Wenkheim (Baden-Württemberg)

Datei:Werbach im Main-Tauber-Kreis.png Wenkheim ist heute ein Ortsteil von Werbach (Main-Tauber-Kreis) im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs – ca. 30 Kilometer südwestlich von Würzburg gelegen (Karte F.Paul, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Existenz von Juden im Dorfe Wenkheim wird urkundlich erstmals in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts erwähnt (1576 und 1591); doch ist es mehr als wahrscheinlich, dass sich jüdische Familien bereits im 14./15. Jahrhundert hier aufgehalten haben. Als Schutzjuden der Ritter Hund von Wenkheim erhielten sie in befristeten Schutzbriefen die gleichen Rechte und Freiheiten, wie sie den christlichen Untertanen zugestanden wurden; ebenfalls wurde ihnen das Recht zum Handel gewährt. Die Juden Wenkheims waren im Vieh- und Warenhandel, vor allem mit Kramwaren, auf den Märkten Tauberfrankens präsent. Die Unsicherheit im nur unzureichend geschützten Dorfe Wenkheim führte während des Dreißigjährigen Krieges dazu, dass die Familien Schutz in befestigten Städten suchten; um 1650 lebte nur noch eine einzige jüdische Familie hier; erst danach zogen wieder einige wenige, meist ärmere nach Wenkheim.

Die jüdische Gemeinde Wenkheim verfügte seit dem 17.Jahrhundert über einen Betraum und eine Mikwe; mit dem Zuwachs an Gemeindemitgliedern in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde der Neubau einer Synagoge notwendig, der um 1840 realisiert wurde; neben dem Bereich für Männer gab es hier auch eine Frauenempore. Im Keller des Gebäudes war das Ritualbad untergebracht.

          

                                             Innenraum der Synagoge (Aufn. um 1975)                      Thoravorhang aus der Wenkheimer Synagoge

Die meisten Juden Wenkheims gehörten bis ins 20.Jahrhundert der religiös-orthodoxen Richtung an.

Religiöse Aufgaben in der Gemeinde verrichtete ein angestellter Lehrer, der neben religiöser Unterweisung der Kinder auch als Vorbeter und Schochet tätig war. In besonderer Erinnerung ist der Lehrer Hofmann, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ca. 50 Jahre lang dieses Amt bekleidete (bis 1897).

Ausschreibungen der Lehrer/Kantorstelle 1909 - 1922 – 1936(!):

 

Der israelitische Friedhof in Wenkheim wurde um 1590 angelegt; er befand sich im Gewann „Großer Wald“ etwa zwei Kilometer östlich vom Dorfe entfernt. Dieser Verbandsfriedhof diente auch verstorbenen Juden zahlreicher bayrischer Grenzgemeinden als letzte Ruhestätte; die letzte Beerdigung fand hier 1938 statt.

                  Jüdischer Friedhof in Wenkheim (Aufn. J. Hahn, um 1985)

Seit 1827 gehörte die jüdische Gemeinde zum Rabbinatsbezirk Wertheim.

Juden in Wenkheim:

         --- um 1620 ..........................   6 jüdische Familien,

    --- um 1650 .......................... eine    “        “ (),

    --- um 1700 ..........................   5     “        “   ,

    --- 1754 .............................  12     “        “   ,

    --- 1825 ............................. 105 Juden (ca. 14% d. Bevölk.),

    --- 1855 ............................. 116   “  ,

    --- 1875 ............................. 160   “   (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1880 ............................. 181   “   (ca. 19% d. Bevölk.),

    --- 1900 .............................  92   “  ,

    --- 1925 .............................  62   “  ,

    --- 1933 .............................  46   “  ,

    --- 1940 (Okt.) ......................  13   “  ,

             (Dez.) ......................   keine.

Angaben aus: Elmar Weiss, Zeugnisse jüdischer Existenz in Wenkheim, S. 48

Im 19.Jahrhundert lebten die Wenkheimer Juden hauptsächlich vom Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und mit Vieh; einige Familien kamen so zu einem gewissen Wohlstand. Die Integration der jüdischen Minderheit vollzog sich allerdings nur sehr zögerlich; erst Ende des 19.Jahrhunderts schienen die jüdischen Bewohner bei ihren christlichen Mitbürgern zumeist anerkannt gewesen zu sein.

Die um 1860/1870 einsetzende Abwanderung jüdischer Familien führte dazu, dass sich innerhalb von nur 25 Jahren die Zahl der jüdischen Bewohner in Wenkheim halbierte. Gegen Ende der Weimarer Republik bestanden in Wenkheim mehrere Viehhandlungen und einige andere Geschäfte in jüdischem Besitz.

Im einzelnen können hier genannt werden (Stand um 1930/33): Viehhandlung Bernhard Grünebaum (Lindenstraße), Viehhandlung/Metzgerei Louis Grünebaum (Pfarrgasse), Viehhandlung Samuel Grünebaum (Herrenstraße), Viehhandlung/Landwirtschaft Samuel Grünebaum III (Herrenstraße), Altwarenhandlung Samuel Grünebaum IV (Frankenstraße 14), Viehhandlung/Metzgerei Simon Grünebaum (Obertorstraße), Textilgeschäft Abraham Hubert (Frankenstraße), Mazzenbäckerei Sigmund Lehmann (Lindenstraße), Textilgeschäft Hermann Schartenberg (Breite Straße und Lindenstraße), Handelsmann Lippmann Karpf (Obertorstraße) und Kaufmann Jakob Schuster (Hindenburgstraße).

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20247/Wenkheim%20Israelit%2030071925.jpg Kleinanzeige aus dem Jahre 1925

    http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20187/Wenkheim%20Israelit%2015011931b.jpg Anzeige des Bezirksrabbinats von 1931

Die nach der NS-Machtübernahme 1933 einsetzende antisemitische Hetzpropaganda schien anfänglich vom Gros der Bevölkerung in Wenkheim nicht allzu sehr beachtet worden sein. Ab 1936 begann in Wenkheim die „Arisierung“; schon zuvor hatte die Auswanderung von Juden in die USA und nach Palästina eingesetzt.

Vorläufiger Höhepunkt der antijüdischen Gewaltmaßnahmen war der Abend des 10.November 1938: Einheimische und aus Tauberbischofsheim und Großrinderfeld anrückende SA-Angehörige demolierten und plünderten die Inneneinrichtung der Synagoge. Eine geplante Brandlegung erfolgte nicht, da die Feuergefahr für die angrenzenden Scheunen zu groß war. Anschließend zogen einheimische SA-Leute zu den „Judenhäusern“; hier kam es zu Ausschreitungen und Plünderungen. Den Juden Wenkheims wurde nun der Zutritt zur Synagoge verboten. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter sorgte dafür, dass das Gebäude beschlagnahmt und zur Nutzung der HJ übergeben wurde. Während der Kriegsjahre dienten die Räume der Unterbringung belgischer Kriegsgefangener.

Anfang September 1939 wurden die wenigen noch in Wenkheim lebenden Juden von SA-Angehörigen aus ihren Häusern geholt und für mehrere Wochen in einem Gebäude festgesetzt; anschließend mussten sie Feldarbeit leisten. Ende Oktober 1940 gehörten die elf noch in Wenkheim zurückgebliebenen Juden den Transporten an, die das Internierungslager im französischen Gurs zum Ziel hatten; damit war das Ende der jüdischen Gemeinde von Wenkheim besiegelt. Mindestens zwölf Wenkheimer Juden fielen dem Holocaust zum Opfer.

Das ehemalige Synagogengebäude und der jüdische Friedhof mit seinen mehr als 1.000 Grabsteinen sind erhalten geblieben.

Der jüdische Friedhof in Wenkheim 15.jpg Der jüdische Friedhof in Wenkheim 10.jpg

Jüdischer Friedhof in Wenkheim (Aufn. B., 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Nach 1945 wurde das ehemalige Synagogengebäude zunächst als Flüchtlingswohnheim, danach als Wohnhaus genutzt. An einigen Häusern Wenkheims deuten heute noch Initialen auf ihre einstigen jüdischen Bewohner hin.

                                             

   Synagoge vor und nach der Restaurierung (Aufn. Rasemann, 1985 und Aufn. 2013, aus: wikipedia.org, CCO)

Ende des Jahres 1984 wurde in Wenkheim der „Verein zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum” gegründet. Als seine vordringlichste Aufgabe sah der Verein die Restaurierung des Innenraumes des Synagogengebäudes; ab 1992 präsentierte sich der Synagogenraum dann wieder in seiner ursprünglichen Form, allerdings ohne Thoraschrein. In einem Teil der früheren Wohnung des Kantors wurde ein kleines Dokumentationszentrum eingerichtet, den anderen Teil nutzt die katholische Kirchengemeinde Wenkheim als Gemeindehaus. Des Weiteren ist auf der Frauenempore eine Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte der Region untergebracht.

Innenraum mit Empore (Aufn. B. 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

2005 wurde die verschüttete und inzwischen restaurierte Mikwe Besuchern zugänglich gemacht; gleichzeitig brachte man am ehemaligen Synagogengebäude eine Tafel an, die über die Geschichte des Gebäudes bzw. der jüdischen Gemeinde von Wenkheim informiert.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2040/Wenkheim%20Mikwe%2087.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20266/Wenkheim%20Synagoge%202010175.jpg Mikwe mit Tauchbecken (Aufn. M. Helget, 2004 - J. Hahn, 2010)

Seit 2015 gehört auch die ehemalige Synagoge in Wenkheim zu den sog. „Radwegkirchen“. Die Entwicklung der "Radwegkirchen" in der Ferienlandschaft „Liebliches Taubertal“ ist auf eine Initiative der Evang. Landeskirche Baden zurückzuführen; diese "Radwegkirchen" sind für die Radler als „Tankstellen für Leib und Seele“gedacht.

Seit 2018 erinnert unweit der ehemaligen Synagoge ein von Jugendlichen der Ev. Kirchengemeinde entworfener Gedenkstein an die Deportation von Wenkheimer Juden nach Gurs. Die dort angebrachte Inschrift lautet: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt die ist, wie sie ist. Es ist aber deine Schuld, wenn sie so bleibt." Eine Doublette des Steines ist nun auch in die Bodenskulptur des zentralen Deportationsmahnmals in Neckarzimmern eingefügt.

Weitere Informationen:

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Band 19, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 292/293

Elmar Weiß, Jüdisches Schicksal im Gebiet zwischen Neckar und Tauber, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 1979

Die Juden in Tauberfranken 1933 - 1945, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg

Die Juden in Tauberfranken - Quellen und didaktische Hinweise für die Hand des Lehrers, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg 1984

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, S. 81 - 83

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 361 ff.

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, München 1992, S. 134/135

Elmar Weiß, Zeugnisse jüdischer Existenz in Wenkheim. Veröffentlichungen Band 1 - 1992, Hrg. Verein zur Erforschung jüdischer Geschichte und Pflege jüdischer Denkmäler im tauberfränkischen Raum, Tauberbischofsheim 1992

Margaretha Bookmann (Bearb.), Jüdischer Friedhof Werbach-Wenkheim, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1996

Landsynagogen. Zwischen Kulturdenkmal, Gedenkstätte und Lernort, Eine Dokumentation der Tagung in Waren an der Müritz, April 2002, S. 26/27

Wenkheim, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 513 – 515

Elmar Weiß, Wenkheim – ein fränkisches Dorf im Laufe seiner Geschichte. Heimatbuch, Osterburgen 2009, S. 441 - 474

N.N. (Red.), Neues Konzept für Museum in Synagoge. Erinnerung: Wenkheimer Gedenkstätte wird diesen Sonntag eröffnet, in: „Main-Echo“ vom 28.5.2016

"die schul – Gedenkstätte Synagoge Wenkheim" Hrg.),  Zur jüdischen Geschichte von Wenkheim, online abrufbar unter: synagoge-wenkheim.de

Klaus Reinhart (Red.), Jüdisches Leben endet 1940, in: „Fränkische Nachrichten“ vom 9.10.2018

Klaus Reinhart (Red.), Erinnerung an Deportation 1940 wachhalten, in: „Wertheimer Zeitung“ vom 15.10.2018

Klaus Reinhart (Red.), Gedenkstein in Wenkheim aufgestellt, in: „Main-Post“ vom 21.10.2018

N.N. (Red.), Zeichen für eine friedliche Gesellschaft setzen, in: „Mannheimer Morgen“ vom 6.11.2018