Wangen am See (Baden-Württemberg)

Wangen ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Öhningen am Bodensee.

Anfang des 17.Jahrhunderts siedelten sich einige wenige jüdische Familien im reichsritterschaftlichen Dorfe Wangen an - vermutlich waren es Flüchtlinge aus der Schweiz. Nach dem Dreißigjährigen Krieg zogen Juden aus dem Elsass, Schwaben und Vorarlberg hierher. Bis etwa 1800 bildete die Judenschaft Wangens eine von der christlichen Umgebung isolierte Genossenschaft - dies gilt übrigens auch für die anderen jüdischen Gemeinden am Bodensee; die Vorsteher bzw. Rabbiner der Gemeinde hatten - kraft der ihnen eingeräumten Disziplinargewalt - eine starke Stellung inne, die den Einzelnen in das streng-orthodox ausgeprägte jüdische Leben im hohen Maße einband. Als Wohnareal wurde den Juden ursprünglich ein Bereich nahe des Untersees - eine Art ‚offenes Ghetto’ - zugewiesen. Der Mitte des 18.Jahrhunderts aus Hohenems nach Wangen zugewanderte Mandes Wolf stieg in der Folgezeit zum größten Grundbesitzer im Dorf auf.

Über die religiösen Verhältnisse in der Gemeinde Wangen berichtete der Rabbiner Leopold Schott 1840:

„ ... Von den 36 israelitischen Familien zu Wangen sind nur wenige als reich, dagegen ungefähr die Hälfte als mittellos zu bezeichnen, und können sie daher keinen eigenen Rabbinen unterhalten. Dagegen besitzen sie eine eigene Elementarschule, aus welcher schon viele recht gut vorbereitete Jünglinge hervorgegangen sind, ... Der derzeitige Lehrer, ein geborener Wangener, steht auch in solcher Achtung, daß ihm gegenwärtig auch an der vakanten christlichen Schule, bis zu deren Wiederbesetzung, der gesamte Unterricht, versteht sich mit Ausnahme des religiösen, anvertraut ist, was aber nicht bloß ihm, sondern auch und noch vielmehr dem wohlwollenden Zutrauen des Schulvorstandes, an dessen Spitze der katholische Ortsgeistliche steht und der Toleranz des betreffenden Bezirksschulvisitators zum größten Ruhme gereicht. ... Auch die vor ungefähr 15 Jahren dicht am Ufer des Bodensees im einfachen Stil erbaute freundliche Synagoge bietet dem demütigen Gottesverehrer ein schönes Bild von Ordnung, Ruhe und Andacht dar (wie man auch dieses in größeren Gemeinden meistens vergeblich sucht) und man wird hier, ohne Gepränge, durch die feierliche Stille, welche den andächtigen Vortrag des Vorbeters umgibt, zur innigsten Andacht und heiligsten Ergebung zu Gott hingerissen. Alle diese herrlichen Resultate sind aber vorzüglich dem derzeitigen Vorsteher Samuel Wolf zu verdanken. Dieser treffliche Mann vereinigt in sich die innige israelitische Frömmigkeit der vergangenen Zeit mit der feinen Bildung unserer Generationen. Er hat an seinem Orte das Gute so zu sagen erschaffen. Er ist durch Wort und Tat der Vater und Wohltäter seiner Gemeinde, die er nicht nur mit einer seltenen Fürsorge und Pünktlichkeit verwaltet, sondern auch mit mehr als Pflichtmäßigkeit, mit Eifer und Liebe für edlere Gesinnung zu wecken und zu stärken sucht. Diese Bemühung weiß er auch vorzüglich durch sein eigenes schönes Beispiel zu unterstützen, so wie nicht weniger durch eine ausgewählte kleine Sammlung hebräischer und deutscher Schriften, die er seine Untergeordneten gerne benutzen lässt. Möge er noch lange die Zierde und der gerechte Stolz seiner Gemeinde bleiben und möge sein Beispiel recht viel Nachahmung finden.“

(aus: „Israelitische Annalen” vom 10. Juli 1840)

Ihre erstmals 1759 erwähnte hölzerne Synagoge wurde in den 1820er Jahren durch einen größeren, unmittelbar am See gelegenen Neubau ersetzt. Im Laufe der Neubauplanungen kam es zu erheblichen Differenzen innerhalb der Gemeinde; danach sollten nur diejenigen an den Kosten beteiligt werden, die noch keine festen Plätze in der alten Synagoge gehabt hatten; schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss.

   Synagoge in Wangen (hist. Aufn.)

Auf Grund der Seenähe nahm der Synagogenbau bald Schaden, sodass schon 30 Jahre später eine grundlegende Sanierung erfolgte. Eine Mikwe lag am Dorfbach.

Seit den ersten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts wurde im Dorf auch eine jüdische Schule betrieben, die ab Mitte des Jahrhunderts über ein eigenes Gebäude verfügte; um 1920 wurde die Volksschule wegen Schülermangels endgültig geschlossen.

  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20341/Wangen%20ABl%201832%20632.jpg

Stellenausschreibungen aus: Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 3.Mai 1823 und von 1832

Zunächst wurden die verstorbenen Wangener Juden auf dem jüdischen Friedhof in Gailingen begraben. 1827 konnte eine eigene Begräbnisstätte in Wangen „Am Hardtbühl“ - weit außerhalb des Dorfes am Weg nach Radolfzell - genutzt werden; diese wurde 1889 erweitert.

                         ein Anker – seltenes Symbol auf jüdischen Grabsteinen (Aufn. J. Hahn, um 1985)

Die Gemeinde unterstand bis 1925 dem Bezirksrabbinat Gailingen, danach dem neugebildeten Bezirk Konstanz.

Juden in Wangen:

--- 1663 ....................    3 jüdische Familien,

--- 1696 ....................    4     “        “   ,

--- 1779 ....................   14     “        “   ,

--- um 1805 ............. ca.   30     “        “   ,

--- 1825 ....................  224 Juden (ca. 40% d. Dorfbev.),

--- 1855 ....................  208   “  ,

--- 1865 ....................  233   “   (in ca. 30 Familien),

--- 1875 ....................  184   “   (ca. 29% d. Dorfbev.),

--- 1900 ....................  105   “   (ca. 15% d. Dorfbev.),

--- 1905 ....................   74   “  ,

--- 1925 ....................   23   “  ,

--- 1933 ....................   20   “  ,

--- 1941 ....................   keine.

Angaben aus: Chronik von Oehningen, Hrg. Gemeinde Öhningen (Landkreis Konstanz), S. 101

Die in Wangen lebenden jüdischen Familien verdienten ihren Lebensunterhalt im Handel, besonders mit Vieh; sie besuchten regelmäßig Märkte und Messen in der Region. Neben zwei Gastwirtschaften war auch eine jüdische Jugendherberge vorhanden. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts setzte eine starke Abwanderung ein; während ein Teil in die benachbarte Schweiz verzog, emigrierte der andere Teil nach Nordamerika. Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch etwa 20 Juden in Wangen, die im Textil- und Viehhandel tätig waren.

Am 10.November 1938 wurde die Wangener Synagoge durch SS-Angehörige aus Radolfzell in Brand gesteckt und zerstört. Auch der Friedhof zeigte deutliche Spuren von Verwüstungen. Die drei noch in Wangen lebenden jüdischen Männer wurden von SS-Angehörigen schwer misshandelt und anschließend ins KZ Dachau abtransportiert. Bis Kriegsbeginn hatten fast alle Juden das Dorf verlassen. Sieben jüdische Bewohner Wangens wurden im Oktober 1940 nach Gurs deportiert. Von den 1933 in Wangen wohnhaften 20 jüdischen Personen kamen mindestens sechs gewaltsam ums Leben. 

Nach Kriegsende kehrten drei verschleppte Juden nach Wangen zurück. Mit Nathan Wolf und seiner Schwester Selma verstarben Anfang der 1970er-Jahre die letzten ansässigen Juden in Wangen.

Seit 1968 erinnern ein Gedenkstein und eine -tafel an die zerstörte Synagoge mit den folgenden Worten:

                                           Gedenktafel (Aufn. J. Hahn, 2009)

Das ehemalige Synagogengelände wurde nach 1945 an die Kommune abgetreten, die dafür die Verpflichtung einging, den jüdischen Friedhof zu pflegen. Das wiedererstellte, aus zwei Steinsäulen und einem schmiedeeisernen Gitter gestaltete Tor zur Wangener Synagoge am Seeweg erinnert seit 2010 an den ehemaligen Standort des jüdischen Bethauses. Der Blick geht dabei durch das Tor auf den Platz der im November 1938 zerstörten Synagoge.

                    Aufn. Maren Stümke, 2010   

Auf dem Friedhofsgelände haben etwa 150 Grabsteine die Zeiten überdauert; der älteste stammt aus dem Jahre 1847.

  

Jüdischer Friedhof in Wangen (Aufn. J. Hahn, 2004 und Dietrich Krieger, 2005)

  In Wangen wurde 1883 der jüdische Schriftsteller Jacob Picard geboren, der u.a. eine Autobiographie verfasste und dabei dem Landjudentum ein Denkmal setzte; hierin schilderte er seine Erlebnisse in seinem Heimatdorf, so berichtete er über das Purim-Fest: „ ... Es gibt keinen Zweifel, daß das festliche Gedenken an unsere Befreiung und die Bestrafung des Erzfeindes Haman nicht nur ausschließlich aus dem Lesen der Megillah und dem Backen einer speziellen Sorte von Kuchen durch jüdische Mütter erfolgte. ... Schon Wochen vor dem Fest gingen die Männer und Frauen maskiert herum und trugen phantasievolle, groteske Kostüme. Die Männer in Frauen-, die Frauen in Männerkleidung besuchten Familien von einem Ende des Dorfes zum anderen. Um es vorher zu erwähnen: die meisten von uns lebten an der Hauptstraße, die das Dorf durchschnitt. Essen und Trinken wurden bereitgestellt, und es gab einen frohen Austausch von Klatsch. ... Am Purim selbst fand ein Ball im Dorfgasthaus mit Essen, Trinken, Tanzen und Musik durch die Dorfkapelle statt, die meistens unter tumultuöser Fröhlichkeit ablief. ...”

Jacob Picard, der der NS-Herrschaft durch seine Flucht nach Amerika entkam, kehrte nach Kriegsende wieder nach Europa zurück; zunächst lebte er in den Niederlanden, später dann in Deutschland. 1964 verlieh ihm die Stadt Überlingen ihren Literaturpreis; zuvor war ihm das Bundesverdienstkreuz zuerkannt worden. Picard starb 1967 in einem Altersheim in Konstanz.

Weitere Informationen:

Heymann Chone, Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Synagoge in Wangen, Wangen 1927

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Band 19, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 284 - 287

Paul Sauer, Die Judengemeinden im nördlichen Bodenseeraum, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 128.Band/1980, S. 327 ff.

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 309/310

Chronik von Oehningen, Hrg. Gemeinde Öhningen (Landkreis Konstanz), 1988, S. 69 ff.

Manfred Bosch/Jost Großpietsch, Jakob Picard 1883 - 1967. Dichter des deutschen Landjudentums, Ausstellungskatalog Sulzburg, 1992

A.P. Kustermann/D.R.Bauer (Hrg.), Jüdisches Leben im Bodenseeraum. Zur Geschichte des alemannischen Judentums ..., Schwabenverlag, Ostfildern 1994, S. 48 f.

Manfred Bosch, Bohème am Bodensee. Literarisches Leben am See von 1900 bis 1950, Lengwil am Bodensee 1997

B. Döpp/M. Preuß (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Öhningen-Wangen, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1994

Ulrich Baumann, Zerstörte Nachbarschaften. Christen und Juden in badischen Landgemeinden 1862 - 1940, in: Studien zur jüdischen Geschichte Band 7, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2001

Jakob Picard, Erinnerung eigenen Lebens, in: M. Bosch (Hrg.), Alemannisches Judentum - Spuren einer verlorenen Kultur, Edition Isele, Eggingen 2001, S. 171 – 192

Manfred Bosch (Hrg.), Jacob Picard, Erinnerung eigenen Lebens, in: Alemannisches Judentum. Spuren einer verlorenen Kultur, Eggingen 2001

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 365 - 367

Jüdische Kultur im Hegau und am See“, in: HEGAU – Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Jahrbuch 64/2007, S. 63 – 68, S. 73 – 102 und S. 239 – 310

Helmut Fidler, Im Schatten der Synagoge. Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Wangen-Öhningen, in: suedkurier.de vom 13.09.2007

Helmut Fidler, Jüdisches Leben am Bodensee, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2011

Wangen am See, in: alemannia-judaica.de (sehr ausführliche Darstellung mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)