Kleinlangheim (Unterfranken/Bayern)

Datei:Kleinlangheim in KT.svg Kleinlangheim ist ein Markt mit derzeit ca. 1.600 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Kitzingen und Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Großlangheim (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Entstehung einer jüdischen Gemeinde geht ins 18.Jahrhundert zurück; doch bereits sollen zu Beginn des 15.Jahrhunderts einige Familien hier vorübergehend gelebt haben. Bis zur zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts waren die Juden Kleinlangheims und Großlangheims in einer Gemeinde zusammengeschlossen. Laut den Matrikellisten waren für Kleinlangheim 17 Familienvorstände (1825) ausgewiesen, die mehrheitlich als Viehhändler (und Schmuser), als Ellenwaren- und Landproduktenhändler ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Familien verdienten. Zu den regelmäßig stattfindenden Viehmärkten fanden sich zahlreiche Juden im Ort ein.

Zu den Einrichtungen der jüdischen Gemeinde gehörten neben einer 1832 erbauten Synagoge - sie ersetzte ein Bethaus aus dem Jahre 1725 - auch eine einklassige Schule und eine Mikwe.

     Anzeigen aus: Der Israelit“ vom 7.1.1909 und vom 5.9.1913

Verstorbene wurden auf dem großen jüdischen Friedhof in Rödelsee beigesetzt. 

Die Kultusgemeinde Kleinlangheim unterstand um 1930 dem Bezirksrabbinat Kitzingen.

Juden in Kleinlangheim:

         --- 1813 ........................  71 Juden (ca. 7% d. Bevölk.)

    --- 1830 .................... ca.  90   “  ,

    --- 1837 ........................ 118   "    (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1867 ........................ 116   "    (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1875 ........................ 115   “    (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................ 105   "  ,

    --- 1900 ........................  83   “  ,

    --- 1910 ........................  50   “  ,

    --- 1933 ........................  38   “  ,

    --- 1939 ........................  13   “  ,

    --- 1940 (Dez.) .................  keine.

Angaben aus: Werner Steinhauser, Juden in und um Prichsenstadt, Selbstverlag, Prichsenstadt 2002, S. 12

und                 Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 338                                                    

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20100/Kleinlangheim%20Israelit%2001021892.jpg eine Anzeige des Landesproduktenhändlers Löb Hahn von 1892

Schon ab den 1920er Jahren lassen sich in Kleinlangheim antisemitisch motivierte Vorfälle nachweisen, die von Teilen der dortigen Bevölkerung geduldet bzw. hingenommen wurden. Diese Haltung verstärkte sich nach der NS-Machtübernahme noch.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge vernichtet; viele Ortsbewohner hatten sich den dafür verantwortlichen SS-Leuten aus Kitzingen angeschlossen. Auch das jüdische Schulhaus und die Mikwe erlitten Schaden. Danach plünderte der Mob - unter Leitung des NSDAP-Ortsgruppenleiters - von Juden bewohnte Häuser; dabei wurde der Keller eines jüdischen Weinhändlers völlig ausgeraubt. Zwei Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau verschleppt. Die letzten drei im Dorfe verbliebenen Juden verzogen 1940 nach Würzburg; zwei Jahre später wurden sie von hier nach Theresienstadt deportiert.

Das ehemalige Synagogengebäude wurde nach 1945 abgerissen; auf seinen Grundmauern wurde ein Neubau (Postgebäude) errichtet. An der Außenmauer des Rathauses erinnert heute eine Tafel an die frühere jüdische Gemeinde.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20108/Kleinlangheim%20Synagoge%20122.jpg Gedenktafel am Rathaus (Aufn. J. Hahn)

2010 wurden in Kleinlangheim die ersten beiden sog. „Stolpersteine“ verlegt, die am ehemaligen Wohnsitz der jüdischen Familie (Wiesenbronner Straße), die Opfer der „Endlösung“ geworden ist, in das Gehwegpflaster eingefügt sind. Ob die beabsichtigte Verlegung weiterer Steine erfolgte, ist nicht bekannt.

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 338/339

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Hrg. Bayr. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 86

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 177/178

Kleinlangheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Ralf Weiskopf (Red.), Den Mantel des Schweigens lüften - Auch in Kleinlangheim erinnern jetzt Stolpersteine an ehemalige jüdische Mitbürger, in: "Main-Post" vom 14.11.2010