Hockenheim (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für Hockenheim karte postleitzahl Hockenheim ist eine Stadt mit derzeit ca. 22.000 Einwohnern im nordwestlichen Baden-Württemberg, etwa 20 Kilometer südlich von Mannheim gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Hockenheim-1782.png

Das Dorf Hockenheim - um 1780, (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bereits im 16.Jahrhundert wohnten in Hockenheim zeitweilig einzelne jüdische Familien. Erstmals im Jahre 1510 hatte der Pfalzgraf Ludwig V. dem Juden Samuel Abraham erlaubt, gegen einen Jahreszins von sechs Gulden hier zu wohnen. Von dauerhaften jüdischen Ansiedlungen kann aber erst zu Beginn des 18.Jahrhunderts gesprochen werden. Als Schutzjuden zunächst des Kurfürsten, später des badischen Großherzogs, trieben sie vor allem Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und mit Hausierwaren. Ihre Nachkommen gingen später zum Handel mit Tabak und Hopfen über, andere gründeten Zigarrenfabriken und kamen zu gewissem Wohlstand.

Ein Betsaal befand sich zunächst in einem Privathaus. 1833 errichtete die kleine Gemeinde eine Synagoge in der Ottostraße/Ecke Rathausstraße; sie wurde 1877 umgebaut und völlig renoviert.

           

Bauzeichnung der Synagoge (1877)                            Synagoge rechts auf hist. Postkarte (aus: judaica.cz)

Dabei wurde im Synagogenhof auch eine Mikwe angelegt (1846); vorher befand sich das rituelle Bad im Keller eines Privathauses. Etwa 20 Jahre lang war auch eine jüdische Schule vor Ort, die 1843 auf Anordnung der Behörden wieder geschlossen wurde; danach mussten die etwa 20 jüdischen Kinder die katholische Schule besuchen.

Verstorbene begrub die Gemeinde zunächst auf dem israelitischen Friedhof in Wiesloch, ehe um 1880 ein eigenes Beerdigungsgelände an der Heidelberger Straße angelegt wurde.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images7/Hockenheim%20Friedhof03.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images7/Hockenheim%20Friedhof04.jpg Aufn. J. Hahn, um 1985

Die Gemeinde zählte zum Rabbinatsbezirk Heidelberg.

Juden in Hockenheim:

        --- um 1720/40 ....................   2 jüdische Familien,

    --- 1809 ..........................  21 Juden (in 5 Familien),

    --- 1825 ..........................  46   “  ,

    --- um 1850 .......................  90   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1858 .......................... 133   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1864 .......................... 146   “  ,

    --- 1870 .......................... 130   “  ,

    --- 1880 .......................... 127   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1900 .......................... 112   “  ,

    --- 1910 ..........................  74   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1925 ..........................  45   “  ,

    --- 1932/33 .......................  52   “  ,

    --- 1943 ..........................  keine,

    --- 1945 (Sommer) .................  ein   “ ().

Angaben aus: Ernst Brauch, Das Schicksal der Hockenheimer Juden, S. 189

                                          

                      Werbeanzeigen der Viehhandlung Sally Adelsberger von 1926 und 1932

Gegen Ende der Weimarer Republik lebten nur noch wenige Juden in Hockenheim; die allermeisten waren abgewandert, vor allem nach Mannheim. So erlebten die im Ort verbliebenen Familien im Frühjahr 1933 mit, wie hier der „Judenboykott“ ausgeübt wurde: vor ihren Häusern und Geschäften wurden SA-Doppelposten aufgestellt, um diese auch nach außen hin für alle zu „markieren“ und die „arische“ Bevölkerung von jeglichen Kontakten abzuhalten. Bis 1938 soll es in Hockenheim gegenüber den jüdischen Bewohnern aber zu keinerlei Gewaltanwendung gekommen sein; eingeschüchtert durch die NS-Propaganda blieben aber immer mehr „arische“ Kunden den Läden jüdischer Besitzer fern.

Während des Novemberpogroms brannte die Hockenheimer Synagoge bis auf die Grundmauern nieder. Bis 1940 hatten die allermeisten jüdischen Familien Hockenheim verlassen: Ein Teil verzog in größere Städte, meist nach Mannheim; ein anderer Teil emigrierte. Wem die Auswanderung nicht gelang, der wurde deportiert: Zusammen mit Tausenden badischer und pfälzischer Juden wurden die Hockenheimer Juden Ende Oktober 1940 ins Internierungslager nach Gurs abtransportiert. Mindestens 13 Juden Hockenheims wurden Opfer des Holocaust.

Am Platz der früheren Synagoge, wo sich inzwischen ein Gebäude der städtischen Verwaltung befindet, steht heute eine Gedenktafel, deren Inschrift lautet:

An dieser Stelle stand die Synagoge der ehemaligen Jüdischen Gemeinde Hockenheim.

Sie wurde in der Zeit der Judenverfolgung am 10.November 1938 zerstört.

Zwischen katholischer Kirche und Rathaus in Hockenheim steht der sog. Memorialstein, den Jugendliche der Evang. Kirchengemeinde im Rahmen des landesweiten Mahnmal-Projektes geschaffen haben. Dessen Doublette befindet sich auf dem Gelände der zentralen Gedenkstätte in Neckarzimmern (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de)

Auf Beschluss des Gemeinderates wurden 2013/2014 die ersten sog. „Stolpersteine“ in den Straßen Hockenheims verlegt. Im Frühjahr 2019 kamen weitere Steine hinzu, die Angehörigen der beiden jüdischen Familien Halle und Stoll gewidmet sind.

File:20131107Stolpersteine Hockenheim09.jpg 20140218Stolpersteine Hockenheim.jpg

"Stolpersteine" in der Unteren Hauptstraße u. in der Schwetzinger Straße (Aufn. A., 2014, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Der jüdische Friedhof am Rande des Hardtwaldes hat die NS-Zeit überdauert. Auf dem Gelände befinden sich ca. 55 Grabsteine; die ältesten stammen noch aus der Zeit der Anlage des Friedhofs.

    Jüdischer Friedhof in Hockenheim (Aufn. A., 2011, aus: wikipedia.org, CCO)

Weitere Informationen:

Ernst Brauch, Das Schicksal der Hockenheimer Juden, in: Hockenheim - Stadt im Aufbruch u. Umbruch (Heimatbuch), Hockenheim 1965, S. 185 - 194

Hans Huth, Die Kunstdenkmäler des Landkreises Mannheim, in: Die Kunstdenkmäler Badens X (1967), S. 92 f.

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 133/134

Walter A. Loeb, Laß dir die Fremde zur Heimat - aber nie die Heimat zur Fremde werden, in: Dokumentation der Stadt Hockenheim zum 1200jährigen Bestehen, Hockenheim 1969, S. 70 f.

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 467/68

Barbara Döpp (Bearb.), Der jüdische Friedhof Hockenheim, Unveröffentlichte Grunddokumentation des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1991

M.Meyer-Düttingdorf/F.Offenloch-Brandenburger, Jüdisches Leben in Hockenheim – ein Teil unserer Stadtgeschichte, hrg. zum Tag des offenen Denkmals vom ‘Arbeitskreis Jüdische Geschichte in Hockenheim’, 1998

Hockenheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Der jüdische Friedhof in Hockenheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Aufnahmen)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 203 – 205

Nassner (Red.), Hockenheim: Künstler Deming verlegt Stolpersteine, in: „Mannheimer Morgen“ vom 19.11.2014

Stolpersteine in Hochenheim (Aufnahmen), online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Stolpersteine_in_Hockenheim?uselang=de

www.swr.de/swr2/stolpersteine/orte/akustische-stolpersteine-hockenheim

zg (Red.), Hockenheim. Gedenken – dritte Stolpersteinverlegung erinnert an Schicksal der Familien Halle und Stoll – Messingtafeln regen zum Innehalten an, in: „Mannheimer Morgen“ vom 21.3.2019