Oberthulba (Unterfranken/Bayern)

Datei:Oberthulba in KG.svg Oberthulba ist heute eine Marktgemeinde mit ca. 5.000 Bewohnern im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen - ca. 25 Kilometer nordwestlich von Schweinfurt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In dem damals zum Stiftsgebiet Fuldas gehörenden Thulba sollen seit dem 16.Jahrhundert vereinzelt jüdische Familien gelebt haben.

Bei der Erstellung der Matrikel (1817) waren für Oberthulba fünf Familienvorstände aufgelistet; alle waren im Viehhandel tätig.

In einem Ende des 18.Jahrhunderts errichteten Gebäude befanden sich der Betraum und das Schulzimmer der jüdischen Gemeinde. Anfang der 1870er Jahre weihte die Judenschaft in Oberthulbaer Ledergasse ihr neues Synagogengebäude ein; in diesem wurden bis 1938 regelmäßig Gottesdienste abgehalten.

                           aus der Zeitschrift „Der Israelit" vom 6.März 1872

Bis Anfang des 20.Jahrhunderts unterhielt die Gemeinde eine kleine Religionsschule; der von ihr besoldete Lehrer übte gleichzeitig das Amt des Vorbeters und des Schächters aus.

  aus: „Der Israelit“ vom 12.11.1893 und 18.7.1904

Verstorbene Juden Oberthulbas wurden auf dem Verbandsfriedhof in Pfaffenhausen beerdigt, dessen Anlage vermutlich in der Zeit um 1580 erfolgt sein muss.

Die Kultusgemeinde Oberthulba unterstand dem Bezirksrabbinat Kissingen.

Juden in Oberthulba:

         --- um 1650/60 ................. ca. 40 Juden,

    --- um 1815 .................... ca. 30   “  ,

    --- 1867 ........................... 57   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1871 ........................... 64   "  ,

    --- 1910 ........................... 55   “  ,

    --- 1924 ........................... 42   "  ,

    --- 1933 (Jan.) .................... 42   “  ,

    --- 1934 ........................... 37   “  ,

    --- 1935 ........................... 36   “  ,

    --- 1939 (Sept.) ................... 17   “  ,

    --- 1942 (März) .................... 11   “  ,

             (Mai) ..................... keine. 

Angaben aus: Herbert Schultheis, Juden in Mainfranken 1933 - 1945 unter besonderer Berücksichtigung ..., S. 281

Die Juden Oberthulbas wohnten zumeist in der Judengasse, der heutigen Ledergasse. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie als Viehhändler und Kaufleute; im Nebenerwerb wurde meist eine kleine Landwirtschaft betrieben.

Infolge der politischen Entwicklung in den 1930er Jahren gerieten auch die hiesigen jüdischen Familien immer mehr ins gesellschaftliche Abseits und in wirtschaftliche Not. 1938 gab es in Oberthulba noch drei von Juden betriebene Einzelhandelsgeschäfte. Während des Novemberpogroms von 1938 zog eine „größere Anzahl von Volksgenossen“ durch den Ort, verschaffte sich Zugang in die von jüdischen Familien bewohnten Häuser und demolierte deren Inventar. Die Inneneinrichtung der Synagoge mitsamt der Ritualien wurde zerstört und verbrannt; Fensterscheiben der Synagoge und jüdischen Schule wurden eingeworfen. Vier Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau überstellt.

„ ... Da die Menge, die sehr erregt war, beim Eindringen in die jüdischen Häuser Drohungen ausstieß und die Menge es hauptsächlich auf die männlichen Juden abgesehen hatte, wurden dieselbe - insgesamt fünf Mann - zum Schutz ihrer Person ... in polizeilichen Gewahrsam genommen und am 10.11.1938 gegen 24 Uhr in das Amtsgerichtsgefängnis Hammelburg eingeliefert. ... Die Bevölkerung begrüßte es gewissermaßen, daß den Juden einmal die Zähne gezeigt und ihr Eigentum teilweise vernichtet wurde, mißbilligte aber, daß einige lichtscheue Elemente diese Aktion zu ihrem Vorteil ausnützten und aus den Häusern der Juden Einrichtungsgegenstände usw. stahlen.”

(aus: Polizeibericht vom November 1938)

Ende April 1942 wurden die letzten noch in Oberthulba lebenden jüdischen Bewohner - über Würzburg - ins besetzte Polen deportiert; dort sollen alle ums Leben gekommen sein. Namentlich sind 17 gebürtige bzw. länger in Oberthulba lebende Juden bekannt, die Opfer der Shoa geworden sind.

Am ehemaligen, mehrfach umgebauten Synagogengebäude in der Ledergasse erinnert eine Tafel an dessen einstige Bestimmung:

Dieses Gebäude diente unseren ehemaligen jüdischen Mitbürgern

bis 1938 als Synagoge und Schule.

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 380/381

Herbert Schultheis, Juden in Mainfranken 1933 - 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Deportationen Würzburger Juden, in: Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Frankens, Band 1, Verlag Max Rötter, Bad Neustadt a.d.Saale 1980, S. 270 ff.

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 2. Aufl., München 1992, S. 111

Oberthulba, in: alemannia-judaica.de (mit diversen, z.g.T. personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 115