Wüstensachsen (Hessen)

Datei:Ehrenberg (Rhön) in FD.svg Wüstensachsen mit seinen derzeit ca. 2.800 Einwohnern ist heute ein Ortsteil von Ehrenberg (Rhön) im hessischen Landkreis Fulda – etwa 30 Kilometer östlich der Kreisstadt gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die jüdische Gemeinde in Wüstensachsen war Mitte des 19.Jahrhunderts die größte im Kreis Gersfeld.

Eine jüdische Gemeinde bildete sich in Wüstensachsen im Laufe des 17.Jahrhunderts; erstmals wird 1630 die Existenz von Juden in Wüstensachsen erwähnt. Eine namentliche Nennung („Heyme Jud, Moße Jud und Leus Jud“) kann erstmals um 1660 nachgewiesen werden.

Die Familien standen damals unter dem Schutz der Fürstbischöfe von Würzburg bzw. unter dem der Herren von Thüngen. Im ausgehenden 18. und in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts wuchs die israelitische Gemeinde in Wüstensachsen stark an und zählte damals zur größten Gemeinde in der Region; zeitweilig besaß sie einen eigenen Rabbiner.

Das baufälliges „Betlocal“ in der Hauptstraße wurde Mitte der 1860er Jahren renoviert und durch einen Anbau erweitert. Für einen Neubau hatte der in Gersfeld amtierende Distriktrabbiner Samuel Wormser geworben, der in einem Schreiben an das Kgl. Bezirksamt die unhaltbaren Zustände des aktuellen Synagogengebäudes wie folgt schilderte: „ Die Synagoge in Wüstensachsen ist so baufällig, daß es fast frevelhaft erscheint, in derselben seine Andacht zu verrichten. Im Innern bietet sie einen schauderhaften Anblick, ein kleiner finsterer Raum, schwarze Wände, große und kleine zerbrochene Ständer (=Betpulte) im Kreise oder besser im Chaos ...“ Dieser untragbaren Situation konnte sich auch die Bezirksbehörde nicht verschließen und ließ in ihrem Gutachten verlauten, daß der Ort „der Andacht und Verehrung des höchsten Wesens unwürdig “ und der Aufenthalt darin „der Gesundheit nachtheilig“ sei. Nach einigen zeitlichen Verzögerungen, die auch der Finanzierung des Bauprojektes geschuldet waren, wurde das Synagogengebäude 1866 (oder Anfang 1867) eingeweiht. Auf Grund der hohen Kosten, die ein Neubau verschlungen hätte, beließ es die finanzschwache Gemeinde mit einer Renovierung u. Vergrößerung des bestehenden Gotteshauses.

Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer bzw. ab 1894 ein Elementarlehrer angestellt, der zugleich als Kantor und Schochet tätig war.

    aus: „Der Israelit“ vom 3.5.1900 u. 18.4.1929

1894 wurde in Wüstensachsen eine jüdische Elementarschule eröffnet; zuletzt besuchten nur noch sehr wenige Kinder diese Schule, sodass sie Mitte der 1930er Jahre aufgelöst wurde.

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem relativ weit entfernten jüdischen Bezirksfriedhof in Weyhers beerdigt. Der Friedhof diente den Juden des gesamten Kreises Gersfeld als Beerdigungsstätte. Männer, Frauen und Kindern wurden hier getrennt voneinander begraben. Zur Gemeinde Wüstensachsen gehörten auch die wenigen Juden aus Melperts.

Nach der Auflösung des Distriktsrabbinats Gersfeld 1892 unterstand die Gemeinde von Wüstensachsen dem Provinzialrabbinat Fulda.

Juden in Wüstensachsen:

        --- um 1660 ........................   3 jüdische Familien,

    --- um 1700 ........................   7     “       “    ,

    --- 1717 ...........................  15     "       "    ,

    --- um 1790 .................... ca.  25     “       “    ,

    --- 1817 ...........................  56     “       “    ,

    --- 1871 ........................... 137 Juden (ca. 13% d. Bevölk.)

    --- 1892 ...........................  36 jüdische Familien,

    --- 1905 ........................... 118 Juden,

    --- um 1925 .................... ca. 120   “  ,

    --- 1933 ........................... 116   “  (ca. 10% d. Bevölk.),*     * andere Angabe: 82 Pers.

    --- 1939 (Dez.) ....................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 441

In der Judenmatrikel von 1817 sind für Wüstensachsen 56 jüdische Haushalte mit mehr als 200 Personen aufgelistet. Die jüdischen Bewohner des Ortes, die nahezu alle in der Hauptstraße, der heutigen Rhönstraße, ihr Domizil hatten (von den Einheimischen auch als „Judenberg“ bezeichnet), verdienten ihren kärglichen Lebensunterhalt im Handel, zumeist mit Vieh, und in der Landwirtschaft. Später betrieben sie kleine Ladengeschäfte, die Waren für den täglichen Bedarf anboten.

Trotz zunehmender Auswanderung nach Nordamerika gegen Mitte des 19.Jahrhunderts blieb die Zahl der Gemeindeangehörigen relativ groß; in den 1920er Jahren umfasste die Gemeinde immerhin noch mehr als 120 Mitglieder. Die etwa 35 jüdischen Familien waren in die dörfliche Gesellschaft integriert; Juden gehörten der Gemeindevertretung an und waren auch Mitglieder lokaler Vereine.

Nach der NS-Machtübernahme 1933 verschlechterte sich das bis dahin relativ gute Verhältnis zwischen den Juden Wüstensachsens und den übrigen Dorfbewohnern. Schikanen und Diskriminierungen waren von nun an der Tagesordnung.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20149/Wuestensachsen%20Israelit%2001091938.jpg Notiz in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Sept. 1938

In nur sechs Jahren nach der NS-Machtübernahme verließen fast alle hiesigen Juden ihren Heimatort: Einige emigrierten, andere verzogen in größere deutsche Städte wie Frankfurt/M. oder Fulda; die letzten wurden per LKW nach Fulda abgeschoben.

Während der Novembertage von 1938 wurde die Synagoge zerstört und anschließend abgerissen. Mindestens 30 gebürtige Juden aus Wüstensachsen fielen dem Holocaust zum Opfer.

Das einstige um 1900 erbaute jüdische Schulhaus kam 1941 in den Besitz der Kommune; bis Mitte der 1980er Jahre wurde es als Bürgermeisteramt und Gemeindebücherei genutzt, ehe es zu einem Wohnhaus umgebaut wurde. Das Grundstück der ehemaligen Synagoge ist heute unbebaut.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20211/Wuestensachsen%20Gedenktafel%20010.jpg Eine kleine Gedenktafel im Rathaus (Aufn. Elisabeth Böhrer) erinnert heute an die frühere jüdische Gemeinde:

Zur Erinnerung an die ehemalige jüdische Gemeinde in Wüstensachsen

und deren Opfer in den Jahren 1933 - 1945

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20374/Wuestensachsen%20Denkmal%20021.jpg Auf dem Gelände zwischen Bürgerhaus und Kirche wurde 2014 eine Gedenkanlage für die ehemaligen jüdischen Bürger Wüstensachsens geschaffen (Aufn. Elisabeth Böhrer, 2014). Diese trägt die Inschriften: "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" und "Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger, die durch den Nationalsozialistischen Rassenhass verfolgt und getötet wurden".

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, 441/442

Otto Berge, Zur Pogromnacht in Wüstensachsen, in: in: Buchenblätter – Beilage der Fuldaer Zeitung für Heimatfreunde vom 16.3.1989

Margitta Köhler-Knacker (Verf.), Die jüdische Gemeinde in Wüstensachsen - Erinnerungen von David Grünspecht, Metzgermeister und dessen Sohn Alfred Grünspecht, Hrg. Gemeinde Ehrenberg, 1998

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817, Würuburg 2008, S. 149 f.

Wüstensachsen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen, meist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Michael Imhof (Hrg.), Juden in Deutschland und 1000 Jahre Judentum in Fulda, hrg. von Zukunft Bildung Region Fulda e.V., Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, S. 378 - 385

Franz-Josef Enders (Red.), Gedenkort für jüdische Mitbürger in Wüstensachsen feierlich übergeben, in: „Fuldaer Zeitung“ vom 13.5.2014

Inge Hohmann (Red.), Vor 150 Jahren Einweihung der Kirche und Bau der Synagoge in Wüstensachsen, in: „Buchenblätter - Beilage zur Fuldaer Zeitung" 2/2016

Michael Imhof, 400 Jahre Juden in der Rhön, Hrg. Zukunft Bildung Region Fulda e.V., 2017