Wörlitz (Sachsen-Anhalt)

Wörlitz mit derzeit ca. 1.600 Einwohnern ist ein Ortsteil der Stadt Oranienbaum-Wörlitz im Landkreis Wittenberg – etwa 15 Kilometer östlich von Dessau-Roßlau bzw. 20 Kilometer westlich der Lutherstadt Wittenberg gelegen.

Als Anfang der 1670er Jahre die Regenten des kleines Fürstentums Anhalt-Dessau zwecks Wirtschaftsbelebung die Ansiedlung von Juden erlaubten und entsprechende Schutzbriefe gegen hohe Gebühr ausstellten, zogen verstärkt Juden zu. Diese waren nicht nur zu Geldzahlungen verpflichtet, sondern mussten auch einen besonderen Eid auf die anhaltinischen Fürsten leisten. In der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts setzte sich fast ein Sechstel der Gesamtbevölkerung von Anhalt-Dessau aus jüdischen Familien zusammen; Gemeinden bestanden in der Landeshauptstadt Dessau und in zahlreichen kleinen Landstädten des Umlandes, so in Gröbzig, Jeßnitz, Sandersleben und Wörlitz. Seit etwa 1680 lebten jüdische Familien in Wörlitz.

Der neu erbaute Rundtempel am Rande der Wörlitzer Gärten - von dem bekannten klassizistischen Baumeister Fr. Wilhelm von Erdmannsdorff errichtet - ersetzte die alte Betstube in Wörlitz, die im Zuge der Umgestaltung des Marktplatzes abgetragen worden war. Ein Eingang der Synagoge war für die Männer, der andere für die Frauen bestimmt. Letztere fanden auf der Empore Platz.

Der Bau war 1789/1790 durch den damals regierenden Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau in Auftrag gegeben worden, der das Haus der jüdischen Gemeinde zur Nutzung übergab.

„ ... Der thätige Fürst, der alles Gute so gerne befördert, ließ zu Wörlitz auf seine eigene Kosten eine schöne Synagoge erbauen, die seine Gemahlin mit ein Paar großen silbernen Leuchtern zierte.”

(aus: Almanach für Prediger, 1792)

     Synagoge in Wörlitz (hist. Aufn.)

Im Fundament des Gebäudes war eine Mikwe eingebaut, die vom Grundwasser aus dem nahen See gespeist wurde.

Mikwe in Wörlitz (Aufn. J. Pohl, 2007, in: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Der Wörlitzer „Judentempel“ diente zeitweilig auch den Juden aus Coswig und Oranienbaum als gottesdienstlicher Versammlungsort. Diese Synagoge wurde von den Juden aus Wörlitz und Umgebung bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts regelmäßig genutzt. Die Dessauer Gemeinde hielt bis 1937 hier - wohl aus Traditionsgründen - jährlich einen Gottesdienst ab.

[vgl. Dessau (Sachsen-Anhalt)]

Um 1760 wurde auf einem Acker des in der Stadt lebenden Juden Hirsch ein Friedhof angelegt, auf dem später auch verstorbene Juden aus Oranienbaum und zeitweilig auch aus Coswig beerdigt wurden. Ein um 1790 vom Architekten Friedrich Wilhelm v. Erdmannsdorf errichtetes Zeremonienhaus ist bis heute erhalten; der Friedhof wurde im Jahre 1938 profaniert. Abgeräumte Grabsteine - zuweilen als Baumaterial verwendet - wurden später auf dem Dessauer Friedhof zusammengetragen und zu einem Denkmal gefügt.

Juden in Wörlitz:

        --- um 1750/60 ............... ca.  35 jüdische Familien,

    --- um 1815 .................. ca. 130 Juden (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1830 ......................... 126   “  ,

    --- 1867 .........................  65   “  ,

    --- 1925 .........................   5   “  .

Angaben aus: Holger Brülls, Synagogen in Sachsen-Anhalt, S. 334 f.                      

Anfang des 19.Jahrhunderts lebten unter den insgesamt etwa 1.700 Wörlitzer Einwohnern mehr als 130 Juden; ihren Lebensunterhalt verdienten sie zumeist im Pferde-, Textil- und Möbelhandel. Einige Familien betrieben auf eigenen Flächen Landwirtschaft - einen für Juden eher ungewöhnlichen Erwerbszweig.

In seinen Jugenderinnerungen schrieb Leopold Friedrich Brunn (1829-1905) über Wörlitz: „Antisemiten gab es damals, wenigstens in Wörlitz noch nicht. Christen und Juden lebten in größter Eintracht miteinander. Christen- und Judenkinder saßen in der Volksschule friedlich nebeneinander auf der Schulbank.“

Im Zuge der Judenemanzipation wanderte ein Teil der Juden aus Wörlitz in größere Städte ab; so ging die Zahl der Gemeindemitglieder im späten 19.Jahrhundert kontinuierlich zurück. Als sich 1910 die jüdische Gemeinde Wörlitz auf Grund von Abwanderung und Überalterung schließlich formell auflöste, ging die Synagoge zunächst an den Freistaat Anhalt über, der diese wenige Jahre später der Israelitischen Kultusgemeinde Dessau übereignete. 1937 musste das Synagogengebäude der staatlichen Johann-Ernst-Stiftung übertragen werden; alle beweglichen Ritualien waren zuvor in die Dessauer Synagoge gebracht worden, wo sie dann während des Novemberpogroms von 1938 vernichtet wurden.

Im November 1938 versuchten auch hier NS-Brandstifter, das Synagogengebäude abzufackeln; doch das Einschreiten des Direktors der Wörlitzer Gartenanlagen, Hans Hallervorden, konnte dies verhindert. Wenige Tage später wurde der Gartendirektor fristlos entlassen. Der Wörlitzer Bürgermeister versuchte auch nach der verhinderten Brandlegung der Synagoge noch, diese „aus dem Stadtbild verschwinden“ zu lassen:

... Aber nicht nur unsere Wörlitzer nehmen an dem Judentempel Anstoß, sondern auch die zahlreichen Besucher des Wörlitzer Parkes äußern in zunehmenden Maße ihre Verwunderung, dass dieser Judentempel in Wörlitz steht. ... Es lässt sich jetzt unter keinen Umständen mehr vertreten, dass dieser Judentempel, auch wenn er neuerdings den Namen ‘Vesta-Tempel’ erhalten hat, weiterhin als Erinnerung an eine vergangene Epoche bestehen bleibt ... Alles, was jüdisch ist und war ..., will das deutsche Volk nicht mehr sehen. ...

(aus einem Schreiben an den Vorstand der Joachim-Ernst-Stiftung vom 17.Nov. 1938)

Schließlich begnügte man sich damit, die noch vorhandene Inneneinrichtung, die Sitzbänke, hölzerne Frauenempore und Leuchter aus dem Gebäude herauszureißen. Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof wurden zerschlagen und zur Pflasterung von Höfen und zur Wegbefestigung verwendet; auch die Friedhofsmauer wurde abgerissen.

1988 wurde die ehemalige Wörlitzer Synagoge instandgesetzt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht; schon 15 Jahre später wurde der Rundbau erneut umfassend restauriert. Seit 2003 informiert eine Ausstellung mit zahlreichen Dokumenten und Exponaten über wichtige Ereignisse und Persönlichkeiten der deutsch-jüdischen Regionalgeschichte, über die Religion und Kultur des Judentums und die Geschichte des markanten Synagogengebäudes. 

Ehem. Synagoge in Wörlitz (Aufn. Janine Pohl, 2007)         Modell der Wörlitzer Synagoge (Bet-tfila)

In Wörlitz erinnert seit 2010 ein Mahnmal an den ehemaligen jüdischen Friedhof der Stadt; dieses besteht aus insgesamt ca. 300 Grabsteinrelikten, die ein halbes Jahrhundert nach der Zerstörung des Friedhofs wieder entdeckt worden waren. Seit ihrer Auffindung im Jahre 1987 verwahrte die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz die Grabsteinfragmente; 2008 hatte sich dann eine Projektgruppe mit dem Ziel der Errichtung eines Denkmals zusam­mengefunden.

WW 80 Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wörlitz (Aufn. aus: mitue.de)

(Aufn. aus: mdr.de)

Seit 2015 führt durch die Stadt Wörlitz der sog. „Toleranzweg“, der - vorbei an den Orten und Häusern entlang - an früheres jüdisches Leben erinnern soll (ein Projekt der Auszubildenden der Euro-Akademie in Dessau-Roßlau). Der Kulturbund Wörlitz hatte bereits in den letzten Jahren mit der „AG Stadtgeschichte“ Erinnerungstafeln an den früheren Wohnhäusern von jüdischen Familien angebracht; der "Toleranzweg" verbindet nun diese Orte und erzählt deren Geschichte.

Weitere Informationen:

Rachel Wischnitzer, Architecture of the European Synagogue, Jewish Publication Society, 1964, S. 158/159

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 359 - 361

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band III

Reinhard Alex, Erdmannsdorffs Judentempel im Landschaftsgarten Wörlitz, in: Nachrichtenblatt des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR, Dresden Sept. 1990

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 667/668

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag Wernigerode 1997, S. 277 - 281

Ingo Pfeifer, Die Synagoge im Wörlitzer Garten, in: Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 218 - 227

Holger Brülls, Synagogen und Friedhofsbauten in Sachsen-Anhalt. Erhaltene und verschwundene Denkmale - ein Überblick, in: Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 334 - 357

Holger Brülls, Synagogen in Sachsen-Anhalt. Arbeitsberichte des Landesamtes für Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 3, Verlag für Bauwesen, Berlin 1998, S. 46 - 71

Aliza Cohen-Mushlin/Harmen Thies, Synagogenarchitektur in Deutschland vom Barock zum ‘Neuen Bauen’. Dokumentation zur Ausstellung, Selbstverlag TU Braunschweig, Fachgebiet Baugeschichte, 2002, S. 52/53

Dietrich Bungeroth, ‘Der Gute Ort’ - Zur Geschichte der Juden in Wörlitz, in: Wörlitz - Weltkulturerbe der UNESCO. 12, Beiträge zur Geschichte der Stadt, Wörlitz 2004, S. 54 - 58

Katrin Keßler, Architektur und Ritus der Wörlitzer Synagoge, in: B. G. Ulbrich (Hrg.), Einblicke - Zwölf Essays und eine Ausstellung zur Geschichte der Juden in Anhalt, Dessau 2004, S. 177 - 204

Bernd Gerhard Ulbrich, Nationalsozialismus und Antisemitismus in Anhalt. Skizzen zu den Jahren 1932 - 1942, edition RK, Dessau 2005

Ulrich Knufinke, Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland, in: Schriftenreihe der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, Band 3, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2007, S. 115 - 118

Dietrich Bungeroth/Anne Sommer (Bearb.), Gedenke – Vergiss nie. Denkmal am jüdischen Friedhof in Wörlitz, Flyer von 2010

Der Toleranzweg – zur Erinnerung an die Juden von Wörlitz, in: toleranzweg-woerlitz.de