Oberhausen (Nordrhein-Westfalen)

Bildergebnis für oberhausen ruhrgebiet landkarte Oberhausen ist eine Großstadt mit derzeit mehr als 210.000 Einwohnern – gelegen im westlichen Teil des Ruhrgebietes; zu Oberhausen gehören die früheren selbstständigen Kommunen Oberhausen, Osterfeld und Sterkrade (Karte aus: oberhausen-tourismus.de).

Oberhausen war seit Mitte des 19.Jahrhunderts eine schnell wachsende Industriestadt, in die in den 1850er Jahren auch die ersten jüdischen Familien zogen; zumeist arbeiteten sie als Händler und Metzger. Alle diese Familien gehörten anfänglich der Mülheimer Synagogengemeinde an. Doch mit dem enormen Zuzug strebten die Oberhausener Juden nach Gründung einer eigenen Gemeinde. Der Kauf eines Grundstückes für ihre künftige Synagoge sollte diesen Prozess beschleunigen. Aber erst 1893 bewilligte der Regierungspräsident die Bildung einer eigenen Gemeinde in Oberhausen. Die Baugenehmigung für eine Synagoge folgte wenige Jahre später; Mitte März 1899 konnte das Gebäude in der Friedenstraße eingeweiht werden.

Aus der „Rhein-Ruhr-Zeitung” vom 19.3.1899:

Oberhausen, 18.März. Für die hiesige israelitische Gemeinde bildete der gestrige Tag einen hohen Feiertag: die Einweihung der Synagoge in der Friedenstraße. Zahlreich hatten sich die Gemeindemitglieder und die Ehrengäste im Vorhof der Synagoge eingefunden, deren nächste Umgebung reich geflaggt hatte. Nach einem Prolog ... erfolgte die Überreichung der Schlüssel ... , worauf Herr Bürgermeister Wippermann namens der städtischen Verwaltung und der Bürgerschaft seine Glückwünsche zu dem Fest aussprach und das Gotteshaus dem Schutze der Gemeinde übergab. Hierauf öffnete der Rabbiner Dr. Frank aus Köln die Thür, und die Gemeinde zog unter dem Gesang des Synagogenchors ‘Hoch thut euch auf ihr Tore der Welt’ in die Synagoge ein. ... Für die Gemeinde bildet die Fertigstellung des Gotteshauses die Erfüllung eines langgehegten Wunsches und tief empfundenen Bedürfnisses, mußten doch die Andachten bisher in einem Wirtshaussaal abgehalten werden.

Begräbnisse verstorbener Juden fanden zunächst auf dem ehem. Kommunalfriedhof „Am Kaisergarten“ statt. Ab 1920/1922 wurde der neue Friedhof in Lirich (Emscherstraße) genutzt; auf dieses Areal versetzte man auch Gräber des alten Beerdigungsplatzes.

 Jüdischer Friedhof in Lirich (Aufn. 2013, aus: kulturreise-ideen.de)

Zur Kultusgemeinde Oberhausen gehörten seit 1910 auch die Juden von Alstaden, Styrum und Dümpten.

Juden in Oberhausen:

                              --- 1853 ............................ eine jüdische Familie,*

    --- 1855 .............................  12     “       “   n,*

    --- um 1865 ..........................  12     “       “    ,*    * Alt-Oberhausen

    --- um 1895 ...................... ca. 200 Juden,

    --- 1933 (April) ..................... 581   “  ,

    --- 1937 ............................. 267   “  ,

    --- 1939 (Juli) ...................... 135   "  .   

Angaben aus: Ursprünge u. Entwicklungen der Stadt Oberhausen - Quellen u. Forschungen zu ihrer Geschichte, Bd. 4

Zu Beginn der NS-Zeit gab es in Oberhausen - einschließlich Sterkrade und Osterfeld - mehr als 100 von Juden betriebene Geschäfte, jüdische Gewerbetreibende und Freiberufler.

Bereits ein Jahr vor der NS-Machtübernahme kam es in Oberhausen zu Gewalttätigkeiten gegen die jüdische Bevölkerung; so liefen im Mai 1932 SA-Angehörige durch die Straßen, warfen Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte ein und skandierten dabei „Juda verrecke!”. Einige Wochen vor dem reichsweiten Boykotttag am 1.April 1933 musste ein jüdisches Kaufhaus auf Druck der hiesigen SA-Führung seine Pforten schließen; die anderen jüdischen Geschäftsleute wurden durch Hetzkampagnen eingeschüchtert. Ende März besetzten SA- und SS-Angehörige einige Geschäfte und forderten die Anwesenden auf, nicht mehr in jüdischen Läden einzukaufen.

Aus der „Nationalzeitung” vom 29.März 1933:

"... Die Bluthetze des jüdischen Großkapitals im Ausland gegen unsere deutschen Volksgenossen rief gestern spontan die gesamte christliche Bevölkerung Oberhausens auf den Plan. In den frühen Morgenstunden nahmen empörte Volksgenossen vor den jüdischen Geschäften Aufstellung und forderten die Bevölkerung auf, keine Einkäufe in jüdischen Geschäften zu tätigen. Gegen mittag schlossen die Juden automatisch und freiwillig ihre Läden. ..."

Diese Kampagne wurde am 1.April fortgesetzt und blieb nicht ohne Wirkung. Bereits in den Jahren 1933/1934 gaben mehr als 40 Unternehmen auf. Im Sommer 1935 steigerte sich erneut die antijüdische Propaganda, der sich in der Oberhausener Lokalpresse nun zunehmend auch „arische“ Geschäftsleute anschlossen. Gleichzeitig wurden Listen jüdischer Geschäfte veröffentlicht, die von den Oberhausener „Volksgenossen“ boykottiert werden sollten. Wegen des sich verstärkenden wirtschaftlichen Drucks folgten weitere Geschäftsaufgaben. Ende 1937 waren mehr als 70% der jüdischen Firmen liquidiert bzw. „arisiert“.

Die erste Deportation im Oktober 1938 betraf mindestens 40 in Oberhausen lebende polnische Juden. Vorläufiger Höhepunkt der antijüdischen Maßnahmen war auch in Oberhausen der Novemberpogrom von 1938. Meist in Zivil gekleidete SA- und SS-Angehörige zerstörten in der Nacht vom 9./10.November systematisch jüdische Geschäfte und Wohnungen in Oberhausen. Sie brannten die Synagogen in Oberhausen und Holten nieder und bedrohten und misshandelten jüdische Bürger; einige von ihnen wurden „in Schutzhaft“ genommen.

Der „Generalanzeiger für Oberhausen” berichtete in seiner Ausgabe am 11.11.1938:

... In den frühen Morgenstunden des gestrigen Donnerstag ging die Synagoge in der Friedenstraße in Flammen auf und brannte bis auf die Grundmauern nieder, die alarmierte Feuerlöschpolizei sorgte für den Schutz der angrenzenden Häuser. Die Empörung der Oberhausener Volksgenossen richtete sich dann weiter gegen die jüdischen Geschäftshäuser, von denen einige - wie z.B. das Kaufhaus Herrmanns in der Friedrich-Karl-Straße und das derselben Firma gehörende Eckhaus am Altmarkt - durch Feuer mehr oder weniger stark zerstört wurde. In anderen jüdischen Geschäftshäusern wurden die Fensterscheiben zertrümmert und die Auslagen durcheinandergeworfen, auch sind die Privatwohnungen von Oberhausener Judenfamilien in Mitleidenschaft gezogen worden. ... Im Laufe des Tages sind die meisten männlichen Mitglieder der in Oberhausen wohnenden jüdischen Familien in Schutzhaft genommen worden.

Drei Wochen nach der Zerstörung der Oberhausener Synagoge wurde die Ruine abgebrochen.

1940 wurde das Synagogengrundstück versteigert; heute befindet sich ein Wohnhaus auf dem Grundstück.

Auch die letzten noch in jüdischem Besitz befindlichen Unternehmen waren bis Ende 1938 „arisiert“. Knapp 300 Juden konnten zwischen 1933 und 1940 emigrieren. Im Laufe des Jahres 1939 wurden die noch in Oberhausen lebenden Juden von den NS-Behörden in einem „Judenhaus“ - einem ehemaligen Möbelgeschäft - einquartiert. Männer mussten ab Frühjahr 1940 Zwangsarbeit im Garten- und Friedhofsamt leisten. Mehr als 200 jüdische Bürger wurden - auf mehrere Transporte verteilt - aus Oberhausen deportiert; Ziele waren das Ghetto Lodz, Izbica bei Lublin und Theresienstadt.

In der Friedenstraße erinnert heute eine Gedenktafel an den ehemaligen Standort der Synagoge; unter dem Relief der Vorderfront des ehemaligen Synagogengebäudes wird an das jüdische Gotteshaus und dessen Zerstörung mit den folgenden Worten erinnert: "Hier stand von 1899 bis 1938 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Oberhausen. Sie wurde in der Nacht 9./10.November 1938 von den Nationalsozialisten niedergebrannt. Den Verfolgten zum Gedenken"

1968 schloss sich die Jüdische Kultusgemeinde Oberhausen der schon seit 1955 bestehenden „Kultusgemeinde Mülheim-Duisburg” an. Die Einheitsgemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen setzte sich 1999 aus etwa 1.600 Mitgliedern zusammen, vor allem aus Zuwanderern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Der Neubau eines Gemeindezentrums wurde in Duisburg realisiert.

Seit 2005 gibt es in Oberhausen die Liberale Jüdische Gemeinde Ruhrgebiet „Perusch“, die z.Zt. ca. 100 Mitglieder besitzt.

Rabbinerin Natalia Verzhbovska mit der Thorarolle. Als erstes weibliches Oberhaupt einer jüdischen Gemeinde in NRW seit 1945 leitet Natalia Verzhbovska, eine gebürtige Ukrainerin (geb. 1968 in Kiew), seit 2015 die Geschicke der Gemeinde; gleichzeitig betreut sie auch die liberalen Gemeinden in Unna und Köln (Aufn. Tobias Barniske, 2016, aus: kirche-und-leben.de)

In den Straßen Oberhausens sind bislang ca. 190 sog. „Stolpersteine“ verlegt worden (Stand: 2017).

verlegt in der Wörthstr. und der Saarstr.


verlegt in der Helmholtzstr. und Stöckmannstr. (alle Aufn. Valentin Buick, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Eine zweite Synagoge stand in Oberhausen-Holten in der Kirchstraße, der heutigen Mechthildisstraße; sie wurde während des November-Pogroms von 1938 schwer beschädigt. Heute wird das Gebäude als Wohnhaus genutzt. 

Die Juden in Sterkrade - vermutlich ab den 1830er Jahren hier ansässig - verfügten über keine eigene Synagoge; an Festtagen besuchten sie die Synagoge von Hamborn oder Holten; sonst hielt die kleine jüdische Gemeinschaft ihre Sabbat-Gottesdienste in einem Privathause ab. Seit Ende des Ersten Weltkrieges gab es einen jüdischen Friedhof in der Wittestraße; er war Teil des katholischen Friedhofs. Ende der 1920er Jahre sollen in Sterkrade ca. 110 Bürger jüdischen Glaubens gelebt haben.

[vgl. Holten-Sterkrade (Nordrhein-Westfalen)]

Weitere Informationen:

Erik Emig, Jahre des Terrors. Der Nationalsozialismus in Oberhausen. Gedenkbuch für die Opfer des Faschismus, Oberhausen 1967

Gabriele Mrugulla, Studie zur Geschichte der Juden in Oberhausen, Schriftliche Hausarbeit für das Lehramt der Sek.II, Gesamthochschule Duisburg, 1984

Stadt Oberhausen (Hrg.), Der 9.November 1938 in Oberhausen. Eine Dokumentation, Oberhausen 1988

Martina Franzke, Die “Arisierung” jüdischen Eigentums im nationalsozialistischen Deutschland 1933 - 1945. Am Beispiel der Stadt Oberhausen, Diplomarbeit im Fach Sozialwissenschaften, GH Duisburg 1991

Benno Reicher, Jüdische Geschichte und Kultur in NRW - ein Handbuch, in: Kulturhandbücher NRW, Band 4, S. 218 - 222, Hrg. Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit in NRW, 1993

Ursprünge und Entwicklungen der Stadt Oberhausen - Quellen und Forschungen zu ihrer Geschichte, Band 4, Hrg. Historische Gesellschaft Oberhausen e.V., Verlag Karl Maria Laufen, Oberhausen 1994, S. 15 - 119

Ludger Heid, Jüdische Arbeiterfürsorgeämter im rheinisch-westfälischen Industriegebiet 1919 - 1927, in: Duisburger Forschungen, Band 43, Duisburg 1997, S. 287 - 310

Michael Zimmermann (Hrg.), Geschichte der Juden im Rheinland und in Westfalen, in: Schriften zur politischen Landeskunde Band 11, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen, Kohlhammer Verlag GmbH, Köln/Stuttgart/Berlin 1998

Ludger Heid, Arbeit und Alltag ostjüdischer Arbeiter im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, in: Kirsten Menneken/Andrea Zupancic (Hrg.), Jüdisches Leben in Westfalen, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 132 - 142

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 407 - 409

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, J.P. Bachem Verlag, Köln 2000, S. 240 – 255

Geschichtswerkstatt Oberhausen (Bearb.), „Verkauft – verjagt – vergessen“. Die „Arisierung jüdischen Eigentums am Beispiel der Oberhausener Marktstraße, Dokumentarfilm, 2009

Katrin Dönges, Zerstörte Zukunft: Die Deportation der Oberhausener Juden nach dem Pogrom, in: „Fokus Stadtgesellschaft: Studien der Gedenkhalle Oberhausen“, Band 1/2013

Erste Rabbinerin in NRW – Frau leitet jüdische Gemeinde in Oberhausen, in: wdr.de vom 15.9.2015

Stolpersteine“ erinnern an NS-Opfer, in: „Westdeutsche Allgemeine Zeitung – WAZ“ vom 15.3.2017

Auflistung der im Stadtgebiet von Oberhausen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Oberhausen