Olmütz (Mähren)

http://www.a64.cz/tournaments/olomouc2011/pic/mapa_cr.gif    Olmütz entwickelte sich aus einem Sitz einer Adelsfamilie zu einer Stadt und war bis ins 17.Jahrhundert bedeutendste Stadt in Mähren. Nach dem Dreißigjährigen Krieg verlor das stark zerstörte und entvölkerte Olmütz den Status der mährischen Hauptstadt und trat diesen nun an Brünn/Brno ab. Derzeit besitzt das tsch. Olomouc etwa 100.000 Einwohner (Karte: Quelle ?).

Olmütz (Jidd. Olmitze) gehörte zu den bedeutendsten jüdischen Zentren in Mähren.

Erste urkundliche Hinweise auf eine mögliche Anwesenheit von Juden in Olmütz stammen bereits aus dem 10.Jahrhundert; so finden im „Raffelstetter Zollvertrag” (906) Juden Erwähnung. Die Anwesenheit jüdischer Handels- und Kaufleute kann aber mindestens seit dem 11. Jahrhundert vorausgesetzt werden. Um 1140 berichtete der Reisende Isaak ben Dorbolo über das Olmützer „Judenquartier“. Die jüdischen Bewohner wohnten unter den Christen in den Vorstädten und in Olmütz selbst; ihr erstes Bethaus soll sich am Fuße des Juliusberges befunden haben.

Seit der Zeit der Kreuzzüge brach auch für die Olmützer Juden eine Zeit des Leidens an; ihre Lage besserte sich erst im 13.Jahrhundert, als Privilegienbriefe des regierenden Herrschers Rudolf I. ihnen 1278 Schutz und Sicherheit garantierten. Innerhalb der Stadt lebten sie in der „Judengasse“ - sie hieß später Bernhardinergasse - und bildeten hier eine geschlossene Gemeinschaft, zumeist abgeschottet von der christlichen Bevölkerungsmehrheit. Ihre Tätigkeit beschränkte sich damals vor allem auf das Pfand- und Geldgeschäft. Dem mährischen Markgrafen waren sie zur Leistung einer kollektiven Jahressteuer verpflichtet. Das Auftreten des Franziskanermönches Johannes von Capistrano führte in Olmütz 1454 zur Vertreibung der hier lange ansässigen Juden durch den König Ladislaus; ihre bewegliche Habe durften sie mitnehmen. Die Stadt erhielt die Judenhäuser, den Friedhof und die Synagoge, an deren Stelle eine Kapelle errichtet wurde.

Bis ins 19.Jahrhundert hinein durften sich Juden nicht in Olmütz niederlassen; nur gegen Zahlung einer entsprechenden Gebühr, der sog. Leibmaut, war ihnen erlaubt, die Vorstädte von Olmütz an zwei Tagen der Woche zwecks Handels zu betreten. Nur sehr wenigen jüdischen Familien durften vor 1848 in Olmütz wohnen.

Olomouc 1731-1732 Anonym Veduta.jpg 

Blick auf Olmütz - Stahlstich von ca. 1830 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zogen vermehrt Juden nach Olmütz. Lebten 1857 nur 72 Juden in der Stadt, waren es zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits mehr als 1.600; das entsprach 7,7 % der Gesamtbevölkerung; gleichzeitig sank ihre Anzahl in den kleineren umliegenden Ortschaften. Obwohl sich manche Juden eher als Österreicher, Deutsche oder Tschechen fühlten, waren die meisten bestrebt, ihre jüdische Identität zu wahren. So wurde 1863 in Olmütz ein jüdisches Bethaus in einem Privathause (zunächst in der Littauer- bzw. in der Böhmergasse) eingerichtet, zwei Jahre später ein jüdischer Kultusverein ins Leben gerufen. Die Kultusgemeinde Olmütz wurde erst 1891 offiziell gegründet; ihr erster Rabbiner war Dr. Berthold Oppenheim.

Zwei Jahre nach der Gründung der Gemeinde wurde mit dem Bau einer Synagoge auf dem neuentstehenden Theresienplatz begonnen (Anm. Ermöglicht wurde der Neubau erst dadurch, dass 1892 die mittelalterlichen Stadtmauern abgetragen wurden, um Platz für weitere städtische Bebauung zu schaffen). Die im (damals modernen) orientalisch-byzantinischen Stil errichtete Synagoge wurde 1897 fertiggestellt und im April desselben Jahres feierlich eingeweiht. Der imposante, fast 40 Meter hohe Bau mit seinen 440 Männer- und 300 Frauenplätzen war ein Werk des Wiener Architekten Jakob Gartner (1861–1921).

 Die Synagoge von Olmütz – hist. Postkarte (Abb. aus: wikipedia.org, GFDL)

 

Synagoga Olomouc interier.jpg Synagoge in Olmütz (hist. Aufn. - Ausschnitt aus Postkarte, um 1900 - Innenansicht, aus: wikimedia.org)

Juden nahmen regen Anteil am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt, was auch zahlreiche jüdische Vereine belegen; so bildete sich in Olmütz in den 1890er Jahren eine zionistische Gruppe, der „Verein Zion“; die Ideen des Zionismus wurden u. a. auch vom studentischen Ferienverein „Geullah“ und vom Jugendbund „Blau-Weili“ vertreten. 1897 fand in Olmütz der erste österreichische Zionistentag statt, zu dem zahlreiche Teilnehmer aus der gesamten habsburgischer Monarchie zusammenkamen.

Seit 1867 verfügte die Olmützer Judenschaft über ein eigenes Friedhofsgelände in der Nähe der christlichen Friedhöfe; kurz nach der Jahrhundertwende wurde ein neues Beerdigungsareal - unweit der älteren Friedhöfe - eingeweiht; auf der jüdischen Abteilung wurde eine Zeremonienhalle im neugotischen Stil erbaut.

Juden in Olmütz:

    --- 1857 .............................     72 Juden,

    --- 1869 .............................    747   “  ,

    --- 1880 .............................  1.254   “   (6,2% d. Bevölk.),

    --- 1890 .............................  1.306   “  ,

    --- 1900 .............................  1.676   “  ,

    --- um 1928 ..........................  2.400   “  ,*

    --- 1933 .............................  2.198   “  ,

    --- 1941 (Okt.) .................. ca.  4.000   “  ,**

    --- 1945 ......................... ca.    360 ‘Halbjuden’,

    --- 1959 ......................... ca.    450 Juden,***

    --- um 1990 ...................... ca.     60   "  ,

    --- 2012 ......................... ca.    150   "  .

* Jüd. Gemeinde einschließlich der Bezirke Olmütz, Sternberg und Bärn.

** Der Kultusgemeinde waren bei weitem nicht alle Juden angeschlossen

*** einschl. Sumperk, Usov, Kojetin, Prerov, Lipnik, Hranice, Jevicko and Prostejov.

Angaben aus: Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik ..., S. 58

und                 Berthold Oppenheim, Geschichte der Juden in Olmütz

Historical view of Olomouc.jpg Olmütz um 1900 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Während des Ersten Weltkrieges wurde die Stadt zum Zufluchtsort für Hunderte von geflüchteten Juden aus Galizien. Innerhalb von 50 Jahren entwickelte sich die jüdische Gemeinde Olmütz zur drittgrößten in Mähren. Zwar betrug 1930 der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung von Olmütz nur knapp 5%, doch war ihr wirtschaftlicher und gesamtgesellschaftlicher Einfluss wesentlich ausgeprägter. Zahlreiche jüdische Unternehmen waren - neben dem Groß- und Kleinhandel - vor allem im Bereich der Lebensmittelindustrie und im Baugewerbe angesiedelt.

http://static3.akpool.de/images/cards/112/1124577.jpg Stadtzentrum von Olmütz (Aufn. um 1935)

Nach dem sog. „Münchner Abkommen” von 1938 schnellte die Zahl jüdischer Einwohner in Olmütz in die Höhe, da jüdische Familien aus den okkupierten nordmährischen und schlesischen Grenzgebieten hier Zuflucht suchten. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die „Rest-Tschechei” 1938 begann auch in Olmütz der Niedergang der jüdischen Gemeinde. Bereits in der Nacht zum 15.März 1939 brannten deutsche und tschechische Faschisten die Olmützer Synagoge nieder. Die Ruine wurde im Winter 1939/1940 beseitigt.

  Brennende Synagoge in Olmütz (Stadtarchiv)

Weitere antijüdische Maßnahmen schlossen sich an. Tschechische Faschisten setzten bereits Ende März 1939 die Kennzeichnung jüdischer Geschäfte und Betriebe durch und trieben die gesetzlich durch die Protektoratsregierung angeordnete „Arisierung“ jüdischen Vermögens voran. Zusammen mit der Okkupationsmacht erstellten die städtischen Behörden in Olmütz Listen jüdischer Unternehmen und Gewerbebetriebe.

Bei Kriegsbeginn wurden zahlreiche NS-Gegner von der Gestapo verhaftet, neben Repräsentanten des öffentlichen tschechischen Lebens auch viele Juden. Im Laufe des Jahres 1942 begannen dann in Olmütz - wie in ganz Mittelmähren - die Deportationen. Als Sammelpunkt für die Deportation nach Theresienstadt diente ein Schulgebäude in Hodolany. In fünf Transporten - am 26.Juni 1942, am 30.Juni 1942, am 4.Juli 1942, am 8.Juli 1942 und am 7.März 1945 - wurden insgesamt 3.498 Einwohner der Stadt und Umgebung in das Ghetto Theresienstadt und später in die Vernichtungslager im besetzten Polen deportiert. Etwa 1.500 Juden aus Olmütz wurden Opfer der „Endlösung“.

Nach Kriegsende kehrten nur knapp 200 Juden nach Olmütz zurück; auf ihre Initiative hin wurde jüdisches Gemeindeleben wieder begründet, ein Bethaus eingerichtet und eine Chewra Kadischa geschaffen. Jüdische Bewohner der früheren Gemeinden von Mährisch-Schönberg, Mährisch-Weißkirchen, Leipnik u.a. wurden der neuen Olmützer Kultusgemeinde angeschlossen, sodass diese Mitte der 1950er Jahre insgesamt über ca. 400 Personen zählte. Wegen Überalterung und Abwanderung zahlreicher Gemeindemitglieder löste sich die Olmützer Kultusgemeinde auf, die noch wenigen verbliebenen der Gemeinde von Ostrau angeschlossen.

Während vom ehemaligen alten jüdischen Friedhof keine sichtbaren Spuren mehr vorhanden sind (zerstört 1940), haben die Grabstätten auf der „jüdischen Abteilung“ des kommunalen Friedhofs im Stadtteil Neredin die Jahrzehnte überdauert. Auf der gepflegten Friedhofsanlage bildet die im Stile der Neugotik gestaltete Trauerhalle den Mittelpunkt. Ein Mahnmal erinnert an die „jüdischen Märtyrer“, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden sind.

           Obřadní síň židovského hřbitova 

          Trauerhalle und Mahnmal auf dem jüdischen Friedhofsgelände (Aufn. aus: kehila-olomouc.cz)

Die demokratischen Veränderungen nach 1989 belebten auch in Olmütz erneut das jüdische Kultusleben; 1991 wurde wieder eine neue selbstständige Gemeinde ins Leben gerufen; ihr gehören die Bezirke Mährisch Schönberg, Freiwaldau, Freudenthal und Prerau an. 2012 setzte sich die Kultusgemeinde aus ca. 150 Angehörigen zusammen.

           Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge Olmütz (R. Wieczorek, aus: davidkultur.at)

Im Frühjahr 1990 wurde nahe des Standortes der niedergebrannten Synagoge eine Gedenktafel enthüllt.

Gedenktafel (Aufn. Darwinek, 2009, aus: wikipedia.org)

Die noch vor der Zerstörung der Synagoge in Sicherheit gebrachten kunstvollen Bleiglasfenster sind seit kurzem der Öffentlichkeit wieder zugänglich. Eines der Fenster trägt den Namen des ersten Olmützer Rabbiners, Dr. Berthold Oppenheim, der fast fünf Jahrzehnte an der Spitze der Gemeinde stand und 1942 in Treblinka ermordet wurde.

Olomouc gehört zu den Städten in Tschechien, in denen eine große Anzahl sog. „Stolpersteine“ verlegt worden ist. Inzwischen findet man in den Gehwegen der Stadt mehr als 150 solcher Steine (Stand 2018).

Stolperstein für Hana Böhmerová.JPG Stolperstein für Fränzi Batscha.JPG Stolperstein für Erich Hikl.JPG Stolperstein für Anna Götzlingerová.JPG Stolperstein für Felix Götzlinger.JPG Stolperstein für Jiri Munk.JPG Stolperstein für Filip Lichtenstein.JPG Stolperstein für Heinz Triescher.JPG Stolperstein für Jiri Spitz.JPG Stolperstein für Alfred Lichtenstein.JPG Stolperstein für Herta Kaufmannová.JPG  

"Stolpersteine", die an Kinder/Jugendliche erinnern (Aufn. Chr. Michelides, 2016, aus: commons.wikimedia.org CC BY-SA 4.0)

 

In Sternberg, auch Mährisch-Sternberg (tsch. Šternberk) - etwa 15 Kilometer nördlich von Olmütz gelegen - war bereits im späten Mittelalter eine jüdische Gemeinde beheimatet; 1577 wurden alle jüdische Bewohner vertrieben. Erst mehr als zwei Jahrhunderte später gründete sich eine neuzeitliche Gemeinde, die um 1880 etwa 130 Angehörige umfasste; Anfang der 1930er Jahre waren es nur noch etwa 60 Personen. Die meisten Textilfabriken, Bleichereien und Färbereien in Sternberg waren im Besitz jüdischer Familien.

                  Leinenwaarenfabrik Heeg & Friedmann“ (hist. Karte)

Mit der Annexion des Sudetenlandes verließ ein Teil der Sternberger Juden die Stadt; die zurückgebliebenen Juden wurden 1941/1942 deportiert; nur sehr wenige überlebten im Ghetto Theresienstadt.

 

In Prerau (tsch. Prerov) - südlich von Olmütz gelegen - sollen sich Juden schon im 14.Jahrhundert angesiedelt haben. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts stellten die ca. 340 jüdischen Bewohner etwa 8% der Einwohnerschaft der Kleinstadt.

[vgl. Prerau (Mähren)]

 

In Freiwaldau (tsch. Frywaldov, ab 1947 Jesenik) gründete sich im ausgehenden 19.Jahrhundert eine kleine israelitische Gemeinde; um 1930 setzte diese sich aus knapp 100 Angehörigen zusammen. Um 1900 erfolgte die Anlage eines eigenen Begräbnisplatzes; von diesem sind heute fast keine Spuren mehr sichtbar.

Weitere Informationen:

Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik unter besonderer Berücksichtigung des 19.Jahrhunderts, Brünn 1908

Berthold Oppenheim (Bearb.), Geschichte der Juden in Olmütz, in: H. Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart. Ein Sammelwerk, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 451 – 456

Walter Haage, Olmütz und die Juden, 1944

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 95 - 101

Ferdinand Seibt (Hrg.), Die Juden in den böhmischen Ländern - Vorträge der Tagung des Collegiums Carolinum in Bad Wiessee (November 1981), Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1983

Wilma Iggers (Hrg.), Die Juden in Böhmen und Mähren. Ein historisches Lesebuch, München 1986

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 1064 - 1067

J. Klenovský/M. Papoušek, Židovská obec v Olomouci. Historie, osobnosti, památky [Die jüdische Gemeinde in Olmütz. Geschichte, Personen, Denkmäler], Olomouc 1998

The Jewish Community of Olomouc (Olmütz), Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/olomouc

Alfred Eis, Die letzte Dekade der Juden in Olmütz, in: Olmützer Blätter 46/1998, S. 14/15

Josef Bartos, Die Arisierung jüdischen Vermögens in Olmütz im Jahre 1939, in: Theresienstädter Studien und Dokumente 2000, Academia - Theresienstädter Initiative, Prag 2000, S. 282 - 296

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2 + 3), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 2, S. 935 (Olmütz) und Vol. 3, S. 1244 (Sternberg)

Robert Kazimierz Wieczorek, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Olmütz (Olomouc), Diplomarbeit TU-Wien, 2011

Auflistung der in Olmütz (Olomouc) verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Stolpersteine_in_Olomouc

Elvira Grözinger (Red.), Jüdisches Leben in Mähren - Die geraubte Olmützer Thorarolle kehrt zurück, in: „Jüdische Rundschau – Unabhängige Monatszeitung“ vom 3.11.2017