Gänserndorf (Niederösterreich)

http://karten.plz-suche.org/at/f8c8/Karte_G%C3%A4nserndorf.png Gänserndorf ist heute eine Kleinstadt im niederösterreichischen Marchfeld.

Jüdische Zuwanderung nach Gänserndorf setzte gegen Mitte des 19.Jahrhunderts ein. Durch den Ausbau der Nordbahn kamen vor allem galizische Juden hierher.

1866 baten die Juden von Gänserndorf die Kultusgemeinde in Wien, ihnen für ihren Gottesdienst eine Thorarolle zu überlassen.

Die autonome Kultusgemeinde Gänserndorf wurde aber erst im Jahre 1907/1908 gegründet; zu ihr zählten verschiedene kleine Ortschaften des Gerichtsbezirks Wolkersdorf, so Aderklaa, Angern, Auersthal, Bockfließ, Deutsch-Wagram, Gerasdorf, Götzendorf, Großengersdorf, Lassee, Marchegg, Matzen, Pirawarth, Roggendorf, Straßhof und Süßenbrunn. Bereits knapp zwei Jahrzehnte vor der offiziellen Gemeindegründung hatte die hiesige Judenschaft - sie war in einem Minjan-Verein zusammengeschlossen - eine kleine Synagoge in der Bahnstraße errichten lassen (1889); im Jahre 1908 wurdediese mit dem Bau des Rabbinerhauses ergänzt.

                        Bildergebnis für Gänserndorf synagoge Seitenfront des Synagogengebäudes (hist. Aufn., Archiv)

Etwa 1,5 Kilometer von der Ortschaft entfernt wurde im Jahre 1907/1908 der jüdische Friedhof angelegt.

Eingang zum jüdischen Friedhof (Aufn. Doronenko, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

Juden in Gänserndorf:

         --- 1869 ......................... ca. 30 Juden,

    --- 1890 ......................... ca. 100   “   (in 25 Familien),

    --- um 1925 ...................... ca. 540   “  ,*     * Kultusgemeinde

    --- 1934 .............................  52   "  ,

    --- 1939 .............................  keine.

Angaben aus: Pierre Genée, Synagogen in Österreich

Im Gegensatz zu anderen Kultusgemeinden soll sich 1938 die jüdische Gemeinde Gänserndorf „auf friedliche Weise“ aufgelöst haben; denn mit der Schlüsselübergabe an den hiesigen Gendarmerieposten war offiziell das Ende der Gemeinde besiegelt. Demütigungen und auch Misshandlungen der jüdischen Bewohner waren dem vorher gegangen. Bis Mitte September 1938 hatte die gesamte jüdische Bevölkerung die Region um Gänserndorf in Richtung Wien verlassen. Am 24. Oktober 1938 erhielt die Landeshauptmannschaft von der Bezirkshauptmannschaft Gänserndorf die Mitteilung, dass alle „Juden und Mischlinge aus dem Grenzbezirk“ entfernt seien.

Das Synagogengebäude wurde 1939 enteignet und diente in der Folgezeit unterschiedlichsten Zwecken; das seit den 1950er Jahren im Eigentum der Stadt befindliche Gebäude beherbergte zuletzt ein Jugendzentrum.

Im Juni 1944 erreichten mehrere Transporte ungarischer Juden den Bahnhof Gänserndorf; die etwa 3.000 Männer und Frauen wurden von hier aus zu Zwangsarbeiten im damaligen Gau Niederdonau eingesetzt.

Neben dem Synagogengebäude, dessen Fassade durch die Nachfolgeeigentümer umfassend umgestaltet wurde, ist auch noch das Wohnhaus des Rabbiners erhalten geblieben. Im Gedenken an die jüdischen Mitbürger der ehemaligen Israelitischen Kultusgemeinde Gänserndorf wurde im Mai 2001 am Gebäude der ehemaligen Synagoge an der Bahnstraße eine schlichte Gedenktafel enthüllt.

                     

2018 wurde der Abriss des ehemaligen, nicht unter Denkmalschutz stehenden Synagogengebäudes seitens der Kommune beschlossen; an Stelle des historischen Baues sollen Parkplätze entstehen. Diese Planungen wurden aber durch das Bundesdenkmalamt gestoppt, das die ehemalige Synagoge nebst Rabbinerhaus unter "vorläufigen Schutz" stellte. allerdings gilt diese Entscheidung nur befristet, da man eine endgültige bauhistorische Untersuchung abwarten will.

Heute erinnert auch der Friedhof mit seinen ca. 120 Gräbern daran, dass in Gänserndorf und im Umland früher jüdische Familien gelebt haben. Die Pflege des Geländes obliegt der Kommune und dem Verein „Helikon“.

Jewish cemetry GF 02.jpg Jüdischer Friedhof (Aufn. Doronenko, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

 

Der im Bezirk Gänserndorf liegende jüdische Friedhof in Deutsch-Wagram, der jahrzehntelang ohne jegliche Pflege war und der wuchernden Vegetation Preis gegeben war, soll wieder in einen ansehbaren Zustand versetzt werden; darum kümmert sich seit 2017 eine private Initiative.

Die Begräbnisstätte war in den 1870er Jahren angelegt worden, nachdem der ortsansässige jüdische Kaufmann Gottlieb Grünewald ein Gelände (heutige Fabrikstraße) erworben hatte. Der Friedhof, der ca. 80 Grabstätten verfügte, wurde bereits um 1910 von behördlicher Seite angeblich aus „sanitären Gründen“ geschlossen. In der NS-Zeit wurde der Friedhof zerstört und Grabsteine teilweise entwendet. Das enteignete Areal diente danach der Deutschen Reichsbahn als Betriebsgelände. Einige Grabsteine wurden in den 1980/1990er Jahren verstreut auf Feldern wieder aufgefunden. Heute erinnert auf dem Gelände ein Gedenkstein an die Zerstörung des jüdischen Friedhof im Jahr 1938.

File:Deutsch Wagram Juedischer Friedhof Gedenkstein.jpg Gedenkstein (Aufn. Peter Lauppert, 2005, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Weitere Informationen:

Hans Hörler, Gänserndorfer Chronik, Gänserndorf 1969

Franz Müller, Gänserndorf. Vom Bauerndorf zur Stadt, in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Gänserndorf, Gänserndorf 1989, S. 242 f.

Pierre Genée, Synagogen in Österreich, Löcker Verlag, Wien 1992, S. 81 - 83

Ida Olga Höfler, Enthüllung einer Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge der israelitischen Kultusgemeinde Gänserndorf, in: ‘DAVID’ - Jüdische Kulturzeitschrift Heft 49/2001

Christpoh Lind, “Der letzte Jude hat den Tempel verlassen ...” Juden in Niederösterreich 1938 - 1945, Mandelbaum-Verlag, Wien 2004, S. 87 - 93

Ida Olga Höfler, Die Sanierung jüdischer Friedhöfe im Weinviertel, hrg. von ‘Helikon’, Verein für Geschichte, Kunst und Kultur, Gänserndorf o.J.

Ida Olga Höfler, Die jüdische Gemeinden im Weinviertel und ihre rituellen Einrichtungen 1848 – 1938/45", abgefasst in fünf Bänden, 2016 (Gänserndorf in Band 1)

Manuel Mattes (Red.), Deutsch-Wagram, Bezirk. Jüdische Friedhöfe: Kampf dem Urwald auf Ruhestätten, in: „Niederösterreichische Nachrichten“ vom 11.4.2018

Manuel Mattes (Red.), "Jüdisches Kulturgut" - Wirbel um einstige Synagoge, in: "Niederösterreichische Nachrichten" vom 20.6.2018

Sebastian Fellner (Red.), Gänserndorf reißt frühere Synagoge für Parkplätze ab, in: derstandard.at vom 23.6.2018

Sebastian Felnner (Red.), Frühere Synagoge in Gänserndorf unter Schutz gestellt, in: derstandard.at vom 3.7.2018

Manuel Mattes (Red.), Deutsch-Wagram. Friedhof-Sanierung: Urwald ist bald Geschichte, in: "Niederösterreichische Nachrichten" vom 23.9.2018

Lukas Lusetzky (Red.), Ehemalige Synagoge unter Denkmalschutz, in: „Kronen-Zeitung“ vom 13.11.2018

Ingrid Oberndorfer, Die Synagoge Gänserndorf, in: „DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift“, Heft 120 (April 2019)

Ulrike Potmesil (Red.), Runde 4 im Hickhack um ehemalige Gänserndorfer Synagoge, in: meinbezirk.at vom 9.4.2019

APA (Red.), Schutz-Bescheid für frühere Synagoge Gänserndorf aufgehoben, in: vienna.at vom 13.4.2019

Katholische Presseagentur Österreich (Red.), Erinnerung an jüdische Vergangenheit Gänserndorfs wahren, aus: Nachrichten vom 28.6.2019