Kleinwallstadt/Main (Unterfranken/Bayern)

Datei:Kleinwallstadt in MIL.svg Kleinwallstadt ist ein Markt mit derzeit knapp 6.000 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Miltenberg - etwa 15 Kilometer südlich von Aschaffenburg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im Dorfe Kleinwallstadt gab es ab ca. 1810 eine jüdische Kultusgemeinde; erstmalige Nennung eines Juden am Ort datiert von 1719. Bei der Erstellung der Matrikellisten (1817) sind für Kleinwallstadt zwölf Familien genannt.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten ein 1899 erbautes Schulhaus und eine 1827 eingeweihte Synagoge, die einen bestehenden Betsaal ersetzte; eine Mikwe befand sich im Erdgeschoss des Gebäudes. Für religiös-rituelle Aufgaben war seitens der Gemeinde ein Religionslehrer angestellt.

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Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 28.3.1889 und vom 4.3.1920

Eine im Jahre 1899 eingerichtete Elementarschule stellte bereits wegen zu geringer Schülerzahl um 1920 ihren Unterrichtsbetrieb wieder ein.

Ihre verstorbenen Gemeindeangehörigen beerdigte die Judenschaft Kleinwallstadts auf dem alten Bezirksfriedhof in Schweinheim bei Aschaffenburg. 

Seit 1931 gehörten auch die Juden aus Hofstetten zur Kleinwallstadter Kultusgemeinde.

aus: "Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" vom 15.4.1931  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20148/Kleinwallstadt%20BayrGZ%2015041931.jpg

Zuletzt unterstand die kleine Gemeinde dem Bezirksrabbinat in Aschaffenburg.

Juden in Kleinwallstadt:

    --- 1691 .........................   6 Schutzjuden,

    --- 1771 .........................   3      “     ,

    --- 1782 .........................   6 jüdische Familien,

    --- um 1805 ......................   8 jüdische Familien,

    --- 1814 .........................  52 Juden,

    --- 1835 .........................  12 jüdische Familien,

    --- 1855 .........................  14    “         “   ,

--- um 1865 ......................  66 Juden (ca. 5% d. Bevölk.),

--- 1880 .........................  54   “  ,

    --- 1900 .........................  81   “  ,

    --- 1924 .........................  50   “  ,

    --- 1933 .........................  45   “  ,

    --- 1938 (Jan.) ..................  17   “  ,

             (Nov.) ..................   2   “  ,

    --- 1939 .........................   keine.

Angaben aus: Helmuth Lauf, Das Schicksal jüdischer Gemeinden im Main-Spessart-Tauber-Gebiet, S. 14

und                 Synagogengedenkband Bayern (Unterfranken), Band III/1, Mehr als Steine ..., S. 433

Da bereits Anfang der 1930er Jahre in der Gemeinde kein Minjan mehr zustandekam, fanden Gottesdienste nur noch sehr selten statt. Immer mehr Juden wanderten ab; dazu trugen die nach der NS-Machtübernahme bald zur Tagesordnung gehörenden antijüdischen Ausschreitungen bei; regelmäßig wurden Fenster der Synagoge und von Juden bewohnter Häuser eingeschlagen. Den meisten jüdischen Bewohnern gelang es noch, ihren Besitz zu verkaufen, ehe sie den Ort verließen.

Aus dem Oktober-Bericht der Stapoleitstelle München I 1 A vom 1.1.1936:

„ ... In der Synagoge zu Kleinwallstadt kam es zu einer Gottesdienststörung, die von jungen Leuten im Anschluß an eine durchzechte Nacht verübt wurde. Die Störer begaben sich in die Synagoge und machten sich durch laute Zurufe über Vorgänge des Gottesdienstes lustig. Nachdem sie sich entfernt hatten, kamen sie mehrmals wieder in die Synagoge zurück, um von neuem die Störungen fortzusetzen. Sie verhinderten durch lautes verächtliches Reden den Gottesdienst, sodaß die zum Beten erschienenen Juden sich entfernten. ...”

Nach Auflösung der Gemeinde schlossen sich die wenigen verbliebenen Juden der Kultusgemeinde von Aschaffenburg an.

Im Frühjahr 1938 wurde das inzwischen ungenutzte Synagogengebäude an Privatleute verkauft; so kam es hier während des Novemberpogroms auch zu keinen Zerstörungen. Bis Ende 1938 sollen bereits alle jüdischen Bewohner Kleinwallstadt verlassen haben; während einige Familien nach Übersee emigrierten, verzogen andere in deutsche Großstädte. Namentlich sind acht gebürtige Kleinwallstadter Juden bekannt, die Opfer der Shoa geworden sind.

Sowohl das frühere Synagogengebäude als auch das einstige jüdische Schulhaus stehen heute noch; die Ritualien, die bei der Auflösung der Gemeinde nach Aschaffenburg oder München gebracht wurden, wurden hingegen zerstört.

Mitte der 1980er Jahre ließ die Kommune eine Gedenktafel am Alten Rathaus anbringen, die an die einst hier beheimatete jüdische Kultusgemeinde erinnert.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20148/Kleinwallstadt%20Synagoge%20160.jpg  Aufn. J. Hahn, 2008

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 342/343

Günther Brand, Liebes altes Dorf. Bilder und Erinnerungen aus Kleinwallstadt und Hofstetten, Kleinwallstadt 1983

Helmuth Lauf, Das Schicksal jüdischer Gemeinden im Main-Spessart-Tauber-Gebiet, in: Monatszeitschrift ‘Spessart’ 11/1992, S. 14

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 88

Dirk Rosenstock, Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 181

Kleinwallstadt, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Axel Töllner/Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Kleinwallstadt, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 424 - 435