Oedheim/Kocher (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Oedheim kocher baden-württemberg plz Oedheim ist eine heute aus zwei Ortsteilen bestehende Kommune mit ca. 6.000 Einwohnern im Landkreis Heilbronn (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Die kleine Ortschaft Oedheim stand mehrere Jahrhunderte unter der Herrschaft des Deutschen Ordens, bevor diese im Jahre 1806 an Württemberg fiel. Seit Ende des 17./Anfang des 18.Jahrhunderts lebten hier einzelne jüdische Familien. Ihre Ansiedlung war den wirtschaftlichen Interessen der Schutzherrschaft zuzuschreiben. Das Schloss in Oedheim gehörte nicht zum Ordensbesitz, sondern war im Besitz der Freiherren Capler (Bautz); auch diese nahmen um 1700 - und später - einige jüdische Familien auf, die im Bereich des zum Schloss gehörenden Vorhofes wohnten. Jahrelang waren Streitigkeiten zwischen den beiden Schutzherren um „ihre“ Juden zu verzeichnen. Ende des 18.Jahrhunderts nahm die Zahl der Juden in Oedheim beträchtlich zu. Ein erster Synagogenraum bestand bereits zu Beginn des 18.Jahrhunderts in einem Privathaus; dessen Nähe zur Dorfkirche und der Zuzug weiterer jüdischer Familien führte zu Konflikten mit der christlichen Ortsbevölkerung. Besonders der hiesige Pfarrer klagte, dass am Sabbat „continuirliches Judengeschrey” und „große Confusion” herrsche, wenn die Juden an der Kirche vorbei zu ihrer Synagoge zogen; auch wurde beklagt, dass auswärtige Juden am Sabbat in den Ort kämen. Die Herrschaft verwies aber darauf, dass ein 1705 ausgestellter Schutzbrief die Einrichtung einer Synagoge erlaubt hatte.

Seit 1827 befanden sich der Betsaal und ein rituelles Bad auf dem Gartengrundstück des damaligen „Judenvorstehers“ Lazarus Stern. Trotz des Anschlusses an die jüdische Gemeinde Kochendorf (1832) konnten die Oedheimer Juden ihre eigenen Betsaal weiterhin benutzen. Mitte der 1840er Jahre erwarben die Gemeindeangehörigen ein älteres Gebäude in der Fahrgasse, das für die beiden folgenden Jahrzehnte Bet- und Schulraum beherbergte. Mitte der 1860er Jahre wurde das inzwischen marode gewordene Synagogengebäude in der Fahrgasse abgerissen und am gleichen Standort ein neues errichtet; ein rituelles Bad, ein Schulzimmer und die Wohnung des Vorsängers waren im Gebäude untergebracht. Nur mit größten Anstrengungen konnte die Finanzierung des Neubaus gesichert werden.

                                 Seitenansicht des Synagogengebäudes in Oedheim (hist. Aufn., um 1930)

Gemeinsam mit Neckarsulm und Kochendorf beschäftigte die Oedheimer Gemeinde einen Lehrer, der auch als Vorbeter und Schächter sein Amt versah.

 

Stellenangebote aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4.Dezember 1872 und vom 27.August 1891

Verstorbene Oedheimer Juden fanden zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Neckarsulm ihre letzte Ruhe; ab 1876 stand der Gemeinde ein am Ort liegendes Beerdigungsareal im „Batzenwald“ zur Verfügung. In der Zeitschrift „Der Israelit” vom 26.August 1876 hieß es dazu:

Oedheim am Kocher, 19. Juli   Heute am 17. Tammuz wurde hier der schön eingefriedete neue jüdische Begräbnißplatz durch den Bezirksrabbiner unter Theilnahme der christlichen und jüdischen Ortsbevölkerung, sowie der bürgerlichen Collegien, welche den Platz hiezu unentgeltlich verwilligt haben, feierlich eingeweiht. Bisher wurden die jüdischen Leichen im Neckarsulmer Friedhof beerdigt, der 1 1/2 Stunden entfernt ist, wobei zum Theil über schlechten Feldweg gefahren werden mußte. Von diesem Friedhofverband trennten sich schon vor mehreren Jahren noch etliche benachbarten Gemeinden Israels, so daß jetzt nur die wenigen Familien in diesen sehr alten Begräbnißplatz ihre Toten beerdigen, welche in der Stadt Neckarsulm selber noch ihren Wohnsitz haben. Der Boden ist aber auch vollkommen zum Leichenfeld geworden, daß nur noch wenige Gräber darin angelegt werden könnten. Die Trennung der Nachbargemeinden oder eine Vergrößerung war also nicht nur durch die Entfernung, sondern auch durch den Mangel an Gräberraum geboten, da bekanntlich die Israeliten ihre Leichen nicht wieder ausgraben. - ... Eigene Friedhöfe befinden sich jetzt nachbarlich in Sontheim mit Talheim und Horkheim, in Heilbronn, in Kochendorf, in Oedheim und in Neckarsulm. Der letztere dürfte auch dem besonderen Schutze des Gemeinderats in Neckarsulm empfohlen werden, um den geweihten Boden in Würde zu erhalten.

  Jüdischer Friedhof Oedheim (Aufn. K. Jähne, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die Kultusgemeinde Oedheim gehörte zum Rabbinatsbezirk Heilbronn.

Juden in Oedheim:

        --- 1737 ...........................  42 Juden,*

    --- 1752 ...........................   7 jüdische Familien,**

    --- um 1780 ........................  18     “       “    ,***

    --- 1802 ...........................  10     “       “    ,**

    --- 1806 ...........................  84 Juden,

    --- 1818 ...........................  95   “  ,

    --- 1843 ........................... 103   "  ,

    --- 1858 ........................... 117   “  ,

    --- 1869 ...........................  63   “  ,

    --- 1900 ...........................  38   “  ,

    --- 1910 ...........................  40   “  ,

    --- 1933 ...........................  16   “  ,

    --- 1941 ...........................   5   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ....................   keine.

*   unter Schutzherrschaft der Adelsfamilie von Bautz

** unter Schutzherrschaft des Deutschordens

*** unter Schutzherrschaft des Deutschordens und der Adelsfamilie von Bautz

Angaben aus: W.Angerbauer/H.G.Frank, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn, S. 191

Ihren Lebensunterhalt verdienten die in Oedheim lebenden Juden zu Beginn des 19.Jahrhunderts im Vieh- und Hausierhandel, was zumeist nur ein ärmliches Leben zuließ. Wie in anderen südwestdeutschen Orten kam es im März 1848 auch in Oedheim zu antijüdischen Ausschreitungen. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts hatte die jüdische Gemeinde Oedheim ihren zahlenmäßigen Höchststand erreicht; von da an ging die Zahl ihrer Angehörigen durch Ab- und Auswanderung stetig zurück; so wurde die Abhaltung von Gottesdiensten auf Grund des fehlenden Minjan immer schwieriger. Die Gemeinde wurde schließlich um 1930 aufgelöst.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch wenige jüdische Familien im Ort. Während des Novemberpogroms von 1938 wurde der jüdische Begräbnisplatz schwer verwüstet. Eine noch am Ort lebende Familie wurde schwer misshandelt, ihre Wohnung demoliert. Das Synagogen- und Friedhofsgelände gingen 1940 in den Besitz der Kommune über. Von 16 noch zu Beginn 1933 in Oedheim wohnenden Juden konnten elf noch rechtzeitig emigrieren. Im August 1942 wurden die letzten fünf jüdischen Bewohner Oedheims nach Theresienstadt deportiert; keiner soll überlebt haben.

In den 1960er Jahren wurde das ehemalige Synagogengebäude zu einem Zweifamilienhaus umgebaut; eine Gedenktafel o.ä. vermisst man bisher.

Seit 2013 findet man in den Straßen Oedheims die ersten elf sog. „Stolpersteine“; während einige Steine an die jüdischen NS-Opfer erinnern, sind andere (nicht-jüdischen) Opfern der "Euthanasie" gewidmet.

                 „Stolpersteine“ für die Familie Mergentheimer, Neuenstadter Straße (Aufn. Th. Seitz, 2013)

Weitere Informationen:

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966, S. 144 - 146

W.Angerbauer/H.G.Frank, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn. Geschichte - Schicksale - Dokumente, in: Schriftenreihe des Landkreises Heilbronn, Band 1, Hrg. Landkreis Heilbronn, 1986, S. 186 - 194

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 247 f.

Frowald G.Hüttenmeister (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Oedheim, unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1991

Oedheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 362 – 365

N.N. (Red.), Buchstaben zeugen von jüdischem Leben, in: „Heilbronner Stimme“ vom 4.8.2011

Ute Plückthun (Red.), Stolpern mit Kopf und Herz, in: „Heilbronner Stimme“ vom 16.3.2013

Thomas Seitz (Hrg.), Stolpersteine in Oedheim. Dokumentation eines Projektes der Kolpingsfamilie Oedheim, in: Oedheimer Hefte. Beiträge zur Oedheimer und Degmarner Geschichte 13/2013

Auflistung der in Oedheim verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Oedheim