Radkersburg/Mur (Steiermark/Österreich)

http://karten.plz-suche.org/at/12d04/Karte_Bad_Radkersburg.png Bad Radkersburg (slowenisch. Radgona) ist heute eine kleine grenznahe Kommune mit ca. 3.000 Einwohnern.

Das vom Habsburger Albrecht I. gegründete, an der Grenze zu Ungarn gelegene Radkersburg war eine bereits gegen Ende des 13.Jahrhunderts mit Mauern befestigt. Im Schutz der Burg entwickelte sich die Stadt im Spätmittelalter zu einem der wichtigsten Handelsorte der Steiermark.

Bis zu ihrer Vertreibung durch Kaiser Maximilian I. 1498 lebte in Radkersburg eine jüdische Gemeinschaft, die bis zu 70 Personen umfasste. Erstmals wurden Juden hier 1338 urkundlich erwähnt; doch bereits in den Jahrzehnten zuvor dürften sich jüdische Familien in Radkersburg angesiedelt haben; diese lebten in der "Judengasse", im Bereich des heutigen Frauenplatzes.

Anm.: Von den Verfolgungen während der Pestzeit sollen die Radkersburger Juden verschont geblieben sein.

Ihren Lebenserwerb verdienten die meisten jüdischen Familien im Geldverleih. Als Bewohner einer landesfürstlichen Stadt waren die Juden Radkersburg dem Willen ihres steirischen Landesherrn unterworfen. Dieser war zwar auch oberster Gerichtsherr, doch konnten die Juden Rechtsfragen untereinander selbstständig regeln; nur Streitfälle zwischen Juden und Christen verwies der steirische Landesherr an das ‚Judengericht’, dem ein angesehener Bürger Radkersburg vorstand. Zwischen 1373 und 1492 sind zwölf Judenrichter in Radkersburg namentlich nachweisbar. Ein Judenmeister vertrat die jüdische Gemeinde nach außen in allen Bereichen.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten damals ein eigener Friedhof und eine Synagoge. Nach der Vertreibung der jüdischen Familien wurde am Standort der Synagoge eine christliche Kapelle errichtet, die nach 1643 zur Frauenkirche ausgebaut wurde. Die Radkersburger Juden konnten noch vor ihrer Ausweisung durch Kaiser Maximilian I. ihre Anwesen veräußern. Der letzte Nachweis eines hier noch ansässigen Judens datiert vom 18. November 1499, als der Jude Schaul sein Haus in der Judengasse verkaufte.

Fast vier Jahrhunderte lang wohnten in Radkersburg keine jüdischen Familien. Dies änderte sich gegen Ende der 1860er Jahre, als im Gefolge der Emanzipation Juden als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt wurden und nun auch einige wenige Familien in den Bezirk Radkersburg zogen.

Juden in Radkersburg:

        --- um 1880 ....................  9 Juden,

    --- 1890 ....................... 46   “   (1,8 d. Bevölk.),

    --- 1900 ....................... 33   “  ,

    --- 1910 ....................... 15   “  ,

    --- 1923 .......................  6   “  ,

    --- 1934 .......................  4   “  .

Angaben aus: Hermann Kurahs, Zur Geschichte der Juden in Radkersburg, S. 66

Um 1890 waren in der Garnisonsstadt Radkersburg immerhin fast 2% der Gesamtbevölkerung Juden; die jüdischen Zuwanderer - oft mittellose Familien - kamen fast ausschließlich aus der ungarischen Reichshälfte. Ihren Lebenserwerb bestritten diese im Kleingewerbe und -handel; sie waren als Schneider, Pferdehändler, Wein- und Landproduktenhändler tätig. Doch bereits ein Jahrzehnt später wanderten die Juden wieder vermehrt ab, sodass sich nach dem Ersten Weltkrieg nur noch sehr wenige jüdische Familien in der Stadt aufhielten.

Anfänglich zählten die Radkersburger Juden zur Kultusgemeinde Olsnitz/Muraszombat/Murska Sobota; auch der dortige jüdische Friedhof diente ihnen als Begräbnisstätte. Spätere Kontakte zur Grazer Synagogengemeinde führten dazu, dass die wenigen jüdischen Kinder von einem Grazer Wanderlehrer Religionsunterricht erhielten.

Wie überall in der Steiermark gewann der Antisemitismus - besonders nach Ende des Ersten Weltkrieges - in Teilen der angestammten Bevölkerung immer mehr an Bedeutung. Nur noch eine einzige jüdische Familie lebte 1938 in Radkersburg.

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 672 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 1163 - 1168

Hermann Kurahs, Geschichte der Radkersburger Juden (Teil 1), in: 26.Jahresbericht des Bundes-Oberstufenrealgymnasiums Bad Radkersburg, 1994/95, S. 5 - 30

Hermann Kurahs, Geschichte der Radkersburger Juden (Teil 2), in: 27.Jahresbericht des Bundes-Oberstufenrealgymnasiums Bad Radkersburg, 1995/96, S. 6 – 45

Heimo Halbrainer, Das andere Radkersburg. Rundgänge auf den Spuren der Protestanten, Juden, Roma und Slowenen in und um Bad Radkersburg, Kulturverein für Steiermark, Graz 1998

Hermann Kurahs, Noch mehr haben nirgends eine Heimat, aber Gräber auf jedem Friedhof. Zur Wiederansiedlung der Juden in Radkersburg, in: Blätter für Heimatkunde, 75. Jg., Heft 2/3 (2001), Granz 2001, S. 69 - 99

Hermann Kurahs, Zur Geschichte der Juden in Radkersburg, in: Gerald Lamprecht (Hrg.), Jüdisches Leben in der Steiermark. Marginalisierung - Auslöschung - Annäherung, Schriftenreihe des Zentrums für Jüdische Studien, Bd. 5, Studienverlag, Innsbruck/Wien/München/Boten 2004, S. 59 - 91

Hermann Kurahs, Verwehrte Heimat. Die jüdische Geschichte Radkersburg vom Mittelalter bis in die Gegenwart, LIT-Verlag, Wien/Berlin 2014