Neutitschein (Mähren)

 Das nordmährische Neutitschein wurde im 13.Jahrhundert an der alten Bernsteinstraße gegründet und war einst Hauptort des deutschen Kuhländchens; es ist das heutige tschechische Nový Jicín mit derzeit ca. 24.000 Einwohnern - etwa 35 Kilometer südwestlich von Ostrau/Ostrava bzw. östlich von Olmütz/Olomouc gelegen (Karte der Markgrafschaft Mähren um 1890, Abb. David Liuzzo, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ansiedlungen von Juden in Neutitschein lassen sich schon im 14.Jahrhundert nachweisen. Als unmittelbare Untertanen der Schlossherrschaft wohnten die jüdischen Familien - sie lebten fast ausnahmslos vom Geld- und Kleiderhandel - in den ans Schloss angrenzenden Gassen; dieser ghettoartige Wohnbezirk soll Mitte des 16.Jahrhunderts dicht besiedelt gewesen sein.

Zum damaligen Zeitpunkt gab es in Neutitschein eine Synagoge, ein rituelles Tauchbad und auch einen jüdischen Friedhof; diese erste Begräbnisstätte wurde vermutlich gegen Anfang des 15.Jahrhunderts aufgelassen und eine neue in der Obervorstadt angelegt. 1562 mussten die Juden die Stadt verlassen; das Gebäude der Synagoge und das Friedhofsgelände wurde der Stadt überlassen - unter der Zusage, das Begräbnisgelände nicht zu zerstören. Die ausgewiesenen Juden ließen sich vermutlich in kleinen Nachbarorten wie Blauendorf und Söhle nieder. Dort lebten sie unter dem Schutz der jeweiligen Grundherrschaft und zahlten dieser dafür Abgaben.

Josef Beck - Geschichte der Stadt Neutitschein (Nowý Jičín) und deren Umgebung - 1854 - Image on 240a page.png Neutitschein um 1720 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Vermutlich kehrten die ersten jüdischen Familien zeitweilig in der Regierungszeit von Joseph II. nach Neutitschein zurück; um 1830 lebten nur einige privilegierte jüdische Familien im Ort. Erst gegen Mitte des 19.Jahrhunderts zogen zögerlich weitere Juden nach Neutitschein; in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts erreichte die jüdische Bevölkerung der Stadt ihren Höchststand. 

Eine „Religionsgenossenschaft“ bildete sich erst gegen Ende der 1860er Jahre; die autonome Kultusgemeinde konstituierte sich offiziell erst 1891. Gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden anfänglich in privaten Räumlichkeiten statt. 1908 weihte die größer gewordene Gemeinde einen Synagogenneubau in der Legergasse ein; verantwortlicher Architekt war der Wiener Baumeister Ernst Lindner.

                       Synagoge in Neutitschein (hist. Postkarte, 1908)

Synagoge in Neutitschein (hist. Postkarte, um 1915)

1875 wurde ein Friedhofsgelände an der Freiberger Reichsstraße in Nutzung genommen. 

Zur Gemeinde zählten auch die jüdischen Familien des hiesigen Distrikts, so die aus Fulnek, Frankstadt und Freiberg.

Juden in Neutitschein:

        --- um 1580 ....................... ca. 300 Juden,

    --- um 1830 ........................... wenige jüdische Familien,

    --- 1847 ..............................  14 Juden,

    --- 1868 .............................. 155   “  ,

    --- 1880 .............................. 275   “  ,

    --- 1900 .......................... ca. 250   “  ,

    --- um 1930 ....................... ca. 200   “  ,

    --- 1939 .............................. keine.

Angaben aus: Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens S. 92

http://www.antik-falkensee.de/catalog/images/2009/760848.JPG Stadtplatz in Neu-Titschein (hist. Aufn., um 1930)

Zur wirtschaftlichen Entwicklung Neutitscheins trugen einige jüdische Unternehmer maßgeblich bei.

In den 1920er Jahren waren zahlreiche Juden in Neutitschein zionistisch orientiert; so wurde hier 1921 einer der ersten Hachschara-Ausbildungsbetriebe gegründet, die junge Juden auf ihre künftige landwirtschaftliche Tätigkeit in Palästina vorbereitete.

In den Wochen der sog. „Sudetenkrise“ flüchteten die meisten der hier lebenden Juden in die „Rest-Tschechei“; wenig später löste sich die Gemeinde Neutitschein auf.

Das Synagogengebäude hat die NS-Zeit fast unbeschädigt überstanden, da während des Pogroms von 1938 wegen erheblicher Gefährdung der Nachbargebäude auf eine Brandlegung verzichtet worden war; die Inneneinrichtung war hingegen geplündert und auch zerstört worden. Während ein Teil der jüdischen Einwohner festgenommen worden war, zog der Mob durch die Stadt und zerstörte Schaufenster jüdischer Läden; auch der jüdische Friedhof wurde geschändet.

Das sanierte Synagogengebäude diente nach 1945 zunächst der Adventistengemeinde als Gebetsraum; ab Ende der 1960er Jahre ist in dem umgebauten Gebäude das Bezirksarchiv untergebracht.

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. Leszek Jodliński, aus: jodlowanie.pl)

Eine Gedenktafel - in drei Sprachen abgefasst – erinnert hier seit 1992 an das einstige jüdische Gotteshaus; der deutsche Text lautet: „Dieses Gebäude, die ehemalige Synagoge, diente dem israelitischen Gottesdienst vom 12.4.1908 bis 9.11.1938, als sie von den Nazis bei dem Pogrom verwüstet wurde.

Auf dem ehemaligen israelitischen Friedhof steht seit 2008 eine Gedenktafel für die ermordeten jüdischen Bürger der Stadt.

  Der 1920 in Neutitschein geborene Max Mannheimer ist Holocaust-Überlebender; im Frühjahr 1945 wurde er während eines Evakuierungsmarsches aus einem Außenlager des KZ Dachau befreit. Bekannt geworden ist er durch seine Vorträge über seine Erlebnisse während der NS-Haft, als Buchautor und Maler. Wegen seines Engagements „Gegen das Vergessen“ hat er zahlreiche Ehrungen erfahren. 2008 wurde Mannheimer zum Ehrenbürger von Nový Jicín ernannt. 2016 starb er hochbetagt in München. Seit 2018 erinnert am ehemaligen Wohnhaus seiner tschechischen Heimatstadt eine Erinnerungstafel an ihn.

 

Wenige Kilometer südlich von Neutitschein liegt die Stadt Wallachisch-Meseritsch (tsch. Valasske Mezirici), in der sich gegen Ende des 19.Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde konstituiert hatte. In den 1920er Jahren zählte diese etwa 170 Angehörige. Im September 1942 ließen die deutschen Okkupanten etwa 150 Juden aus der Stadt nach Theresienstadt deportieren; bis auf wenige wurden alle ermordet. Das Synagogengebäude wurde wenige Jahre nach Kriegsende von tschechischen Einwohnern zerstört; seit wenigen Jahren steht an dieser Stelle ein Denkmal.  vgl. Wallachich-Meseritsch (Mähren)

Weitere Informationen:

Josef Beck, Geschichte der Stadt Neutitschein und deren Umgebung, Neutitschein 1854 (neu aufgelegt vom Gerhard Hess Verlag, 2013)

Chr. R. von d’Elvert, Geschichte der Juden Mährens und Schlesien, Brünn 1895

S. Mandl (Bearb.), Geschichte der Juden in Neu-Titschein, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 409 – 416

Ullrich, Zur Geschichte der Judenniederlassung in Neu-Titschein, o.O. um 1930

Bertold Bretholz, Geschichte der Juden in Mähren im Mittelalter, Brünn 1934

P. Ziegler, Zur Geschichte der Juden in Neutitschein, Neutitschein 1939 

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 92

Germania Judaica, Band III/2, Tübingen 1995, S. 967

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 3), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1372

Jörg Osterloh, Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938 - 1945, in: Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 105, Verlag R. Oldenbourg, München 2006

Max Mannheimer, Spätes Tagebuch: Theresienstadt – Auschwitz – Warschau - Dachau, 12.Aufl., München/Zürich 2009

The Jewish Community of Novy Jicin (Neutitschein), Hrg. Beit Hatfutsot - The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/novy-jicin

Wolfgang Metzner, Zeitzeugengespräch unserer 9.Jahrgangsstufe mit dem Holocaustüberlebenden Max Mannheimer, 2011, online abrufbar unter: bnv-bamberg.de

Jewish Families of Nový Jičín (Neutitschein), Moravia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Nový-Jičín-Neutitschein-Moravia-Czech-Republic/people/13172

Helmut Zeller (Red.), Der größte Sohn der Stadt – Eine Erinnerungstafel am ehemaligen Wohnhaus von Max Mannheimer im mährischen Neutitschein, in: „Süddeutsche Zeitung" vom 17.5.2018