Ronsperg/Ronsberg (Böhmen)

Der westböhmische Ort Ronsberg/Ronsperg - im Vorland des Oberpfälzer Waldes gelegen - wurde 1502 zur Stadt erhoben und stand in den folgenden Jahrhunderten unter der Herrschaft verschiedener Adelsgeschlechter; es ist das heutige tschechische Poběžovice.

Juden waren in Ronsperg vermutlich seit dem 16.Jahrhundert ansässig; anderen Angaben zufolge sollen sich bereits im 13.Jahrhundert sich Juden im Ort aufgelaten haben. Die dann später hier zahlreich lebenden Familien wohnten ghettoartig in einer Gasse, die von der übrigen Ortschaft durch zwei Ketten abgesperrt war; diesen Bereich durften Juden während bestimmter Zeiten nicht verlassen.

1793 wurde auf Verordnung der Landesregierung ein Verzeichnis aller jüdischen Familien, ihrer Geschäfte und Handwerksbetriebe erstellt; daraus geht hervor, dass es zu diesem Zeitpunkt in Ronsperg 25 jüdische Familien mit 152 Personen gab.

Zunächst fanden sich die Ronsperger Juden in engen Beträumen zu gottesdienstlichen Versammlungen zusammen. Seit 1806 oder 1816 stand ihnen eine neue Synagoge zur Verfügung, in der auch die jüdische Schule untergebracht war.

Hauptstraße mit der Synagoge, vorn rechts (hist. Aufn., aus: wikipedia.org, CCC)

Neben der Synagoge befand sich eine Pilger-Unterkunft für die „Wallfahrer“, die die Mikwe besuchten. 

Bereits im 16. Jahrhundert soll es im Ort eine von einer Quelle gespeiste Mikwe gegeben haben, deren Wasser Heilwirkung zugeschrieben wurde. Diese Mikwe wurde später ein beliebtes Wallfahrtsziel für Juden der chassidischen Richtung, weil zu ihren früheren Besuchern auch die berühmten Rabbiner Judah Löw (der Erschaffer des Golem) und Baal Schem Tov gehört hatten.

Anm.: Eine inzwischen verschollene steinerne Platte (von 1744) soll die ff. Inschrift (in hebräisch) getragen haben: „In diese Quelle tauchte Rabbi Israel Baal-Schem 310 mal, in den Tagen des schrecklich kalten Jahres 1744 und sagte, dass die Quelle allgemein der Gesundheit nutzt und gegen Leiden wirkt. Und im Jahr 1814 wurde das Haus zur Quelle errichtet.”

Zu den berühmten Rabbinern in Ronsperg zählte u.a. Rabbi Eleazar Löw, genannt "Schemen Rokeach" (1758-1837), der als Verfasser mehrerer rabbinischer Schriften gilt, darunter das mehrteilige Schemen Rokeach, nach dem er benannt wurde.

Anm: Eine Nennung aller in Ronsperg tätigen Rabbiner siehe: Jüdische Gemeinde Poběžovice, in: wikipedia.org

Zwischen 1792 und 1859 gab es in Ronsperg eine Jeschiwa.

Seit dem frühen 17.Jahrhundert befand sich westlich der Ortschaft ein jüdischer Friedhof; möglicherweise wurde das Gelände bereits noch eher benutzt. 

Zur jüdischen Gemeinde Ronsperg zählten zeitweilig auch die Familien aus Metzling (Meclov) und Wassersuppen-Haselbach (Nemanice).

Juden in Ronsperg:

--- um 1600 .................. ca.  30 jüdische Familien,

--- 1654 ......................... 145 Juden,

--- 1715 ......................... 150   “  ,

--- 1747 ......................... 108   “  (in 17 Familien),

--- 1793 ......................... 152   “  (in 25 Familien),

--- 1811 ......................... 300   “  (in ca. 30 Familien),

--- 1839 ......................... 212   "  (in 30 Familien),

--- 1875 ..................... ca. 240   “  ,

--- 1880 ......................... 114   “  ,

--- 1893 ......................... 130   “  ,

--- 1900 .........................  94   “  ,

--- 1921 .........................  69   “  ,

--- 1930 .........................  41   “  ,

--- 1938 ...................... ca. 50   “  .

Angaben aus: Ingild Janda-Busl, Is gewejn a Folk - Jüdisches Leben in Böhmen u. der nördlichen Oberpfalz ... , S. 56

und                Jüdische Gemeinde Poběžovice, in: wikipedia.org

Als im Zuge der Revolution von 1848 Juden die völlige Bewegungsfreiheit erhielten, verließ auch ein Teil der jüdischen Familien Ronsperg. Eine weitere deutliche Dezimierung der jüdischen Bevölkerung erfolgte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Abwanderung in die größeren Städte und in das Landesinnere.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts spielten jüdische Geschäftsleute für die wirtschaftliche Entwicklung Ronspergs eine gewisse Rolle. Nach einer Auflistung von 1793 gab es am Ort folgende in jüdischen Händen liegende Geschäfte/Gewerbebetriebe: drei Kurzwarengeschäfte, einen Kolonialwarenladen, zwei Bettfedern- u. Geflügelhandlungen, fünf Hausierer, einen Viehhändler, zwei Schlachtereien, zwei Branntweinbrennereien, eine Gerberei, eine Schleifenfabrik, eine Pottaschefabrik und einen Glaser. Im Laufe des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts kamen noch hinzu; besondere Erwähnung bedarf die Familie Mandler, die neben verschiedenen Kaufläden auch eine Fabrik für Hausschuhe und eine Feldspatmühle betrieb.

1938 lebten schließlich nur noch etwa 50 Juden in Ronsperg (Poběžovice).

Unmittelbar nach der Besetzung Ronspergs durch die deutsche Wehrmacht verließen die meisten jüdischen Bewohner den Ort; die wenigen noch hier verbliebenen wurden von den NS-Behörden deportiert. Etwa 40 jüdische Bewohner Ronspergs wurden Opfer der Shoa. 

Der jüdische Friedhof – er befindet sich inmitten einer Ackerfläche - wurde in den 1950er Jahren schwer geschändet (Grabsteine entfernt u. z.T. als Baumaterial benutzt), das Synagogengebäude mit Mikwe abgebrochen. Von dort ursprünglich etwa 500 Grabsteinen sind heute nur noch ca. 130 verblieben; der älteste Stein datiert aus dem Jahre 1620. Bemerkenswert ist die Grabstätte von Rabbiner Joel Ranschburg aus dem Jahr 1820, das mit einem großen Relief versehen ist.

 

Eingangspforte und eine alte Grabstele (beide Aufn. Krabat77, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 Teilansicht des jüdischen Friedhofs (Aufn. Krabat77, 2012, aus: wikipedia.org, CC BYA-SA 3.0)

Moses Löb Bloch (geb. 1815 in Ronsperg) wurde nach einem Universitätsstudium zum Rabbiner ordiniert. Seit 1856 bis gegen Ende der 1870er Jahre wirkte er als Rabbiner in Hermannstädtel (Heřmanův Městec), Wotitz (Votice) und in Leipnik (Lipnik nad Becvou). Anschließend wurde er zum Direktor der Landesrabbinerschule nach Budapest berufen. Moses Löb Bloch, der auch Schriften über talmudisches Recht verfasste, wurde am Ende seines Lebens vom habsburgischen Kaiser Franz Josef I. mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.

In der Umgebung gab es noch zwei jüdische Gemeinden, die teilweise bis in die 1930er Jahre existierten. Neben Taus (tsch. Domazlice) bestand bereits in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts auch in Muttersdorf (tsch. Mutěnín) eine jüdische Gemeinde. Aus den 1660er Jahren stammte auch eine Synagoge, die Mitte des 19.Jahrhunderts durch einen Neubau ersetzt wurde.

http://www.historicke-foto.estranky.cz/img/mid/182/mutenin-synagoga-mizbeach--oltar-.jpg

Synagoge in Muttersdorf - Außen- u. Innenansicht (hist. Aufn., aus: historicke-foto.estranky.cz )

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten auch ein Friedhof am Hinteren Schafberg und eine eigene Schule. Um 1840 zählte die jüdische Gemeinde Muttersdorf mehr als 100 Angehörige.

Eine ältere Gemeinde hatte in Metzling (tsch. Mecloc) bestanden. Gegen Ende des 18.Jahrhunderts sollen acht jüdische Familien im Ort ansässig gewesen sein. Ihre Toten beerdigten die Metzlinger Juden auf dem Friedhof in Ronsperg.

Ein in den 1850er Jahren errichtetes Synagogengebäude ist bis auf den heutigen Tag baulich erhalten und wird seit langem als Feuerwehrdepot benutzt.

Weitere Informationen:

Jar. Polák Rokycana (Red.), Geschichte der Juden in Ronsperg in Böhmen, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn-Prag 1934

Franz Bauer (Hrg.), Ronsperk – ein Buch der Erinnerung, Furth im Wald 1970

Ingild Janda-Busl, Is gewejn a Folk - Jüdisches Leben in Böhmen und der nördlichen Oberpfalz von Hof bis Weiden und von Eger bis Pilsen, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung -, Weiden/Oberpfalz 2001, S. 56/57

Ingild Janda-Busl, Auf den Spuren jüdischen Lebens entlang der Böhmisch-Bayrischen Grenze im Bereich des Böhmerwaldes, Maschinenmanuskript, Bamberg 2003, S. 22 - 24

Šárka Roldánová, Zaniklá židovská náboženská obec v Poběžovicích v letech 1850 - 1950 (englisch: Extinct Jewish congregation in Poběžovice during the years 1850 - 1950), Karls-Universität Praha - Pädagogische Fakultät (Bachelor-Arbeit), Prag 2011

Jüdische Gemeinde Poběžovice, in: wikipedia.org