Langenselbold (Hessen)

Main-Kinzig-Kreis Karte Langenselbold ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 13.500 Einwohnern im Main-Kinzig-Kreis - gelegen im Kinzigtal zwischen Gelnhausen und Hanau (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/main-kinzig-kreis).

Gegen Ende des 17.Jahrhunderts lebten in Langenselbold nachweislich zwei jüdische Familien.

Die älteste Synagoge, in einem Fachwerkbau untergebracht, befand sich seit ca. 1715 in der „Judengasse“, der heutigen Schäfergasse. Im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts errichtete die Gemeinde eine neue Synagoge am Steinweg; in ihr war auch die jüdische Schule untergebracht; ursprünglich muss das Gebäude ein Bauernhaus gewesen sein.

    Synagoge in Langenselbold (Skizze aus: Altaras, Synagogen in Hessen)

Ab 1850 existierte auch eine jüdische Elementarschule in der Ortschaft; sie wurde zeitweise von etwa 50 Kindern besucht und bestand - mit kurzzeitigen Unterbrechungen - bis ins Jahr 1934.

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Stellenausschreibungen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 28.Juni 1882 und 4.März 1901

Der jüdische Friedhof war Mitte/Ende des 18.Jahrhunderts im Gemarkungsteil „Am Hinserbrühl“ angelegt worden; er diente auch verstorbenen Juden von Hüttengesäß und Langendiebach als Begräbnisplatz und blieb während der NS-Zeit geöffnet - als einziger im Altkreis Hanau.

Die jüdische Gemeinde Langenselbold unterstand dem Provinzialrabbinat Hanau.

Über den Zustand der Gemeinde informierte 1924 ein Zeitungsbericht wie folgt:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20107/Langenselbold%20Israelit%2009101924.jpg aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Oktober 1924

Juden in Langenselbold:

         --- 1817 ..........................  20 jüdische Familien,

    --- 1835 .......................... 170 Juden,

    --- 1842 .......................... 180   “  (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1861 .......................... 178   “  ,

    --- um 1890 ................... ca. 400   “  , (?)

    --- 1905 .......................... 224   “  ,

    --- 1925 .......................... 258   “  (in 54 Familien),

    --- 1933 .......................... 263   “  ,

    --- 1937 (Okt.) ................... 133   “  ,

    --- 1941 ..........................  46   “  ,

    --- 1943 ..........................  23   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 473

und                 Das Schicksal der Juden in Langenselbold, Hrg. AG Käthe-Kollwitz-Schule Langenselbold (1988), S. 5

Im 18. und 19.Jahrhundert waren die Juden Langenselbolds vor allem als Vieh- und Pferdehändler tätig; sie lebten eher in bescheidenen Verhältnissen. Um 1900 verdienten sie ihren Lebensunterhalt im Handel mit Manufakturwaren, Möbeln und Kleintextilien; doch gab es auch noch Viehhändler, Metzger und Bäcker; ein jüdischer Unternehmer vertrieb landwirtschaftliche Maschinen. Die Mazzenbäckerei von Isaak Glauberg lieferte ihre Produkte in der weiteren Region.

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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" von 1896   -   Beschäftigte der Mazzenfabrik Glauberg (hist. Aufn. um 1915)

zwei gewerbliche Anzeigen von 1887 und 1925:

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20140/Langenselbold%20Israelit%2007071887.jpghttp://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20140/Langenselbold%20Israelit%2012021925.jpg

Wenige Wochen nach der NS-Machtübernahme 1933 rief die NSDAP-Ortsgruppe die Langenselbolder Bevölkerung zum Boykott jüdischer Geschäfte auf; die folgende Anzeige erschien in der „Langenselbolder Zeitung” am 1.4.1933:

In den ersten Jahren der NS-Herrschaft wurden die Juden des Ortes immer mehr ins wirtschaftliche Abseits gestellt; so hatte der Selbolder Gemeinderat u.a. beschlossen, „zur Vermeidung von Störungen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit” Juden die Benutzung der kommunalen Einrichtungen, z.B. des Backhauses, der Waage u.a., zu verwehren. Auch wurden alle nicht-jüdischen Personen aufgefordert, keine Geschäfte mehr mit Juden zu tätigen, da sie ansonsten mit Repressalien zu rechnen hätten. Außerdem wurde nun jeder Zuzug von Juden in die Ortsgemeinde untersagt. Viele jüdische Bewohner verließen im Laufe der 1930er Jahre ihren Heimatort, die meisten emigrierten in die USA, nach Südafrika und Rhodesien; der andere Teil verlegte seinen Wohnsitz meist nach Frankfurt/Main.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge demoliert und verbrannt. Das Gebäude blieb aber erhalten, weil nebenan eine Scheune stand, in der die Ernte eines Landwirts gelagert war. Der in einem Schuppen abgestellte Totenwagen der jüdischen Gemeinde wurde herausgezerrt und zertrümmert. Beteiligt an den Zerstörungen war die örtliche HJ, die anschließend vom Bürgermeister für ihr Tun gelobt wurde. Am folgenden Tage wurden die männlichen jüdischen Einwohner zunächst zum Rathaus und von dort ins Polizeigefängnis nach Hanau gebracht; von dort wurden sie ins KZ Buchenwald verschleppt.

                   In den „Langenselbolder Zeitung” erschien am 16.12.1938 der folgende Artikel:

                             

Langenselbold, 11.Nov. ... Auch in Stadt und Land des Kreises Hanau ... hat über den feigen jüdischen Meuchelmord erbitterte Aufregung ihren Ausdruck gefunden. ... Die hiesige Synagoge, die stets bei Tag und Nacht der Sammelpunkt der Juden war und in der sie all ihre Pläne und Gaunereien gegen unser Bauerndorf und seine Bevölkerung ausheckten, ist am gestrigen Tage in “Stücke” gegangen. Es ist bis jetzt in unserem Dorfe keinem Juden ein Haar gekrümmt worden, trotz des großen Sündenregisters, das sich die hiesigen Juden durch die Jahrhunderte aufgeladen haben. ... Daß wir nun in einer anderen Zeit leben, wo keine Frechheit der Juden mehr geduldet werden kann, müßte denselben schon längst klar geworden sein. ... Wir Selbolder haben aus unserer Geschichte ganz besonders viel gelernt im Verkehr mit den Juden. Kaum daß unsere Vorfahren nach dem 30jährigen Kriege ... das Dorf ... wieder aufgebaut hatten, fing der Jude im 18.Jahrhundert schon an, aus dem Bauernfleiß wie ein Aasgeier seine Früchte zu ziehen. All die stolzen Bauerngeschlechter jener Zeit kamen durch die Juden nach und nach unter den Hammer. Not und Verzweiflung kehrten schon damals in diesen Familien ein. ... Wenn nun nach all den jahrzehntelangen Drangsalen des deutschen Volkes durch die Juden und ihrer Judenknechte das Maß überläuft, so brauchen sich dieselben ... nicht im Geringsten zu wundern. Die hiesigen Juden müssen nun endlich einsehen, daß hier in einem deutschen Bauerndorf schon längst für sie kein Platz mehr ist und sich auf dem schnellsten Wege verduften.

Abtransport jüdischer Bewohner (hist. Aufn. aus: heimatmuseum-langenselbold.de)

Die noch in Langenselbold verbliebenen, meist älteren jüdischen Bewohner wurden im Herbst 1941 bzw. im Jahre 1942 ins besetzte Polen deportiert. Seit Anfang September 1942 war Langenselbold „judenfrei” .

Zwei Jahre nach Kriegsende fand vor dem Landgericht in Hanau ein Prozess gegen drei Langenselbolder Einwohner statt, die an den Ausschreitungen während des Novemberpogroms aktiv beteiligt waren. Zwei Angeklagte wurden freigesprochen, einer zu einer neunmonatigen Haftstrafe verurteilt.

Nach Kriegsendelebte noch eine einzige jüdische Bewohnerin in Langenselbold.

In einem Park - gegenüber dem Schloss - steht ein Mahnmal, das in ganz allgemeiner Form an die Opfer von Krieg und Tyrannei erinnert; die Inschrift lautet:

Den Toten zu Ehren, den Lebenden zur Mahnung.

Allen Opfern von Krieg und Tyrannei zum Gedenken.

                  An der Evang. Kirche ist eine Tafel mit der folgenden Inschrift angebracht:

In Langenselbold gibt es heute - außer dem Friedhof - kaum bauliche Hinweise mehr auf die frühere jüdische Gemeinde. Auf einer Fläche von ca. 2.000 m² sind heute noch 99 Grabsteine vorhanden; Inschriften einiger Steine sind nicht mehr lesbar.

Jüdischer Friedhof (Aufn. L., 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

2013 hat man mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ begonnen. Inzwischen findet man an zahlreichen Stellen Langenselbolds diese Gedenktäfelchen. Da nicht alle verlegt werden konnten, fanden sechs Steine vorübergehend (?) einen Platz in einer Vitrine im Rathaus.

 Noch nicht verlegte "Stolpersteine" (Aufn. aus: gnz.de vom 13.8.2015)

 

In Hüttengesäß - einem Ortsteil von Ronneburg und ca. sechs Kilometer nördlich von Langenselbold gelegen - bildete sich vermutlich zu Beginn des 19.Jahrhunderts eine kleine jüdische Kultusgemeinde; 1900/1930 gehörten ihr etwa zehn bis zwölf Familien an. In einem alten Fachwerkhaus in der Schulstraße war der kleine Betraum untergebracht.

1938 sollen in Hüttengesäß noch 23 jüdische Bewohner gelebt haben; diese verzogen fast ausnahmslos nach Frankfurt/Main, wo sich ihre Spuren verloren. In der Pogromnacht wurde der Betraum aufgebrochen, die Einrichtung zerstört, geplündert und anschließend verbrannt. - In den letzten Jahren wurden in Hüttengesäß an mehreren Stellen sog. „Stolpersteine“ verlegt; 2017 wurden die letzten zwölf Steine in die Gehwege eingelassen.

[vgl. Hüttengesäß (Hessen)]

 

In Altwiedermus – einem anderen Ortsteil von Ronneburg – existierte auch eine winzige israelitische Gemeinde.

[vgl. Eckartshausen (Hessen)]

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 405/406 (Hüttengesäß) und S. 473 – 476 (Langenselbold)

Jungsozialisten Langenselbold (Verfasser), Geschichtlicher Rundgang durch Langenselbold 1920 - 1945, Hrg. Magistrat der Stadt Langenselbold, 1990

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - Was geschah seit 1945 ? Verlag K.R.Langewiesche Nachfolger Hans Köster, Königstein/T. 1988, S. 152 ff.

Das Schicksal der Juden in Langenselbold - ‘Spurensuche’, Hrg. AG Käthe-Kollwitz-Schule Langenselbold (1988)

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 215 f.

Christine Wittrock, Das Unrecht geht einher mit sicherem Schritt, Notizen über den Nationalsozialismus in Langenselbold und Schlüchtern, Cocon-Verlag, Hanau 2000

Langenselbold, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

kb (Red.), Grabmale finden an Bäumen Halt – Jüdischer Friedhof an der Gründauaue ist ein Relikt längst vergangener Zeiten, in: „Gelnhäuser Zeitung“ vom 19.1.2013

N.N. (Red.), Langenselbold. Stolpersteine, über die man nicht stolpern kann, in: „Gelnhäuser Neue Zeitung“ vom 13.8.2015

Heimatmuseum Langenselbold (Hrg.), Gedenktafel für jüdische Mitbewohner in Langenselbold – Standort der Tafel muss noch gefunden werden, online abrufbar unter: heimatmuseum-langenselbold.de/stolpersteingruppe/