Marienburg (Westpreußen)

  Karte des Kreises Marienburg (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Marienburg wurde als Niederlassung deutscher Kaufleute gegründet und besaß seit 1276 Stadtrechte; es ist das heutige poln. Malbork.

Als Marienburg an Preußen fiel (1772), waren keine jüdischen Bewohner ansässig. Das änderte sich auch in den nächsten Jahrzehnten nicht, da der Magistrat der Stadt Juden hier ein Wohnrecht verweigerte. In die Stadt selbst zogen erst nach 1810 jüdische Familien zu, die sich alsbald zu einer Gemeinde zusammenschlossen. In den Jahrzehnten nach der Jahrhundertmitte erlebte die jüdische Gemeinde von Marienburg ihre Blütezeit.

1830 wurde in einem ehemalig als Scheune genutzten Gebäude ein Betraum eingerichtet. Fast 70 Jahre später ließ man einen repräsentativen Nachfolgebau in der damaligen Schulgasse/Deutsch-Ordensstraße nach Plänen des Architekten Carl Lübke erstellen (1897/1898). Die Einweihung fand am 30. August 1898 in Anwesenheit der Rabbiner Blumenthal aus Danzig und Silberstein aus Elbing statt.

                

             Synagoge, hist. Postkarte um 1905             Ausschnitt aus einer Bildpostkarte (um 1910)           Aufn. um 1915 (commons.wikimedia.org, CCO)

Im Jahre 1819 erwarb die hiesige Judenschaft ein Begräbnisareal an, das sich ca. zwei Kilometer südlich der Stadt - zwischen Hoppenbruch und Willenberg - befand. Im Laufe der Zeit wurde es mehrfach durch Geländezukauf erweitert.

Wenige jüdische Familien von vier nahen Dörfern waren der Gemeinde angeschlossen.

Juden in Marienburg:

        --- 1816 .......................  50 Juden,

    --- 1831 .......................  81   “  ,

    --- 1846 ....................... 151   “  ,

    --- 1855 ....................... 247   “  ,

    --- 1867 ....................... 317   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1871 ....................... 337   “  ,

    --- 1880 ....................... 306   “  ,

    --- um 1895 ................ ca. 180   “  ,

    --- 1905 ....................... 165   "  ,

    --- um 1925 ................ ca. 150   “  (ca. 1% d. Bevölk.) ,

    --- 1932 ....................... 170   “  ,

    --- 1938 (Juni) ................  60   “  ,

    --- 1939 (Mai) .................  33   “  ,

    --- 1940 .......................  keine.

Angabenaus: Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, S. 11

und                The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), S. 794

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/49/Marienburg_(1890-1900).jpg Marienburg, um 1895 (Aufn. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Nach der Jahrhundertwende richtete die Vereinigung der jüdischen Gemeinden Ostpreußens in Marienburg ein Büro ein, das sich um die aus Osteuropa kommenden Juden auf ihrem Wege in die Immigration kümmerte.

Mit der NS-Machtübernahme setzte sich die schon länger währende Abwanderung in verstärktem Maße fort; verleumderische Presseartikel, gelenkte antijüdische Demonstrationen und Gewalttätigkeiten schüchterten die Juden Marienburgs zunehmend ein. Bei Kriegsbeginn lebten vermutlich nur noch vereinzelt Juden in Marienburg.

Die Synagoge in Marienburg wurde am Morgen des 10. November 1938 eingeäschert.

1940 lebten keine jüdischen Bewohner mehr in der Stadt; ihre Schicksale sind zumeist nicht bekannt.

Vom jüdischen Friedhof sind – bis auf spärliche Grabsteinrelikte – keine Spuren mehr vorhanden; ein Teil des Geländes ist überbaut.

 Heinz Galinski wurde 1912 in Marienburg als Sohn eines Kaufmanns geboren. Zusammen mit seiner Frau und seiner Mutter wurde er nach Auschwitz deportiert und musste dort Zwangsarbeit leisten. Als einziger Überlebender seiner Familie wurde Heinz Galinski im April 1945 in Bergen-Belsen von britischen Truppen befreit. Er entschied sich, in Deutschland zu bleiben, um am Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in Berlin mitzuwirken; von 1949 bis 1992 war er Vorsitzender der Berliner Gemeinde. Als Nachfolger Werner Nachmanns stand Galinski bis zu seinem Tode dem Zentralrat der Juden in Deutschland vor; 1992 verstarb er im Alter von 79 Jahren in Berlin. Heinz Galinski hatte es als seine ständige Aufgabe angesehen, sich für Verständigung und Aussöhnung einzusetzen und gleichzeitig vor Antisemitismus und Radikalismus zu warnen.

 

In der etwa 25 Kilometer südöstlich von Marienburg liegenden, seit 1254 mit Stadtrechten ausgestatteten Ortschaft Christburg (poln. Dzierzgon) gab es eine jüdische Gemeinde, deren Wurzeln im 17.Jahrhundert liegen und die damit zu den ältesten jüdischen Religionsgemeinden der Region zählt. Mit mehr als 300 Angehörigen erreichte die Gemeinde um 1850/1860 ihren zahlenmäßigen Höhepunkt. Neben zwei Friedhöfen gab es in Christburg eine 1838 erbaute Synagoge.

Juden in Christburg:

--- 1772 .................... 124 Juden,

--- 1858 .................... 318   “  ,

--- 1885 .................... 224   “  ,

--- 1913 ....................  77   “  ,

--- 1933 ................ ca.  50   “  ,

--- 1937 ................ ca.  20   “  .

Angaben aus: Dzierzgon, in: kirkuty.xip.pl

Die Jahrzehnte um 1900 waren von Abwanderung der jüdischen Minderheit gekennzeichnet. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten nur noch ca. 60 Juden in der Kleinstadt. Vor allem durch Boykottmaßnahmen verursachte wirtschaftliche Probleme - alle jüdischen Geschäfte mussten aufgegeben werden - führten dazu, dass bis 1938 schließlich auch alle jüdischen Bewohner Christburg verlassen hatten.

Vom jüdischen Friedhof sind heute noch Relikte vorhanden.

cmentarz żydowski w Dzierzgoniu cmentarz żydowski w Dzierzgoniu

Relikte des jüdischen Friedhofs von Christburg (Aufn. Slawomir Topolewski, aus: kirkuty.xip.pl)

vgl. Christburg (Ostpreußen)

 

In Tiegenhof (poln. Nowy Dwór Gdański) - einem Marktflecken zwischen Danzig und Elbing - entwickelte sich im Laufe des 19.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde; lebten um 1820 nur sehr wenige Familien im Ort, so zählte die infolge Zuwanderung sich gebildete Gemeinde um 1870 immerhin ca. 100 Personen. Doch noch vor Jahrhundertwende entwickelte sie sich wieder stark rückläufig (1900 noch sechs jüdische Haushalte). Mitte der 1930er Jahre wurde die winzige Gemeinde aufgelöst, das Synagogengrundstück verkauft.

 

Auch in Neuteich (poln. Nowy Staw) - nördlich von Marienburg - lebten jüdische Familien; die Anzahl der Gemeindeangehörigen belief sich während der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts auf ca. 100 - 120 Personen und machte damit ca. 8% der Einwohnerschaft aus; nach der Jahrhundertmitte war ihre Zahl im Schwinden begriffen. 1871 zählte die jüdische Bevölkerung in Neuteich kaum noch 50 Personen; die gesamte Gemeinde (mit Umland) erreichte ca. 90 Seelen. 1937 wurde die Gemeinde Neuteich aufgelöst.

Nach 1945 wurde das einstige Synagogengebäude als Schlachthaus einer Metzgerei benutzt.

                  Ehem. Synagogengebäude in Nowy Staw (Aufn. aus: Starymalbork.pl)

Vom jüdischen Friedhof sind heute keine Spuren mehr vorhanden.

 

In der ca. 15 Kilometer südlich von Marienburg gelegenen Ortschaft Stuhm (poln. Sztum) gab es eine israelitische Gemeinde, die zu Beginn des 20.Jahrhunderts ca. 75 Angehörige besaß. Noch ein Jahrzehnt zuvor waren es fast 110 Personen gewesen. Ihre Synagoge - erbaut 1862 - stand in der Wasserstraße; die Anlage eines Friedhofs soll bereits im 18.Jahrhundert erfolgt sein. Sichere urkundliche Belege auf jüdische Ansässigkeit in Stuhm liegen aber erst seit 1806 vor. Mit der nach 1900 einsetzenden Auswanderung nach Nordamerika verlor die jüdische Gemeinde deutlich an Mitgliederzahl, sodass Anfang der 1930er Jahre kaum noch 50 Juden im Dorfe lebten. Während des Novemberpogroms zerstörten Nationalsozialisten die Synagoge. 1939 gab es hier nur noch 13 jüdische Bewohner. 

Außer spärlichen Relikten des einstigen jüdischen Friedhofs erinnern heute keine Spuren mehr an die einstige jüdische Geschichte Stuhms.

vgl. Stuhm (Westpreußen)

Weitere Informationen:

Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, in: Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte u. Landeskunde Ost-Mitteleuropas, Hrg. Johann Gottfried-Herder-Institut, No. 81, Marburg 1967

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 1, S. 257 und Vol. 2, S. 794

Michael Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburg 2007, S. 205 – 208

Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken - Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, Teillband 1 (Regierungsbezirk Danzig), New York 2009, S. 122 – 132 (Marienburg), S. 133 – 136 (Neuteich), S. 137 – 139 (Tiegenhof)

Jacek Kmieć , Malbork (Marienbugr), in: kirkity.xip.pl (Anm.: Informationen zum jüdischen Friedhof)

Malbork, in: sztetl.org.pl

Dzierzgon, in: kirkuty.xip.pl