Zell/Mosel (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für zell karte postleitzahl Zell ist eine Kleinstadt an der mittleren Mosel mit derzeit ca. 4.200 Einwohnern (Landkreis Cochem-Zell) und ist Verwaltungssitz der Verbandsgemeinde Zell (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Zell/Mosel – Gemälde von Karl Bodmer, 1841 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Jüdische Bewohner von Zell werden erstmals in der Zeit der Pestpogrome 1348/1349 erwähnt, damals soll es im Ort auch ein Bethaus gegeben haben. Während der folgenden Jahrhunderte schienen keine Juden mehr in Zell gelebt zu haben; erst im 18.Jahrhundert lassen sich wieder jüdische Familien im Zeller Raum nachweisen. Eine neuzeitliche Gemeinde gründete sich in Zell um 1800; zum Synagogenverband gehörten auch die wenigen Juden umliegender kleiner Ortschaften wie Alf, Merl, Bullay, Hamm, Briedel und Pünderich.

Etwa 50 Jahre später kaufte die kleine Gemeinde einen Teil des alten kurfürstlich-trierischen Schlosses, um in einem Teil des Gebäudes - unter strengen Auflagen - einen Gebetsraum einzurichten. So hieß es z.B. im Artikel 3 des Kaufvertrages: „ ... Die Käuferin (=die Gemeinde) ist gebunden, den Eingang in die Synagoge von dem oberen Wege zu nehmen, sich zu diesem Ende gegen Osten die Eingangsthür auf eigene Kosten brechen zu lassen und den gegenwärtigen Eingang ebenfalls auf eigene Kosten zuzumauern, indem die steinerne Treppe vom Eigentümer weggenommen wird und mithin der Durchgang durch den Hof des Verkäufers unstatthaft ist.“

       Synagogentür (hist. Aufn.) -  „Der Israelit“ vom 28.Jan. 1901

Religiöse-rituelle Aufgaben verrichtete zeitweise ein seitens der Gemeinde angestellter Lehrer.

Nach der Einrichtung der Synagoge zogen vermehrt Juden aus umliegenden Dörfern nach Zell. Als sich noch weitere kleine Ortschaften dem Synagogenverband Zell anschlossen, wurde der Betraum zu klein, sodass man sich zu einem Synagogenneubau entschloss. Der 1914 begonnene, aber unvollendete Rohbau in der Balduinstraße wurde Mitte der 1920er Jahre öffentlich versteigert; mit dem erzielten Erlös ließ die Gemeinde die alte Synagoge erweitern bzw. renovieren; so wurden u.a. eine Frauenempore eingebaut, der Thoraschrein vergrößert und eine elektrische Beleuchtung installiert.

                                    Verkaufsanzeige 

Die verstorbenen Gemeindeangehörigen aus Zell wurden auf dem neuen jüdischen Friedhof in Bullay beerdigt, der seit 1848 im Eigentum des Synagogenverbandes Zell war. Das Friedhofsareal mit seinen ca. 45 Grabsteinen liegt heute inmitten der Weinberge am Ortsausgang Richtung Merl (Nispelter Kehr).

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20238/Bullay%20Friedhof%20172.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20238/Bullay%20Friedhof%20178.jpg

 Jüdischer Friedhof in Bullay - einer der ältesten Grabsteine (Aufn. Otmar Frühauf, 2009)

 Juden in Zell:

    --- 1822 ............................  37 Juden,

    --- um 1850 .........................  74   “  ,*   * Synagogenverband

    --- 1853 ............................  37   “  ,

    --- 1858 ............................  49   “  ,

    --- 1895 ............................  41   “  ,

    --- um 1900 ..................... ca. 100   "  ,*

    --- 1925 ............................  33   “  ,

    --- 1930 ........................ ca.  70   “  ,*

    --- 1942 (Dez.) .....................  keine.

Angaben aus: Angelika Schleindl, Spuren der Vergangenheit - Jüdisches Leben im Landkreis Cochem-Zell, S. 267

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Inneneinrichtung der Zeller Synagoge durch SA-Angehörige aus Traben-Trabach vernichtet bzw. durch die lokale Polizei ‚sichergestellt’; auf eine Brandlegung verzichteten die „empörten Volksgenossen“, da die Gefahr eines Übergreifens des Feuers bestand. Ein Jahr später musste vom letzten verbliebenen Mitglied der Gemeinde, dem Bullayer Gustav Fleischer Harf, das Synagogengebäude verkauft werden. Im Laufe des Jahres 1939 löste sich die kleine Gemeinde auf. Die jüdischen Familien von Zell, die nicht mehr rechtzeitig emigrieren konnten, fielen zumeist dem Holocaust zum Opfer.

Auf einer auf dem jüdischen Friedhof in Bullay angebrachten Tafel stehen die Namen von 34 Mitgliedern der Synagogengemeinde Zell, die durch den Naziterror gewaltsam ums Leben gekommen sind.

             Aufn. Armin Kohnz, 2013

Am Gebäude der einstigen Synagoge im Schloss wurde im Jahre 1988 unten abgebildete Hinweis- u. Gedenktafel angebracht:

  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20230/Zell%20aM%20Synagoge%20173.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20230/Zell%20aM%20Synagoge%20172.jpg Eingangsportal (Aufn. J. Hahn, 2009)

2001 wurde die ehemalige Synagoge dem Verein "Freundeskreis Synagoge Zell" zur Nutzung überlassen; Ende 2002 konnte mit der Restaurierung begonnen werden. Ein Jahr später wurde das sanierte Gebäude der Öffentlichkeit übergeben. Als Begegnungsstätte, als Ort kultureller Veranstaltungen und als ständiger Ausstellungsraum zur Geschichte der Zeller Juden soll künftig die restaurierte Synagoge genutzt werden. Neben dem kleinen Eingangsportal ist auch die hölzerne Frauenempore im Original erhalten geblieben.

"Stolpersteine" in der Balduinstraße (Aufn. aus: „Zeller Stadtbote“ 1/2015) 

Im Frühjahr 2015 wurden in Zell bzw. Merl zwölf sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Mitglieder der ehemaligen jüdischen Gemeinde erinnern sollen; weitere Steine folgten.

 

In Merl - heute ein Stadtteil von Zell - war im 19. und beginnenden 20.Jahrhundert eine nur aus wenigen Familien bestehende israelitische Gemeinde existent, die sich in den 1830er Jahren maximal aus 30 Personen zusammensetzte. Zu Gottesdiensten kam man anfänglich in Privathäusern zusammen, später suchte man die Zeller Synagoge auf. Verstorbene wurden auf dem um 1830 angelegten jüdischen Friedhof in Bullay beerdigt; das Gelände gehörte zunächst der Merler Gemeinde, ging dann in den 1890er Jahren in den Besitz des Synagogenverbandes Zell über. Mitte der 1920er Jahre lebten noch ca. zehn Juden in Merl. Die letzten beiden jüdischen Bewohner wurden Ende April 1942 deportiert. Im steinernen Gedenkbuch in der ehemaligen Synagoge in Zell sind die sechs Juden Merls festgehalten, die Opfer der Shoa geworden sind.

 

Im moselaufwärts gelegenen Dorf Enkirch gab es auch eine kleine jüdische Gemeinschaft, die im 19.Jahrhundert maximal 40 Angehörige umfasste. Seit 1852 verfügte die hiesige Judenschaft über ein eigenes Synagogengebäude. Zeitweilig beschäftigte die kleine Gemeine einen Lehrer, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war.

1909 wurde der Innenraum der kleinen Synagoge durch Feuer stark beschädigt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20191/Enkirch%20FrfIsrFambl%2006081909.jpg aus: "Frankfurter Israelitisches Familienblatt" vom 6.Aug.1909

In Enkirch gab es zwei ältere jüdische Friedhöfe, die allerdings nicht mehr erhalten sind; das neue Begräbnisareal wurde im Anschluss an den kommunalen Friedhof um 1885 angelegt. In den 1920er Jahren lebten im Dorf noch ca. 20 jüdische Bewohner. Um an hohen Feiertagen Gottesdienste noch abhalten zu können, wurden Glaubensgenossen aus Nachbarorten hinzu gebeten.

Zu Beginn der NS-Zeit wohnten noch etwa 15 Personen mosaischen Glaubens im Ort. Elf Juden aus Enkirch wurden Opfer der Shoa.

Auf dem (neuen) jüdischen Begräbnisgelände in Enkirch findet man heute noch ca. 25 Grabsteine.

Jüdische Grabstätten in Enkirch (Aufn. Otmar Frühauf, 2009) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20222/Enkirch%20Friedhof%20171.jpg

 

Auch in Trarbach lebten erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts jüdische Bewohner - allerdings kaum mehr als acht Familien. In einem Hinterhause der jüdischen Familie Salomon Schömann (Moselstraße) war eine Betstube eingerichtet. Als Mitte der 1930er Jahre kein Minjan mehr zustandekam, suchten die Trarbacher Juden die Synagoge in Rachtig bzw. in Enkirch auf. Verstorbene wurden meist in den Herkunftsorten beigesetzt, ehe 1927 ein kleiner jüdischer Friedhof in Trarbach angelegt wurde.

Noch zu Beginn der NS-Herrschaft sollen im Ort noch ca. 30 jüdische Bewohner gelebt haben, die auf Grund der zunehmenden Entrechtung ausgewandert bzw. in größere Städte innerhalb Deutschlands verzogen sind. Nach Angaben des Gedenkbuches „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945“ sind 15 gebürtige bzw. länger in Trarbach wohnhafte Juden Opfer der Shoa geworden.

Hinweis: Im unterfränkischen Zell/Main gab es auch eine israelitische Gemeinde. vgl. dazu: Würzburg (Bayern)

Weitere Informationen:

Günter Böse (Bearb.), Die jüdische Gemeinde (Traben-Trarbach), in: D.Flach/G.Böse, Traben-Trarbach - Geschichte einer Doppelstadt, Traben-Trarbach 1984, S. 306 - 313

Wolfgang Wendling, Die jüdische Bevölkerung im 19.Jahrhundert, in: Kreisbuch Cochem-Zell, 1986

Angelika Schleindl, Spuren der Vergangenheit - Jüdisches Leben im Landkreis Cochem-Zell, Hrg. Landkreis Cochem-Zell, Rhein-Mosel-Verlag 1996, S. 98 – 102, S. 239 - 248 und S. 267 - 288

Angelika Schleindl, Die Synagoge in Zell, in: Jahrbuch für den Kreis Cochem-Zell 1996, S. 82 - 85

Angelika Schleindl (Red.), Verschwundene Nachbarn kehrten nach über 50 Jahren zurück. Kreis Cochem-Zell, in: SACHOR - Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, 6. Jg., Ausgabe 1/1996, Heft Nr. 11, S. 34/35

Franz Piacenza (Red.), Die Familie Bender aus Zell, in: SACHOR - Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, 6. Jg., Ausgabe 1/1996, Heft Nr. 11, S. 36/37

Karl-Josef Gilles, Jüdisches Leben in Zell, in: Jahrbuch für den Kreis Cochem-Zell 1997, S. 73 - 75

Karl-Josef Gilles, Juden in den kurtrierischen Ämtern des Kreisgebietes während des 17. u. 18.Jahrhunderts, in: Jahrbuch für den Kreis Cochem-Zell 1999, S. 59 – 67

Landsynagogen. Zwischen Kulturdenkmal, Gedenkstätte und Lernort. Eine Dokumentation der Tagung in Waren an der Müritz, April 2002, S. 19/20

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 145/146, S. 364 und S. 409 - 412

Zell/Mosel, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- u. Bilddkomenten zur jüdischen Ortshistorie)

Merl, in: alemannia-judaica.de

Enkirch, in: alemannia-judaica.de

Trarbach, in: alemannia-judaica.de

Ulrike Platten-Wirtz (Red.), Zwölf Stolpersteine gegen das Vergessen gelegt, in: „Rheinzeitung“ vom 24.4.2015

Katja Hommes (Red.), „Ein Loch in der Gesellschaft hinterlassen“. Zeller Stolpersteine haben auch „einen Auftrag“, in: „Wochenspiegel“ vom 24.6.2016