Neustadt (Oberschlesien)

Neustadt, am Fuße einer Burg gegründet, war seit 1742 preußisch. Es ist das heutige polnische Prudnik - unweit der Grenze zu Tschechien gelegen.

Schon Ende des späten Mittelalters wohnten in Neustadt Juden; sie waren im Zusammenhang der Pestpogrome aus dem Westen hier zugewandert. In den ersten Jahrzehnten des 16.Jahrhunderts sollen hier ca. 25 Familien gelebt haben. Aus den 1540er Jahren sind die Existenz einer Synagoge und die Anlage eines eigenen Friedhofs nachgewiesen. Von den Vertreibungen aus Schlesien waren auch die Juden von Neustadt betroffen, so Ende der 1560er Jahre - veranlasst durch ein Edikt des Kaisers Ferdinand I. Fast drei Jahrhunderte lang siedelten sich keine Juden mehr dauerhaft in Neustadt an.

Neustadt OS, um 1810 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts - im Gefolge der sich in der Stadt entwickelnden Textilindustrie - zogen erneut Juden zu, was alsbald zu einer Gemeindebildung führte; offiziell konstituierte sich die Kultusgemeinde 1854.

Etwa 15 Jahre nach der Einweihung eines neuen Friedhofs (um 1860) wurde in Neustadt eine Synagoge errichtet (1877); das Gebäude wurde vom einheimischen Textilfabrikanten Samuel Fränkel finanziert, dessen Unternehmen größter Arbeitsgeber in der Stadt war.

      Synagoge in Neustadt (hist. Postkarte um 1910, aus: wikipedia.org, CCO)

Juden in Neustadt/OS:

        --- um 1530 ................. ca.  25 jüdische Familien,

    --- 1812 ........................   2     “       “    ,

    --- 1817 ........................  41 Juden,

    --- 1829 ........................ 127   “  ,

    --- 1840 ........................ 147   “  ,

    --- 1864 ........................ 178   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................ 184   “  ,

    --- 1905 ........................ 117   “  ,

    --- 1910 ........................ 114   “   (0,6% d. Bevölk.),

    --- 1925 ........................ 110   “  ,

    --- 1939 ........................  31   “  ,

--- 1942 ........................  10   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 885

Panorama Prudnika z kościołem ewangelickim.jpg hist. Postkarte um 1930/35 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Das die Stadt und die Region beherrschende Wirtschaftsunternehmen war die Textilfabrik der jüdischen Familie Fränkel; ihre Produkte - Textilien des täglichen Bedarfs wie z.B. Bett- und Tischwäsche - wurden bis nach Übersee vertrieben. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigte das Unternehmen ca. 4.000 Arbeitskräfte. Durch das soziale Engagement der Firma konnten einige städtische Bauprojekte verwirklicht werden.

                                            Fränkel’sche Leinenfabriken (Aufn. aus: sztetl.org.pl)

Ihren Höchststand erreichte die israelitische Gemeinde Neustadts in den 1880er Jahren; danach begann eine stete Abwanderung der Familien; mit Beginn der NS-Zeit setzte sich diese Tendenz verstärkt fort.

Während der „Kristallnacht“ im November 1938 wurde das in der Hindenburgstraße befindliche Synagogengebäude von Nationalsozialisten niedergebrannt und später abgerissen. Bei Kriegsbeginn lebten noch etwa 30 Juden in Neustadt; die meisten wurden alsbald ins „Generalgouvernement“ deportiert.

In Neustadt existierte ab 1940 ein Zwangsarbeitslager für Juden, in dem Textilien produziert wurden. Ab Herbst 1944 wurde es als Außenlager des KZ Auschwitz geführt.

Heute zeugen noch etliche Grabstätten auf dem jüdischen Friedhof von der früheren jüdischen Gemeinde in Neustadt. Unter den auf dem Gelände vorhandenen ca. 140 Grabsteinen fällt besonders das größte Grabmonument ins Auge, das an Samuel Fränkel, dem Gründer des großen Neustädter  Textilunternehmens, und seine Frau Ernestina erinnert.

Prudnik kirkut 1.JPG Prudnik kirkut 2.JPG

 

jüdischer Friedhof in Prudnik (Aufn. 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0 pl)

In der Nähe von Neustadt existierte in den 1930er Jahren ein Lehrgut für jüdische Auswanderer in Ellguth; bis 1937 wurden hier mehrere hundert Jugendliche auf ihr neues Leben in Palästina vorbereitet und in der Landwirtschaft und in verschiedenen Handwerken ausgebildet.

Weitere Informationen:

Johannes Chrzaszcz, Geschichte der Stadt Neustadt in Oberschlesien, Neustadt 1912

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 885

Miloš Kouril, Pøíchod židovských emigrantù z Prudniku do Osoblahy [Die Zuwanderung jüdischer Emigranten aus Neustadt/Oberschlesien nach Hotzenplotz], in: J. Spyra/M. Wodzinský (Hrg.), Židé ve Slezsku. Studie k dìjinám Židù ve Slezsku [Die Juden in Schlesien. Studien zur Geschichte der Juden in Schlesien],Tìšín 2001, S. 48 – 51

Prudnik, in: sztetl.org.pl

Małgorzata Frąckowiak (Red.), Prudnik, in: kirkuty.xip.pl