Schwanfeld (Unterfranken/Bayern)

Schwanfeld ist eine kleine Kommune mit derzeit ca. 2.000 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Schweinfurt – ca. 20 Kilometer südlich von Schweinfurt gelegen.

Im Dorfe Schwanfeld gab es im Mittelalter eine jüdische Gemeinde; diese wurde 1298 während der sog. „Rindfleisch-Verfolgungen“ ausgelöscht, als marodierende Bauern die „Judischheit” wegen ihres „Frevels am Leib und Blut Christi” ermordeten; über die Opfer unter den Schwanfelder Juden berichten die Memorbücher von Nürnberg und Mainz.

Eine neue israelitische Gemeinde bildete sich Ende des 16.Jahrhunderts heraus, die kontinuierlich bis in die NS-Zeit fortbestand; vermutlich waren es aus Würzburg ausgewiesene Juden, die sich im verkehrsgünstig gelegenen Schwanfeld - mit Genehmigung des dortigen Grundherrn – niedergelassen hatten. Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörte eine 1784 errichtete Schule und eine wenige Jahre später erbaute Synagoge in der Wipfelder Straße; auch ein rituelles Bad war vorhanden.

                 Anzeigen von 1909 und 1925

1579 war südöstlich des Ortes eine Begräbnisstätte angelegt worden. Das Grundstück war den Juden vom damaligen Grundherrn, Konrad von Grumbach, gegen festgelegte Zahlungen zur Verfügung gestellt worden. So wurde beim Begräbnis eines Kindes ein halber Gulden, bei dem eines Erwachsenen ein Gulden fällig. Den Schwanfelder Bezirksfriedhof benutzten bis 1940 die folgenden Gemeinden: Bibergau, Dettelbach, Estenfeld, Gochsheim, Rimpar, Schwebheim, Theilheim, Untereisenheim und auch Zeilitzheim. Auf dem Friedhofsgelände gab es ein zweigeschossiges Tahara-Haus, das seit 1712 von der örtlichen Chewra Kadischa in Nutzung war.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2043/Schwanfeld%20Friedhof%20010.jpg weitläufiges Friedhofsgelände (hist. Aufn., um 1925/1930)

Die jüdische Gemeinde Schwanfeld unterstand Anfang der 1930er Jahre dem Bezirksrabbinat Schweinfurt.

Juden in Schwanfeld:

       --- 1816 ..................... 230 Juden (ca. 35% d. Dorfbev.),

    --- 1832 ..................... 194   “  ,

    --- 1867 ..................... 170   "   (ca. 18% d. Dorfbev.),

    --- 1880 ..................... 150   "  ,

    --- 1885 ..................... 185   “  ,

    --- 1890 ..................... 152   “  ,

    --- 1910 ..................... 114   “   (ca. 12% d. Dorfbev.),

    --- 1925 .....................  81   “  ,

    --- 1933 .....................  58   “  ,

    --- 1935 .....................  50   “  ,

    --- 1942 (Febr.) .............  10   “  ,

             (Okt.) ..............  keine.

Angaben aus: Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 397

Die jüdische Gemeinde in Schwanfeld erreichte Anfang des 19.Jahrhunderts ihren zahlenmäßigen Höchststand. Für den Ort waren insgesamt 34 Matrikelstellen ausgewiesen. Als Lebenserwerb der eingetragenen Familienvorstände war zumeist „Warenhandel“ angegeben. Zu dieser Zeit war jeder dritte Dorfbewohner mosaischen Glaubens.

1866 soll es in Schwanfeld zu pogromartigen Ausschreitungen gekommen sein, bei denen Juden misshandelt und Eigentum zerstört bzw. beschädigt wurde.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20113/Schwanfeld%20Israelit%2023051866.jpgaus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Mai 1866

Ab den 1880er Jahren setzte eine starke Abwanderung von Juden ein; die Zahl der Gemeindeangehörigen nahm rapide ab; zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch knapp 60 Juden in Schwanfeld.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurden Einrichtung und Ritualgegenstände der Synagoge vollständig zerstört; das Gebäude blieb erhalten. Auch Wohnungen jüdischer Familien wurden demoliert; für die Ausschreitungen im Dorf sollen auswärtige SA-Angehörige verantwortlich gewesen sein. In den folgenden Wochen wurden die Schwanfelder Juden gezwungen, ihren Grundbesitz weit unter Wert zu verkaufen. Zwischen 1936 und 1940 verließen 40 jüdische Dorfbewohner ihren Heimatort; die allermeisten emigrierten in die USA, etwa zehn zogen in deutsche Städte.

Die zehn in Schwanfeld verbliebenen Juden wurden im April 1942 - via Würzburg - nach Izbica bei Lublin bzw. im September 1942 nach Theresienstadt deportiert; über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Das ehemalige Synagogengebäude wurde nach 1945 über längere Zeit als Kino genutzt; später diente es als Wohnhaus; heute ist hier ein Jugendheim untergebracht. Auch das Gebäude der einstigen jüdischen Schule blieb erhalten; es ging später in Privatbesitz über.

Aufnahme aus: Schwanfeld.Bavaria.Germany,kehilalinks.jewishgen.org

Eine Stele der im Jahre 2006 eingeweihten kleinen Gedenkstätte trägt die Inschrift: „Die Gemeinde Schwanfeld gedenkt ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger - Zur Erinnerung und Mahnung“.

Ein eindrucksvolles Zeugnis für die jüdische Geschichte Schwanfelds und seiner Umgebung legt der großflächige jüdische Friedhof mit seinen mehr als 2.400 Gräbern ab; bis auf den heutigen Tag sind noch sehr viele alte Grabsteine vorhanden. Die unter Denkmalschutz stehende Anlage macht einen sehr gepflegten Eindruck. Am zweigeschossigen Tahara-Haus (im Obergeschoss war ein Betsaal untergebracht) ist eine Gedenkplatte mit folgender Inschrift angebracht:

In der Gemeinde SCHWANFELD lebten seit 1298 zahlreiche jüdische Familien.

Seit 1579 bestand eine Jüdische Kultusgemeindemit Gericht, Schule, Synagoge und Friedhof.

ZUR ERINNERUNG UND MAHNUNG.

Taharahaus (Aufn. Tilmann, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)       Im Erdgeschoss des Tahara-Hauses steht heute noch ein steinerner Waschtisch zur Durchführung der rituellen Reinigung; auch ein Brunnen innerhalb des Gebäudes ist zudem vorhanden.

 Schwanfeld Jüdischer Friedhof-015.jpg 

Teilansichten des jüdischen Friedhofs (Aufn. Tilman, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

In Erinnerung an den letzten in Schwanfeld geborenen Bewohner mosaischen Glaubens trägt heute der Weg, der zum jüdischen Friedhof führt, den Namen „Ludwig-Gutmann-Weg”.

Gegenwärtig bemüht sich die Kommune Schwanfeld um die Realisierung eines Denkmals zum Gedenken an die NS-Opfer der einstigen hiesigen israelitischen Gemeinde.

Etwa drei Kilometer nördlich Schwanfelds existierte in Theilheim, einem heutigen Ortsteil von Waigolshausen, eine jüdische Gemeinde. [vgl. Theilheim (Bayern)]

In Untereisenheim/Main, südlich von Schwandorf gelegen, gab es bis 1938 auch eine sehr kleine israelitische Gemeinde, deren Wurzeln im 18.Jahrhundert liegen. Die Zahl der Gemeindeangehörigen erreichte aber zu keiner Zeit mehr als 50 Personen. Verstorbene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Schwanfeld begraben. Ein Ende der 1860er Jahre erbautes Synagogengebäude wurde nur wenige Jahrzehnte regelmäßig genutzt; nach 1900 fanden gottesdienstliche Zusammenkünfte nur noch selten statt.

Um 1930 zählte die kleine Gemeinschaft nur noch zehn Personen. Noch vor dem Novemberpogrom von 1938 wurde das 1868 errichtete Synagogengebäude verkauft und anschließend als Getreidespeicher genutzt; es wurde Anfang der 1970er Jahre abgerissen. Namentlich sind neun jüdische Bewohner Untereisenheims bekannt, die Opfer der „Endlösung“ geworden sind.

[vgl. Untereisenheim (Unterfranken/Bayern)]

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 397/398

Armin Römmelt, Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Schwanfeld - Judenfriedhof Schwanfeld, Selbstverlag der Gemeinde Schwanfeld, o.J.

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 118/119 und S. 127

Armin Römmelt, Dorfchronik von Schwanfeld, 2.Aufl., Schwanfeld 1999

Schwanfeld, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 240/241   

Ulrich Knufinke, Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland, in: Schriftenreihe der Bet-Tfila-Forschungsstelle für Jüdische Architektur in Europa 3,  Michael Imhof Verlag, Petersberg 2007, S. 80/81 (betr. Taharahaus in Schwanfeld)

Lothar Mayer, Jüdische Friedhöfe in Unterfranken, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, S. 162 − 167

Kommune Schwanfeld (Hrg.), Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Schwanfeld, online abrufbar unter: schwanfeld.de/Die_Geschichte_der_juedischen_Gemeinde_Schwanfeld.html

Schwanfeld, in: Jüdische Friedhöfe in Bayern, hgr. vom Haus der Bayrischen Geschichte, online abrufbar unter: hdbg.de/juedische-friedhoefe/friedhoefe/friedhof_schwanfeld.php

Ursula Lux (Red.), Schwanfeld: Der israelitische Friedhof: versunken im Gras – Zeichen der Endlichkeit, in: „Main-Post“ vom 3.11.2016