Schriesheim (Baden-Württemberg)

Datei:Schriesheim in HD.svg Schriesheim ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 15.000 Einwohnern – ca. zehn Kilometer nördlich von Heidelberg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Pestpogrome der Jahre 1348/1349 sollen in Schriesheim eine kleine jüdische Gemeinschaft vernichtet haben. Während der nachfolgenden drei Jahrhunderte hat es keine dauerhaften Ansiedlungen von Juden gegeben, vielmehr hielten sich nur zeitweilig wenige jüdische Familien in Schriesheim auf. Erst in der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts ließen sich hier wieder Juden nieder, aus deren Nachkommen sich langsam eine neue Gemeinde bildete.

Ein Betsaal bestand in Schriesheim vermutlich seit dem 18. Jahrhundert; 1807 wurde die „Judenschule“ im Obergeschoss eines Hauses in der Talstraße an der Gäulsbrücke eingerichtet. Das Haus gehörte seit 1708 der jüdischen Familie Marx. Auch die Dossenheimer Juden suchten in dieser Zeit den Schriesheimer Betsaal auf. Nach dem Anstieg der Zahl der jüdischen Familien entschloss sich die Judenschaft Ende der 1830er Jahre zum Bau einer Synagoge. Simon Oppenheimer hatte einige Jahre vorher die ehemalige lutherische Kirche mit dem Pfarrhaus erworben und trat jetzt der jüdischen Gemeinde den östlichen Teil des einstigen Kirchenraumes ab. Nachdem die finanziellen Mittel durch eine Kollekte beigebracht waren, konnte 1842/1843 die Synagoge gebaut werden.

Über die feierliche Einweihung einer neuen Thorarolle berichtete die Zeitschrift „Der Israelit“ in ihrer Ausgabe vom 5.Dez. 1866:

"Schriesheim (Baden), 17. Nov. Heute beging die hiesige israel. Gemeinde ein sehr schönes Fest; dasselbe galt der Einweihung einer neuen Thora, welche von dem vortrefflichen Thoraschreiber zu Baierthal G. Levi Sohn in allen Theilen korrekt ausgeführt worden war. Um 10 Uhr bewegte sich der Zug langsam und feierlich vom israelitischen Schulhause durch die reich beflaggten und bekränzten Straßen zur Synagoge. Die Thora, vor welcher die Festjungfrauen einhergingen, wurde unter einem Baldachine getragen, eingehüllt in eine herrliche, mit einer goldenen Krone verzierten rothen Sammetmappe, welche in golddurchwirkten Buchstaben in hebräischer Sprache die Widmung enthielt, nämlich eine Stiftung der israelitischen Frauen Schriesheims und der Filiale Dossenheim. Bei der Einweihung der Thora war der hebräische Choral ergreifend und der deutsche erbauend. Die Gesänge wurden eingeübt und geleitet von dem hiesigen israelitischen Lehrer S. Reichenberger, welcher schon 18 Jahre die hiesige Religionslehrerstelle besorgt. Nach der Einweihung der Thora und dem Gebet für den Landesfürsten, bestieg der hochw. Bez.Rabbiner L. Ettlinger die Kanzel und setzte in einem längere, wohldurchdachten Vortrag die Bedeutung des Festes auseinander. Die Synagoge war ganz überfüllt mit Theilnehmern von Nah und Fern, auch die beiden chrl. Konfessionen waren zahlreich vertreten. Zum Schlusse dankte der Redner der israelitischen Gemeinde Schriesheim für das große Opfer, welches dieselbe in allen ihren Mitgliedern für das heutige Fest gebracht habe; es ist auch wirklich der Eifer und Opfersinn, womit diese verhältnismäßig kleine israelitische Gemeinde dieses Fest verherrlichte, rühmend anzuerkennen; besonders muß hervorgehoben werden der Name des hiesigen Israeliten Marx Oppenheimer I., welcher die leitende Seele des Festes war. - Der hochw. Rabbiner dankte auch den chrl. Konfessionsangehörigen für die freudige Theilnahme an dem Feste und für ihre Mühen zur Verherrlichung desselben. Besonders war es sehr erfreulich, daß auch die beiden christlichen Confessionspfarrer und Lehrer an dem Feste Antheil nahmen, was ein schönes Zeichen der Religionstoleranz unserer Zeit ist. ." 

Seit Ende der 1850er Jahre verfügte die Schriesheimer Gemeinde über ein neues Gemeindehaus; im Erdgeschoss waren eine Mikwe und im Obergeschoss ein Schulraum und eine Lehrerwohnung untergebracht. 1897 wurde dieses Gebäude verkauft, da in der Lutherischen Kirchgasse, im Bereich der Synagoge, das ehemalige evangelische Pfarrhaus erworben und als jüdisches Gemeindehaus hergerichtet werden konnte.

Für die Verrichtung religiös-ritueller Aufgaben hatte die Gemeinde einen Lehrer angestellt.

    

Anzeigen aus: "Großherzogliches Anzeigenblatt für den Seekreis“ vom 3.12.1836 und "Der Israelit" vom 7.7.1887 und 23.7.1894

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden seit ca. 1715 bis Anfang der 1870er Jahre auf dem weit entfernten jüdischen Verbandsfriedhof in Hemsbach beerdigt; danach konnte man ein örtliches Gelände „In der Plöck“ erwerben, das von nun an als Bestattungsstätte für die Schriesheimer Juden diente. Möglicherweise gab es bereits im ausgehenden 17.Jahrhundert eine jüdische Begräbnisstätte in Schriesheim; denn eine hiesige Flurbezeichnung trägt den Namen „Judenkirchhof“.

Ab ca. 1890 gehörten die wenigen jüdischen Familien aus dem nahen Dossenheim zur Schriesheimer Gemeinde; sie unterstand dem Rabbinatsbezirk Ladenburg.

Juden in Schriesheim:

        --- um 1650 .........................   2 jüdische Familien,

    --- 1693 ............................  34 Juden,

    --- 1722 ............................   6 jüdische Familien,

    --- 1770 ............................   7     “        “   ,

    --- 1809 ............................  65 Juden (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1830 ............................ 104   “  ,

    --- 1864/65 ......................... 132   “  ,

    --- 1875 ............................ 103   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1885 ............................  88   “  ,

    --- 1900 ............................  41   “  ,

    --- 1910 ............................  57   “  ,

    --- 1925 ............................  40   “  ,

    --- 1933 (Jan.) .....................  41   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1938 (Nov.) .....................  ein  “ (),

    --- 1940 ............................  keine.

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, ..., S. 255                                                                    

Zu den regelmäßig in Schriesheim stattfindenden Märkten, die mehrheitlich von jüdischen Händlern beschickt wurden, wurden nach 1800 am Ort eigens „Judenwirtschaften“ eingerichtet. In den 1870er Jahren wanderten zahlreiche jüdische Einwohner ab. Anfang der 1930er Jahre lebten in Schriesheim gerade noch etwa 40 Juden; sie verdienten ihren Lebensunterhalt im Vieh-, Fell- und Getreidehandel, daneben gab es noch ein Textilwarengeschäft mit einem jüdischen Besitzer. Folgende Gewerbetreibende sind bekannt: Viehhandlung Julius Fuld (Passein), Fellhandlung Hayum Marx und Fell- u. Textilhandel Levi Schlösser (Oberstadt), Futtermittelgeschäft Marx (Heidelberger Straße), Viehhandlung Ferdinand Marx (Heidelberger Straße), Textilgeschäft Oppenheimer/Sussmann (Heidelberger Straße) und Futtermittelgeschäft Oppenheimer/Weinberg (Schulgasse).

Noch vor der „Kristallnacht“ im November 1938 hatten alle jüdischen Einwohner - bis auf einen - ihren Heimatort Schriesheim verlassen. 34 Personen gelang es zu emigrieren, davon mehr als 20 in die USA. Während des Novemberpogroms wurde in Schriesheim der Synagogenraum und die Religionsschule demoliert; das zerstörte Mobiliar und andere Gegenstände wurden von HJ-Angehörigen zum Rathausplatz geschleppt und dort vor aller Augen verbrannt.

Zur Zeit der Deportationen der badischen Juden nach Gurs/Südfrankreich im Oktober 1940 lebten in Schriesheim keine jüdischen Familien mehr; doch gehörten neun gebürtige Schriesheimer Juden zu den im Oktober 1940 verschleppten Personen.

Das äußerlich unzerstörte Synagogengebäude wurde in den 1950er Jahren total umgebaut; danach nutzte es die neuapostolische Gemeinde als ihr Gotteshaus. Seit 1988 erinnert eine kleine Gedenktafel am Eingangsbereich zum evangelischen Kirchhof an die ehemaligen jüdischen Ortsbewohner; die Inschrift lautet:

Zur Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger,

die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gelitten haben.

Ihr Leid soll uns Mahnung und Verpflichtung sein.

 Juedischer Friedhof Schriesheim 11 fcm.jpg

Jüdischer Friedhof in Schriesheim (Aufn. Frank C. Müller, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

reich ornamentierter Grabstein (Aufn. J. Hahn, um 1980)

Am 65.Jahrestag ihrer Deportation wurde hier eine Gedenktafel mit den Namen und Lebensdaten der Opfer eingeweiht; bereits ein Jahr zuvor war ein von Schülern des Kurpfalz-Gymnasiums gestaltetes Denkmal auf dem Schriesheimer Friedhof aufgestellt worden.

                Denkmal/Memorialstein (Aufn. H. Lautenschläger, 2004)

Ein identisches Denkmal wurde in Neckarzimmern aufgestellt, wo sich das zentrale Mahnmal für die deportierten badischen Juden befindet.

Der Schriesheimer Memorialstein hat die Form eine Sandsteinstele, deren Oberfläche eine künstlerisch gestaltete Tonplatte abschließt. Das angedeutete Gitternetz auf der Platte soll den Lagergrundriss von Gurs symbolisieren, Die Tonplatte zeigt zudem drei zerbrochene Davidsterne, die für drei Schriesheimer Juden stehen, die von anderen badischen Orte aus deportiert worden sind.

Seit 2012 werden in Schriesheim sog. "Stolpersteine" verlegt, die an ehemalige jüdische Bewohner erinnern, die während der NS-Zeit vertrieben, verfolgt, deportiert und ermordet wurden.

. Namenstäfelchen für das Ehepaar Marx und Fanny Blumenfeld, Heidelberger Str. (beide Aufn. aus: schriesheim.de)

StSteinSchrOberstadt12(1).jpg StSteinSchrOberstadt12(2).jpg StSteinSchrOberstadt12(3).jpg

für Angehörige der Fam. Schlösser, Oberstadt (Aufn. G.W.Zinke, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Nach kontroversen Diskussionen sollen auf Beschluss der Kommunalvertretung (Okt. 2017) weitere ca. 25 Namenstäfelchen verlegt werden – nun auch ohne Zustimmung der Anlieger; inzwischen findet man im Ort ca. 40 "Stolpersteine" (Stand 2018).

 

In Dossenheim existierte eine jüdische Kleingemeinde im 19. Jahrhundert, deren Wurzeln ins 18. Jahrhundert zurückreichen; erstmals werden jüdische Bewohner 1712 genannt. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wird um 1885 mit 30 Personen erreicht.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20346/Dossenheim%20Amtsblatt%20Seekreis%2023031844.jpg Ausschreibung einer Religionslehrerstelle, in: Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 14.1.1843

Die danach zur Schriesheimer Gemeinde gehörenden Dossenheimer Juden setzten ihre Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Hemsbach bei. 1933 wurden noch sechs jüdische Einwohner, Angehörige der Fam. Oppenheimer, in Dossenheim gezählt. Beim Novemberpogrom wurde das Wohnhaus der Familie Oppenheimer demoliert und das Inventar auf die Straße geworfen. Vier Angehörige der hiesigen Familie Oppenheimer* wurden Opfer der Shoa.

* Die bedeutendste jüdische Familie in Dossenheim war die Familie Oppenheimer, die sich um 1750 im Ort niedergelassen hatte. Bernhard Oppenheimer (geb.1849) gründete hier eine Futtermittelhandlung (Hauptstr.). Nach dem Ersten Weltkrieg waren die fünf Familienmitglieder Oppenheimer noch die einzigen Einwohner mosaischen Glaubens in Dossenheim. 1937/1938 übersiedelten sie nach Heidelberg. Bis auf Rosa Österreicher geb.Oppenheimer (ihr gelang die Emigration in die USA) wurde die Familie Ende Oktober 1940 ins südfranzösische Gurs deportiert und später ermordet.

Der im Rahmen des ökumenischen Jugendprojektes geschaffene Memorialstein in Dossenheim soll an die von verschiedenen Orten aus deportierten Dossenheimer Juden - direkt aus Dossenheim wurden im Oktober 1940 keine Juden verschleppt - erinnern.

Dossenheimer Memorialstein (Aufn. aus: mahnmal-neckarzimmern.de)

Künftig sollen auch in Dossenheim sog. „Stolpersteine“ an Opfer der NS-Herrschaft erinnern; geplant ist die Erstverlegung von insgesamt zehn Steinen im Jahre 2019.

Weitere Informationen:

Hermann Brunn, 1200 Jahre Schriesheim (Jubiläumsschrift), o.O. 1964

Rudolf Conzelmann, Dossenheim – Die Geschichte einer 1200jährigen Bergstraßengemeinde, Hrg. Gemeindeverwaltung Dossenheim, 1966

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 255/256

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 479/480

Barbara Döpp (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Schriesheim, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1991

Schriesheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Jüdischer Friedhof Schriesheim, in: alemannia-judaica.de

Dossenheim, in: alemannia-judaica.de

Joachim Maier/Monika Stärker-Weineck, Spuren jüdischen Lebens. Dokumentation der Ausstellung aus Anlass des Besuchs der jüdischen Schriesheimer, in: Schriesheimer Jahrbuch 7/2003, S. 32 - 95 

Monika Stärker-Weineck, Ein „Guter Ort“ – der jüdische Friedhof in Schriesheim, in: Stadtarchiv Schriesheim (Hrg.), Schriesheimer Jahrbuch 8/2004, Schriesheim 2004, S. 203 – 232

Erinnern und Begegnen – Denkmal--Projekt Gurs 2004, Kurpfalz-Gymnasium Schriesheim (online abrufbar)

Chriistian Burghart (Red.), In der Kristallnacht flogen die Mögel der Oppenheimers vom Balkon auf die Straße, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 3.11.2005

Joachim Maier, Wie Siddur, Talit und Tefillin nach Schriesheim zurückkehrten, in: Schriesheimer Jahrbuch 10/2006, S. 34 - 49  

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 420 – 422

Monika Stärker-Weineck, Ein "Guter Ort" - der jüdische Friedhof in Schriesheim. Nachtrag zum Beitrag im Jahrbuch 2004, in: Schriesheimer Jahrbuch 2009, S. 125 - 131

Stolpersteine in Schriesheim, in: schriesheim.de (Stadtinformationen)

Auflistung der in Schriesheim verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Schriesheim

Konstantin Groß (Red.), „Stolpersteine“ auch künftig ohne Zustimmung der Anlieger, in: „Mannheimer Morgen“ vom 26.10.2017

Christian Burghart (Red.), Dossenheim in der NS-Zeit: Die Familie Oppenheimer wurde schikaniert, vertrieben, ermordet, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 27.1.2018

Stefan Kern (Red.), 11 Zeichen für Menschlichkeit und Würde, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 26.4.2018

N.N. (Red.), Stolpersteine in Schriesheim. Lore Tobias erlebt mit 89 Jahren Verlegung des eigenen Steins, in: Rhein-Neckar-Zeitung" vom 6.7.2018

N.N. (Red.), Auch Dossenheim erhält nun Stolpersteine, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 10.1.2019

Günther Grosch (Red.), Gedenkbuch über Schriesheimer Opfer vorgestellt, in: „Rhein-Necker-Zeitung“ vom 2.4.2019

Joachim Maier, Die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung und „Euthanasie“ aus Schriesheim, Hrg. Stadt Schriesheim 2019