Vreden (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Vreden in BOR.svg Die Stadt Vreden mit derzeit ca. 23.000 Einwohnern liegt im westlichen Münsterland im Kreis Borken - unmittelbar an der deutsch-niederländischen Grenze (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erste Belege von der Existenz von Juden in Vreden stammen aus dem beginnenden 14.Jahrhundert, und zwar aus einem „Einkünfte-Verzeichnis“ des Kölner Erzbischofs. Vermutlich wurde die Gemeinde während der Pestpogrome vernichtet. Erst gegen Mitte des 17.Jahrhunderts tauchen erneut urkundliche Belege dafür auf; die jüdischen Familien waren im Besitz von Schutzbriefen ihres bischöflichen Landesherrn.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b2/Vreden_1649.png

Vreden um 1650 (Abb. Nicolaes van Geelkercken, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Einen gottesdienstlich genutzten Raum gab es schon im 18.Jahrhundert; zu Beginn des folgenden Jahrhunderts strebte die angewachsene jüdische Gemeinschaft auch den Besitz eines eigenen Synagogengebäudes an. Als die Genehmigung dazu erteilt war, errichtete die Vredener Judenschaft 1808 auf einem Hinterhofgelände in der Twickler Straße eine kleine, unscheinbare Synagoge. Während die Männer im Untergeschoss ihren Platz fanden, erreichten die Frauen über eine schmale Wendeltreppe den kleinen Emporenraum.

                     Modell der Synagoge von Vreden (Guido Leeck, 1992, Heimatverein)

Die Vredener Synagoge überstand die beiden Stadtbrände von 1811 und 1857 unversehrt.

Zunächst wurde den wenigen jüdischen Kindern in einem Privathause Unterricht erteilt. Um 1800 existierte in einem Hause neben der Synagoge eine eigene Schulstube. Beim Stadtbrand von 1857 wurde die jüdische Schule zerstört, doch bald wieder aufgebaut. Zwei Jahrzehnte später musste sie wegen Schülermangels schließen; die fünf Kinder besuchten danach die evangelische Schule in Vreden.

In Vreden gab es zwei jüdische Begräbnisstätten; eine ältere lag an der Oldenkotter Straße, die jüngere in der Nähe der Zwillbrocker Straße.

Zur jüdischen Synagogengemeinde Vreden - sie bildete seit 1857 eine selbstständige Untergemeinde des Synagogenbezirks Ahaus - zählten ab den 1850er Jahren auch die Juden aus Epe, Legden, Nienborg, Stadtlohn, Südlohn, Schöppingen und Gronau.

Juden in Vreden:

    --- 1654 ...........................  2 jüdische Familien,

    --- 1720 ...........................  3      “       “   ,

    --- 1795 ...........................  8      “       “   ,

    --- um 1815 .................... ca.  50 Juden,

    --- 1846 ........................... 103   “  ,

    --- 1852 ........................... 111   “  ,

    --- 1861 ...........................  93   “  ,

    --- 1871 ...........................  86   "  ,

    --- 1890 ...........................  54   “  ,

    --- um 1900 ........................  53   “  ,

    --- 1913 ...........................  52   “  ,

    --- 1933 ...........................  44   “  ,

    --- 1938 ...........................  31   “  ,

    --- 1939 ...........................  11   “  ,

    --- 1942 ...........................   4   “  ,

    --- 1943 ...........................   keine.

Angaben aus: Hermann Terhalle, Vreden an der Jahrtausendwende, S. 251 ff.

und                 Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 ..., S. 534 und S. 655

Über die Lebenssituation der Vredener Juden in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts berichtete der 1745 in Breslau geborene Rabbi Selig Wolff in seinen Lebenserinnerungen. Wolff, der 1773 zum christlichen Glauben konvertiert war, sich fortan Paulus Georgi nannte und als angesehener Kaufmann in Vreden wirkte, war der erste von insgesamt sieben, die ihren jüdischen Glauben ablegten. Ob für diese Konversionen antijüdische Exzesse in Vreden der Auslöser waren, ist ungewiss. Zu weiteren Ausschreitungen gegenüber jüdischen Bewohnern kam es in den 1790er Jahren seitens Schüler des „Franziskanergymnasiums“, die von der Stadtobrigkeit geduldet wurden. Erst nach 1850 wurden die Juden Vredens von der christlichen Bevölkerung weitgehend akzeptiert.

Mitte des 19.Jahrhunderts verdienten die Vredener Juden ihren Lebensunterhalt zumeist als Kaufleute; daneben gab es einen Handwerker, einen Trödler und mehrere abhängig Beschäftigte.

Über das Schicksal der Angehörigen der jüdischen Gemeinde während der ersten Jahre der NS-Herrschaft ist nur wenig bekannt. In der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938 wurden zahlreiche Fensterscheiben von Häusern jüdischer Familien eingeworfen, Geschäftsräume und Wohnungen verwüstet; auch der Innenraum der Synagoge wurde demoliert; eine Brandlegung unterblieb aber wegen der dichten Bebauung in der Umgebung. Die Täter sollen angeblich ortsfremde SA-Angehörige gewesen sein. Tags darauf sollen aber auch Vredener NSDAP-Angehörige an den Ausschreitungen teilgenommen haben. Unmittelbar im Anschluss an die gewalttätigen Ausschreitungen wurden alle jüdischen Bewohner von Vreden vorübergehend in der städtischen Turnhalle festgesetzt; dabei kam es auch zu Misshandlungen. Zeitgleich wurden die beiden jüdischen Friedhöfe geschändet. Zu Beginn des Krieges lebten nur noch etwa zehn Juden in Vreden, die meisten waren in den Jahren 1938/1939 emigriert. Einige am Ort verbliebene Juden wurden im Herbst 1941 über Ahaus nach Münster gebracht; von dort erfolgte im Dezember 1941 ihre Deportation ins Rigaer Ghetto. Die letzten vier jüdischen Bewohner mussten 1942 ihren Heimatort verlassen. Nachweislich verloren 33 gebürtige bzw. länger in Vreden wohnende jüdische Bewohner während der NS-Gewaltherrschaft ihr Leben.

Nur zwei Juden Vredens überlebten ihre Deportation und kehrten nach Kriegsende nach Vreden zurück.

Das während des Krieges zerstörte Synagogengebäude wurde noch vor 1945 niedergelegt. Seit 1982 erinnert eine Gedenktafel an den ehemaligen Synagogenbau; unter einem Davidstern befindet sich der folgende Text:

Zum Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger,

die verfolgt, vertrieben und in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Hier stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Vreden.

Sie wurde 1808 erbaut, in der ‘Reichskristallnacht’ 1938 von Nationalsozialisten verwüstet

und 1944 abgebrochen.

Vreden Januar 1982

An die einstige jüdische Gemeinde erinnern in Vreden nur noch die beiden Friedhöfe.

alter jüdischer Friedhof (Aufn. Tetzemann, 2017, aus: wikipedia.org, CCO)

Auf dem Gelände des ehemaligen alten jüdischen Friedhofs (an der Oldenkotter Straße/Dewesweg) - belegt von 1818 bis 1930 - sind noch 40 Grabsteine zu finden. Hier errichtete die Kommune 1986 einen Gedenkstein, der die folgende Inschrift trägt:

Der Ort, auf dem Du stehst, ist heiliger Boden

Exodus, 3,5

Für die jüdischen Mitbürger unserer Stadt, die in den Jahren 1933 - 1945

Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden.

Mahnmal (Aufn. Heimatverein Vreden)

2000 wurde in der Nähe der ehemaligen Synagoge ein Mahnmal eingeweiht; unter der Abbildung der ehemaligen Synagoge befindet sich der Text:

Hier stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Vreden. Sie wurde 1808 erbaut,

während des Pogroms am 9.November 1938 von Nationalsozialisten verwüstet und 1944 abgebrochen.

Auf einer der Säulen sind die Namen von 23 jüdischen NS-Opfern aus Vreden festgehalten. 

Auch Vreden gehört zu den Orten, in denen sog. „Stolpersteine“ verlegt worden sind. 2008 wurden an sechs Stellen in der Innenstadt 21 Gedenktäfelchen in die Gehwegpflasterung eingefügt: derzeit sind es 24 Steine (2018).

Auf dem neuen jüdischen Friedhof (Berkelaue/südlich der Zwillbrocker Straße), der von 1928 bis 1958 belegt wurde, befinden sich sieben Grabmale.

Weitere Informationen:

Gerhard Gescher (Hrg.), Aus Vredens Vergangenheit, Vreden 1926, S. 36 f.

Hermann Terhalle, Lebenserinnerungen des Rabbi Selig Wolff oder Paulus Georgi, in: Beiträge des Heimatvereins Vreden zur Landes- und Volkskunde 16, Vreden 1980

Diethard Aschoff, Zur Geschichte der Juden im heutigen Kreis Borken bis zum Ende des 30jährigen Krieges, in: Heimatverein Vreden (Hrg.), Studien zur Geschichte der Juden im Kreis Borken, Band 26, Vreden 1983

Hermann Terhalle, Die Geschichte der Vredener Judengemeinde von der 2.Hälfte des 17.Jahrhunderts bis zu ihrem Untergang, in: Heimatverein Vreden (Hrg.), Studien zur Geschichte der Juden im Kreis Borken, Vreden 1983/84, S. 57 – 118

Heinz-Peter Tilly, Jüdische Grabsteine aus Vreden, in: Studien zur Geschichte der Juden im Kreis Borken, Vreden 1984, S. 143 - 156

Georg Kremer, Erinnerungen an die Pogromnacht 1938 in Vreden, in: ‘Unsere Heimat’. Jahrbuch des Kreises Borken 1988, S. 258 - 260

Guido Leeck, Die Vredener Synagoge - ein Rekonstruktionsversuch. Sonderdruck aus: Quellen und Studien zur Geschichte Vredens und seiner Umgebung III., Vreden 1995, S. 133 - 148

Günter Birkmann/Hartmut Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 207 - 209

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 533/534

Hermann Terhalle, Vreden an der Jahrtausendwende, in: Beiträge des Heimatvereins, Band 50, Vreden 1999, S. 251 ff.

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Regierungsbezirk Münster, J.P.Bachem Verlag, Köln 2002, S. 116 – 122

Hermann Terhalle, Christliche Taufen von Juden im letzten Drittel des 18.Jahrhunderts, in: Heimatverein Vreden (Hrg.), Studien zur Geschichte des Westmünsterlandes, 74/2007, S. 159 – 170

Hermann Terhalle (Bearb.), Vreden, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 701 – 710