Oberursel/Taunus (Hessen)

Datei:Oberursel (Taunus) in HG.svg Oberursel (Taunus) ist mit derzeit ca. 45.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt im Hochtaunuskreis – unmittelbar angrenzend an die Mainmetropole (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erstmalig sind um 1540 zwei jüdische Familien in Oberursel genannt. Nachweislich lebten gegen Mitte des 17.Jahrhunderts einige jüdische Familien dauerhaft in Oberursel. Sie waren wegen Kriegswirren aus Heddernheim geflohen und hatten hier gegen Entrichtung von jährlichen Schutzgeldern Aufnahme gefunden.

Ansicht von Oberursel um 1650 – Stich von M. Merian (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war die Anzahl der Familien stets gering; einige arbeiteten als Viehhändler, andere als „Makler“ und „Handelsmänner“. Eine kleine Gemeinde bildete sich Ende des 18.Jahrhunderts heraus.

Bis dahin hatten die in Oberursel lebenden Juden Gottesdienste in Homburg aufgesucht; seit den 1790er Jahren verfügten sie über einen eigenen, kleinen Betraum. 1800 erwarb die Oberurseler Judenschaft in der Weidengasse ein Grundstück mit einem alten Haus, das gegen den Willen der christlichen Nachbarn zur Synagoge umgebaut werden sollte. Unter finanzieller Beteiligung der Glaubensgenossen aus Stierstadt und Bommersheim ließ die Oberurseler jüdische Gemeinde auf dem rückwärtigen Teil des Grundstücks ein eingeschossiges Synagogengebäude errichten, das 1803 eingeweiht wurde. Der Zugang zu dem mit (vermutlich) je drei Doppelbogenfenstern ausgestatteten eingeschossigen Synagogenbau erfolgte vom Hause Weidengasse 9 her.

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 Synagoge (Betraum, ganz rechts am Bildrand), Skizze von 1906   -   Vergrößerung (Abb. aus: alemannia-judaica.de)

Zu den gemeindlichen Kultuseinrichtungen zählte auch eine 1808/1809 gebaute Mikwe, die im Vorderhaus der Synagoge untergebracht war.

Für religiöse Aufgaben hatte die kleine Gemeinde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermutlich zeitweilig einen Lehrer angestellt; ansonsten wurde Religionsunterricht von auswärts kommenden „Wanderlehrern“ erteilt.

Um 1860 war der kleine jüdische Friedhof von Oberursel „Auf dem Bacheller“ in der Altkönigstraße in Nutzung genommen worden; zuvor hatten die Oberurseler Juden ihre Toten auf dem Judenfriedhof in Seulberg begraben. Das ca. 500 m² große Begräbnisgelände in Oberursel sollte dann Ruhestätte für ca. 45 verstorbene Gemeindeangehörige werden.

          Jüdischer Friedhof in Oberursel (Aufn. M. Schick, um 2010) 

Die jüdische Gemeinde in Oberursel, zu der auch die jüdischen Personen aus Bommersheim und Oberstedten zählten, unterstand dem Rabbinat Wiesbaden.

Juden in Oberursel:

        --- 1542 ..........................  2 jüdische Familien,

--- 1636 ..........................  3     “       “    ,

    --- um 1750 .......................  3     “       “   (ca. 20 Pers.),

    --- 1803 ..........................  8     “       “    ,

    --- 1824 .......................... 27 Juden,

    --- 1843 .......................... 40   “  ,

    --- 1871 .......................... 59   “  (ca. 10 Familien),

    --- 1875 .......................... 75   “  ,

    --- 1885 .......................... 44   “  ,

    --- 1905 .......................... 28   “  ,

    --- 1925 .......................... 64   “  (ca. 15 Familien),

    --- 1933 ...................... ca. 25   “  ,

    --- 1937 .......................... 12   “  ,*   *andere Angabe: ca. 40 Pers. (?)

    --- 1940 .......................... eine Familie.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 158

und                 Angelika Baeumerth, Oberursel im Taunus. Eine Stadtgeschichte, S. 175 und S. 184

Nach der Emanzipation war die Judenschaft vielerorts in Bewegung; auch in Oberursel waren länger ansässige Juden eher die Ausnahme; Abwanderung in städtische Zentren und Zuwanderung aus anderen Regionen Deutschlands waren kennzeichnend für die Judenschaft der Taunusgemeinde. Anfang der 1930er Jahre lebten in Oberursel noch zwischen 30 bis 40 Bewohner mosaischen Glaubens. Bereits seit Ende der 1920er Jahre hatten hier keine regelmäßigen Gottesdienstes mehr stattgefunden; nur an hohen Feiertagen versuchte man einen Minjan zu erreichen.

            zwei Anzeigen jüdischer Geschäftsleute  

Nach Beginn der NS-Herrschaft verließen die meisten jüdischen Bewohner Oberursel. Auch hier hatte Anfang April 1933 der Boykott jüdischer Geschäfte stattgefunden; zwei Jahre später verstärkte sich die antijüdische Kampagne.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurden Anwesen bzw. Geschäfte jüdischer Familien verwüstet. Das im Spätsommer 1938 an einen Privatmann veräußerte Synagogengebäude blieb unzerstört.

 Anzeige von 1933

Das jüdische Genesungsheim in Oberstedten (1909/1910 erbaut; Stifterin war Flora Geisenheimer geb. Kann) wurde bereits 1935 angegriffen. Beim Novemberpogrom 1938 stürmten SA-Trupps das Haus, verwüsteten die Einrichtung und verjagten die Patientinnen und Patienten.

Zu Beginn des Jahres 1939 lebte nur noch eine einzige jüdische Familie am Ort. Mit dem Abtransport der letzten jüdischen Bewohner aus Oberursel war ab September 1942 der Ort „judenrein”. Mindestens 48 gebürtige bzw. länger in Oberursel lebende jüdische Bewohner wurden Opfer der „Endlösung“.

Anfang der 1960er Jahre wurde das kleine Synagogengebäude wegen Baufälligkeit abgerissen; das Vorderhaus Weidengasse 9 blieb dagegen erhalten.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20153/Oberursel%20Friedhof%20151.jpg  Oberursel, Jüdischer Friedhof.JPG

Relief am Eingang zum jüdischen Friedhof (Aufn. J. Hahn, 2008)  - Grabsteinfeld (Aufn. Karsten Ratzke, 2013, in: wikipedia.org, CCO)

Heute erinnern Gedenktafeln am jüdischen Friedhof an der Altkönigstraße, am Standort der ehemaligen Synagoge (Weidengasse) und am Hause des letzten Vorbeters der Gemeinde, Abraham Feinberg, an die jüdische Vergangenheit von Oberursel.

1990 wurde am früheren Jüdischen Genesungsheim der Eduard- und Adelheid Kann-Stiftung in Oberstedten - einem Stadtteil von Oberursel - eine Gedenktafel angebracht. 

Die jüngst gegründete „Initiative Opferdenkmal e.V.“ hatte es sich zum Ziel gesetzt, den Opfern der NS-Verfolgung Oberursels ein ewiges Gedenken zu teil werden zu lassen. Das aus zwei Figurengruppen bestehende Mahnmal (bei Fertigstellung insgesamt zehn Personen) – ausschließlich aus Spenden finanziert - wurde am Hospitalhof errichtet; dessen endgültige Fertigstellung erfolgte 2015. Drei Jahre später wurde die Figurengruppe noch mit zusätzlichen Tafeln versehen, die die Personendaten der Oberurseler Opfer tragen.

Anm.: Der Entwurf zu diesem Mahnmal stammte von der Oberurseler Abiturientin Juliane Nikolai und wurde durch die am Ort lebende Steinbildhauerin Christine Jasmin Niederndörfer umgesetzt.

 

das noch unvollständige Denkmal (links: Aufn. 2011) - mit weiteren Personen ergänzt (rechts: Aufn. 2012, Initiative Opferdenkmal e.V.)

Oberursel, Opferdenkmal, Vollständig.jpg

fertiggestelltes Opferdenkmal (Aufn. Karsten Ratzke, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 157 - 159

Wolfgang Zink, Die Friedhöfe der Juden in Oberursel, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Heimatkunde Oberursel/Taunus e.V., 28/1986

Angelika Baeumerth, Oberursel im Taunus. Eine Stadtgeschichte, Frankfurt/M. 1991, S. 174 – 186

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Hessen I - Regierungsbezirk Darmstadt, 1995, S. 189/190

Angelika Rieber, Aus dem Haus gejagt wie ein Stück Vieh. Der Schlosser Eugen Rothschild und der 9.November 1938 in Oberursel, in: Frankfurter Rundschau vom 9.11.1996

Wolfgang Zink, Frömmigkeit in schweren Zeiten - Die ersten Juden in Oberursel, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Heimatkunde Oberursel/Taunus e.V., Oberursel 36/1997

Wolfgang Zink, Konfirmation, deutsche Gebete und Choralgesänge im jüdischen Gottesdienst ? Die Oberurseler Synagoge und Gemeinde 1803 - 1925 zwischen Tradition und Reform, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Heimatkunde Oberursel/Taunus e.V., Oberursel 37/1998

Als sie ihn die Treppe hinuntergeprügelt haben, das war eine schreckliche Nacht”. Novemberpogrom 1938 in Oberursel, in: Frankfurter Rundschau vom 5. u. 7.November 1998

Angelika Rieber, “Wir kommen nach Auschwitz”, in: Jahrbuch Hochtaunuskreis 2000, Bad Homburg 1999

Angelika Rieber, “Anständig gebeten ?” - Der Novemberpogrom 1938 in Oberursel, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Heimatkunde Oberursel/Taunus e.V., Oberursel 40/2000

Es gab Dunkelheit, Angst und Schmerzen in unserem Leben”, in: Frankfurter Rundschau vom 29.Jan. 2002

Angelika Rieber, “Wir bleiben hier ! ” Lebenswege von Oberurseler Familien jüdischer Herkunft, hrg. von der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit Hochtaunus e.V., Band 4 zur Stadtgeschichte von Oberursel am Taunus, Verlag Waldemar Kramer, Oberursel 2004

Thea Altaras, Synagogen und jüdische Rituelle Tachbäder in Hessen – Was geschah seit 1945?, Königstein i.Ts. 2007, S.322

Angelika Rieber, „Wir zweifelten zu keiner Zeit, dass wir genauso Deutsche waren wie alle anderen in diesem Land“. Zur Geschichte jüdischer Mitbürger, in: Jahrbuch Hochtaunuskreis 15/2007, S. 184 -188 

Oberursel, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Jürgen Streicher (Red.), Oberursel - Gräber auf koscherem Land, in: „Frankfurter Rundschau“ vom 26.4.2012 

Angelika Rieber, „Die Judenfrage wird dem Volksempfinden entsprechend gelöst“ -  Das Novemberpogrom 1938 im Spiegel des „Oberurseler Bürgerfreundes“, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Heimatkunde Oberursel, 2013 

Angelika Rieber, Zwischen den Stühlen: Christen jüdischer Herkunft in Oberursel, in: „Getauft, ausgestoßen – und vergessen“, Hanau 2013

Initiative Opferdenkmal e.V., Das in Oberursel entstehende Denkmal für die NS-Opfer, online abrufbar unter: opferdenkmal-oberursel.org

Angelika Rieber/Eberhard Laeuen, „Haltet mich in gutem Gedenken“. Erinnerung an Oberurseler Opfer des Nationalsozialismus, im Eigenverlag erschienen, Oberursel 2014/2015