Billerbeck/Münsterland (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Billerbeck in COE.svg Billerbeck ist eine Stadt mit derzeit ca. 11.500 Einwohnern im Kreis Coesfeld – ca. 25 Kilometer westlich von Münster gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Wurzeln jüdischen Lebens in Billerbeck reichen ins ausgehende 17.Jahrhundert zurück, für etwa 100 Jahre lebten hier dauerhaft vier Familien. Nach der Bildung von Synagogenbezirken durch die preußischen Behörden mussten die recht wohlhabenden Gemeindemitglieder ihre Bestrebungen aufgeben, zusammen mit Nachbargemeinden einen eigenen Synagogenbezirk zu bilden. Es wurde ihnen auferlegt, sich dem Synagogenbezirk Coesfeld anzuschließen. Widerwillig folgten sie der Weisung, strebten jedoch auch in den Folgejahrzehnten die Autonomie an, obwohl die Zahl der Gemeindemitglieder bereits im Sinken begriffen war. 1911 erklärten die Juden Billerbecks ihren Austritt aus dem Synagogenbezirk Coesfeld. Eine Folge dessen waren langandauernde Streitigkeiten um die Eigentumsrechte am jüdischen Friedhof.

Die Juden Billerbecks verfügten wohl bereits seit Mitte des 18.Jahrhunderts über ein „Betlocal“, das in privaten Räumlichkeiten untergebracht war. Spätestens seit 1816 soll sich eine Betstube im Privathaus des Kaufmanns Joseph Bendix (Münsterstraße) befunden haben. Trotz vorhandener finanzieller Mittel kam der Bau einer Synagoge aber nicht zustande, sodass gottesdienstliche Treffen weiterhin in privaten Betstuben stattfanden. Zuletzt trafen sich die jüdischen Familien außerhalb des Ortskerns in der alten Molkerei in der Beerlager Straße.

Eine eigene Schule gab es in Billerbeck lange Zeit nicht. Erst wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg stellte die Gemeinde einen Religionslehrer an, der die wenigen Kinder unterrichtete.

Die Anlage eines ersten Begräbnisplatzes in Billerbeck erfolgte in den 1760/1770er Jahren - auf einem unzugänglichen Gelände weit außerhalb des Dorfes; später bestattete man Verstorbene auf dem jüdischen Friedhof in Coesfeld. Ab Ende der 1870er Jahre wurde dann - ganz in der Nähe des alten Begräbnisgeländes - ein neuer Friedhof geschaffen. 

Seit 1932 waren die Juden aus Nottuln der Billerbecker Gemeinde angeschlossen.

Juden in Billerbeck:                                                                  

        --- um 1670 ........................ eine jüdische Familie,

    --- um 1770 ........................  4     “      “     n,

    --- 1812 ........................... 31 Juden,

    --- 1818 ........................... 49   “  ,

    --- 1847 ........................... 23   “  ,

    --- 1871 ........................... 32   “  ,

    --- 1895 ........................... 22   “  ,

    --- 1900 ........................... 28   “  ,

    --- 1910 ........................... 31   "  ,

    --- 1925 ........................... 35   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- um 1935 .................... ca. 10 jüdische Familien.

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Reg. bez. Münster, S. 178

und                  Ludger Grevelhörster, Billerbeck, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen …, S. 191/193

Viehhandel und Handel mit Manufakturwaren galten als Haupterwerbsquellen der Billerbecker Juden.

Der mit dem Boykott beginnende Auftakt antijüdischer Aktionen schien in Billerbeck nicht im Sinne der Nationalsozialisten verlaufen zu sein; denn die Maßnahmen stießen bei einem Großteil der Bevölkerung auf Unverständnis und sogar Ablehnung. So sollen auch die Geschäftsbeziehungen zwischen christlichen und jüdischen Viehhändlern (bis Mitte 1935) weiter unverändert bestanden haben.

In der Pogromnacht drangen SA-Angehörige gewaltsam in die Wohnhäuser jüdischer Familien ein und zerstörten Teile des Mobiliars. Sechs Männer wurden vorübergehend „in Schutzhaft“ genommen, verblieben aber im Ort. Nach der „Arisierung“ ihrer Geschäfte verschärfte sich die ökonomische Lage der Billerbecker Juden derart, dass sie ihren Lebensunterhalt oft nur aus ersparten Barmitteln bzw. dem Verkauf ihres Hausrates bestreiten konnten. Zudem lebten die wenigen verbliebenen Familien isoliert in zwei Privathäusern. 1941/1942 wurden 15 Billerbecker Bewohner jüdischen Glaubens nach Riga deportiert und im sogenannten „Reichsjudenghetto“ interniert. Die meisten von ihnen fielen den Massenerschießungen im Walde von Bikernieki zum Opfer, andere wurden in umliegenden Konzentrationslagern ermordet.

Der kleine jüdische Friedhof in der Berkelaue (Richtung Rorup) mit seinen ca. 20 Grabmalen wurde mehrfach Ziel von Schändungen.

Blick auf den jüdischen Friedhof (Aufn. 2006, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit Herbst 2002 erinnert am „Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft’, dem früheren Kriegerehrenmal, eine mit Namen versehene gläserne Gedenktafel an die Juden aus Billerbeck, die Opfer des Holocaust wurden. Durch künstlerische Umgestaltung gelang es zwei Künstlern, W. Winter und B. Hörbelt, mit einfachen Mitteln aus der „Kriegerkapelle“ eine „Kapelle der Friedfertigkeit“ zu machen - so die Aussage des „Fördervereins Mahnmal Billerbeck“.

   http://www.toefte.de/ulrike/assets/images/db_images/db_Billerbeck61.jpg Ansicht 3 Zwei Jahre später wurde in der Kurzen Straße, nahe dem Rathaus, ein Gedenkstein für die jüdischen Familien Billerbecks enthüllt (Aufn. aus: toefte.de), der die folgende Inschrift trägt:

Wer wird sich meiner erinnern, wenn ich gehe.  Rose Ausländer

250 Jahre lebten Juden in Billerbeck. Sie wurden geächtet, vertrieben und ermordet.

Es blieben nur ihre Häuser. Anno 2004

Seit 2006 einnert das „Geschwister-Eichenwald-Denkmal“ an das Schicksal der 1936 bzw. 1937 in Billerbeck geborenen und später nach Riga deportierten Kinder. Die Städtische Realschule Billerbeck trägt seit 2010 den Namen „Geschwister-Eichenwald-Realschule Billerbeck“.*

* Der Name der Realschule erinnert an die in Billerbeck geborenen Geschwister Eichenwald, Rolf-Dieter (geb. 1936) und Eva (geb. 1937); zusammen mit ihren Eltern lebten sie in der Langen Straße. Im Dezember 1941 wurde die Familie von Düsseldorf aus in das Ghetto Riga verschleppt. Vermutlich wurden die Kinder mit ihrer Mutter danach nach Auschwitz verbracht, wo sie ermordet wurden.

Hinweis:

2003 gründete der Billerbecker Unternehmer Wolfgang Suwelack eine gemeinnützige Stiftung, die sich der Förderung der Gedenkkultur und der Unterstützung der Friedensarbeit in Billerbeck und dem Münsterland widmet. Die Wolfgang Suwelack-Stiftung möchte das mahnende Gedenken an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft des 20. Jahrhunderts in und aus Billerbeck fördern und die historisch-politische Aufarbeitung der NS-Zeit unterstützen.

[vgl. Coesfeld (Nordrhein-Westfalen)]

Weitere Informationen:

Carl Knüppel, Die Juden in Billerbeck, in: Nationalzeitung. Alleiniges Amtliches Kreisblatt für den Kreis Coesfeld vom 25.8.1935 (Anm.: ein antisemitischer Artikel des damaligen Billerbecker Bürgermeisters)

Ludger Grevelhörster, Antisemitismus in der katholischen Provinz. Juden und Judenverfolgung in Billerbeck 1933 - 1940, in: D. Aschoff (Bearb.), Juden im Kreis Coesfeld, Hrg. Kreis Coesfeld, Beiträge zur Landes- u. Volkskunde des Kreises Coesfeld 24/1990, S. 50 - 72

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Regierungsbezirk Münster, J.P.Bachem Verlag, Köln 2002, S. 178 – 183

Veronika Meyer-Ravenstein (Bearb.), Zersplitterte Sterne – Erinnerungen an jüdische Familien und ihre Zeit, Billerbeck 2002 (Anm.: im Rahmen der 700-Jahrfeier von Billerbeck erschienen, enthält Erinnerungen und Aussagen von Zeitzeugen)

Dagmar Drovs, Zechor – Erinnere Dich! Die jüdischen Familien in Billerbeck von den Anfängen bis zur Shoa, in: Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld 28/2003, S. 105 - 189

Peter Ilisch, Das jüdische Leben im Wigbold Billerbeck, in: Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld 32/2007, S. 15 − 38

Ludger Grevelhörster, Billerbeck, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 190 – 195

André Schnepper (Beatrb.), Prozesse der Machtergreifung in einer katholischen Kleinstadt: Das Beispiel Billerbeck, in Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld 2011(Beiheft), Coesfeld 2011

Matthias M. Ester, Der jüdische Friedhof in Billerbeck, in: Geschichte der Stadt Billerbeck, 2012, S. 554 - 573

Namentliche Nennung aller jüdischen Bewohner aus Billerbeck, die Opfert der Shoa geworden sind, online abrufbar unter: artcampus.de/mahnmal

Geschwister Eichenwald (Aufsatz), bearb. Geschwister-Eichenwald-Schule Billerbeck, online abrufbar unter: realschule-billerbeck.de