Lackenbach/Burgenland (Österreich)

Lackenbach (ung. Lakompak, kroat. Lakimpuh) war eine der “Sieben-Gemeinden” des Burgenlandes, in denen die Judenschaft administrativ und rechtlich autonom war.

  Der Begriff „Sieben-Gemeinden“ steht synonym für die israelitischen Gemeinden von Deutschkreutz (Németkeresztur), Eisenstadt (Kismarton), Frauenkirchen (Boldogasszony), Kittsee (Köpcsény), Kobersdorf (Kabold), Lackenbach (Lakompak) und Mattersdorf/Matterburg (Nagymarton).

Ein erster urkundlicher Nachweis für die Anwesenheit von Juden in Lackenbach stammt aus den 1520er Jahren, als sich wenige jüdische Flüchtlinge aus Pressburg und Ödenburg unter fürstlichem Schutz sich hier ansässig machen durften; diese waren allerdings von der christlichen Bevölkerungsmehrheit nicht immer geduldet. Zur Bildung einer jüdischen Gemeinde kam es aber erst nach 1575/1580, als zahlreiche Juden aus der benachbarten Ortschaft Neckenmarkt - dem damaligen wirtschaftlichen Zentrum der Region - abwanderten und nach Lackenbach übersiedelten.

Um 1670 mussten die Juden - auf Grund einer Anweisung von Kaiser Leopold I. - Lackenbach verlassen; die judenfreundliche Politik des Fürsten Esterházy ermöglichte ihnen jedoch seit 1686 eine erneute Ansiedlung; seitdem gehörte Lackenbach zu den Fürstlich Esterházyschen „Sieben-Gemeinden“. Außerdem erhielt die Judenschaft vom Fürstenhause weitgehende Privilegien zugestanden; so durften Juden viele Berufe ausüben, keineswegs selbstverständlich zu dieser Zeit; sie handelten mit Waren verschiedenster Art und übten Handwerke aus. Als Gegenleistung zahlten sie Schutzgelder an die Fürstenherrschaft; zudem lastete die sog. kaiserliche „Toleranzsteuer“ auf der Judenschaft. Um die geforderten Zahlungen leisten zu können, bildeten die sieben Judenschaften im Burgenland eine Organisation, die die finanziellen Belastungen gleichmäßig verteilte. Diese Steuer wurde erst 1848 aufgehoben.

Zu den religiösen gemeindlichen Einrichtungen gehörten neben einem Friedhof (angelegt im frühen 18.Jahrhundert) auch eine Synagoge.

„ ... Vom breiten Eingang führten ein paar Stiegen hinunter in den großen Vorraum. Von diesem ging links eine Treppe hinauf in die Frauenabteilung, rechts betrat man durch das Portal die Männerschul. Der Geruch ausgebrannter Wachskerzen vom Vorabend erfüllte noch die Luft. Der riesige Saal mit der gewölbten Decke, die Fenster aus bunten Glas, der kunstvoll geschnitzte heilige Schrein mit den Thorarollen, darüber die beiden Steintafeln mit den zehn Geboten, all dies erfüllte mich mit tiefer Ehrfurcht. ... Meine Blicke konnten sich nicht sattsehen an den Wandmalereien mit dem Auszug aus Ägypten sowie anderen biblischen Szenen. Von der Decke hingen an Ketten schwere Kupferleuchter. ...”

(aus: Israel A. Glück, Kindheit in Lackenbach - Jüdische Geschichten im Burgenland, Konstanz 1998)

    

Synagoge in Lackenbach (hist. Aufn., aus: lackenbacher.at)     –     Rabbiner (Aufn., um 1935)

Die Geschicke der Gemeinde leitete ein eigener Rabbiner. Der 1902 geborene Rabbiner Adonijahu Krauss schilderte seinen Geburtsort Lackenbach wie folgt: „ ... Lackenbach war ein freundliches Städtchen, für seinen Bezirk ein kleines Handelszentrum. Die Juden dort waren ja typische, kleinstädtische Handelsjuden mit allen Gewohnheiten und Lässigkeiten, die sie sich in einer Art Durchschnittsorthodoxie beigelegt hatten. Die Synagoge war ein repräsentativer Bau und war ziemlich alt. Die Decken und Wände wiesen herrliche Gemälde auf, Bilder, die man sonst nicht zu sehen bekommen hat, in Frische und Farbenpracht einzig dastehend. Sie zeigen ein Bild von der hohen Kulturstufe, die in Lackenbach von jeher heimisch war. Man nannte Lackenbach wegen seiner geräumigen Behäbigkeit das Rechowoth unter den Judengemeinden des Burgenlandes. ...” (aus: Johannes Reiss, Aus den sieben Gemeinden - Ein Lesebuch über Juden im Burgenland, S. 196)

Mohelbook 

Titelblatt und Einträge im Mohel-Buch aus Lackenbach (Abb. aus: kehilalinks.jewishgen.org/Lackenbach)

Zur Kultusgemeinde Lackenbach gehörten auch die Orte Frauenhaid, Horitschon, Lutzmannsburg, Neudorf, Neutal, Nikitsch, Oberpullendorf und Stoop.

School1 

Jüdische Schüler (Aufn. Johann Loeffler, links: 1927/1928, rechts: um 1930, aus: kehilalinks.jewishgen.org)

Juden in Lackenbach:

      --- um 1730 ................   45 jüdische Familien (ca. 400 Pers.),

    --- 1836 ...................   753 Juden (ca. 55% d. Bevölk.)

    --- 1857 ................... 1.155 Juden (?),*     * Angaben vermutlich in der weiteren Region

    --- 1869 ...................   770   “   (ca. 60% d. Bevölk.),

    --- 1880 ...................   666   “  ,

    --- 1890 ............... ca.   680   “  ,

    --- 1920 ...................   395   “  ,

    --- 1932 ............... ca.   430   “  ,

    --- 1934 ...................   346   “   (ca. 21% d. Bevölk.),

    --- 1939 ...................   keine.

Angaben aus: Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes, S. 134

Hauptplatz in Lackenbach (hist. Aufn., um 1934) http://kehilalinks.jewishgen.org/Lackenbach/Images/Hauptplatz.jpg

Welche Bedeutung der jüdischen Händlerschaft in Lackenbach zukam, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass sich - noch im Jahre 1938 - fast alle Einzelhandelsgeschäfte des Ortes in jüdischem Besitz befunden haben. Kennzeichnend für den Lebenserwerb der Lackenbacher Juden war zudem der Wanderhandel; so versorgten die sog. „Binkeljuden“ die ländliche Region mit Gebrauchsgütern aller Art.

Unmittelbar bzw. nur wenige Wochen nach dem sog. „Anschluss“ an das Deutsche Reich (März 1938) wurden auch die Juden Lackenbachs aus ihren Häusern vertrieben und mussten die Ortschaft verlassen und dabei ihr Eigentum zurücklassen; per Lastwagen wurden sie nach Wien „umgesiedelt“. Nur wenigen gelang die Emigration nach Palästina; unter ihnen war der letzte Rabbiner aus Lackenbach, Rabbi M.Ch. Unger.

1942 wurde die große Synagoge gesprengt; der jüdische Friedhof ist hingegen im wesentlichen bis heute erhalten geblieben. Während des Zweiten Weltkrieges wurden auf dem Gelände auch Roma und Sinti begraben; da aber nach dem jüdischen Religionsgesetz Juden und Nichtjuden nicht auf einem gemeinsamen Friedhof beerdigt werden dürfen, hat man die Gräber deutlich sichtbar durch einen Zaun getrennt.

Etwa 190 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort lebende Juden wurden Opfer des Holocaust.

Nach Kriegsende kehrten einige Lackenbacher Juden kurzzeitig in ihre alte Heimat zurück.

Der älteste Grabstein auf dem ca. einen Hektar großen Friedhofsareal, auf dem sich fast 1.800 Grabanlagen befinden, stammt aus dem Jahre 1729. Mitte der 1990er Jahre wurde der Friedhof vom Verein „Schalom“ generalsaniert.

 

Jüdischer Friedhof in Lackenbach (Aufn. aus: ojm.at und R. Heilinger, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

                   Am Standort des ehemaligen Synagogengebäudes findet sich heute eine Steinplatte mit der Inschrift:

Hier befand sich die Synagoge von Lackenbach.

Sie wurde während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von faschistischen Nazibarbaren zerstört.

Israelitische Kultusgemeinde Wien

Anmerkungen:

Das „Zigeunergemeinschaftslagers Lackenbach“ wurde im November 1940 gegründet. Lackenbach wurde zum weitaus größten ‘Zigeunerlager’ im Burgenland und war primär als Roma-Lager der österreichischen Grenzbezirke zu Ungarn konzipiert. Es gewann im Reichsgebiet bald “Vorbildcharakter” für die Internierung von Sinti und Roma. Einweisungen wurden von der Kriminalpolizeileitstelle Wien vorgenommen, die das Lager verwaltete. Das Lager selbst bestand im Frühjahr 1941 zunächst nur aus einer Scheune und einem Schafstall und auf dem Gelände abgestellten Wohnwagen. Die Baracken wurden von den Insassen selbst gebaut, wobei die Steine größtenteils aus der Lackenbacher Synagoge stammten. Außer zur Arbeit durften die hier Festgehaltenen nur mit einem Passierschein das Lager verlassen. Die Insassenzahl erreichte Ende 1941 einen Höchststand von mehr als 2.300 Personen. Unter den Inhaftierten waren Roma und Sinti aus ganz Österreich, aber auch einzelne Sinti aus Württemberg, Italien und Ungarn. Anfang November 1941 wurden dann etwa 2.000 ‘Zigeuner’ aus dem Lager Lackenbach in zwei Transporten ins Ghetto Lodz deportiert.

Weitere Informationen:

Adonyahu Krauss, Lackenbach: eine kultur-historische Skizze einer jüdischen Gemeinde, Jerusalem 1950

Adonyahu Krauss, Lackenbach. Eine kulturhistorische Skizze einer jüdischen Gemeinde, Jerusalem 1963

Adonyahu Krauss, Geschichte der Juden in Lackenbach, in: Hugo Gold (Hrg.), Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes, Edition ‘Olamenu’, Tel Aviv 1970, S. 87 - 90

Herbert Rosenkranz, Verfolgung und Selbstbehauptung. Die Juden in Österreich 1938 - 1945, Herold-Verlag, Wien 1978

Widerstand und Verfolgung im Burgenland 1934 bis 1945 - eine Dokumentation, Hrg. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1979, S. 294 ff.

Erika Thurner, Kurzgeschichte des nationalsozialistischen Zigeunerlagers in Lackenbach (1940 bis 1945), Eisenstadt 1984

Shalom Fried, Auf den Spuren jüdischen Lebens im Burgenland - Das Erbe der Schewa Kehiloth, in: Mahnmale. Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland, Wien 1992, S. 116 ff.

Pierre Genée, Synagogen in Österreich, Löcker Verlag, Wien 1992, S. 93/94

Pierre Genee, Synagogen im Burgenland, in: Schlomo Spitzer (Hrg.), Beiträge zur Geschichte der Juden im Burgenland (Tagungsberichte), Wien 1995

Johannes Reiss, Aus den sieben Gemeinden - Ein Lesebuch über Juden im Burgenland, hrg. aus Anlaß d. Jubiläums 25 Jahre Österreichisches Jüdischen Museum Eisenstadt 1997, S. 181 ff.

Israel A. Glück, Kindheit in Lackenbach - Jüdische Geschichten im Burgenland, Verlag Hartung-Gorre, Konstanz 1998

Wegweiser für Besucher der jüdischen Friedhöfe und Gedenkstätten in Wien, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Kärnten, Hrg. Verein Schalom zur Wiedererrichtung und Erhaltung der Jüdischen Friedhöfe, Wien 2000

Burgenländische Volkshochschulen (Hrg.), Zerstörte Gemeinden im Burgenland - Eine Spurensuche 2002, in: www.vhs.a-business.co.at

Peter F.N. Hörz, Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen, in: Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, Band 26, Wien 2005, S. 311 – 323

Naama G. Magnus, Auf verwehten Spuren – Das jüdische Erbe im Burgenland, Teil 1: Nord- und Mittelburgenland, hrg. vom Verein zur Erhaltung und kulturellen Nutzung der Synagoge Kobersdorf, 2013

Burgenländische Forschungsgesellschaft (Hrg.), Jüdische Kulturwege im Burgenland – Rundgänge durch die „Sieben Gemeinden“ (Schewa Kehillot) und die Gemeinden des Südburgenlandes, Broschüre, 1. Aufl., Eisenstadt 2016, S. 24/25, auch online abrufbar unter: forschungsgesellschaft.at

Benjamin Gaugelhofer, „Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Lackenbach", Diplomarbeit an der Technischen Universität Wien (2016)

Benjamin Gaugelhofer (Red.), Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Lackenbach, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, Heft 11/2016