Rotenburg/Fulda (Hessen)

Rotenburg an der Fulda mit derzeit ca. 14.000 Einwohnern ist eine Stadt im Landkreis Bad Hersfeld-Rotenburg im Nordosten von Hessen.

Die jüdische Gemeinde Rotenburg gehörte zu den größten Kleinstadtgemeinden Kurhessens; wie bei kaum einem anderen Ort in Hessen ist die Geschichte Rotenburgs davon geprägt, dass hier seit ca. 1300 - mit Unterbrechungen - Juden ansässig waren. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts war jeder zehnte Einwohner von Rotenburg mosaischen Glaubens.

Rotenburg/Fulda - Stich von M.Merian, um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Von Anbeginn der Ortsgründung im 13. Jahrhundert sollen einige jüdische Familien dauerhaft in Rotenburg gelebt haben. Belegen lässt sich jüdisches Leben in Rotenburg allerdings erst ab Anfang des 15.Jahrhunderts. Da heißt es in einem vom Landgrafen Ludwig I. ausgestellten Schutzbrief:

WIR, LUDWIG von Gottes Gnaden Landgraf von Hessen, bekennen für uns und unsere Erben öffentlich in diesem Brief, daß WIR Meyer von Frankfurt, den Juden, und Zara, seine Hausfrau, sowie ihre Kinder und Gesinde verteidigen und schützen gleich unseren anderen in unserem Fürstentum wohnenden Juden; und soll uns derselbe Meyer dafür das Jahr den Zins geben auf St. Michaels Tag, drei gute rheinische Gulden.

In folgenden Jahrhunderten wurden die Juden mal geduldet, mal aus hessischem Territorium ausgewiesen. Versuche, Rotenburger Juden zum Christentum zu bekehren, scheiterten in den meisten Fällen; so sollen in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts im Raume Hersfeld-Rotenburg insgesamt 17 Bekehrungspredigten gehalten worden sein, die ohne messbaren Erfolg blieben und deshalb um 1650 aufgegeben wurden.

Schutzbrief des Rotenburger Juden Levi Levi von 1708 (Abb. aus: hassia-judaica.de)

Gegen Ende des 18.Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde in Rotenburg fast 200 Angehörige. Die 1738/1739 erbaute Rotenburger Synagoge stand in der Brotgasse.

          Modell der Synagoge (AG "Spurensuche" Jakob-Grimm-Schule)

Nach einer Sanierung 1923/1924 wurde das Synagogengebäude im September 1924 erneut eingeweiht. Zu diesem Ereignis waren zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens erschienen, die durch ihre Anwesenheit dokumentierten, dass die Rotenburger Juden gleichberechtigt in die kleinstädtische Gesellschaft integriert waren. Das Rotenburger Tageblatt bescheinigte der Einweihungsfeier, dass in ihr neben „religiöser, alttestamentlicher Grundstimmung“ auch ein „tiefes Heimatgefühl“ und „Liebe zum Vaterland“ zum Ausdruck kam.

In der Brauhausstraße befand sich eine bis in die 1930er Jahre benutzte Mikwe; die Lage der alten Tauchbäder von Rotenburg ist bis heute unbekannt. Ab Mitte des 19.Jahrhunderts existierte auf dem Synagogengrundstück in der Brotgasse auch eine jüdische Elementarschule, die mit zwei Lehrern und mehr als 70 Schülern zeitweilig die größte ihrer Art in Kurhessen war und bis in die Zeit um den Ersten Weltkrieg bestand. Ab 1913 wurde diese nur noch als Religionsschule betrieben.

Der vermutlich seit den 1680er Jahren bestehende jüdische Friedhof befand sich auf dem „Katzenkopf“; der älteste noch vorhandene Grabstein (Ruben ben Jakob) datiert von 1743. Das Beerdigungsgelände war in kurhessischer Zeit Zentralfriedhof für die Juden des Amtes Rotenburg, also der Juden aus Bebra, Baumbach, Braach, Breitenbach, Heinebach, Iba und Ronshausen.

Juden in Rotenburg:

         --- 1627 .......................   2 jüdische Familien,

    --- um 1650 ....................   8     “       “   (40 - 50 Pers.),

    --- um 1700 ....................  13     “       “    ,

    --- 1731 ....................... 133 Juden,

    --- 1796 ....................... 180   “  ,

    --- 1823 ....................... 215   “  ,

    --- 1858 ....................... 268   “  ,

    --- 1895 ....................... 299   “  ,

    --- 1905 ....................... 275   “  ,

    --- 1925 ....................... 143   “  ,

    --- 1932 ....................... 120   “  ,

    --- 1938 (Okt.) ................  72   “  ,

    --- 1939 (Jan.) ................  31   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 234

und                 “Jiskor - Gedenke” - Beiträge zur Geschichte der Rotenburger Juden

1848 kam es in Rotenburg zu antijüdischen Ausschreitungen, die ihre Hauptursache in der wirtschaftlichen Notlage der Region hatten, aber auch von antijüdischen Ressentiments geprägt waren. Die Krawalle und Tumulte waren besonders in Rotenburg von Gewalt geprägt; sogar Militär musste eingesetzt werden, um die Ruhe wiederherzustellen - dies gelang allerdings erst nach Wochen. ... Seit 14 Tagen wiederholen sich die lärmendsten Auftritte gegen die Juden in Rotenburg. Nicht etwa begnügt man sich mit dem Einwerfen von Fenstern, die Häuser werden wahrhaft gestürmt, die Schalter mit Äxten eingeschlagen, ja in der Nacht vom 26. auf den 27. (Anm: März), wo sich diese Auftritte in der schrecklichsten Weise und bei fast allen Judenwohnungen wiederholten, drangen die Ruhestörer sogar in das Haus des Salomo Sommer und warfen Waren und Geld zum Fenster hinaus. ...”  (aus: Schreiben des jüdischen Kaufmanns David Linz vom 28.3.1848) 

Im Sommer des gleichen Jahres eskalierten die Ausschreitungen erneut; aus einem Bericht vom Juni 1848: ... Mit Anbruch der Nacht [ vom 8./9.Juni] durchzog ein Haufen von 6 - 800 Menschen, der größere Teil der gesamten männlichen Einwohnerschaft, die Stadt und begann einzelne Häuser der Israeliten im Äußeren, wie im Inneren, gänzlich zu demolieren. ... Das Zerstörungswerk an den Judenhäusern wurde bis auf 2 Uhr fortgesetzt. ...Dass die Ausschreitungen nicht nur wirtschaftliche Motive hatten, wird in dem folgenden „Gedicht“ deutlich, das bereits in den 1830er Jahren in Hessen kursierte:

Ihr lieben Hessen hört, was ich euch sagen will:

Die Juden wollen wir alle zum Land hinaus jagen.

Sie haben genossen das christliche Land.

Undeutlich bringen sie die Cholera ins Land.

Durch Betrug und Schändlichkeit haben sie Reichthum erworben,

Aber ihr Recht ist jetzt bald abgestorben.

Der Betrug mit ihnen soll sein bald aus,

Denn sie sollen zum Lande hinaus.  ...

In den 1880/1890er Jahren gewann die antisemitische Agitation in der Region um Hersfeld und Rotenburg erneut an Einfluss; dies bewiesen gutbesuchte Veranstaltungen nationalistischer Kreise und die wachsende Anhängerschaft der „Antisemitischen Volkspartei”.

Ihren zahlenmäßigen Zenit erreichte die jüdische Gemeinde Rotenburg um 1900 mit ca. 300 Angehörigen; ihre Angehörigen  waren vor allem im Handwerk tätig; meist gehörten sie zur bürgerlichen Mittelschicht. Nach dem Ersten Weltkrieg zogen Juden vermehrt aus Rotenburg weg.

Verschiedene Anzeigen der Fa. Leopold Alexander und der Gebrüder Flörsheim (zwischen 1910 und 1925):

   

          

und weitere Anzeigen jüdischer Geschäftsleute:

 

(Abbildungen der Anzeigen aus: Hassia Judaica. Jüdisches Kleinstadt- und Landleben in Hessen)

Zwei Monate nach der NS-Machtübernahme kam es am 30. März 1933 kam es zum ersten Gewaltakt gegenüber Rotenburger Juden; bei vier jüdischen Geschäften wurden die Schaufensterscheiben eingeschlagen. Gegen die Täter wurde nicht ermittelt; vielmehr wurden die geschädigten Geschäftsleute für die Tat verantwortlich gemacht, weil sie „einen unordentlichen Zustand zur Schau stellen ..., die Bevölkerung beunruhigen ... und damit Ruhe und Sicherheit” gefährdeten.

                    Aufruf der NSDAP-Ortsgruppe

 

Festwagen beim Maiumzug 1933 Kauft nur beim christlichen Einzelhandel” (Stadtarchiv)

Ab Mitte der 1930er Jahre verließen die meisten jüdischen Bewohner Rotenburg; sie zogen in andere deutsche Orte bzw. gingen in die Emigration.

aus: „Jüdisches Gemeindeblatt Kassel" vom 7. Jan. 1938

Während des Novemberpogroms von 1938 fanden auch in Rotenburg "Aktionen" der SA statt; so wurden Wohnungen demoliert und Hausrat auf die Straße geworfen. Auch wurde die Synagoge geschändet, die Fenster des Gebäudes eingeschlagen, Inneneinrichtung und Kultgegenstände zertrümmert und aus dem Haus geschleppt. Nur die unmittelbare Nähe zu den Nachbarhäusern verhinderte, dass die Synagoge niedergebrannt wurde. „... Die erhoffte vollständige Ausräucherung der Juden aus Rotenburg ist doch noch nicht gelungen!”, so äußerte sich nach dem Pogrom ein Rotenburger Kommunalbeamter. Von den etwa 70 jüdischen Bürgern war etwa die Hälfte in der Kleinstadt verblieben. Wenige Jahre später war Rotenburg „judenfrei”; die letzten waren deportiert worden. Mindestens 14 Rotenburger Juden wurden Opfer des Holocaust.

1947/1948 wurde das ehemalige Synagogengebäude abgerissen.

                   http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20205/Rotenburg%20Synagoge%20174.jpg Allgemeine Informationstafel „Brotgasse“ (Aufn. J. Hahn, 2008)

Am Gebäude der ehemaligen jüdischen Volksschule in der Brotgasse 19 ist eine weitere Informationstafel angebracht.

                             Haus Brotgasse 19

1853/54 als jüdische Volksschule errichtet, zeitweilig mit über 70 Schülern und 2 Lehrern die größte Schule Kurhessens. Die Seitentür war der Zugang zu der hinter dem Schulhaus gelegenen Synagoge, erbaut 1738/39, renoviert 1924; deren Inneneinrichtung wurde bei den Novemberpogromen 1930 zerstört und geschändet. 1947 wurde die Synagoge abgerissen.

Eine auf dem Dachboden der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg untergebrachte „Geschichtswerkstatt“ will Schüler und andere Besucher über Traditionen jüdischen Lebens der Kleinstadt und der nahen Region informieren.

Im November 1998 - im Rahmen der 750-Jahr-Feier der Stadt Rotenburg - wurde am jüdischen Friedhof ein Gedenkstein für die jüdischen NS-Opfer aufgestellt; bei er Einweihung war der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, zugegen. Auf dem Friedhofsareal befinden sich ca. 350 Grabsteine.

          http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20205/Rotenburg%20Friedhof%20191.jpg

alter und neuer Teil des jüdischen Friedhofs in Rotenburg (Aufn. J. Hahn, 2009)

Unmittelbar gegenüber der einstigen Synagoge war in einem Fachwerkhaus eine der vier Mikwen Rotenburgs untergebracht. Nach dem Ankauf des Gebäudes durch die Stadt Rotenburg 2000 gründete sich der „Förderkreis Ehemaliges Jüdisches Ritualbad - Gedenk- und Begegnungsstätte“ mit dem Ziel, den Bau zu restaurieren. Im Herbst 2005 wurde das Haus mit seinen archäologischen Funden der Öffentlichkeit übergeben; seit 2006 ist hier eine Gedenkstätte untergebracht, die an jüdisches Leben in Rotenburg erinnert. 2009 wurde die Rotenburger Mikwe als „geschütztes Kulturgut“ in die Denkmalsliste aufgenommen.

Relikte des Ritualbades (Aufn. J. Hahn, 2006)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20205/Rotenburg%20Mikwe%20152.jpg

 Vor dem Gebäude befindet sich eine vom heimischen Künstler und Bildhauer Martin Schaub geschaffene „Moses-Skulptur“ (Aufn. J. Hahn, 2009). 

Neben den beiden jüngst erfolgten Straßenbenennungen - Moritz-Katzenstein-Straße und Moritz-Rothschild-Weg - erinnern seit 2010 sog. „Stolpersteine“ an die ehemaligen Wohnorte und die Lebensdaten ehemaliger jüdischer Bürger Rotenburgs.

 

Fünf von zahlreichen in den Gehwegen der Stadt verlegten "Stolpersteinen" (aus: stolpersteine.rotenburg.hassia-judaica.de)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 234 ff.

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 299/300

Historische Einblicke in unsere Stadt Rotenburg an der Fulda, Hrg. Magistrat der Stadt Rotenburg a.d.F., Stadtarchiv

Der jüdische Friedhof in Rotenburg, in: Kulturgeschichte. Historische Stätten, Denkmäler, vergessene Orte und Museen im Kreis Hersfeld-Rotenburg, hrg. von Barbara Händler-Lachmann. Bad Hersfeld 1995

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II: Regierungsbezirke Gießen und Kassel, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 65/66

Heinrich Nuhn (Hrg.), “Hier geht es wieder drüber und drunter”: Rotenburg 1848 - Schauplatz antijüdischer Exzesse, Arbeitsgruppe Spurensuche Jacob-Grimm-Schule Rotenburg, Rotenburg/Fulda 1998

Ausstellung “Spurenlos ? - 600 Jahre jüdisches Leben in Rotenburg”, Rotenburg/Fulda 1998 (hierzu ist auch eine CD-Rom erschienen)

"Jiskor - Gedenke” - Beiträge zur Geschichte der Rotenburger Juden (Begleitheft zur Ausstellung), Hrg. AG Spurensuche Jacob-Grimm-Schule Rotenburg, Rotenburg/Fulda 1999

M.Brocke/Chr. Müller, Haus des Lebens - Jüdische Friedhöfe in Deutschland, Reclam Verlag, Leipzig 2001, S. 167

600 Jahre jüdisches Kleinstadt- und Landleben in Wald-Hessen. Lokale Spurensuche im Raum Hersfeld - Rotenburg, in: www.ag-spurensuche.de (Anm.: sehr gut gestaltete Seiten)

Heinrich Nuhn, Spuren jüdischen Lebens. Ein Rundgang durch Rotenburg a.d. Fulda, Haigerloch 2001

Rotenburg a.d. Fulda (Hessen), in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- u. Bilddokumenten)

Joachim Tornau, Grabungen fördern jüdisches Ritualbad zu Tage, in: Frankfurter Rundschau vom 7.1.2005

Heinrich Nuhn, Die Rotenburger Mikwe - Kulturdenkmal und Zeugnis der Vielfalt jüdischen Leben, Verlag AG Spurensuche, Rotenburg/Fulda 2006

Heinrich Nuhn (Bearb.), Rotenburg a.d.Fulda, in: Jüdisches Kleinstadt und Landleben in Hessen, online abrufbar unter: hassia-judaica.de

Stolpersteine in Rotenburg, in: stolpersteine.rotenburg.hassia-judaica.de (mit zahlreichem Bildmaterial aus den 1920er/1930er Jahren), 2011