Würselen (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Würselen in AC (2009).svg Würselen ist eine Stadt mit derzeit ca. 38.000 Einwohnern in der nordrhein-westfälischen Städteregion Aachen – nur wenige Kilometer nordöstlich von Aachen gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Seit Ende der 1830er Jahre lebten jüdische Einwohner in Würselen; vermutlich waren in den umliegenden Dörfern auch einige jüdische Familien ansässig.

Mehrfach scheiterten Versuche der Würseler Juden, zusammen mit anderen kleinen Ortschaften eine eigene Synagogengemeinde zu bilden. Die kleine jüdische Gemeinschaft von Würselen wurde stets nur als Teil einer Filialgemeinde innerhalb des Synagogenbezirks Aachen anerkannt. Würselen war Sitz der um 1855 gebildeten Filialgemeinde, zu der auch die Ortschaften Bardenberg, Eilendorf, Haaren, Kohlscheid, Richterich und Weiden gehörten. In diesen Ortschaften lebten damals insgesamt etwa 250 Juden. Seit den 1860er Jahren zählten zur Filialgemeinde Würselen-Bissen weitere kleine Ortschaften. Ein Betraum war angemietet, das Begräbnisgelände befand sich in Haaren.

Seit 1875 verfügten die Würseler Juden auch über ein neues Synagogengebäude am Lindenplatz; ob es sich dabei um einen Umbau eines bereits existierenden Gebäudes oder einen Neubau handelte, ist ungewiss. Letztmalig genutzt wurde das Gebäude im Jahre 1925, als hier das 50jährige Baujubiläum des Gotteshauses begangen wurde. Die jüdische Gemeinde in Hoengen betreute danach die wenigen Juden aus Würselen.

  Synagoge in Würselen zur 50-Jahrfeier der Synagoge (hist. Aufn., Archiv)

Hinter der Synagoge war in einem kleinen Gebäude die jüdische Elementarschule untergebracht.

Ihre Verstorbenen beerdigten die Würseler Juden seit ca. 1840 auf einem kleinen Areal in der Nähe von Gut Wambach/Broichweiden; auch die Juden aus Haaren beerdigten hier ihre Toten. Daneben gab es seit Ende der 1850er Jahre einen jüdischen Friedhof im Ortsteil Morsbach; hier fanden auch Verstorbene aus Bardenberg, Herzogenrath und Kohlscheid ihre letzte Ruhe.

Juden in Würselen:

    --- 1837 ..........................   9 Juden,

    --- 1857 ..........................  25   “  ,

    --- 1872 ..........................  39   “  ,*     * andere Angabe: 60 Pers.

             ...................... ca. 280   “  ,**    ** Filialgemeinde Würselen-Bissen

    --- 1895 ..........................  32   “  ,

    --- 1905 ..........................  31   “  ,  

    --- 1933 ..........................  25   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Reg.bez. Köln, S. 69

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Würselen nur noch etwa 25 jüdische Bewohner.

Monate vor dem Novemberpogrom von 1938 wurde das 1933 durch einen Brand stark beschädigte Synagogengebäude für 2.000,- RM an einen einheimischen Handwerker verkauft. Bis Mitte der 1920er Jahre war die Synagoge noch genutzt worden; so hatte man noch 1925 in einem Festakt das 50jährige Synagogenjubiläum gefeiert. Während ein Teil der Würseler Juden noch rechtzeitig emigrieren konnte – zumeist nach Übersee, fand der andere Teil den Tod in den „Lagern des Ostens“.

Das ehemalige Synagogengebäude diente im Laufe der Jahrzehnte verschiedensten gewerblichen Zwecken. Auf Initiative des Arbeitskreises „Kein Vergessen“ wurde 2008 auf dem Gehweg vor der ehemaligen Synagoge eine Gedenkplatte verlegt; nur Mauerreste der östlichen Giebelwand – integriert in den Neubau einer Seniorenwohnanlage - weisen heute noch auf das einstige jüdische Gotteshaus hin.

 

 Giebelwand der ehem. Synagoge (links: Aufn. Georg Pinzek - rechts: Aufn. Vladimir Shwemmer, 2012, aus: woeschele.de)

Auf Initiative des Arbeitskreises „Kein Vergessen“ wurden im Stadtgebiet ca. 30 sog. „Stolpersteine“ verlegt. Allein am Lindenplatz wurden neun Steine in den Boden eingelassen; um diese Stelle besonders kenntlich zu machen, wurde rings um die „Stolpersteine“ in der Pflasterung ein "verletzter" Davidstern nachgebildet.

neun Stolpersteine (Aufn. aus: denkmalplatz.de)

Der jüdische Friedhof in der Waldstraße von Würselen-Morsbach, der bis 1939 in Nutzung und unmittelbar danach von Nationalsozialisten schwer beschädigt worden war, wurde gegen Ende der 1940er Jahre - so gut es eben ging - wiederhergerichtet. Seit 1985 ist das Gelände in die Denkmalsliste der Stadt Würselen eingetragen. Auf dem schon wieder mehrfach geschändeten Begräbnisgelände sind heute noch 22 Grabsteine vorhanden; der älteste noch lesbare Grabstein stammt aus dem Jahre 1875.

Friedhof Würselen-Morsbach (Aufn. P., 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit 2015 erinnert eine Gedenktafel (mit Belegungsplan) an die hier bestatteten Juden.

 

Auf der jüdischen Begräbnisstätte in Broichweiden, die auch Gräber ehemaliger sowjetischer Zwangsarbeiter aufweist, erinnert ein Gedenkstein sowohl an die jüdischen als auch an die sowjetischen Toten. Originale Grabsteine von aus Würselen und Haaren stammender hier beerdigter Juden findet man hier allerdings nicht mehr.

Weitere Informationen:

August Liebenwein, Aus der Geschichte Würselens vom Ende des Alten Reiches (1794) bis zum Jahre 1900, in: M.Wensky/F.Kerff, Würselen - Beiträge zur Stadtgeschichte I, Hrg. Stadt Würselen, Köln 1989

Willi Benzel, Das Unrecht geschah unter uns - Über das Schicksal der jüdischen Familie Hirsch in Würselen, in: "Die Menorah. Zeitschrift der jüdischen Gemeinde Aachen" vom 19.4.1989

Verschüttete Spuren. Jüdische Mitbürger in Würselen 1933-1942, Untersuchungen von Schülern der Klasse 0 III b des Städtischen Gymnasiums Würselen. erstellt 1989 (Maschinenmanuskript)

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem Verlag, Köln 1997, S. 68 – 72

Heike Eisenmenger, Junge Franzosen bringen Ordnung ins Chaos. Bericht über den Zustand des jüdischen Friedhofs in Morsbach; in: "Aachener Zeitung" vom 12. August 2005

N.N. (Red.), „Stolpersteine“ erinnern an Juden, in: „Aachener Nachrichten“ vom 13.5.2007

ehg (Red.), An jüdisches Leben erinnern, in: "Aachener Nachrichten" vom 27.11.2007

Hanna Sturm (Red.), Stolpersteine halten die Erinnerung wach, in: „Aachener Zeitung“ vom 10.5.2009

Georg Pinzek, Würselen (Red.), Die Reste der Synagoge bleiben Blickfänge, in: „Aachener Zeitung“ vom 10.2.2012

N.N. (Red.), Ein Kleinod in Morsbach, Zeitungsartikel in: SUPER-Mittwoch vom 27.2.2014

Arbeitskreis „Kein Vergessen“ (Hrg.), Würselen unterm Hakenkreuz – Dokumentation über die nationalsozialistische Herrschaft in Würselen, über Formen des Widerstandes und über das Schicksal jüdischer Bürgerinnen und Bürger, Kulturarchiv Würselen, Neuauflage 2014

psw (Red.), Auf den Spuren jüdischen Lebens, in: „Aachener Nachrichten“ vom 14.10.2015