Warburg (Nordrhein-Westfalen)

Warburg ist eine von derzeit ca. 24.000 Menschen bewohnte Stadt im Kreis Höxter im östlichen Nordrhein-Westfalen – zwischen Paderborn (im NW) und Kassel (im SO) gelegen.

Ansicht von Warburg – Stich M. Merian, um 1660 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Ansässigkeit von Juden innerhalb der Mauern der Stadt Warburg wird erstmals 1559 urkundlich erwähnt; in einem Schutzbrief wurde zwei Juden mit ihren Familien (Moses von Calenberge und Simon von Cassel*) das Wohnrecht in Warburg zugestanden.

* Anm.: Die Nachfahren Simon von Cassels verzogen während des Dreißigjährigen Krieges nach Altona, führten fortan den Familiennamen Warburg und gründeten am Ort das Bankhaus M. M. Warburg & Co.)

In diesem Schutzbriefe von 1559 hieß es:

„ Wyr Bürgermeister und Raidt der Städte Warburg bekommen vor uns und unseren nachkommen, das wir mit wissen und willen des alten Raitz, ... mit uns binnen unsere staden zu wonen de Mosen Salomonis des Judden zum Calenberge Sone und Simon von Cassel, die beiden Juden mit deren Weib und Kinder und haußgesinde in und mit solchem bescheide und meinunge, daß die beiden Moses und Simon an uns geben haben und berüber bezwilt. Ein hundert guder gankbarer Thalergulden, ...Und wullen die beiden mit ihren weiber und kindern mit irm notings haußgesinde zehen Jhar lank in unsen Stadten ... bei uns wonen lassen und die freiheit zuhabende vergünstigen und dazu sollen die beiden obgenannten Juden alle Jhare auf lechtmissen im 60ten Jhar anfangend ohne jenige Insprache uns dem Raithe zur Zeit geben un zu guther genuge bezahlen fünf und zwanthig Daler gulden die zehn Jhar lank jedes Jars. Dasz sollen aber keine anderen Juden mehr binnen unsern Staden weitersz angenommen werden ofte zugelassen, es geschehe denn mit wissen und willen auch unser eines erbam Raidtz der Stadte Wartburg. ....”

                                                 (Original im Stadtarchiv Warburg)

In der Folgezeit durften sich noch weitere Familien in Warburg niederlassen. So wurde 1565 dem Juden Heinemann gestattet, in Warburg Handel zu treiben und ca. 20 Jahre später erhielt der Jude Sötekind die Erlaubnis, sich mit seinem Sohn in der Stadt niederzulassen. Neben den wirtschaftlichen Interessen, die sich die Stadt durch Steuereinnahmen versprach, war auch die Landesherrschaft (die Fürstbischöfe von Paderborn) an einer Stärkung der Wirtschaftskraft ihrer Stadt gelegen.

Allmählich bildete sich eine Gemeinde heraus. Ende des 17.Jahrhunderts zählten die etwa 20 vergleiteten jüdischen Familien Warburgs zu den wohlhabendsten im gesamten Hochstift Paderborn: Sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Kaufleute, die u.a. mit Tabak, Hopfen, Öl, Wein, Getreide und Vieh handelten, aber auch das Geld- und Pfandgeschäft betrieben. Bereits 1603 hatten die Warburger Juden das Privileg des Salzhandels gepachtet.

Außer diesen vergleiteten Familien lebten in der Stadt noch weitere ohne Schutzbrief.

Ihre vielseitige und erfolgreiche Handelstätigkeit führte oftmals zu Klagen seitens Teilen der christlichen Bevölkerung, die fürchtete, dass Juden „ihr brot vor dem Maul abschneiden“. Allerdings blieben auch die Beschwerden der ortsansässigen Kaufleute gegen den sich ausweitenden Handel ihrer jüdischen Konkurrenten zumeist erfolglos. Denn die Adelsfamilien im Umland wollten nicht auf ihre jüdischen Lieferanten und Geldgeber verzichten.

                   In einer von dem Paderborner Fürstbischof Franz Arnold 1707 erlassenen Regelung für die Warburger Juden hieß es u.a.:

„ ... So wollen wir zwar die Juden bey ihren von uns erhaltenen Glaidt, auch es noch zur Zeith und biß zur anderweiterer Verordnung bey der Anzahl der Familien, dergestalt jedoch belassen, daß kein Jude frombte, zu seinen Hauswesen nicht nothige Personen bey sich halten, weniger einer, der kein Gelaidt hat, in der Stadt Warburg geduldet werden solle.

1) Denn so verordnen wir auch und wollen gnädigst, daß zu mehrerer der Stadt und Burger Aufkommen das Maltzmachen denen Juden das gantze Jahr durch zwar frey bleiben, dessen Verkauf aber nur in den Monathen Oktober, November, Dezember, Januarius, Februarius und Martius verstattet, zu den übrigen 6 Monathen aber zu verkaufen gäntzlich verbotten seyn solle. ...

2) Sollen die Juden die verkauffende Früchten jedesmahl durch die Geschwohrene messen lassen, wie dann auch denen Juden hiemit bey Straff der Confiscation verbotten wird, das geschlachtete Fleisch nicht aus dem Haus feil zu tragen, sondern sich damit vergnügen lassen, wann es von ihnen aus den Häusern ... geholet wirdt.

...

7) Sollen die Juden des Wollenhandels sich gäntzlich enthalten, den Ohl-Handel aber dermaßen mäßig gebrauchen, daß derhalb nicht nöthig seye, ebenfals ein anderes zu verordnen.

...

10.) Des Sonn- und Feyertagen soll aller Handel verbotten seyn.   ... „

Spätestens seit 1686 war Warburg Sitz des Oberlandesrabbinates von Westfalen. Unter Samuel ben Gerson Steg wurde in Warburg eine Jeschiwa - die einzige in Westfalen - gegründet. Das Warburger Landesrabbinat war auch für die Grafschaft Rietberg und das Fürstbistum Corvey zuständig.

Mit dem Niedergang der Stadt nach 1750/1760 verarmte auch der jüdische Bevölkerungsanteil zunehmend; hohe Abgabenlasten förderten noch diese Entwicklung.

Aus der Mitte des 19.Jahrhundert stammt die folgende Beschreibung: ... Die Gemeinde ... bestand aus etwa 45 zumeist sehr kinderreichen Familien. Sie alle wurzelten in der jüdischen Tradition mit den alten religiösen Vorstellungen, den alten Gebeten und Gebräuchen. Der Lebensstandard hatte sich gegen früher infolge der Gleichberechtigung etwas gehoben. Das Hausiergeschäft hatte gänzlich aufgehört, der Viehhandel bestand noch, aber man verlegte sich mehr auf den Getreidehandel, oder man eröffnete in den Hauptstraßen Konfektionsgeschäfte und versorgte die Bevölkerung in der Stadt und Umgebung mit Kleidung und Modeartikeln. Man bemühte sich, das immer noch niedrige Bildungsniveau zu heben, sich den veränderten kulturellen und staatsbürgerlichen Bedingungen anzupassen; dazu brauchte man einen geistigen Führer und war froh, ihn in Oppenheim gefunden zu haben. Er vertrat den Standpunkt des orthodoxen Judentums, betonte aber die Notwendigkeit von Aufklärung und Fortschritt.  (aus: Emil Herz, Denk’ ich an Deutschland in der Nacht - Erinnerungen an die jüdische Gemeinde in Warburg, S. 111 f.)

Um 1900 waren jüdische Geschäftsleute in Warburg führend im Verkauf von Manufakturwaren.

Eine Betstube in einem Hause am Altstädter Markt wurde erstmals um 1650 erwähnt; Ende des 17.Jahrhunderts wurde - nach Genehmigung durch den Paderborner Bischof - eine Synagoge in einer etwas abseits gelegenen, engen und steilen Altstadtgasse „An der Burg“ eingerichtet; dem Gebäude war das jüdische Schulhaus angeschlossen

                        Bauskizze der Warburger Synagoge (An der Burg 4)        

Vermutlich wurde in den 1820er Jahren an gleicher Stelle ein neues Synagogengebäude erbaut, ebenfalls im Fachwerkstil.

1855 wurde die Synagogengemeinde Warburg gegründet, die weit über das eigentliche Stadtgebiet hinausreichte; so gehörten ihr auch Juden aus den Ortschaften Dössel, Germete, Hohenwepel, Welda und Wormeln an, außerdem die Filialgemeinden Herlinghausen, Rösebeck, Ossendorf und Rimbeck.

Von 1851 bis zu seinem Tode gegen Ende des 19.Jahrhunderts besaß die Gemeinde in dem Lehrer/Kantor Juda Oppenheim eine geistliche Integrationsfigur, der zwar die orthodoxe Ausrichtung der Gemeinde beibehielt, aber durch sein Wirken auch reformerische Tendenzen zuließ.

Wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg wurde in Warburg der zweigeschossige Neubau einer jüdischen Schule in der Papenheimer Straße vollendet; diese öffentliche Elementarschule bestand seit 1861.

Einen Begräbnisplatz im Mollhauser Graben in der Nähe des runden Turmes erhielt die Judenschaft Ende der 1680er Jahre zur Pacht. Um 1830 wurde am Sacktor, nahe dem christlichen Friedhof, eine neue Begräbnisstätte angelegt.

Seit dem 17.Jahrhundert hatte das jüdische Landesrabbinat seinen Sitz in Warburg, nach 1820 befand es sich in Münster.

Juden in Warburg:

        --- 1649 .......................  16 jüdische Familien,

    --- 1681 .......................  32     “       “    ,

    --- 1704 .......................  30     “       “    (ca. 160 Pers.),

    --- 1788 .......................  43     “       “    ,

    --- um 1805 ....................  38     “       “    (ca. 200 Pers.),

    --- 1843 ....................... 197 Juden,*  *andere Angabe: 166  bzw. 159 Pers.

    --- 1858 ....................... 242   "  ,

    --- 1871 ....................... 280   "  ,

    --- 1888 ....................... 289   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1909 ....................... 295   “  ,

    --- 1925 ....................... 168   “  ,

    --- 1933 ....................... 160   “  ,

    --- 1934 ....................... 135   “  ,

    --- 1935 ....................... 147   “  ,

    --- 1936 ....................... 138   “  ,

    --- 1938 ....................... 106   “  ,

    --- 1939 .......................  96   “  ,

    --- 1944 .......................  ein Jude.

Angaben aus: Hermann Hermes, Ausschnitte aus der Geschichte der Juden in Warburg

und                 Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil III: Reg.bez. Detmold, S. 220

und                 Franz-Josef Dubbi, Warburg, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen , S. 743

hist. Postkarte von 1905 (aus: wikipedia.org, PD-alt-100)

Anm.: Die frühere Obere Straße - im Vordergrund das von jüdischen Familien bewohnte sog. Goldschmidt-Haus, dahinter das nicht mehr bestehende Rabbinerhaus.

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten etwa 160 Juden in Warburg. Wie in fast allen deutschen Städten und Gemeinden wurde auch hier am 1.4.1933 der Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt; SA-Angehörige kennzeichneten mit weißer Farbe die zu boykottierenden Geschäfte und hinderten Kaufwillige am Betreten der Geschäfte.

                                             Verhaftung des Rabbiners Julius Cohn (1933)

Mit zunehmender Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation verfestigte sich ab 1935 bei den Warburger Juden der Wille zur Emigration; die ersten Auswanderer hatten Palästina als Ziel.

Der Novemberpogrom von 1938 war auch in Warburg vorläufiger Höhepunkt der antisemitischen Ausschreitungen; nachdem sich am Abend des 10.November die „Warburger Volksgenossen spontan zusammengefunden [hatten, um] ihre Entrüstung über den feigen Mord” in Paris kundzutun, stürmten SA- und SS-Angehörige, unterstützt von Männern der in Arolsen stationierten „SS-Division Germania“, die Synagoge in der Altstadt und zerstörten die Inneneinrichtung, die Dachkuppel und Teile der Umfassungsmauern. Kultgegenstände wurden entweiht und anschließend zusammen mit Synagogen-Inventar auf den Marktplatz geschleppt und öffentlich verbrannt. Auch jüdische Geschäfte in der Altstadt und Wohnungen wurden zerstört; außerdem wurden die Innenräume der ehemaligen jüdischen Volksschule - sie dienten als Wohnraum dreier jüdischer Familien - schwer demoliert. An diesen Ausschreitungen sollen sich auch Schüler der gegenüber liegenden Schule - mit ihrem Lehrer an der Spitze - beteiligt haben. Unmittelbar nach den Gewalttätigkeiten wurden fast alle jüdischen Männer in die Konzentrationslager Buchenwald bzw. Dachau eingeliefert; nach mehrwöchigem Aufenthalt wurden sie entlassen; einige der jüngeren emigrierten anschließend. Ein Warburger Jude kam in Buchenwald ums Leben.

1939 lebten noch fast 100 Personen israelitischen Glaubens in Warburg. Im Dezember 1941 begannen die Deportationen von mehr als 50 Juden aus Warburg und Umgebung; über die zentrale Sammelstelle in Bielefeld wurden sie ins Ghetto Riga „ausgesiedelt“. Weitere Deportationen aus Warburg erfolgten Ende März und in den Monaten Juli/August 1942. Von den im Bereich der heutigen Großgemeinde Warburg wohnhaften oder gebürtigen jüdischen Bewohnern wurden mindestens 148 deportiert, von ihnen 136 ermordet. Fünf Warburger Juden, die den Holocaust überlebt hatten, kehrten nach Kriegsende nach Warburg zurück. Unmittelbar nach Kriegsende gab es hier wieder eine kleine jüdische Gemeinde, die allerdings nicht lange Bestand hatte.

Das ehemalige Synagogengebäude von Warburg überstand äußerlich beinahe unversehrt die NS-Zeit; doch infolge von Umbauten in den 1960er Jahren sind fast alle Spuren, die das Gebäude einst als Synagoge auswies, verwischt worden.

Das als Baudenkmal ausgewiesene Bürgerhaus in der Warburger Altstadt (Joseph-Kohlschein-Straße) war das Wohnhaus der Familie Goldschmidt; auch noch in der Nachkriegszeit wurde es als „Judenhaus" bezeichnet.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20402/Warburg%20Stadt%20IMG_8441.jpg

Das „Goldschmidt-Haus“ (Aufn. E. Nolte, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Aus Grabsteinrelikten - Ergebnis von schweren Schändungen/Zerstörungen in der NS-Zeit - ließ die britische Militärregierung 1945 auf dem jüdischen Friedhof ein Mahnmal errichten. Auf dem Begräbnisgelände am Burggraben  findet man heute ca. 280 Grabsteine.

             Mahnmal auf dem Friedhof (Aufn. aus: cemetery.blogger.de, 2012)

Seit 1994 erinnert eine großformatige Gedenktafel an der Friedhofsmauer namentlich an die während der NS-Zeit deportierten jüdischen Bürger Warburgs; dieses Denkmal kam auf Initiative des „Denkmal Shoa“ zustande und wurde durch Spenden finanziert.

                                              Blick auf den jüdischen Friedhof (Aufn. Roland Moers, 2010)

Gegenüber dem Friedhofseingang befindet sich der Emil-Herz-Platz, der 2007 zu Ehren des in Warburg aufgewachsenen späteren jüdischen Verlegers Emil Herz (Gründer des Propyläen-Verlages) angelegt wurde. 1938 emigrierte er in die USA und verstarb dort.

In einem Kellergewölbe eines Fachwerkhaus in der Altstadt (Glockengießerhaus in der Bernhardistraße) wurden 2011 zufällig die Relikte einer Kellermikwe entdeckt.

                                          Freigelegte Kellermikwe (Aufn. Roland Rossner, 2011)

Seit 2009 erinnern auch in Warburg sog. „Stolpersteine“ an jüdische NS-Opfer.

             Sieben "Stolpersteine" in der Warburger Altstadt (Aufn. aus: panoramio.com)

 

In den heute zu Warburg gehörenden Ortsteilen Daseburg, Herlinghausen, Rimbeck, Scherfede und Ossendorf gab es auch jüdische Gemeinschaften; fast alle umfassten insbesondere in der ersten Hälfte des 19.Jahrhundertseine eine relativ große Anzahl von Gemeindemitgliedern.

                                                Daseburg                Herlinghausen                  Ossendorf                      Rimbeck                   Scherfede

--- 1802       31               121                 64                --            --

--- 1843       38                97                 88                --            26

--- 1888        7                24                 32                --            75  

--- 1909        5                --                 24                --            61

--- 1932        4                --                 --                54            ?

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil III: Reg.bez. Detmold, S. 220 f.

 

In Daseburg erreichte die Zahl jüdischer Bewohner im 19.Jahrhundert nie mehr als 40 Personen. Erste urkundliche Nachweise ihrer Anwesenheit im Dorf stammen aus dem beginnenden 18.Jahrhundert. Die wenigen Familien besaßen einen eigenen Betraum, der auch von Juden aus Rösebeck aufgesucht wurde; gemeinsam unterhielt man einen Lehrer/Kantor/Schächter. Nach 1850 wurde der Betraum aufgegeben,und die Familien wurden der Warburger Gemeinde eingegliedert. Verstorbene wurden zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Borgentreich begraben, ehe um 1850/1860 ein eigener Begräbnisplatz zur Verfügung stand. Auf dem Areal (Gemarkung „Auf der Höte“) sind heute 24 Grabsteine zu finden, die in drei Reihen stehen.

In den 1920/1930er Jahren lebte nur noch die Familie des Kolonialwarenhändlers Max Steeg in Daseburg.

 

In Rhoden und Wrexen - heute Ortsteile der Großgemeinde Diemelstadt, früher zum Fürstentum Waldeck gehörig - war eine kleine jüdische Gemeinde beheimatet, deren Anfänge im ausgehenden 18.Jahrhundert lagen. 1767 wurden die ersten Schutzbriefe für Juden in Rhoden ausgestellt. 1802 wurden hier fünf jüdische Familien gezählt.Zu ihren gemeindlichen Einrichtungen gehörten ein Friedhof (angelegt um 1760/1770), eine Synagoge und eine Religionsschule.

Die sich nur aus wenigen Familien zusammensetzende Gemeinde war im weiteren Umland durch die „Mazzenbäckerei Lichtenstein“ bekannt, die Juden im gesamten Waldeckschen Gebiete belieferte.

Anfang der 1930er Jahre bestand die Kultusgemeinde Rhoden-Wrexen aus etwa 60 Personen; ein Jahrzehnt später lebten auf Grund von Abwanderung und Deportation hier keine Juden mehr. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge einschließlich der Ritualien durch SA- bzw. SS-Angehörige aus Arolsen zerstört. Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder. Jüdische Bürger wurden in ihren Wohnungen überfallen und misshandelt. Die letzten jüdischen Einwohner wurden 1942 deportiert. Am Tag vor der Deportation - am 30. Mai 1942 - nahmen sich die Schwestern Anna und Ella Baer gemeinsam das Leben.

Eine Gedenktafel an der Mauer unterhalb des Synagogenstandortes trägt die Inschrift:

Die Synagoge

Standort der ehemaligen Synagoge (oberhalb der Mauer).

Spätestens 1820 werden mehrere jüdische Familien bei einer Einwohnerzählung genannt. Ein Antrag auf Bau eines jüdischen Gotteshauses wurde bereits 1802 gestellt. Die Synagoge war ein Fachwerkbau mit einem kleinen anhängenden Wohnteil. Die Kinder gingen in eine jüdische Schule. Der Friedhof auf dem Heidhüwwel bestand bereits 1821, er war Begräbnisstätte der jüdischen Familien aus Rhoden, Wrexen, Dehausen und Ammenhausen. Einen eigenen Rabbiner hatte die Gemeinde nicht.

Am 08.11.1938 wurde die Synagoge geplündert und in Brand gesteckt. Die bis dahin nicht emigrierten Familien wurden in Konzentrationslager verschleppt.

An die jüdische Geschichte Rhodens erinnert heute noch der Friedhof mit seinen fast 90 Grabsteinen. Eine Gedenktafel ist den Opfern des Holocaust gewidmet; namentlich sind 28 Personen genannt.

vgl. dazu: Rhoden (Hessen)

 

Im Dorfe Herlinghausen gab es zu Beginn des 19.Jahrhunderts eine zahlenmäßig relativ große jüdische Gemeinde, die damals mehr als 100 Personen zählte; jeder dritte Dorfbewohner war um 1810 mosaischen Glaubens. Ihr Lebensunterhalt basierte auf Vieh- und Getreidehandel, zumeist verbunden mit einer kleinen Landwirtschaft. Ihr Wirkungsbereich reichte weit über die unmittelbare Region hinaus.

Gegen Ende des 18.Jahrhunderts muss wohl eine „Judenschule“ (Synagoge) neu erstellt worden sein, die aber nur mit Hilfe eines Kredites (aufgenommen bei einem Nichtjuden!) ermöglicht wurde. Seit den 1840er Jahren besaß die Gemeinde eine Zeitlang einen eigenen Lehrer, der für die religiöse Unterweisung der Kinder und die rituellen Verrichtungen sorgte

(Aufn. Antje Thon)     Ihr um die Mitte des 19.Jahrhunderts geschaffener Begräbnisplatz lag in der Gemarkung Wettesingen. (Anm.: Die in Wettesingen lebenden Juden wurden auf dem Friedhof in Breuna beigesetzt.)
In den 1880er Jahren war die Gemeinde in Auflösung begriffen. Auf Grund des schlechten Bauzustandes des Synagogengebäudes wurde es um 1920 abgebrochen. Anfang der 1920er Jahre lebten noch zwei jüdische Familien im Dorf.

 

Im heutigen Ortsteil Hohenwepel gab es im 19.Jahrhundert auch eine kleine jüdische Gemeinschaft, die sich maximal aus ca. sechs Familien zusammensetzte. Der erste Hinweis (Salomon, „der Jude von Hohenwepel“) stammt aus der Zeit um 1670. Die jüdischen Familien suchten den Betraum in Großeneder, dann in Ossendorf auf. Verstorbene wurden zunächst in Peckelsheim, später dann in Warburg begraben. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg lebten nur noch fünf Personen mosaischen Glaubens in Hohenwepel.

 

In Scherfede umfasste die Zahl der jüdischen Bewohner um 1880/1890 knapp 80 Personen; mit der christlichen Dorfbevölkerung hatte es in der Vergangenheit zeitweise erhebliche Spannungen gegeben, die z.B. 1848 in gewalttätigen Ausschreitungen zum Ausdruck gekommen waren; den Scherfeder Juden wurden „Wucher und üble Geschäfte“ zur Last gelegt. 

Die Judenschaft Scherfedes und Rimbecks besaßen gemeinsam ein en Friedhof (am Zionsweg).

Während der „Reichskristallnacht“ von 1938 wurden von Jugendlichen die Fensterscheiben der wenigen noch hier lebenden jüdischer Einwohner eingeworfen; das jüdische Geschäft Vorreuter wurde verwüstet.

 

In Rimbeck hielten sich vermutlich bereits in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts Juden auf; urkundliche Nachweise stammen aber erst aus der Zeit nach 1800. Die jüdische Gemeinschaft blieb aber stets klein, zählte kaum mehr als 30 Personen. 1853 war erstmals ein kleines Synagogengebäude nachweisbar. Während des Pogroms von 1938 wurde die Inneneinrichtung zerstört; zwei Jahre später wurde das Haus abgerissen. Sieben Rimbecker Juden überlebten die NS-Zeit und kehrten hierher zurück, um dann von ihr nach Palästina/Israel auszuwandern.

Auf die ehemalige jüdische Gemeinde in Rimbeck weisen heute eine Gedenktafel für die Synagoge „Im Hagebrunnen“ und der jüdische Friedhof am „Zionsweg“ hin. Auf dem Rimbecker Gräberfeld am Zionsweg haben 65 Juden ihr "Haus der Ewigkeit" gefunden. 1875 war der Friedhof angelegt worden, die meisten Gräber stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende. Auf dem ca. 1.300 m² großen Friedhofsgelände liegt auch Journalist Felix Fechenbach begraben.

Warburg - 2015-09-29 - Jüdischer Friedhof Rimbeck (26).jpg Warburg - 2015-09-29 - Jüdischer Friedhof Rimbeck (12).jpg

Eingang zum jüdischen Friedhof und einzelne Grabstätten (Aufn. Ts., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

In Ossendorf stammt die erste Nachricht über jüdische Bewohner aus dem Jahre 1688; zwei Jahrzehnte waren hier drei Familien mosaischen Glaubens ansässig, die Schutzbriefe des Paderborner Fürstbischofs besaßen; sie lebten - nicht immer konfliktfrei zur christlichen Bevölkerung - in recht bescheidenen Verhältnissen. Bis um 1840 war die Gemeinde auf knapp 100 Personen angewachsen; auch Juden aus Rimbeck, Scherfede, Nörde und teilweise aus Menne suchten die seit ca. 1780 nachweisbare Synagoge in Ossendorf auf. Verstorbene wurden bis in die 1860er Jahre auf dem jüdischen Friedhof in Warburg begraben, dafür musste jede Familie eine jährliche Abgabe zahlen. Erst danach stand ein eigenes großflächiges  Begräbnisgelände auf dem Rabensberg weit außerhalb der Ortschaft zur Verfügung. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts setzte auch hier die Abwanderung jüdischer Familien ein, die die Gemeinde kleiner werden ließen; die wenigen verbliebenen schlossen sich dann der Synagogengemeinde Rimbeck an. Mitte der 1930er Jahre lebten in Ossendorf nur noch zwei jüdische Familien.

Auf dem jüdischen Friedhof am Rabensweg findet man heute nahezu 30 Grabsteine.

Friedhof in Ossendorf (Aufn. Ts., 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Weitere Informationen:

Martha Evers, Die Geschichte der Juden der Stadt Warburg zur Fürstbischöflichen Zeit, Dissertation Münster 1919/1920 (erschienen in: ‘Warburger Schriften’ 1/1978)

Hildegard Kraft, Die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Lage der Juden im Hochstift Paderborn, Dissertation, Universität Münster 1938 (erschienen in: Westfälische Zeitschrift II/1938, S. 101 - 204)

Emil Herz, Denk’ ich an Deutschland in der Nacht - Erinnerungen an die jüdische Gemeinde in Warburg, Berlin 1951

Bernhard Brilling, Aus der Geschichte der Juden in Westfalen I - Aus der Gemeinde Warburg, in: Mitteilungsblatt für die jüdischen Gemeinden in Westfalen No. 2 u. No. 3, 1959

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 222/223

Bernhard Brilling, Zur Geschichte der Juden in Warburg, in: Zeitschrift für die Geschichte der Juden 10/1973, S. 49 - 72

Rolf Brinkmann, Das Schicksal der Juden in Warburg in der Zeit des Dritten Reiches, Examensarbeit Gesamthochschule Paderborn 1975

Martha Evers, Die Geschichte der Juden in der Stadt Warburg zur fürstbischöflichen Zeit, Warburg 1978 (Dissertation, Münster 1920)

Hermann Hermes, Die Reichskristallnacht 1938 im Raum Warburg. Eine Materialsammlung, Maschinenmanuskript, Warburg 1978

Ulrich Ernst, Die Juden im Kreis Warburg, in: U. Ernst, Die sozial- u. wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung des Kreises Warburg im 19.Jahrhundert, Paderborn 1980, S. 31 – 35

Hermann Hermes, Deportationsziel Riga - Schicksale Warburger Juden, Warburg 1982

Hermann Hermes, Ausschnitte aus der Geschichte der Juden in Warburg, in: Die Stadt Warburg 1036 - 1986. Beiträge zur Geschichte einer Stadt, Hrg. Franz Mürmann, Band 2, Warburg 1986, S. 73 - 91

Mut zur Erinnerung - Zugang zur jüdischen Geschichte Warburgs, Hrg. Arbeitsgruppe ‘Pogromnacht in Warburg’, Warburg 1988

Rudolf Muhs, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden und Synagogen im Raum Höxter-Warburg vor 1933, in: Jahrbuch 1989 Kreis Höxter, S. 211 - 228

Rudolf Bialas, Der jüdische Friedhof in Warburg, in: Jahrbuch des Kreises Höxter 1992, S. 213 - 226

Hermann Hermes, Deportationsziel Riga: Schicksale Warburger Juden, 2. Aufl., Warburg 1993

Dieter Heistermann (Hrg.), Felix Fechenbach. Ein Leben für die Freiheit, in: Warburger Schriften 8/1993

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil III: Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 217 - 233

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 161 - 165

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 464 und S. 541 - 543

Dina van Faassen, “Das Geleit ist kündbar”. Quellen und Aufsätze zum jüdischen Leben im Hochstift Paderborn von der Mitte des 17.Jahrhunderts bis 1802, in: Historische Schriften des Kreismuseums Wewelsburg, Band 3, Klartext-Verlag, Essen 1999, S. 120 – 124

Anne Herten-Hubertus, Die ehemalige jüdische Schule in Warburg. Papenheimer Straße 8, in: Denkmalpflege in Westfalen-Lippe, hrg. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, 11. Jg., 1/2005, S. 30/31

Ursula Olschewski, Die Geschichte der Juden in Ossendorf, in: Jahrbuch Kreis Höxter 2006, Paderborn 2005, S. 114 - 128

Ursula Olschewski, Juden in Ossendorf, online abrufbar unter: ossendorf.de/geschichte

Margit Naarmann, „Am meisten gedrückt sind die Bauern im Kreise Warburg“ – Zur Entstehung des Stereotyps vom „Judenwucher“, in: Stefan Baumeier/Heinrich Stiewe (Hrg.), Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, in: Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2006, S. 149 – 160

Carsten L. Wilke (Red.),Die ungeliebte Tradition: Rabbiner in Westfalen 1619–1943, in: Westfalen 84/2006, S. 9 – 25

Ariane Mönikes (Red.), Stolpersteine erinnern - Gedenken an jüdische Opfer der Nazis: Gunter Demnig verlegt Steine in der Altstadt, in: Warburger Zeitung/Neue Westfälische“ vom 17.9.2009

Heinrich Friele/Karl Heinemann, Der jüdische Friedhof Rhoden, Hrg. Waldeckische Geschichtsverein, Bezirksgruppe Diemelstadt, 2010

N.N. (Red.), Warburg. Weitere Stolpersteine gegen das Vergessen, in: „Neue Westfälische“ vom 19.3.2010

Heiko Bewermeyer, Von Warburg ins Ghetto Lodz: Das Schicksal von Julius Cohn (1880-1942) und seiner Familie, in: „Die Warte“, No. 151/2011, S. 14 - 18

Franz-Josef Dubbi, Warburg, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 737 – 751

Ursula Olschewski, Warburg-Daseburg, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 751 - 755

Margit Naarmann, Warburg-Herlinghausen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 755 – 761

Ursula Olschewski, Warburg-Hohenwepel, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 762 – 765

Ursula Olschewski, Warburg-Ossendorf, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 765 – 773

Ursula Olschewski, Warburg-Rimbeck, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 773 - 779

Warburg – Spuren jüdischer Geschichte, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Aufnahmen der Grabsteine des jüdischen Friedhofs)

Antje Thon (Red.), Die Gemeinde schrumpfte. Kleiner Friedhof bei Wettesingen: Juden aus Herlinghausen bestattet, in: “HNA” vom 26.10.2013