Neukirchen/Knüll (Hessen)

Neukirchen ist eine Kleinstadt im Knüll mit derzeit ca. 7.300 Einwohnern im hessischen Schwalm-Eder-Kreis - ca. 30 Kilometer westlich von Bad Hersfeld gelegen.

Seit Mitte des 17.Jahrhunderts lebten in Neukirchen, einem kleinen Landstädtchen im ehemaligen Kreis Ziegenhain, jüdische Familien, die ihren bescheidenen Lebensunterhalt als „Handelsmänner“ verdienten. Älteste urkundliche Nachweise stammen aus dem Jahre 1672; nähere Angaben über Juden Neukirchens sind in der „Specification der im Stadtambt und Gericht Neukirchen befindlichen Juden 1728” zu finden.

Seit Anfang der 1830er Jahre besaß die jüdische Gemeinde in der Untergasse, der heutigen Brauhausgasse, einen Betraum; im gleichen Gebäude waren auch Schule, Lehrerwohnung und das Ritualbad untergebracht. Mindestens seit Mitte des 19.Jahrhunderts bestand eine jüdische Elementarschule in Neukirchen, die im Herbst 1933 geschlossen wurde.

                             aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 3. Juni 1909

Mitte des 19.Jahrhunderts muss ein kleiner jüdischer Friedhof an der Schwarzenborner Straße angelegt worden sein; der älteste noch vorhandene Grabstein trägt die Jahreszahl 1858.

Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Oberhessen mit Sitz in Marburg.

Juden in Neukirchen:

         --- 1664 ......................   2 jüdische Familien,

    --- 1744 ......................   4   “         “    ,

--- 1777 ......................  28 Juden,

--- 1812 ......................   8 jüdische Familien,

    --- 1835 ......................  78 Juden,

    --- 1855 ......................  94   “  ,

    --- 1870 .................. ca. 110   “  (ca. 6% d. Bevölk.),

--- 1895 ...................... 113   “  ,

    --- 1905 ......................  91   “  ,

    --- um 1915 ...................  25 jüdische Familien,

    --- 1925 ...................... 107 Juden,

    --- 1933 .................. ca.  80   “  (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1939 .................. ca.  20   “  ,

    --- 1942 ......................   9   “  ,

    --- 1943 ......................   keine.

Angaben aus: Adolf Biskamp/Friedhelm Walper, Die israelitische Kultusgemeinde in Neukirchen, S. 473

Ihren Lebensunterhalt verdienten die Neukirchener Juden als Händler und Handwerker. Mitgliedschaften von Juden in verschiedenen lokalen Vereinen zeugen von der gelungenen Integration in die kleinstädtische Gesellschaft um 1900.

                                                    Geschäftsanzeige der Buchbinderei/Buchhandlung Adolf Nussbaum von 1933 

Die meisten jüdischen Einwohner der Kleinstadt verließen ihren Heimatort noch in den ersten Jahren der NS-Zeit und zogen in größere deutsche Städte; einige wenige emigrierten.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde das alte Synagogengebäude verwüstet; dessen Kultgegenstände waren zum damaligen Zeitpunkt allerdings bereits nach Kassel ausgelagert. Eine Brandlegung verhinderte der damalige Ortsbrandmeister. In den Kriegsjahren diente das ehemalige Synagogengebäude als Unterkunft für die französischen Kriegsgefangenen vor Ort. Nach 1945 wurde das Haus zu Wohnzwecken genutzt. Auch der jüdische Friedhof blieb vom Pogrom nicht verschont: SA-Angehörige warfen zahlreiche Grabsteine um. Zudem wurde jüdisches Eigentum geplündert und sinnlos zerstört; auch zu Misshandlungen einzelner jüdischer Bewohnern soll es gekommen sein. Einige Männer wurden verhaftet und - über Kassel - ins KZ Buchenwald verschleppt. Die jüdische Gemeinde Neukirchen bestand offiziell bis 31.Mai 1942. Die neun noch am Orte lebenden Juden wurden im gleichen Jahre deportiert; alle wurden Opfer der "Endlösung".

Der jüdische Friedhof an der Schwarzenborner Straße in Neukirchen weist noch 100 Grabsteine auf; der älteste lesbare Stein datiert von 1858.

 

Jüdischer Friedhof in Neukirchen (beide Aufn. J. Hahn, 2008)

1971 ließ die Stadt Neukirchen einen Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof aufstellen, der die folgende Inschrift trägt:

Zur Erinnerung an die ehemalige jüdische Kultusgemeinde

und zum Gedenken an die Opfer in den Jahren 1933 - 1945

              Gegenüber der ehemaligen Synagoge in der Untergasse erinnert ein Gedenkstein mit der Inschrift:

Das gegenüberliegende Gebäude diente der jüdischen Gemeinde seit 1832 als Synagoge. Während des Naziregimes 1933-1945 wurden alle Juden aus Neukirchen vertrieben oder verschleppt und die Synagoge am 9. November 1938 innen verwüstet.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20176/Neukirchen%20Synagoge%201173.jpg Aufn. J. Hahn, 2008

Seit 2012 erinnert hier zudem ein Gedenkstein an die ehemaligen jüdischen Bewohner der Stadt.

Seit 2014 nimmt die Kommune am sog. „Stolperstein“-Projekt teil.

 Stolpersteine“ für Familie Spier, Kurhessenstr. (Aufn. Steinwald-Schule Neukirchen, 2014)

Bereits 1976 ist ein Gedenkbuch angelegt worden, das namentlich 52 Angehörige der ehemaligen Kultusgemeinde nennt, die der NS-Gewaltherrschaft zum Opfer fielen; das Buch wird im Rathaus der Stadt aufbewahrt.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 123

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945? Verlag K.R. Langewiesche Nachfolger Hans Köster Verlagsbuchhandlung, Königstein (Taunus) 1988, S. 57

Hartwig Bambey/u.a., “Heimatvertriebene Nachbarn” - Beiträge zur Geschichte der Juden im Kreis Ziegenhain (2 Bände), Verlag Stadtgeschichtlicher Arbeitskreis, Schwalmstadt-Treysa 1993 (Anm.: diverse längere Aufsätze)

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II - Reg.bez.Gießen und Kassel, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 179/180

Neukirchen/Knüll, in: alemannia-judaica.de

Barbara Greve, Eine kleine Stadt in Hessen. Neukirchen, die Juden und der Nationalsozialismus, in: Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrg. vom Fachbereich Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften der Universität Kassel, Band 23, Kassel 2010

Sandra Rose (Red.), An Familie Spier erinnern, in: HNA vom 17.3.2014 (betr. Verlegung von „Stolpersteinen“)