Stadtlohn (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Stadtlohn in BOR.svg Stadtlohn (im Kreis Borken) mit derzeit ca. 20.000 Einwohnern liegt im westlichen Münsterland – ca. 45 Kilometer westlich von Münster gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die erste jüdische Familie ließ sich nachweislich 1669 in Stadtlohn nieder; weitere Familien folgten, die unter dem Schutz des Fürstbischofs von Münster standen. Die jüdische Gemeinschaft in Stadtlohn war zahlenmäßig stets gering und erreichte mit etwa 60 Angehörigen um 1870 ihren Höchststand; mehrheitlich bestritten sie ihren Lebenserwerb im Kleinhandel.

Eine kleine Synagoge in der Hagenstraße stand den hiesigen Juden seit 1871 zur Verfügung.

Eine Begräbnisstätte wurde bereits um 1670 vom "Juden Salomon" erworben. Straßenbaumaßnahmen machten Anfang des 20. Jahrhunderts die Anlage eines neuen Bestattungsgeländes nötig; seit 1911 verfügte man über einen neuen Friedhof an der Uferstraße der Berkel am Losberg.

Die Stadtlohner Juden gehörten - gemeinsam mit denen der israelitischen Gemeinde Südlohn - seit 1856 als Untergemeinde dem Synagogenbezirk Ahaus an.

Juden in Stadtlohn:

         --- um 1670 ....................... eine jüdische Familie,

    --- 1730 ..........................   6     “       “    n,

    --- um 1795 .......................   8     “       “    ,

    --- 1843 ..........................  28 Juden,

    --- 1852 ..........................  48   “  ,

    --- 1868 ..........................  58   “  ,

    --- 1888 ..........................  46   “  ,

    --- 1898 ..........................  59   “  ,

    --- 1912 ..........................  38   “  ,

    --- 1925 ..........................  52   “  ,

    --- 1932 ..........................  50   “  ,

    --- 1938 ..........................  32   “  ,

    --- 1940 ..........................  15   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Münster, S. 111

Straße am Graben hat Geschichte Grabenstraße - hist. Ansichtskarte um 1910 (aus: Archiv Stadt Stadtlohn)

Eine herausragende Stellung unter den jüdischen Familien nahmen die Kaufleute Bernhard und Levi Oppenheimer ein, die beide Textilkaufhäuser betrieben; ansonsten waren die jüdischen Bewohner ohne größeres Vermögen und lebten „größtentheils in ärmlichen Verhältnissen“, wie 1893 der Stadtlohner Bürgermeister schrieb. Bis zu Beginn der 1930er Jahre schien das Verhältnis zwischen christlicher Mehrheit und jüdischer Minderheit in Stadtlohn problemlos gewesen zu sein. Doch auch hier führte die NS-Hetze bald zu ersten Gewalttätigkeiten gegen Juden; 1935 wurden die Fenster der Synagoge eingeworfen.

Während des Novemberpogroms von 1938 sollen sich in Stadtlohn mehr als 100 Menschen aktiv an den Ausschreitungen beteiligt haben; angeführt von SA-Angehörigen verwüsteten sie zunächst den Synagogenraum, anschließend riss man eine Wand heraus und brach das Gebäude schließlich ganz ab. Die in der Nacht des 9. November begonnenen ‚Aktionen’ wurden tags darauf fortgesetzt; nun wurden auch von Juden bewohnte Häuser vom Mob demoliert und Wohnungen geplündert. In den folgenden Jahren wurde der Ton noch schärfer; so stellte im Februar 1941 die Stadtlohner NSDAP-Ortsgruppe fest: „Der Jude ist ein Volksschädling und darum muß er ausgerottet werden.”

Den meisten jüdischen Familien aus Stadtlohn gelang noch rechtzeitig die Emigration; doch die am Ort verbliebenen wurden Mitte Dezember 1941 nach Münster gebracht; von dort setzte sich wenige Tage später ein Deportationszug mit etwa 400 Münsterländer Juden in Richtung Riga in Bewegung.

 

jüdische Einwohner Stadtlohns kurz vor ihrer Deportation (Aufn. aus: realschule-stadtlohn.de)

Vermutlich verloren mehr als 25 jüdische Bürger Stadtlohns durch die NS-Verfolgung ihr Leben.

Drei Jahre nach Kriegsende wurden vom Landgericht Münster acht Personen zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt; ihnen war schwerer Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch und Freiheitsberaubung während der Novembertage 1938 nachgewiesen worden.

Im Jahre 1973 errichtete die Kommune auf dem (neuen) jüdischen Friedhof am Losberg, der im Anschluss an die Pogromnacht verwüstet und danach „abgeräumt“ worden war, einen Gedenkstein, dessen Inschrift lautet:

Gedenkt der Juden, die hier ihre Ruhestätte gefunden haben,

und derer, die in den Jahren 1933 – 1945 umgekommen sind.

Stadt Stadtlohn

Auf dem Gelände des (alten) Friedhofs (Kalterweg/Uferstraße) sind drei Grabmäler aus der Zeit um 1900 erhalten, darunter ein größeres in Form eines Obelisken.

Jüdischer Friedhof  jüdischer Friedhof (Aufn. T.Brinker, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit 1981 erinnert eine Bronzetafel am ehemaligen Standort des Synagogengebäudes an dessen Existenz.

2010 wurden in den Gehwegen Stadtlohns die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; Ende 2018 waren es 30 Steine, die an Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnern.

Stolperstein Hagenstraße 17 Stadtlohn Salomon Falkenstein.jpg Stolperstein Hagenstraße 17 Stadtlohn Bertha Falkenstein.jpg Stolperstein Hagenstraße 17 Stadtlohn Hedwig Falkenstein.jpg Stolperstein Hagenstraße 17 Stadtlohn Kurt Falkenstein.jpg Stolperstein Hagenstraße 17 Stadtlohn Julia Falkenstein.jpg

Stolpersteine für Angehörige der Fam. Falkenstein, Hagenstr. (Aufn. Tetzemann, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

  Die Realschule in Stadtlohn trägt seit 2000 den Namen von Herta Lebenstein; die Tochter eines jüdischen Viehhändlers war als 17jährige ins Ghetto Riga deportiert und im KZ Stutthof ermordet worden.

 

Eine kleine jüdische Gemeinschaft aus nur sehr wenigen Familien bildete sich in Südlohn zu Beginn des 19.Jahrhunderts; 1822 waren es 20 Personen. Nach 1840 setzte sich die israelitische Gemeinschaft nur noch aus Nachkommen der Familien Samuel und Herz Wolf zusammen.

Um 1910 zählte man in Südlohn ca. 20 Personen mosaischen Glaubens.

Aus den 1850er Jahren ist die Einrichtung einer unscheinbaren Synagoge überliefert. Ein eigenes Begräbnisgelände wurde ebenfalls in diesem Jahrzehnt angelegt; zuvor waren Verstorbene auf dem Friedhof in Stadtlohn begraben worden.

                                       

Rückseite des Synagogengebäudes (hist. Aufn.)  und  Modell der Synagoge in Südlohn (Ernst Brunzel)

1935 lebten in Südlohn noch 19 Juden. Beim Novemberpogrom von 1938 wurde das Synagogengebäude demoliert, die Inneneinrichtung öffentlich verbrannt; auch Wohnhäuser der wenigen jüdischen Familien wurden geplündert, ihre Bewohner misshandelt.

Zwölf in Südlohn lebende jüdische Bewohner wurden im Dezember 1941 über Münster in das Ghetto Riga deportiert, weitere fünf im Juli 1942 nach Theresienstadt verschleppt. Insgesamt 20 ehemalige Südlohner Juden wurden durch die Nationalsozialisten ermordet.

In einem Gerichtsverfahren (1948) standen die Verantwortlichen für die im November 1938 begangenen Ausschreitungen vor Gericht; einige Männer wurden zu geringen Haftstrafen verurteilt, drei aus Mangels an Beweisen freigesprochen.

  Neben einem auf dem jüdischen Friedhof errichteten Gedenkstein (Aufn. Herbert Schlottborn) und einer Stele (Aufn. Ulrich Soebbing), die die Namen der ermordeten Südlohner Juden trägt, erinnert am Standort der früheren Synagoge eine Bronzetafel an das Bethaus der hiesigen israelitischen Gemeinde. Im Jahre 2002 wurde auf dem „Platz der Synagoge“ ein Sandsteinrelief eines siebenarmigen Leuchters aufgestellt.

21 sog. „Stolpersteine“ erinnern an die jüdischen Bewohner Südlohns, die Opfer der Shoa geworden sind.

"Stolpersteine" in Südlohn (Aufn. Manfred Schmeing, 2007)

Weitere Informationen:

Christoph Spieker, “Wi hiäbbt am de Buxe vöar de Döre hongen!”, in: August Bierhaus (Hrg.), “Es ist nicht leicht, darüber zu sprechen.” Der Novemberpogrom 1938 im Kreis Borken, Schriftenreihe des Kreises Borken 9/1988

Ernst Brunzel, Nie gehört. Schicksal einer jüdischen Gemeinde, Stadtlohn 1989

Bernhard Uepping (Bearb.), Nie wieder - Stadtlohn unterm Hakenkreuz. Dokumentation über den Nationalsozialismus von 1933 bis 1945, Hrg. Stadt Stadtlohn, 1990

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 508/509 und S. 517/518

Christoph Spieker, Eine kleine jüdische Gemeinde in der Diaspora, in: Ulrich Söbbing (Bearb.), Auf Dein Wort hin - 1200 Jahre Christen in Stadtlohn, hrg. von der katholischen Kirchengemeinde St. Otger, Stadtlohn 2000

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Regierungsbezirk Münster, J.P.Bachem Verlag, Köln 2002, S. 111 - 113

Judenverfolgung in Stadtlohn - Projektarbeit einer Schülergruppe der Herta-Lebenstein-Realschule, Stadtlohn 2002

Ulrich Söbbing (Bearb.), Stadtlohn, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 641 – 660

Ulrich Söbbing/Ernst Brunzel (Bearb.), Südlohn, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 679 – 686

Realschule Stadtlohn (Hrg.), Wer war Herta Lebenstein?, online abrufbar unter: realschule-stadtlohn.de

Stolpersteine in Stadtlohn, online abrufbar unter: stolpersteine-stadtlohn.jimdo.com bzw. bzw. commons.wikimedia.org/wiki/Category:Stolpersteine_in_Stadtlohn?uselang=de

VHS-Arbeitskreis „Stadtlohner Geschichte 1933 – 1945“, hrg. vom Stadtarchiv Stadtlohn (online abrufbar unter: stolpersteine-stadtlohn.de

Stefan Grothues (Red.), Mahnmale im Gehwegpflaster – Künstler Gunter Demnig verlegt sieben neue Stolpersteine in Stadtlohn, in: „Münsterland Zeitung“ vom 8.12.2018