Otterstadt (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für otterstadt karte postleitzahl Otterstadt mit derzeit ca. 3.300 Einwohnern ist heute ein Teil der Verbandsgemeinde Rheinauen im Rhein-Pfalz-Kreis - ca. zehn Kilometer nördlich von Speyer gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Erstmals war von Juden im linksrheinischen Dorfe Otterstadt in Gerichtsakten der 1680er Jahre die Rede. Dem St. Guido-Stift, das in Otterstadt die Grundherrschaft ausübte, mussten die hier lebenden Familien ein jährliches „Judenschutzgeld“ zahlen. Bis in die 1770er Jahre war drei oder vier jüdischen Familien ein Recht auf Ansiedlung in Otterstadt verbrieft worden. Eine selbstständige Kultusgemeinde, die dann auch die Glaubensgenossen aus Waldsee einschloss, gründete sich aber erst in den 1850er Jahren - zu einer Zeit, als die Zahl der Juden in Otterstadt ihren Höchststand erreichte.

Im rückwärtigen Teil eines Wohnhaus in der Untergasse war der Synagogenraum untergebracht; hier befand sich auch die Wohnung des Religionslehrers und Vorbeters. In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts existierte auch zeitweilig eine jüdische Elementarschule; später besuchten die jüdischen Kinder die allgemeine Dorfschule. Ein außerhalb des Dorfes stehendes Badehäuschen ersetzte mehrere ältere Kellerquellenbäder.

Das Mitte der 1820er Jahre in Nutzung genommene Friedhofsgelände „Im Stickelspfad“ war gemeinsam von Familien aus Otterstadt, Rheingönheim, Schifferstadt und Neuhofen erworben worden. Es wurde mehrfach erweitert (1840 und 1869) und diente den Juden aus den genannten Ortschaften als letzte Ruhestätte. Vor der Anlage einer eigenen Begräbnisstätte in Otterstadt mussten Verstorbene auf dem Friedhof in Wachenheim begraben werden; der Totenwagen hatte dazu einen mehrere Stunden dauernden, beschwerlichen Weg zurückzulegen.

Juden in Otterstadt:

        --- 1736 .......................... 12 Juden,

    --- 1778 .......................... 17   “  (in drei Familien),

    --- 1801 .......................... 26   “  (ca. 6% d. Dorfbev.),

    --- 1808 .......................... 42   “  ,

    --- 1825 .......................... 46   “  ,

    --- 1850 .......................... 79   “  ,

    --- 1861 .......................... 74   “  ,

    --- 1875 .......................... 42   “  ,

    --- 1890 .......................... 31   “  ,

    --- 1905 .......................... 16   “  ,

    --- 1926 ..........................  7   “  ,

    --- 1930/33 .......................  3   “  ,

    --- 1939 ..........................  keine.

Angaben aus: Alfons Schreiner, Otterstadt - die Geschichte eines Dorfes, Otterstadt 1981, S. 296

Mitte des 19.Jahrhunderts verdienten die alteingesessenen jüdischen Familien Otterstadts ihren Lebensunterhalt als Metzger und Viehhändler, als Tabakhändler und als Makler. Nach der Jahrhundertmitte verließen mehrere jüdische Familien das Dorf, um in Nordamerika eine neue Existenz aufzubauen; andere verzogen in größere Städte der Region.

Um 1910 wurde die Synagoge aufgegeben, da die Zahl der Otterstadter Juden keinen Minjan mehr zuließ; 1926 wurde dann das inzwischen marode gewordene Gebäude verkauft. 

Die noch in Otterstadt und Waldsee verbliebenen Juden gehörten dann zunächst offiziell der israelitischen Gemeinde Neustadt a.d.Weinstraße, etwas später der Gemeinde von Speyer an.

1922 wurde der hochbetagte Abraham Weil, der 25 Jahre dem Gemeinderat Otterstadts angehört hatte, zum Ehrenbürger ernannt. Der letzte im Dorf verbliebene jüdische Bewohner war der „Handelsmann“ Moritz Weil, der im Laufe des Jahres 1938 nach Neustadt verzog. Zur Zeit des Novemberpogroms von 1938 lebten bereits keine Juden mehr in Otterstadt.

Einziges Zeugnis dafür, dass in Otterstadt einst Juden gelebt haben, ist das ca. 950 m² große, mit einer Btruchsteinmauer umgebene Friedhofsareal mit seinen ca. 200 Grabsteinen; es war in den 1960er Jahren wieder instandgesetzt worden.

 

Vor der Friedhofsmauer und Teilansicht des Friedhofgeländes (beide Aufn. J. Hahn, 2004)

Zu den bekanntesten aus Otterstadt stammenden Juden zählen die Gebrüder Emil, Hermann und Isidor Weil, die in den 1880er Jahren in Alabama/USA einen der größten Baumwollkonzerne ("Weil-Brothers Cotton) aufgebaut hatten.

  Isidor Weil (1856-1936)

Weitere Informationen:

Alfons Schreiner, Juden zu Otterstadt im 19. und 20.Jahrhundert, in: Otterstadt - die Geschichte eines Dorfes, Otterstadt 1981, S. 292 - 296

Bernhard Kukatzki (Red.), Der jüdische Friedhof in Otterstadt, in: SACHOR - Beiträge zur jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, 4.Jg., 1994, Heft 7, S. 42 - 50

Bernhard Kukatzki (Red.), Das jüdische Ritualbad in Otterstadt, in: SACHOR – Beiträge zur jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz,4. Jh., 1994, Heft 8, S. 51/52

Horst Kuhn, Otterstadt meine Heimat, Otterstadt 1994, S. 131 - 136

Volker Reinle-Carayon, Dreihundert Jahre Judentum in Otterstadt: eine lebendige Gemeinschaft mit Synagoge, Judenbädern und Friedhof, in: ‘Der Pilger’ 151/1998

Bernhard Kukatzki, „Die Otterstadter Judengemeinde, eine der ältesten, älter als die Speyer ist”. Zur Geschichte der Israelitischen Kultusgemeinde Otterstadt-Waldsee 1684 - 1940, Schifferstadt 1998

Bernhard Kukatzki, Zur Geschichte der Juden in Otterstadt und Waldsee 1548 - 1940, in: Heimatjahrbuch des Landkreises Ludwigshafen 15/1999, S. 23 - 29

Bernhard Kukatzki, Der jüdische Friedhof in Otterstadt (Fotodokumentation)

Otterstadt mit Waldsee, in: alemannia-judaica.de

Irmtrud Dorweiler, Otterstadt - Portrait eines Dorfes. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, o.O. 2004

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 309/310

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute. Unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 134