Bottrop (Nordrhein-Westfalen)

Bildergebnis für bottrop karte Die Stadt Bottrop mit derzeit knapp 120.000 Einwohnern liegt zentral im Ruhrgebiet – nur wenige Kilometer nördlich von Essen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Kontinuierlich lassen sich im westfälischen Bottrop und in Osterfeld seit etwa 1840 Juden nachweisen, allerdings nur sehr wenige; vereinzelte, kurzzeitig hier ansässige jüdische Familien gab es aber schon vor dieser Zeit. Angezogen von den wirtschaftlichen Möglichkeiten des aufstrebenden Bergbauortes setzte dann ab den 1890er Jahren ein kontinuierlicher Zuzug von Juden ein. Die Juden Bottrops gehörten seit 1848 zur Synagogengemeinde Dorsten; dieser Gemeindeverbund erlosch im Jahre 1932, und Bottrop-Osterfeld wurde selbstständige Synagogengemeinde. Zwischen den aus Osteuropa stammenden Juden und denen aus Deutschland gab es innerhalb der Synagogengemeinde erhebliche Spannungen, die in der religiösen Orientierung evident wurden: Die „religiös Liberalen“ stemmten sich dabei gegen die mehrheitlich vertretenen „Ostjuden“, die sich vehement für ihren orthodoxen Ritus einsetzten. Seit Beginn der 1920er Jahre hatten die Bottroper Juden einen kleinen Raum in der Tourneaustraße, der früheren Helenenstraße, als Betsaal angemietet, der bis zum Erlöschen der jüdischen Gemeinde (1939) genutzt wurde. Einen Synagogenbau hat es in Bottrop nicht gegeben. Juden aus Bottrop besuchten auch Gottesdienste in den Synagogen Buer und Essen. Um die Jahrhundertwende wurde ein kleiner jüdischer Friedhof angelegt, der sich in der Nordwestecke des Bottroper Westfriedhofs befand.  

                Juden in Bottrop:

         --- 1843 ..........................   ein Jude,

    --- um 1870 ........................    keine,

    --- 1890 ...........................    9 Juden,

    --- 1895 ...........................   25   “  ,

    --- 1900 ...........................   58   “  ,

    --- 1910 ...........................   70   “  ,

    --- 1915 ...........................   89   “  ,

    --- 1920 ...........................  159   "  ,

    --- 1925 ...........................  209   “  ,*  *andere Angabe: 237 Pers.

    --- 1932 ...........................  225   “  ,

    --- 1933 (Jan.) ....................  203   "  ,

             (Dez.) ................ ca.  160   “  ,

    --- 1938 (Sept.) ...................  102   “  ,

    --- 1939 (Nov.) ....................   47   “  ,*  *andere Angabe: 29 Pers.

    --- 1941 (Dez.) ....................    9   “  ,

    --- 1942 ...........................    keine.            

Angaben aus: Spurensuche - Eine jüdische Gemeinde, die nicht mehr existiert (Ausstellungskatalog)

und                  Manfred Lück, Bottrop, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen …, S. 247

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, aber auch schon in den Jahrzehnten von 1870 bis 1900, wanderten zahlreiche „Ostjuden“ (aus Ostpolen/Galizien) in die Städte des Ruhrgebietes zu. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie zumeist als kleine Händler, Handwerker und ungelernte Arbeiter im Bergbau und in der Industrie. Sie besaßen in ihrem sozialen und gesellschaftlichen Umfeld meist kaum Beziehungen zu den alteingesessenen jüdischen Familien. In den Folgejahrzehnten dominierten Berufe im Handelssektor, besonders in der Textilbranche, aber auch im Möbelhandel, und bestimmten so bald das Bild der Bottroper Geschäftswelt.

Der erste Jude, der in Bottrop ein Ladengeschäft betrieb, war Leopold Rothschild, der 1891 ein Manufakturwarengeschäft aufmachte. Mitte der 1890er Jahre eröffnete das später große Bekleidungsgeschäft von Hermann Breuer.

Bottrop. Hochstraße mit Straßenbahn Hochstraße in Bottrop, um 1920 (?)

Noch vor dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte kam es in Bottrop am 8.März 1933 zu einer "spontanen Aktion": erstmals wurden jüdische Gewerbetreibende zu einer Schließung ihrer Geschäfte gezwungen. SA-Angehörige versperrten die Eingänge und erklärten dieses Vorgehen als wegen „möglicher Ausschreitungen” notwendig. Am 29.März setzten erneut NS-Boykottmaßnahmen von SS- und SA-Angehörigen ein. Käufer wurden mit Drohungen eingeschüchtert und am Betreten der Läden gehindert. Am gleichen Tag veranstaltete die NSDAP eine antijüdische Demonstration in der Innenstadt, bei der auch jüdische Geschäftsleute gezwungen waren, mit Plakaten mit der Aufschrift „Kauft nicht bei Juden!” im Demonstrationszuge mitzugehen. Gleichzeitig wurden einige jüdische Männer inhaftiert.

Unter dem Druck der NS-Machthaber verließen bereits im Jahre 1933 knapp 70 in Bottrop lebende Juden die Stadt; diese Tendenz setzte sich in den folgenden Jahren fort. Emigrationsziele waren vor allem Palästina, Belgien und die Niederlande. Ende Oktober 1938 verhafteten die NS-Behörden alle Juden polnischer Staatsangehörigkeit (sog. "Polen-Aktion") - in Bottrop waren davon 56 Personen betroffen - und verfrachteten diese ins Lager Bentschen an der deutsch-polnischen Grenze. Von hier wurden die meisten im Oktober 1939 ins „Generalgouvernement“ abtransportiert.

In der knapp zwei Wochen später folgenden „Reichskristallnacht“ kam es zu Gewalttätigkeiten gegen die ca. 50 noch in Bottrop verbliebenen jüdischen Einwohner. Geschäfte jüdischer Besitzer wurden kurz und klein geschlagen, ihre Wohnungen und der Betraum demoliert, Bewohner misshandelt und anschließend inhaftiert.
 Zerstörtes Möbelhaus Meir Reichenstein & Reinharz (Gladbecker Straße)

In Folge des gewalttätigen Geschehens der Novembertage verließen ca. 60 Bottoper Juden die Stadt und emigrierten; weitere folgten bis Ende 1941. Die noch neun in Bottrop lebenden jüdischen Personen wurden Ende Januar 1942 deportiert, die meisten von ihnen nach Riga. Damit endete die Geschichte jüdischen Lebens in Bottrop.

Nach Kriegsende wurde der kleine jüdische Friedhof am Westring von der Stadtverwaltung wieder in einen ansehbaren Zustand versetzt; allerdings sind nur noch wenige Grabsteine vorhanden. Eine Gedenktafel trägt hier die Namen von neun ermordeten Juden.

Am ehemaligen Betsaal der jüdischen Gemeinde fand man - bis zum Abriss des Gebäudes (2000) - eine Tafel mit folgender Inschrift:

Den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Bottrop zum Gedächtnis, die im Hause Tourneaustraße 3/5 (früher Helenenstraße) ihren Betsaal hatten. Er wurde in der Pogromnacht des 9.November 1938 von den Nationalsozialisten verwüstet.

Zum Gedenken an unsere jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die in den Jahren 1933 – 1945 entrechtet, gedemütigt, vertrieben und ermordet wurden.

Ihr alle, die ihr vorübergeht, kommt uns seht, ob ein Schmerz sei wie mein Schmerz, den man mir angetan. (Klagelieder 1,12)

Eine aktualisierte Tafel sollte (!) am neu hier entstandenen Gebäudekomplex angebracht werden.

Im Eingangsbereich des Bottroper Amtsgerichts erinnert eine Gedenktafel an Dr. Paul Blumenthal, der von 1910 bis 1925 Richter am hiesigen Gericht war, wegen seiner „jüdischen Abstammung“ 1936 aus dem Staatsdienst entlassen wurde und 1941 in Minsk starb.

Mehr als 50 sog. „Stolpersteine“ erinnern an die ehemaligen Wohnstätten jüdischer Bottroper, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden sind; begonnen wurde mit der Verlegung der ersten neun Steine im Jahre 2005.

      Stolperstein für Familie Brandt, Bottrop verlegt in der Hochstraße (beide Aufn. M., 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

... und am Pferdemarkt Stolpersteine für Familie Reder, Bottrop 

Ende der 1980er Jahre wurde in Bottrop ein Nachlass versteigert, der u.a. einen Reisekorb mit jüdischer Literatur, ca. 150 Bücher, beinhaltete, die vermutlich einst im Besitz der jüdischen Gemeinde gewesen ist. Diese Schriften gehören seitdem zum Bestand der „Alten Synagoge“ in Essen und des „Jüdischen Museum Westfalen“ in Dorsten; eine Ausstellung „Spurensuche” arbeitete den Inhalt des Fundes auf.

An das frühere jüdische Gebethaus an der Tourneaustraße erinnert seit 2015 eine aus Ziegeln gefertigte niedrige Stele, die der Bildhauer Guido Hofman geschaffen hat; die (lange umstrittene) bronzene Gedenktafel ist nun an der gemauerten Stele angebracht.

Weitere Informationen:

Hans Ch. Meyer, Aus Geschichte und Leben der Juden in Westfalen, ner-tamid-verlag, Frankfurt/M., 1962

Werner Schneider, Jüdische Heimat im Vest - Gedenkbuch der Jüdischen Gemeinden im Kreis Recklinghausen, Verlag Rudolf Winkelmann, Recklinghausen 1983, S. 29 ff.

Manfred Lück, Juden in Bottrop 1840 - 1942, in: Spurensuche - Eine jüdische Gemeinde, die nicht mehr existiert (Ausstellungskatalog), Hrg. Alte Synagoge Essen, Essen 1990, S. 43 f.

W.Stegemann/J.Eichmann, Jüdisches Museum Westfalen, Dorsten 1992

Manfred Lück, Juden in Bottrop. Biographische Notizen und Erinnerungen, in: Beiträge zur Bottroper Geschichte, No. 20, Hrg. Historische Gesellschaft e.V., Bottrop 1993

Günter Birkmann/Hartmut Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 210

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 75/76

Manfred Lück, Juden in Bottrop - Von der Zuwanderung 1808 bis zur letzten Deportation 1944, in: Beiträge zur Bottroper Geschichte, No. 27, Hrg. Historische Gesellschaft e.V., Bottrop 2001

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Regierungsbezirk Münster, J.P.Bachem Verlag, Köln 2002, S. 233 - 240

Manfred Lück, Bottrop, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 240 - 250

Heike Biskup (Red.), Akten des Schreckens: Bottroper Judenkartei, in: WAZ vom 28.1.2014 (online-Ausgabe)

Dirk Aschendorf (Red.), Für eine Synagoge war die Gemeinde zu arm, in: WAZ vom 7.6.2014 (online-Ausgabe)

Dirk Aschendorf (Red.), Eine Stele zur Erinnerung an jüdisches Bethaus in Bottrop, in: „Der Westen“ vom 25.11.2014

Dirk Aschendorf (Red.), Gedenktafel kehrt nach sieben Jahren zurück, aus: "Westfalenpost" vom 23.1.2015

Der jüdische Friedhof von Bottrop, online abrufbar unter: juedische-friedhoefe.info/friedhoefe-nach-regionen/nordrhein-westfalen/

Auflistung der Stolpersteine in Bottrop, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bottrop