Dortmund (Nordrhein-Westfalen)

 Dortmund ist heute mit derzeit fast 600.000 Einwohnern das Wirtschafts- und Handelszentrum Westfalens und die bevölkerungsreichste Stadt im Osten des Ruhrgebietes (Karte: Lencer, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Das früheste Dokument, das auf die Existenz von Juden in der früheren Hanse- und Reichsstadt Dortmund hinweist, ist ein Privileg Heinrichs IV. aus dem Jahr 1074; eine zweite urkundliche Erwähnung von Juden stammt dann von 1096. Dauerhafte Ansiedlungen von Juden als kaiserliche „Kammerknechte“ sind ab Mitte des 13.Jahrhunderts nachweisbar; später standen die Juden - verpfändet von den Kaisern - unter dem Schutz der Kölner Erzbischöfe. Ab Mitte des 14.Jahrhunderts sicherten sich die Grafen von der Mark das Judenregal. Die meisten Wohnstätten der Juden, ihr Bethaus und die Mikwe lagen am westlichen Rand des Stadtkerns.

Im Zusammenhang mit den Pestpogromen wurden die Juden aus Dortmund vertrieben; ihr Eigentum und ihre Hinterlassenschaften teilten sich der Graf Engelbert von der Mark und die Stadt Dortmund. Der sog. „Judenturm“ - zwischen Töllnerpforte und Ostentor - soll seinen Namen davon gehabt haben, dass er von dem Gelde erbaut wurde, das man den Juden 1350 abgenommen hatte. Schon 20 Jahre später nahm die Stadt Dortmund zeitlich befristet aber erneut Juden auf, nachdem die Stadt von den Grafen v.d.Mark gegen Geldzahlung das „Judenregal“ erworben hatte. Individuelle mehrere Jahre geltende Schutz- und Geleitbriefe sicherten das Leben der in Dortmund ansässigen Familien. Fast alle betrieben Geldhandel, meist in Verbindung mit dem Pfandleihgeschäft.

Der Dortmunder Judenfriedhof vor dem Westentor - er bestand bereits vor dem Pestpogrom - konnte nach Rückkehr der Juden in die Stadt (1373) gegen Entrichtung eines Grundzinses wieder genutzt werden; das Begräbnisgelände nutzten auch auswärtige Familien. Um 1460/1465 verließ der letzte noch in Dortmund ansässige Jude die Stadt, ohne dass eine Vertreibung erfolgt war. Ausweisung und erneute Aufnahme in der Stadt wechselten bis gegen Ende des 16.Jahrhunderts ständig ab, 1596 wurden sie dann endgültig aus der Stadt vertrieben; mehr als 200 Jahre lang war Dortmund dann eine „judenfreie“ Stadt. Die jüdischen Familien ließen sich nun in umliegenden Ortschaften nieder, u.a. in Castrop, Dorstfeld, Hörde, Schwerte, Unna.

 Ansicht von Dortmund – Stich von M.Merian, um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Juden in Dortmund:

        --- um 1380 ...........................    11 jüdische Familien,

    --- um 1440 ...........................     2     “       “    ,

    --- 1815 ..............................    30 Juden,

    --- 1828 ..............................    11 jüdische Familien,

    --- 1832 ..............................    84 Juden,

    --- 1847 ..............................   121   “  ,

    --- 1852 ..............................   232   “  ,

    --- 1858 ..............................   318   “  ,

    --- 1864 ..............................   473   “  ,

    --- 1867 ..............................   522   “  ,

    --- 1875 ..............................   869   “  ,

    --- 1880 ..............................   998   “  ,

    --- 1890 .............................. 1.306   “  ,

    --- 1900 .............................. 1.924   “  ,

    --- 1910 .............................. 2.676   “  ,

    --- 1925 .............................. 3.820   “  ,

    --- 1930 .......................... ca. 4.500   “  ,

    --- 1933 (Juni) ....................... 4.108   “  ,

    --- 1936 (Juni) ................... ca. 3.500   “  ,

    --- 1937 (Mitte) .................. ca. 3.000   “  ,

    --- 1938 .......................... ca. 2.600   “  ,

    --- 1939 (Mai) ........................ 1.444   “  ,

    --- 1941 (Juni) ....................... 1.222   “  ,

    --- 1944 (Juli) .......................   344   “  .

Angaben aus: Ulrich Knipping, Die Geschichte der Juden in Dortmund während der Zeit des Dritten Reiches, S. 155 f.

Erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts gestattete die Stadt Dortmund wieder jüdische Ansiedlung in ihren Mauern; seit Mitte des 19.Jahrhunderts wuchs die Zahl der in Dortmund ansässigen Juden stetig infolge der industriellen Entwicklung des Ruhrgebietes und explodierte dann förmlich um die Jahrhundertwende.

Seit 1840 existierte eine private jüdische Elementarschule in Dortmund; diese erhielt knapp 20 Jahre später den Status einer öffentlichen jüdischen Volksschule. Die neue Schule wurde 1870/1871 in der Breiten Straße eingerichtet; 1889 verlegte man diese in das neu geschaffene Schulgebäude an der Kampstraße. Im Frühjahr 1930 siedelte die jüdische Volksschule in das Gebäude der Wehrhahnschule in der Lindenstraße um. Außer der jüdischen Volksschule gab es in Dortmund eine Talmud-Thora-Schule; 1932 besuchten dort ca. 80 Kinder den nachmittäglichen Religionsunterricht.

Im Juni 1900 wurde die neue Dortmunder Synagoge am Hiltropwall mit ihrer 40 Meter hohen Kuppel im Zentrum der Stadt eingeweiht; an dem Festakt nahmen auch Vertreter des öffentlichen Lebens teil. Mit 1.300 Plätzen - davon 750 Sitzplätze für Männer im Erdgeschoss und 450 Plätze für Frauen auf den Emporen - war die Synagoge zu ihrer Zeit eines der größten jüdischen Bethäuser in Deutschland. 

Stadtansicht mit Synagoge, hist. Postkarte (aus: wikipedia.org, PD-alt-100)

   

Synagoge am Südwall – historische Postkarte um 1905 (Abb. aus: wikipedia.org, PD-alt-100)   -   Gemälde von Alexander Dettmer

Benno Jacob (1862–1945) - einer der bedeutendsten Rabbiner und Bibelwissenschaftler des 20.Jahrhunderts – war von 1906 bis 1929 Rabbiner der Dortmunder Gemeinde. Während seiner Amtszeit engagierte er sich für die sozialen Probleme und die Integration der aus Osteuropa zugewanderten Juden, die ihm deswegen große Verehrung entgegen brachten. Nach seiner Pensionierung siedelte er nach Hamburg über, wo er seine theologischen Studien fortsetzte. 1939 ging er mit seiner Familie ins Exil nach London; dort starb er 1945.

Neben der großen Synagoge in der Innenstadt gab es auch in Dortmund-Hörde und Dortmund-Dorstfeld jüdische Gemeinden mit eigenen Synagogen. Den in der nördlichen Innenstadt lebenden „Ostjuden“ standen einzelne Beträume zur Verfügung. Der Dortmunder Synagogengemeinde waren die Gemeinden Lütjendortmund und Mengede angeschlossen.

Bei der Vertreibung der Juden aus Dortmund um 1350 wurde der Friedhof der jüdischen Gemeinde vor dem Westentor beschlagnahmt. Nach ihrer Rückkehr (1373) gestattete die Stadt Dortmund gegen Entrichtung eines Grundzinses die Wiederbenutzung der alten Begräbnisstätte; bis zu welchem Zeitpunkt das Gelände in Nutzung war, ist nicht bekannt.

Verstorbene der neuzeitlichen Gemeinde fanden ab 1861 ihre letzte Ruhe auf dem neuen Friedhof in Dortmund-Dorstfeld sowie auf einem seit 1888 genutztem Areal am Ostpark.

Abgesehen von der allgemein sozial schwachen Gruppe der „Ostjuden“ zählten die Angehörigen des Dortmunder Judentums größtenteils zum gehobenen Mittelstand. Sie waren meist Geschäfts- und Kaufleute oder in freien Berufen tätig; es gab aber auch Handwerker unter den Dortmunder Juden. Zu den bedeutendsten Unternehmen jüdischer Eigner zählte um 1900 die von der Familie Heymann betriebene Bettfedernfabrik und Dampfreinigung (Westenhellweg) und das des Kaufmanns Jacob Rose.

Da Dortmund eine Arbeiterstadt war und die NSDAP deshalb relativ wenige Anhänger hatte, waren antisemitische Ausschreitungen vor 1933 hier relativ selten. (Anm.: Die Aktivitäten der NSDAP richteten sich im „roten“ Dortmund vor allem gegen die politische Linke.)

1933 lebten in Dortmund etwa 4.200 Juden, was knapp 0,8 % der Gesamtbevölkerung entsprach.

Die jüdische Volksschule besuchten seit 1930 etwa 300 Kinder; ihre Zahl stieg weiter an, weil durch den wachsenden Antisemitismus immer mehr jüdische Schüler die staatlichen Bildungsanstalten verließen. Trotz Emigration zahlreicher jüdischer Familien besuchten 1934 ca. 360 Kinder diese Schule. Im Frühjahr 1939 wurden hier noch 70 Schüler/innen unterrichtet.

Von den ersten antijüdischen Maßnahmen nach der NS-Machtergreifung war u.a. das Dortmunder Stadttheater betroffen: so durfte eine Wagner-Oper nicht aufgeführt werden, weil die Mitwirkung mehrerer jüdischer Künstler geplant war. Zu den ersten Opfern, die physische Gewalt über sich ergehen lassen mussten, gehörten in Dortmund die „Ostjuden“, die durch ihr Äußeres auffielen und von Parteigängern als „Provokation“ empfunden wurden.

Bereits vor dem reichsweit durchgeführten Boykotttag besetzten am 28.März 1933 Angehörige des „Kampfbundes des gewerblichen Mittelstandes“ in Dortmund - und auch in anderen Städten des Reviers - Eingänge von jüdischen Geschäften, um die Käufer am Zutritt zu hindern. Angehörige der SA-Standarte 98 sowie des Sturmbannes V/30 nahmen in diesem Kontext etwa 100 Juden in „Schutzhaft“, „um der unverschämten Greuelhetze und Boykottbewegung des internationalen Judentums ... wirksam entgegenzutreten”. Unter den Festgenommenen befanden sich Ärzte, Rechtsanwälte, leitende Angestellte jüdischer Kaufhäuser und Inhaber jüdischer Geschäfte; nach kurzer Zeit wurden die Inhaftierten wieder auf freien Fuß gesetzt.

Wie überall in Deutschland wurden am 1.4.1933 auch in Dortmund unter Leitung des NSDAP-Kreisleiters Flach die Boykott-Maßnahmen gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen durchgeführt; Plakate waren über den Straßen angebracht, Flugblätter wurden verteilt und SA-Angehörige wurden vor den Eingängen jüdischer Geschäfte postiert. Gewaltmaßnahmen waren hier noch nicht die Regel. Aus dem Aufruf der NSDAP-Ortsgruppe Dortmund-Südost im Dezember 1933:

... Ihres Volkstums bewußte Deutsche machen alle Einkäufe für das christliche Weihnachtsfest nur in christlichen deutschen Geschäfte, deren Inhaber unsere Weltanschauung teilen. Sie unterstützen den deutschen Einzelhandel und das deutsche Handwerk. Sie verachten jene Charakterlosen, die es fertigbringen, Gaben für das deutscheste der Feste bei denen zu erwerben, die kein Empfingen für die Heiligkeit unseres Glaubens haben können.  Halten Sie sich fern von Juden und Judengenossen ! Geben Sie als Nationalsozialisten ein Beispiel, und meiden Sie Firmen, Kaufhäuser und Warenhauspaläste, die den Grundsätzen des Nationalsozialismus zu wieder noch bestehen !

In den Jahren nach 1934 kam es in Dortmund zu antijüdischen Einzelaktionen, so zu Schmierereien, Zertrümmern von Schaufensterscheiben. Zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung führten in den Folgejahren dazu, dass etwa ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Dortmund verließ und emigrierte. Von den im August 1938 noch etwa 500 bestehenden jüdischen Gewerbebetrieben gab es zwei Monate später nur noch ca. 350; „Arisierungen“ und Geschäftsliquidationen beschleunigten sich noch in der Folgezeit.

Nachdem die jüdische Gemeinde von den NS-Stadtbehörden zum Verkauf des Synagogengrundstückes gedrängt worden war, begannen im Oktober 1938 die Abbrucharbeiten an der Synagoge; Ende Dezember 1938 war dann das Gebäude aus „städtebaulichen Gründen“ vollständig abgetragen; hauptverantwortlich für den Abriss war der Dortmunder NSDAP-Kreisleiter Friedrich Hesseldieck, der im „Judentempel“ einen „Schandfleck“ für die Stadt sah. In einem Artikel der Lokalpresse hieß es Ende Sept. 1938:

Mit den Abbrucharbeiten an der Synagoge wird in den nächsten Tagen begonnen. Der Bauzaun ist bis morgen abend fertiggestellt. Bei dieser Gelegenheit muß mitgeteilt werden, daß es leider nicht möglich ist, die fortgesetzten Meldungen von Parteigenossen, Pionierstürmen und vielen sonstigen Volksgenossen, die sich alle an den Abbrucharbeiten beteiligen wollen, zu berücksichtigen, so sehr auch die Bereitwilligkeit zu begrüßen ist. Aus bautechnischen und baupolizeilichen Gründen können die Arbeiten nur von einer dazu bestimmten Baufirma ... durchgeführt werden. ...

Ende Oktober 1938 wurden im Rahmen der sog. „Polen-Aktion“ mehrere hundert Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit vom Dortmunder Hauptbahnhof mit einem Sonderzug zur polnischen Grenze gebracht.

In der Dortmunder Innenstadt richteten SA- und SS-Trupps am 9./10.November 1938 zahlreiche Zerstörungen an. Besonders schwer waren die Verwüstungen in der Brückstraße, auf dem Osten- und dem Westenhellweg, sowie in der Heiligegarten-, Münster- und Steinstraße. Die Gestapo verhaftete ca. 300 jüdische Männer und lieferte sie in die Steinwache ein; sie wurden - zusammen mit denen aus Nachbarorten - größtenteils ins KZ Sachsenhausen verschleppt; von ihnen sollen dort 17 gestorben sein. 

Auch in den Dortmunder Stadtteilen Dorstfeld und Hörde wurden die Synagogen Opfer der NS-Gewalttäter.

Die Deportationen der Dortmunder Juden begannen im Januar 1942 und endeten Anfang des Jahres 1945.  „ ... Im Börsensaale (Anm.: in der Dortmunder Steinstraße) lagen wir etwa 1.300 Menschen auf unseren Gepäckstücken auf der Erde, fünf Tage und vier Nächte schikaniert von der Gestapo und ihren Helfern. Das erste, was wir von den Grausamkeiten der Gestapo zu Gesicht bekamen, war, daß man einen Menschen vor unseren Augen erschoß, weil er in der Nacht einen Schreikrampf bekam. Am Morgen des 27.Januar 1942 trat ein langer, trauriger Zug unter Bewachung der Gestapo den Weg zum Bahnhof an. Nicht etwa, daß man uns auf den Bahnsteig brachte, wir wurden weit außerhalb der Station in vollkommen verschmutzte, ungeheizte Waggons verladen, auf deren Toiletten der Kot halbmeterdick gefroren war. Wohin wir kamen, wußten wir nicht. Erst als wir im Zuge waren, sickerte langsam durch, daß unser Weg nach Riga in Lettland ging. ...”  (aus: Jeanette Wolff, Sadismus oder Wahnsinn)

Ein zweiter großer Transport mit ca. 1.000 Personen aus Dortmund und Umgebung, die sich in der Turnhalle des Vereins „Eintracht” am Rheinlanddamm versammeln mussten, ging Ende April 1942 nach Zamosc/nahe Lublin ab. Insgesamt mehr als 1.100 Personen wurden aus dem Bezirk Dortmund auch nach Theresienstadt verfrachtet; von diesen hat nur jeder Zehnte die NS-Zeit überlebt. Von Dortmund-Brackel führte am 1.März 1943 ein Deportationstransport ins Vernichtungslager Auschwitz. Im Herbst 1944 ging ein kleinerer Transport mit Juden aus „privilegierten Ehen“ aus Dortmund und Umgebung nach Weißenfels/Saale; die Betroffenen wurden in einem Arbeitslager der Leuna-Werke untergebracht und mussten hier Zwangsarbeit leisten.

Mindestens 2.200 Dortmunder Juden kamen in den Ghettos und Lagern Osteuropas ums Leben.

Nach Kriegsende wurde bereits im Sommer 1945 eine neue jüdische Gemeinde gegründet, die damals etwa 50 Personen umfasste. 1956 wurde das neue Gemeindezentrum in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße feierlich eingeweiht.

                    Gemeindezentrum (Aufn. Lucas Kaufmann, 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0) 

Ende der 1990er Jahre betrug die Mitgliederzahl der Jüdischen Gemeinde Dortmund mehr als 3.000, 2006 bereits mehr als 4.000 Personen. Da das Gemeindezentrum und die Synagoge auf mehrere Gebäude verteilt sind und zukünftig größerer räumlicher Bedarf besteht, sind seit 2008/2009 konkrete Planungen angelaufen, an einem neuen Standort – an der Südwestecke des Stadtgartens – ein Domizil für die große jüdische Gemeinde zu schaffen. Dortmund ist Sitz des Landesverbandes der jüdischen Kultusgemeinden in Westfalen-Lippe.

  Gedenkblock mit Relief der ehem. Dortmunder Synagoge (Aufn. Stadt Dortmund)

Am „Platz der Alten Synagoge“ am Theatervorplatz erinnert seit 1990 ein Granitblock an die hier einst stehende Hauptsynagoge (Aufn. R., 2014, aus: wikipedia.org, CCO); eingemeißelt ist die folgende Inschrift:

Auf diesem Platz stand einst die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Dortmund.

1900 errichtet als “Zierde der Stadt für ewige Zeiten”,

1938 zerstört durch den Terror des Nazi-Regimes.

Gedenke, Ewiger, was an uns geschah.

Den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt, die von 1933 - 1945 Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft wurden, zum Gedenken.

Allen Lebenden zur ewigen Mahnung.

In der Steinstraße, wo sich im Januar 1942 mehr als 1.000 Juden für drei Deportationstransporte nach Riga versammeln mussten, erinnert eine Bronzetafel an die Geschehnisse; die Inschrift lautet:

Erde, bedecke nimmer mein Blut (Hiob 16,18)

An dieser Stelle befand sich die Gaststätte “Zur Börse”.

Von dieser Sammelstelle aus wurden in der Zeit von 1942 - 1944 in drei Transporten

jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem Regierungsbezirk Arnsberg in Ghettos und Vernichtungslager in Osteuropa deportiert.

Nahezu alle fielen dem brutalen Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer.

An weiteren verschiedenen Standorten Dortmunds erinnern Gedenktafeln an Deportation und Vernichtung der Dortmunder Juden. In der Nähe des ehemaligen Dortmunder Südbahnhofes weist eine Inschrift auf die Deportationen hin:

Erde, bedecke nimmer mein Blut (Hiob 16,18)

Der Südbahnhof diente dem nationalsozialistischen Terrorregime für Deportationen jüdischer Männer, Frauen und Kinder

aus dem Regierungsbezirk Arnsberg in die Vernichtungslager.

Dort wurden sie in den Jahren 1942 bis 1945 systematisch und unbarmherzig ermordet.

Vom Castrop-Rauxeler Bildhauer Jan Bormann stammt das Deportations-Denkmal, das an der Ruhrallee in Dortmund 2012 aufgestellt wurde. Aus einem großen Findling ragen verrostete Eisenbahnschienen gen Himmel, die den Weg in die Vernichtungslager symbolisieren sollen. Standort des Denkmal ist das Gelände der ehem. Eintracht-Turnhalle, das als Sammelstelle für Hunderte Deportationsopfer diente.

            Deportations-Denkmal (Aufn. spd-sued.de)

Bis Ende 2018 wurden in Dortmund und seinen Stadtteilen mehr als 300 sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Opfer der NS-Diktatur erinnern.

Stolpersteine Dortmund Gneisenaustraße 91.jpg

verlegt in der Adlerstraße – Gneisenaustraße – Asselner Hellweg (Aufn. aus: wikipedia.org, CCO)

               ... erinnern an Kinder/Jugendliche Stolpersteine Dortmund Arminiusstraße 5 Günter Rosenbaum.jpg Stolperstein Dortmund Burgholzstraße 40 Lilli Kalt Stolpersteine Dortmund Heiligegartenstr. 6-8 Benno Turteltaub.jpg Dortmund Stolperstein Liesel Neugarten.jpg

Mehrere jüdische Friedhöfe auf Dortmunder Stadtgebiet erinnern noch heute an die einst große jüdische Gemeinde der Stadt.

Friedhof an der Schweizer Allee in Aplerbeck (Aufn. Rainer Knäpper, 2011)

Auf dem jüdischen Friedhof am Westpark erinnert seit 2016 ein neugestalteter Gedenkstein an die seit 1815 bestehende Begräbnisstätte, die in der Zeit des Nationalsozialismus zerstört worden ist.

                         Aufn. Klaus Wagner, in: nordstadtblogger.de (2016) http://nordstadtblogger.de/wp-content/uploads/2016/12/Gedenkstein04.jpg

[vgl. Aplerbeck - Dorstfeld - Hörde (Nordrhein-Westfalen)]

 

Auch in den beiden Dortmunder Stadtteilen Mengede und Wickede lebten jüdische Familien. Der im Stadtteil Groppenbruch liegende jüdische Friedhof von Mengede, der auf einer Fläche von ca. 1.100 m² etwa 20 Grabsteine besitzt, war seit dem 19.Jahrhundert in Nutzung gewesen und 1952 geschlossen worden. Das jüdische Begräbnisgelände in Wickede weist acht (nachgebildete) Grabsteine und einen Gedenkstein auf, der die folgende Inschrift trägt: „An dieser Stelle hat der israelitische Friedhof der Gemeinde Wickede seit ungefähr 150 Jahren bestanden und ist 1938 dem Rassenhaß und der Unduldsamkeit zum Opfer gefallen. Die jetzt geschaffene Grün- und Ruheanlage ist in den Besitz der Stadt Dortmund übergegangen und wird der Obhut und Pflege aller Bürger anvertraut. Diese Anlage wurde 1946 geschaffen.

Um die Erinnerung an die Shoa-Opfer wach zu halten und an künftige Generationen weiterzugeben, hat die Stadt Dortmund zum 70.Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz ein Gedenkbuch verausgabt.

 Im Jahre 1877 wurde in Dortmund Benno Elkan als Sohn eines jüdischen Schneidermeisters geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums begann er eine kaufmännische Ausbildung, die er abbrach, um seiner Berufung als Künstler zu folgen. Über die Kunstakademie in München führte sein künstlerischer Weg weiter nach Karlsruhe, Paris und Rom. Danach kehrte Elkan zurück nach Deutschland, wo er sich mit seiner Frau - der Pianistin Hedwig Einstein, Tochter eines Rabbiners - in der Alsbacher Bergstraße niederließ. 1934 emigrierte die Familie Elkan nach London. Elkans plastisches Werk besteht aus Grabmälern, Medaillen, Portraitbüsten, Denkmälern und Leuchterarbeiten. Die meisten Grabmäler finden sich auf dem Dortmunder ‚Ostenfriedhof’ - in dessen christlichen und jüdischen Bereich. Viele seiner Büsten von bekannten Künstlern und Politikern sowie seine Medaillen hängen in zahlreichen europäischen Kunstzentren. Das erste große Denkmal von Elkans Hand ist das ‚Opferdenkmal’ für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, das 1946 in der Frankfurter Taunusanlage wiederaufgestellt wurde, nachdem es von den Nationalsozialisten entfernt worden war. Durch Ausstellungen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien wurde Elkan eine international anerkannte Künstlerpersönlichkeit. Im Londoner Exil wandte sich Elkan zunehmend seinen jüdischen Wurzeln zu und begann, Leuchter anzufertigen. Die Menora in Jerusalem ist der letzte und größte Leuchter, den Elkan gestaltete. Nach dem Krieg reiste Elkan einige Male nach Deutschland. Elkan, der britischer Staatsbürger geworden war, starb in London am 10. Januar 1960.

Weitere Informationen:

Moritz Kayserling, Die Juden in Dortmund, in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 9/1860, S. 81 ff.

K. Koppmann, Die Juden in Dortmund während des Mittelalters, in: Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben 5/1867, S. 81 - 97

Karl Maser, Die Juden der Frei- und Reichsstadt Dortmund und der Grafschaft Mark, in: Jahrbuch des Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark .... 26/1913, S. 1 - 103

Bernhard Brilling, Zur Geschichte der Juden in Dortmund und der Grafschaft Mark im Mittelalter, in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds u. der Grafschaft Mark 55/1958, S. 45 - 61

Bernhard Brilling, Geschichte der Juden in Dorstfeld und Huckarde, in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, Klartext-Verlag, Essen 1960, S. 131 - 168

Jakob Loewenberg, Die Einweihung der neuen Synagoge in Dortmund, in: Hans Chanoch Meyer (Hrg.), Aus Geschichte und Leben der Juden in Westfalen, ner-tamid-verlag, Frankfurt/M. 1962, S. 81 – 87

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 170 – 174 und Band III/1, Tübingen 1987, S. 241 - 249

Ulrich Knipping, Die Geschichte der Juden in Dortmund während der Zeit des Dritten Reiches, Verlag des Historischen Vereins 6/1977, Dortmund 1977

Bärbel Homann u.a., Die Geschichte der Juden in Dortmund. Gemeinschaftsarbeit einer 10.Klasse der Max-Born-Realschule im Rahmen des “Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte” (1980/81)

Günter Birkmann, Dortmunds Juden unterm Hakenkreuz, Dortmund 1982

Gesche Fürstenau, Die Synagoge in Dortmund, in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, 80/1989, S. 65 - 98

Günther Högl (Hrg.), Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933 - 1945. Katalog zur ständigen Ausstellung des Stadtarchivs Dortmund in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Dortmund 1992, S. 377 ff.

Benno Reicher, Jüdische Geschichte und Kultur in NRW - ein Handbuch, in: Kulturhandbücher NRW, Band 4, Hrg. Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit in NRW, 1993, S. 75 - 86

Uwe Bitzel, Damit kein Gras drüber wächst - Die Pogromnacht 1938 in Dortmund. Ergebnisse eines historischen Forschungsprojekts, in: “ Wer etwas zu sagen hat, muß es immer wieder neu sagen” - 40 Jahre Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dortmund 1994, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Dortmund 1994, S. 36 f. (Anm.: Erstedition 1988)

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, S. 522 f.

Torsten Fremer/Ingo Runde (Bearb.), Die Juden der mittelalterlichen Stadt Dortmund von den Anfängen bis zu den Pestpogromen des 14.Jahrhunderts im Spiegel der Reichs- und Territorialpolitik, in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 85/86 (1994/95), S. 57 - 84

Historischer Verein für Dortmund u. die Grafschaft Mark e.V. (Hrg.), Jüdisches Leben in Dortmund, Klartext-Verlag Essen 1996

Fritz Hofmann/Peter Schmieder, Benno Elkan. Ein jüdischer Künstler aus Dortmund, Essen 1997

Michael Zimmermann (Hrg.), Geschichte der Juden im Rheinland und in Westfalen, in: Schriften zur politischen Landeskunde Band 11, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen, Kohlhammer Verlag GmbH, Köln/Stuttgart/Berlin 1998

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen u. Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 48 ff.

Kirsten Menneken/Andrea Zupancic (Hrg.), Jüdisches Leben in Westfalen, Klartext Verlag, Essen 1998

Ausstellung ‘Jüdisches Leben in Westfalen’ - veranstaltet von der Gesellschaft für Jüdisch-Christliche Zusammenarbeit Dortmund und dem Museum für Kunst- und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund, Dortmund August - Oktober 1998

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag Bochum 1999, S. 108 f.

Almuth Jürgensen, Die Thora lehren und lernen. Rabbiner Benno Jacob in Dortmund (1906 - 1929), in: J.-P.Barbian/M.Brocke/L.Heid (Hrg.), Juden im Ruhrgebiet. Vom Zeitalter der Aufklärung bis in die Gegenwart, Klartext Verlag, Essen 1999, S. 67 - 104

Synagogen in Deutschland - Eine virtuelle Rekonstruktion. Ausstellung der TU Darmstadt, Fachgebiet CAD in der Architektur, Bonn Mai/Okt. 2000

Historischer Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark e.V. (Hrg.), ‘Eine Zierde der Stadt für ewige Zeiten ...’ 8./9.Juni 1900 - Einweihung der Synagoge am Hiltropwall Dortmund/Essen 2000

Hermann-Josef Bausch, „Soviel aber ist mir in unauslöschlicher Erinnerung “ - Die Erpressung des Verkaufs der Synagoge 1938. Ein Augenzeugenbericht von Dr. Louis Koppel, in: Heimat Dortmund, Heft2/2000, S. 28 - 33

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 325 - 327

Rosemarie Kosche, Studien zur Geschichte der Juden zwischen Rhein und Weser im Mittelalter, in: Forschungen zur Geschichte der Juden, Abt. A: Abhandlungen Band 15, Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2002, S. 133 f. und S. 178 - 193

Jürgen Zieher, Von der ‘Liquidationsgemeinde’ zur Aufbaugemeinde ? Jüdisches Leben in Dortmund und Düsseldorf in den 1950er Jahren, in: Monika Grübel/Georg Mölich (Hrg.), Jüdisches Leben im Rheinland vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2005, S. 263 - 285

Jürgen Zieher, Im Schatten von Antisemitismus und Wiedergutmachung: Kommunen und jüdische Gemeinden in Dortmund, Düsseldorf und Köln 1945 - 1960, Metropol-Verlag, Berlin 2005

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Reg.bez. Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 81 – 101

Technische Universität Dortmund (Hrg.), Neue Synagoge für Dortmund, Diplomarbeit Wintersemester 2008/2009

Jüdische Kultusgemeinde Groß-Dortmund K.d.ö.R, online abrufbar unter: jg-dortmund.de/gemeinde-dortmund/gemeinde

Ralf Piorr (Hrg.), Ohne Rückkehr – Die Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamosc im April 1942, in: Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Klartext Verlag, Essen 2012

Auflistung der in Dortmund verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Dortmund

Rolf Fischer, Verfolgung und Vernichtung. Die Dortmunder Opfer der Shoah, in: Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache Dortmund 2, Klartext-Verlag, Essen 2015

Günther Högl/Thomas Schilp (Bearb.), Dortmund, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 260 – 287

Alexander Völkel (Red.), Jüdische Geschichte in Dortmund: Viel Handarbeit auf den Friedhöfen für die digitale Suche im Internet, in: „Nordstadtblogger“ vom 12.8.2016

Klaus Hartmann (Red.), Neuer Gedenkstein erinnert an den ehemaligen jüdischen Friedhof im Westpark, in: „Nordstadtblogger“ vom 26.12.2016

Klaus Winter (Red.), SERIE-Nordstadtgeschichte(n): Jüdische Gemeinde richtete 1929 ein rituelles Bad in der Leopoldstraße ein, in: "Nordstadtblogger" vom 12.2018