Obersitzko/Warthe (Posen)

  Im Jahre 1683 stattete der polnische König den kleinen Ort Obersitzko - ca. 50 Kilometer nordwestlich von Posen im späteren Kreis Samter gelegen - mit Stadtrechten aus; die Kleinstadt mit derzeit ca. 2.400 Einwohnern liegt heute in der polnischen Woiwodschaft Poznan und heißt Obrzycko.

Unter den Stadtbewohnern, die in Obersitzko um die Mitte des 17.Jahrhunderts neu siedelten, müssen sich auch Juden befunden haben. Der damalige Grundherr räumte der Judenschaft z.T. recht weitgehende Rechte ein bzw. sprach auch gewisse Verbote aus: So wurde der jüdischen Gemeinde die Errichtung einer Synagoge und die Anlage eines eigenen Begräbnisplatzes zugestanden; verboten war den hiesigen Juden der Kleinhandel mit Gewürzen und Eisenwaren. Allgemein betrachtet waren ihre Lebensbedingungen in Obersitzko deutlich besser als anderswo; deshalb wuchs die Zahl der jüdischen Bewohner – vor allem in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts – sehr deutlich und erreichte um 1800 nahezu 500 Personen; jeder dritte Dorfbewohner war zu damaliger Zeit jüdischen Glaubens.

Die alte, baufällig gewordene Synagoge wurde Mitte der 1840er Jahre abgerissen und an gleicher Stelle durch einen Neubau ersetzt. Über die Finanzierung des Neubaus entzündete sich innerhalb der jüdischen Gemeinde ein langjähriger Streit. - In den 1820er Jahren wurde am Ort eine jüdische Schule eingerichtet.

Juden in Obersitzko:

        --- um 1750 ..................... ca. 200 Juden,

    --- um 1800 ..................... ca. 480   “  (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1840 ............................ 606   “  ,

    --- 1857 ............................ 512   “  (in 107 Familien),

    --- 1871 ............................ 379   “  ,

    --- 1890 ............................ 274   “  ,

    --- 1903 ............................ 170   “  ,

    --- 1911 ............................ 150   “  ,

    --- 1921 ............................  75   “  (ca. 5% d. Bevölk.).

Angaben aus: Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden ..., S. 661/662

http://fotopolska.eu/foto/438/438776.jpg Ansicht Obersitzko (hist. Aufn., um 1910, aus: obrzycko.fotopolska.eu )

Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die Zahl der jüdischen Bewohner in Obersitzko ihren Höchststand; danach setzte eine deutliche und sich relativ schnell vollziehende Abwanderung ein, die schließlich Ende der 1920er Jahre zur völligen Auflösung der Gemeinde führte. Ein zionistischer Verein hatte sich in der Stadt um 1905 gegründet. Bei Kriegsbeginn hielten sich nur noch sehr wenige Juden im Ort auf.

In den Kriegsjahren 1942/1944 befand sich in Obersitzko ein Außenlager des KZ Stutthof.

Das einst als Synagoge genutzte Gebäude ist bis heute erhalten; allerdings befindet es sich - jahrelang war in den Räumlichkeiten ein Kino untergebracht - in einem desolaten Zustand.    

                  ehem. Synagogengebäude (Aufn. Adgol, 2008, aus: commons.wikimedia.org)  

Von dem während der NS-Zeit verwüsteten jüdischen Friedhof gibt es heute kaum Spuren mehr.

 In Obersitzko wurde 1833 Abraham (Adolf) Berliner als Sohn eines Lehrers geboren. Ab 1858 übte er Amt eines Lehrers und Predigers in Arnswalde aus; ab 1873 war er Dozent für jüdische Geschichte und Literatur an dem von Israel Hildesheimer gegründeten orthodoxen Predigerseminar in Berlin. Zusammen mit David Hoffmann gab Berliner das „Magazin für die Wissenschaft des Judentums“ heraus. Zwei Jahrzehnte lang stand er an der Spitze des Vereins „Mekize Nirdamim“, der alte hebräische Literaturwerke herausgab. Seinen Ruf als Gelehrter begründeten mehrere Publikationen. Anlässlich seines 70.Geburtstages ernannte ihn die preußische Regierung zum Professor. 1915 starb Abraham Berliner in Berlin.

Ganz in der Nähe Obersitzkos existierte in Wronke (poln. Wronki nad Warta) ebenfalls eine jüdische Gemeinde.

[vgl. Wronke (Posen)]

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 659 - 663

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 923

Obrzycko, in: sztetl.org.pl