Bad Cannstatt (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Bad Cannstatt baden-württemberg karte Bad Cannstatt ist heute ein Stadtteil der Landeshauptstadt Stuttgart (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

In Cannstatt lebten schon im späten Mittelalter vereinzelte jüdische Familien, wie eine Erwähnung aus dem Jahr 1471 zeigt. Sie waren aber zunächst nicht dauerhaft ansässig.

Cannstatt – Stich M. Merian, um 1645 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst ab den 1830er Jahren - und verstärkt nach 1855 - ließen sich jüdische Familien in Cannstatt nieder, die anfangs der Stuttgarter Kultusgemeinde angehörten. Die meisten stammten aus den sog. „Judendörfern“ des südwestdeutschen Raumes. 1871/1872 gründete sich dann - mit Genehmigung des Kgl. Ministeriums für das Kirchen- u. Schulwesen - eine autonome jüdische Gemeinde, die bis zur Vereinigung mit der Stuttgarter Kultusgemeinde (1936) Bestand hatte. 

Um 1900 hatte die Cannstatter Gemeinde mit fast 500 Mitgliedern - unter ihnen sehr wohlhabende Familien - ihren Höchststand erreicht. Zur Synagogengemeinde gehörten auch die wenigen jüdischen Familien aus Nürtingen, Backnang und Waiblingen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20181/Cannstatt%20Israelit%2015051867s.jpg Notiz in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 15.5.1867

Als ein seit 1867 bestehender Betsaal im Haus des Fabrikanten Otto Pappenheimer den Ansprüchen der wachsenden Gemeinde nicht mehr genügte, suchte der Gemeindevorstand geeigneten Ersatz. Ein erster Versuch scheiterte jedoch, wie ein Artikel in der Zeitschrift „Der Israelit” vom 8.9.1875 verdeutlicht:

Cannstatt, 11. Aug. Die hiesige, durch Zuzüge von Außen immer mehr anwachsende israel. Kirchengemeinde hat seit der Zeit, als sie sich von Stuttgart trennte, ihre Gottesdienste im Hintergebäude eines isr. Fabrikanten gehalten, in welchem der obere durchlaufende Bodenraum nach Möglichkeit zu einer Betstube eingerichtet wurde. Jeder Gemeindeangehörige fühlt längst schon, daß diese Räumlichkeit weder qualitativ, noch in ihrer Ausdehnung zum gedachten Zwecke genüge. Man gelangte zu der Betstube auf einer am Äußeren des Hintergebäudes angebrachten hohen, steilen und schmalen hölzernen Treppe und wenn an Festtagen die ganze Gemeinde erscheint, so wird die Stube so überfüllt, die Luft wird so schwül, daß es für Viele beängstigend wirkt ... Diese Umstände haben die isr. Kirchenvorsteher bewogen, sich nach einem Lokal für eine Synagoge umzusehen und sie glaubten in der That in dem Gartensaal des Hotels Hermann ein solches gefunden zu haben. ... Um nun die Sache zur Entscheidung zu bringen, wurde ... eine isr. Gemeindeversammlung zusammenberufen und damit Jeder sich von der Zweckmäßigkeit und Annehmlichkeit des Lokals überzeugen könne, wurde eben der Gartensaals des Hotels als Versammlungsort gewählt. Aber eben diese Wahl ist es gewesen, welche dem gutgemeinten Plan der Kirchenvorsteher den Hals brach, denn ein ganz besonderer Unstern wollte, daß gerade während der Verhandlung mehrere Eisenbahnzüge mit übermäßigem Pfeifen ... störten. Dieser ruhestörende Lärm wurde sofort von den Hauptgegnern des Hermann’schen Gartensaales auf den Schild erhoben und geschickt benutzt, daß schließlich bei der Abstimmung von 34 Anwesenden ... 27 gegen den Ankauf des Gartensaals zur Synagoge stimmten. ...

Noch im gleichen Jahr erwarb die Gemeinde ein Gartengrundstück an der Königsstraße und ließ das dort stehende Gebäude 1875/1876 zu einer Synagoge umbauen und den Innenraum farbig gestalten. Das im September 1876 eingeweihte Gotteshaus bot etwa 170 Personen Platz.

                   Die „Schwäbische Chronik“ berichtete in ihrer Ausgabe vom 17.9.1875 in einem kurzen Artikel über die festliche Synagogen-Einweihung:

„ ... Nachdem unter dem Vorantritt der festlich geschmückten Schuljugend die Thoraträger und die Kirchenvorsteher vor das Allerheiligste gezogen und die Thorarollen aufbewahrt waren, hielt Kirchenrat Dr. Wassermann, der Rabbiner von Stuttgart und Cannstatt, eine salbungsvolle Festpredigt, ...”

Einige Tage später wurden die Festlichkeiten mit einem Bankett abgeschlossen, an dem zahlreiche Honoratioren teilnahmen.

Cannstatter Synagoge (hist. Aufn. um 1930, aus: Jüdische Gotteshäuser u. Friedhöfe)

1898 stifteten die Gebrüder Isaac und Ludwig Straus – Inhaber der hiesigen Bettfedernfabrik - für die Synagoge in Cannstatt eine Orgel, die durch die Firma Walcker (Ludwigsburg) gebaut wurde. Sie ist am jüdischen Neujahrstag, dem 17. September 1898, erstmals gespielt worden. 

In Cannstatt gab es für die religiös orthodoxen Gemeindemitglieder einen eigenen Betraum, der in einem Haus in der Königsstraße, der heutigen König-Karl-Straße, untergebracht war. Die um 1930 vorliegenden Pläne für den Bau eines eigenen Bethauses zerschlugen sich im Zuge der politischen Entwicklung.

Die jüdischen Kinder Cannstatts besuchten gemeinsam mit ihren evangelischen und katholischen Altersgenossen die örtlichen Schulen. Religionsunterricht erteilte der seitens der Gemeinde angestellte jüdische Lehrer, der auch das Vorbeteramt ausübte und als Gemeindeverwalter zuständig war. Als Vorbeter/Lehrer wirkten in Cannstatt: Julius (Isaak Josef) Metzger (von 1871 bis 1909) und Emanuel Adler (von 1909 bis zum Ende der Gemeinde). Die jüdische Religionsschule war nach Einweihung der Synagoge zunächst dort untergebracht, nach 1880 wurden in einem Hause der Brunnenstraße Unterrichtsräume eingerichtet.

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden im 19.Jahrhundert zunächst in Hochberg, dann auf dem Hoppenlaufriedhof in Stuttgart beerdigt. Anfang der 1870er Jahre legte man eine eigene Begräbnisstätte „Auf der Steig“ - in unmittelbarer Nähe des kommunalen Steigfriedhofs - an. 1920 wurde hier ein Ehrenmal für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges errichtet.

Juden in (Bad) Cannstatt:

        --- 1829 .............................   13 Juden,

    --- um 1840 .......................... keine  “  ,

    --- 1858 .............................   23   “  ,

    --- 1861 .............................   68   “  ,

    --- 1867 .............................  193   “  ,

    --- 1871 .............................  256   "  ,

    --- 1875 .............................  321   “  ,

    --- 1880 .............................  372   “  ,

    --- 1900 .............................  484   “  ,

    --- 1910 .............................  469   “  ,

    --- 1925 .............................  310   “  ,              

    --- 1933 .............................  261   “  .

Angaben aus: Jahrbuch für Statistik und Landeskunde, Heft 4/1955

Bei der in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts einsetzenden Industrialisierung Cannstatts hatten zugezogene jüdische Familien einen beachtlichen Anteil. Zu den bekannten Cannstatter Industriellen zählte Sigmund Lindauer, der hier seit 1865 eine Korsettfabrik betrieb; er gilt als Erfinder des „hautnahen Büstenhalters“ und besaß mehrere Patente, die ihm ein Millionenvermögen einbrachten. Ein weiteres bedeutendes Industrieunternehmen war die Bettfedernfabrikation Straus & Cie., die seit 1863 in Cannstatt produzierte. Mit der Expansion des Unternehmens wurde der zentrale Standort in den 1880er Jahren nach Untertürkheim verlagert. Ab den 1890er Jahren besaß der Großbetrieb Niederlassungen in Russland (Petersburg, Moskau, Charkow und Odessa), in Paris und Shanghai.

Werbeanzeigen der Fa. Lindauer&Co

                        Fabrik der Gebr. Straus in Cannstatt

Auflistung der zehn größten jüdischen Unternehmen in Cannstatt siehe: alemannia-judaica.de/cannstatt_synagoge.htm

Ab 1936 gehörten die Cannstatter Juden wieder der Stuttgarter Gemeinde an, da auf Grund der Abwanderung ein gemeindliches Leben nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte.

Die Cannstatter Synagoge wurde in der Pogromnacht 1938 infolge von Brandstiftung durch Angehörige der Feuerwehr völlig zerstört, die Kosten der Trümmerräumung stellte man der jüdischen Gemeinde in Rechnung. Als letzter Cannstatter Jude wurde Dr. Ernst Reichenberger am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Mehr als 100 jüdische Bewohner Cannstatts wurden Opfer der „Endlösung“.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images12/Cannstatt%20Synagoge%20102.jpg Am einstigen Standort der Synagoge erinnert seit 1961 ein Gedenkstein (Abb. Sammlung J. Hahn) an das im November 1938 zerstörte jüdische Gotteshaus in der König-Karl-Straße:

Hier stand die von der Israelitischen Gemeinde Cannstatt im Jahre 1876 erbaute Synagoge.

Sie wurde in der Nacht vom 9. zum 10.November 1938 in der Zeit gottloser Gewaltherrschaft zerstört.

Im Gedächtnis an unsere Mitbürger jüdischen Glaubens, zur Mahnung,

nie wieder den Ungeist des Hasses und der Verfolgung aufkommen zu lassen, hat die Stadt Stuttgart diesen Stein gesetzt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2066/Cannstatt%20Synagoge%20342.jpg Relief der Synagogenfront - Ausschnittsvergrößerung  (Aufn. J. Hahn, 2006)

In den Jahren 2001/2004 wurde der Synagogenplatz zu einer Gedenkstätte umgestaltet, hier erinnern u.a. Gedenktafeln an zehn Cannstatter Juden, die Opfer der Shoa wurden.

Seit 2008 wurden auch in Bad Cannstatt sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen sind es fast 130 Messingtäfelchen (Stand 2019), die an Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnern.

  

Einige der zahlreichen in Bad Cannstatt verlegten „Stolpersteine“ (Aufn. 2012, aus: wikipedia.org)

Der israelitische Friedhof ist heute das einzige sichtbare Relikt jüdischer Geschichte im Stadtgebiet von Bad Cannstatt.

    Info-Tafel (Aufn. Gerd Leibrock, 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/Cannstatt%20Friedhof%20071102.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2036/Cannstatt%20Friedhof%20183.jpg

Eingangstor zum jüdischen Friedhof (Aufn. Tobias Hahn, 2011) und Teilansicht des Geländes (Aufn. J. Hahn, 1996)

  Leopold Marx, 1889 als Sohn einer Fabrikantenfamilie in Cannstatt geboren, war ein schwäbischer Schriftsteller, Dichter und Fabrikant. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit veröffentlichte er in Zeitschriften und Zeitungen wie der „Jüdischen Rundschau” und dem „Berliner Tagblatt”, hauptsächlich Gedichte und Artikel. Vom NS-Staat seines Vermögens beraubt - die Firma wurde 1938 „arisiert“ -, emigrierte er kurz nach Kriegsausbruch nach Palästina und schloss sich dort dem landwirtschaftlichen Kollektiv „Shavey Zion“ an. Zwölf Jahre arbeitete er dort in der Landwirtschaft. In Israel entfaltete Leopold Marx zunehmend auch eine literarische Tätigkeit: Seine Gedichte und seine Prosa sind ein bewegendes Zeugnis der Gefühle eines Juden, der das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die traumatische NS-Zeit und die Entwicklung Israels miterlebt hat. Zeitlebens schrieb Leopold Marx in deutscher Sprache. 1983 verstarb er in Israel.

An der Waiblinger Straße 12, seinem Geburtshaus, wurde 2008 ein neu gestaltetes Denkmal eingeweiht; eine Inschriftentafel erinnert wie folgt: „Leopold Marx (1889-1983). Hier stand bis 1944 das Haus des jüdischen Dichters und Fabrikanten, der 1939 mit seiner Familie nach Palästina fliehen musste. Das 1985 auf Initiative von Pro Alt Cannstatt von Jürgen Elser geschaffene Denkmal symbolisiert das Jüdische Lehrhaus. Angeregt von Martin Buber hatten Leopold Marx und Otto Hirsch 1926 die Bildungsstätte Jüdisches Lehrhaus in Stuttgart begründet. Neugestaltung der Anlage 2008.“

[vgl. Stuttgart (Baden-Württemberg)]

Weitere Informationen:

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 1966, S. 172 f.

Maria Zelzer, Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden - Ein Gedenkbuch, Hrg. Stadt Stuttgart - Veröffentlichung des Archivs der Stadt Stuttgart, 1.Sonderband, Ernst Klett Verlag Stuttgart 1964

Jacob Toury, Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938, Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 1984

Joachim Hahn, Steigfriedhof Bad Cannstatt – Israelitischer Teil, in: Friedhöfe in Stuttgart 4, Veröffentlichung des Stadtarchivs Stuttgart 60/1995

Dorothee Ackermann, „Als Jude ausgeschlossen“. Über das Schicksal ehemaliger jüdischer Schüler am Johannes-Kepler-Gymnasium Bad Cannstatt, Bad Cannstatt 1996

Manuel Werner, Juden in Nürtingen in der Zeit des Nationalsozialismus, Nürtingen-Frickenhausen 1998

Manuel Werner, Cannstatt – Neuffen – New York. Das Schicksal einer jüdischen Familie in Württemberg. Mit den Lebenserinnerungen von Walter Marx, Nürtingen/Frickenhausen 2005

Patrick G. Boneberg, Denkmal erfahren – Erinnerung durch Irritation. Schülerinnen und Schüler gestalten den Platz der ehemaligen Synagoge Bad Cannstatt neu, in: Magazin Schule, Hrg. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport 15/2005, S. 40/41

Rachel Dror/Alfred Hagemann/Joachim Hahn (Hrg.), Jüdisches Leben in Stuttgart-Bad Cannstatt - Broschüre (aus einem Schulprojekt entstanden), Klartext-Verlag, Essen 2006

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 458 – 460

Bad Cannstatt, in: alemannia-judaica.de (mit sehr vielen Text- und Bildbeiträgen zur jüdischen Ortshistorie)

Anke u. Rainer Reddies, Stolpersteine in Bad Cannstatt, online abrufbar unter: stolpersteine-cannstatt.de

Wo bereits Stolpersteine in Bad Cannstatt liegen, in: Gegen das Vergessen - Stolpersteine für Stuttgart, online abrufbar unter: stolpersteine-stuttgart.de

Hier wohnte ..." Stolpersteine in Bad Cannstatt. Ein Stadtplan zur Spurensuche, 2. Aufl. 2015

Auflistung der in Bad Cannstatt verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bad_Cannstatt

Iris Frey (Red.), Neue Aktion in Bad Cannstatt geplant. Der letzte Stolperstein, in: „Stuttgarter Nachrichten“ vom 31.3.2019