Reilingen (Baden-Württemberg)

Reilingen ist eine Kommune mit derzeit ca. 7.000 Einwohnern im Rhein-Neckar-Kreis - ca. zehn Kilometer östlich von Speyer gelegen.

Die Wurzeln einer jüdischen Gemeinde im kurpfälzischen Dorfe Reilingen reichen vermutlich bis Mitte des 18.Jahrhunderts zurück; sichere urkundliche Belege finden sich aber erst nach 1800.

Angeblich sollen aber bereits im 13.Jahrhundert Juden im Dorfe Reilingen gelebt haben, die dann nach Speyer übersiedelten.

In Reilingen wohnten die jüdischen Familien, die bis 1831 im „Schutzbürgerverhältnis“ standen, anfänglich fast ausschließlich in der "Judengasse", der späteren Wörschgasse; im Laufe des 19.Jahrhunderts wohnten sie im ganzen Ort verteilt. Fanden sich die Reilinger Juden zu Gottesdiensten zunächst in privaten Räumlichkeiten zusammen, so wurden ab 1840/1841 Gottesdienste in der neu erbauten Synagoge an der Hockenheimer Straße abgehalten. Diese war vom Bezirksrabbiner Salomon Fürst aus Heidelberg im Dez. 1840 eingeweiht worden. Um den Bau bewerkstelligen zu können, hatten die Gemeindemitglieder 1831 einen Synagogenbauverein gegründet, in dessen Regelwerk diejenigen unter Geldstrafe gestellt wurden, die gegen festgesetzte Verhaltensnormen verstießen; so hieß es in der Satzung des Synagogenbauvereins z.B.:

„ 3. .. wird jeden Sabbath und jeden Feiertag ein Abschnitt aus den heiligen Büchern gelernt; jeder der zu diesem Lernen nicht erscheint oder während dem Lernen schwätzt, hat 4 Kreutzer Strafe zu zahlen. ...

6. .. Wer bei aufgerollter Thora aus der Synagoge geht, hat zwy Kreutzer Strafe zu bezahlen. ...

13. ... Ein jeder, welcher aber zum ersten Mal als ... Vorsteher gewählt wird, muß diese Wahl bey einer Strafe von zwey Gulden auf ein Jahr annehmen. ...“

Synagoge in Reilingen am Bildrand links (hist. Postkarte, um 1900)

Im Synagogengebäude waren auch die jüdische Schule und eine Mikwe untergebracht. Die dortigen Lehrer übten zugleich auch das Amt des Vorsängers und des Schächters aus. 1904 konnte der dortamtierende Lehrer/Vorsänger Abraham Heimberger auf eine 30jährige Tätigkeit in Reilingen zurückblicken.

Die israelitische Schule in Reilingen bestand bis in die 1870er Jahre; danach besuchten die jüdischen Kinder die allgemeine Ortsschule.

Die verstorbenen Gemeindeangehörigen wurden auf dem jüdischen Friedhof in Wiesloch beerdigt. Bei Beerdigungen zog die Trauergemeinde hinter dem pferdebespannten Totenwagen her; am Ortsende kehrte sie um, und der Wagen fuhr bis Wiesloch allein weiter.

Die Reilinger Gemeinde unterstand seit 1827 dem Rabbinatsbezirk Heidelberg.

Juden in Reilingen:

    --- 1815 ......................  74 Juden (in 14 Familien),

    --- 1825 ......................  94   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- um 1865 ............... ca. 120   “  ,

    --- 1875 ...................... 104   “  ,

    --- 1900 ......................  42   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1925 ......................  21   “  ,

    --- 1933 ......................  14   “  ,

    --- 1940 (Dez.) ...............  keine.

Angaben aus: Ph.Bickle, Geschichte der Reilinger Juden, in: Ortschronik Reilingen 1986, S. 361 - 368

und                 F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, ..., S. 246

Während der Revolutionswirren von 1848 soll es in der Region zu Übergriffen auf jüdische Bewohner gekommen sein.

Bereits um 1910 hatte die kleiner gewordene Gemeinde Schwierigkeiten, die für die Abhaltung des Gottesdienstes benötigten zehn Männer zusammenzubringen.

Das Synagogengebäude wurde Ende der 1920er Jahre verkauft und diente nach einem Umbau als Wohnhaus. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten nur noch wenige jüdische Familien in Reilingen; neben vier Handels- bzw. Gewerbebetrieben gab es am Ort auch eine Arztpraxis, die von einem jüdischen Ortsbewohner geführt wurde. 1927 wurde die Kultusgemeinde in Reilingen offiziell aufgelöst.

Während des Novemberpogroms von 1938 soll es im Dorf zu Übergriffen einheimischer Kinder und Jugendlicher unter Leitung ihres Lehrers auf jüdische Bewohner und deren Eigentum gekommen sein. Der letzte jüdische Bewohner Reilingens wurde Ende Oktober 1940 nach Gurs/Südfrankreich deportiert. Mindestens fünf jüdische Bewohner Reilingens wurden in der NS-Zeit ermordet.

Heute erinnern zum einen einige bauliche neuromanische Formelemente der Fassade an das einstige Synagogengebäude und zum anderen Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Wiesloch noch daran, dass Reilingen einst Sitz einer jüdischen Gemeinde war.                              

   Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1935 - Aufn. J. Hahn, 2003)                

Die Kultgegenstände aus der Reilinger Synagoge wurden dem Oberrat der Israeliten in Karlsruhe übergeben. Ein Thora-Vorhang aus der Synagoge, der 1936 nach Palästina gebracht wurde, wird heute im Synagogenmuseum von Kfar Schemarjahu aufbewahrt.

Weitere Informationen:

Hermann Krämer, Geschichte von Reilingen und Wersau, Reilingen 1912

Hans Huth, Die Kunstdenkmäler des Landeskreises Mannheim,, in: Die Kunstdenkmäler Badens Band X, 3/1967, S. 310

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 246/247

Gemeinde Reilingen (Hrg.), 700 Jahre Reilingen (Bildband), Reilingen 1984

Philipp Bickle, Aus der Geschichte der Reilinger Juden, in: Ortschronik Reilingen 1986, S. 361 - 368

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 476 - 478

Reilingen, in: alemannia-judaica.de (mit Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 389/390

Philipp Bickle (Red.), Ortsgeschichte: Zur Erinnerung an die Reilinger Synagoge, 2008 (online abrufbar unter: reilingen.de/reilingen.old/)