Biesheim (Elsass)

Um die Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die israelitische Gemeinde von Biesheim mit ca. 500 Angehörigen ihren numerischen Höchststand.

Im oberelsässischen Biesheim - am linken Rheinufer gegenüber Breisach gelegen - bildete sich eine jüdische Gemeinde vermutlich im ausgehenden 17./beginnenden 18.Jahrhundert; denn mit der Ansässigkeit jüdischer Handelsleute – 1703 sollen in Biesheim mindestens zehn religionsmündige Männer gelebt haben – war die Voraussetzung für die dauerhafte Existenz einer selbstständigen Kultusgemeinde erfüllt. Die nach Biesheim zugezogenen Familien stammten zumeist aus Breisach, wo sie vertrieben worden waren.

Die Biesheimer Judengasse wird erstmalig 1711 erwähnt. Im Laufe des 19.Jahrhunderts erreichte die Gemeinde eine Mitgliederzahl von fast 500 Personen; damit gehörte Biesheim zu den großen israelitischen Gemeinden im Oberelsass. Ihren Lebensunterhalt bestritten die Familien zunächst überwiegend als Kaufleute, Kleinhändler und Metzger.

Stand zunächst nur ein Betraum in einem Privathaus als gottesdienstlicher Versammlungsort zur Verfügung, so wurde um 1720 die erste Synagoge errichtet. Allerdings musste sie - da ohne Genehmigung gebaut - wenige Jahre später wieder abgerissen werden. Erst ca. 100 Jahre später (1830) wurde dann ein Synagogenneubau eingeweiht, der wiederum 1867 durch einen anderen ersetzt wurde.

                

Synagoge von Biesheim (hist. Aufn., Sammlung J. Hahn)   -   Anzeige aus: „Frankfurter Israelitisches Familienblatt" vom 27.4.1885

In einem Artikel des "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 9. Dezember 1904 wurde über den „schlechten Besuch“ der Synagoge wie folgt berichtet:

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20102/Biesheim%20FrfIsrFambl%2009121904.jpg

Bis 1910 war Biesheim Sitz eines Rabbinats. In Biesheim tätige Rabbiner waren u.a.: Rachmiel Kalmann (1808-1819), Klein Salomon Wolf (1839-1841), Jacob Wolff (1842-1844), Cerf Aaron (1845-1879) und Samuel Haymann Schiller (1880-1883).

Lippmann Leon Levy (1880-1939), letzter Kantor der Biesheimer Gemeinde

Bis ins beginnende 19.Jahrhundert wurden verstorbene Biesheimer Juden auf dem jüdischen Friedhof in Mackenheim bzw. Rosenweiler beerdigt; ab 1802 stand dann nahe des Ortes ein eigenes Beerdigungsgelände zur Verfügung.

 Der erste Gemeindevorsteher in Biesheim war der Getreide- und Pferdehändler Jacob Salomon (gest. 1729) gewesen, dessen Grabstein sich auf dem Friedhof in Mackenheim befindet.

Juden in Biesheim:

         --- 1720 .........................  23 jüdische Familien,

    --- 1784 .........................  53     "        "   ,

    --- 1804 ......................... 334 Juden,

    --- 1824 ......................... 481   “  ,

    --- 1846 ......................... 480   “  ,

    --- 1861 ......................... 422   “  ,

    --- 1873 ......................... 342   “  ,

    --- 1890 ......................... 330   “  ,

    --- 1900 ......................... 308   “  ,

    --- 1905 ......................... 260   “  ,

    --- 1910 ......................... 208   “  ,

    --- 1936 .........................  80   “  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S. 52

In den letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts war - wegen Abwanderung - eine deutliche Reduzierung der Zahl der Gemeindeangehörigen zu verzeichnen. In den Jahren nach Ende des Ersten Weltkrieges zählten kaum 100 Personen zur Gemeinde.

Ehem. Judenstraße in Biesheim (aus: Louis Schlaefli, Notes relatives ...)

Nach der deutschen Besetzung (1940) mussten alle noch in Biesheim verbliebenen jüdischen Bewohner den Ort verlassen; sie wurden nach Südfrankreich deportiert, und nur wenige kehrten nach 1945 hierher zurück.

Beim Bombardement Biesheims im Februar 1945 wurde auch das Synagogengebäude völlig zerstört. Fünf Jahre später trug man die Ruine ab.

  Synagogenruine (Aufn. 1945, aus: pmarck.free.fr/communaute_juif)

Heute erinnert die „Rue de la Synagogue” daran, dass der Ort bis in die 1940er Jahre ein jüdisches Gotteshaus besessen hat.

Der jüdische Friedhof in Biesheim - etwa 400 Meter nordöstlich des Ortes im Gewann "Rheinwald" gelegen - blieb während des Zweiten Weltkrieges nahezu unversehrt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20268/Biesheim%20Friedhof%20190.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2044/Biesheim%20Cimetiere%20114.jpg

Älterer und neuerer Teil des jüdischen Friedhofs (links: Aufn. Ministére de la culture und rechts: Aufn. J. Hahn, 2004 

Weitere Informationen:

Freddy Raphael/Robert Weyl, Juif en Alsace. Culture, societé, histoire, Toulouse 1977

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992

Louis Schlaefli, Notes relatives à la Communauté juive de Biesheim (Extrait de l'Annuaire de la Société d'Histoire de la Hardt et du Ried – 1997 , online abrufbar unter: judaisme.sdv.fr

Biesheim, in: alemannia-judaica.de (mit zumeist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

La communauté juive de Biesheim du 17ème au  20ème siècle, online abrufbar unter: pmarck.free.fr/communaute_juive.htm

Günter Boll, Die Entstehung der jüdischen Gemeinde in Biesheim, in: „Schau-ins-Land“ - Zeitschrift des Breisgauer Geschichtsvereins, 129. Jahresheft 2010, S. 135 - 138

Günter Boll, Der Rabbonimplatz auf dem jüdischen Friedhof von Biesheim (mit Auflsitung der Rabbiner), PDF-Datei (eingestellt bei: alemannia-judaica.de)