden in Pömbsen in Westfalen, in: Allgemeine Jüdische Wochenzeitung vom 5.1.1979

Peter Bonk, Jüdisches Schicksal in Bad Driburg, in: Bad Driburg 1933 - 1945, Bad Driburg 1986, S. 173 - 212

Rudolf Muhs, Die Geschichte der jüdischen Gemeinden und Synagogen im Raum Höxter-Warburg, in: Jahrbuch des Kreises Höxter 1989, S. 211 f.

Waldemar Becker, Die Synagogengemeinde Driburg, in: Jahrbuch des Kreises Höxter 1992, S. 233 - 244

Karl Brinkmöller, Jüdische Bürger in Bad Driburg 1900 - 1945 - eine Dokumentation, Hrg. Heimatverein Bad Driburg e.V. und Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit , Paderborn e.V., Bad Driburg 1997

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Band III: Regierungsbezirk Detmold, J.P. Bachem Verlag, Köln 1998, S. 150 - 154

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 147/148

Waldemar Becker, Geschichte der Driburger Juden, in: Heimatkunde der Stadt Bad Driburg 29, Bad Driburg 2003

Stolpersteine halten Erinnerung wach, aus: „Egge-Rundblick“ vom 21.6.2007 (betr. Altenbeken)

Auflistung der Stolpersteine in Altenbeken, online abrufbar unter. wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Altenbeken

Waldemar Becker, Bad Driburg, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 171 - 179

Margit Naarmann, Bad Driburg-Dringenberg, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 179 - 184