Leutershausen/Bergstraße (Baden-Württemberg)

Bildergebnis für hirschberg baden-Württemberg Leutershausen ist heute ein Ortsteil von Hirschberg an der Bergstraße im badischen Rhein-Neckar-Kreis - ca. 15 Kilometer östlich von Mannheim gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die ersten Ansiedlungen von Juden in Leutershausen reichen vermutlich bis in die Mitte des 16.Jahrhunderts zurück; doch erst ab Beginn des 18.Jahrhunderts finden sich sichere urkundliche Nachweise. Die Ortsherren, die Grafen von Wiser, unterstützten mit ihrer liberalen Politik gegenüber Juden deren Ansiedlung in Leutershausen. Bis 1803/1804 unterstanden die jüdischen Familien der gräflichen reichsritterschaftlichen Ortsherrschaft.

Zunächst wurde in einem Privathause in der Hauptstraße ein Betsaal aufgesucht, der seit 1781 im Dachgeschoss untergebracht war. Dieser wurde in den 1860er Jahren durch einen Synagogenneubau am Schriesheimer Tor abgelöst, der im September 1868 feierlich eingeweiht wurde; ein Festumzug durch den Ort und ein Festball im gegenüberliegenden Gasthaus „Zum Lamm“ waren Ausdruck der Feierlichkeiten. Gottesdienste fanden hier bis 1933 statt.

Bei der im Jahre 1867 erfolgten Grundsteinlegung wurde vom damaligen Hauptlehrer eine Urkunde verfasst, in der es u.a. hieß:

Im Jahr der Welt 5627 den 17ten Jahr nach üblicher Zeitrechnung den 22.Mai 1867 wurde hier zu Leutershausen der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt ... Die bisherige Synagoge, welche Eigentum der isr. Gemeinde einen Teil des Hauses des Hirsch Hirsch ausmachte, im Jahr der Welt 5561, also vor sechzigsechs Jahre durch Vergrößerung der noch älteren Synagoge erbaut und eingeweiht, war für die isr. Gemeinde zu klein geworden ... Während bei der Renovierung derselben, also vor 66 Jahren, die isr. Gemeinde achtzehn Familienoberhäupter zählte, ist bis heute ihre Zahl auf fünfunddreißig herangewachsen, ... Die Gesamtseelenzahl betrug nach neuester Volkszählung einhundertsechzig u. fünf. Die Synagogenräte waren Lazerus Maier, Marx Flegenheimer u. Jonas Straßburger. Die ihm beigeordneten Baucomisäre waren Hirsch Hirsch I. Maier Haarburger I. u. Herz Schriesheimer II. ...  Die Baukosten mögen sich einschließlich des Platzes, welcher fl. 1200 kostete u. der Utensilien auf fl. 500 belaufen. Den Plan zur Synagoge entwurf Baumeister Philipp Schmitt in Mannheim, welchem auch die Leitung übertragen war. ... Durch gute Verwaltung, durch Verbesserung der Felder u. Waldkultur, durch guten Betrieb des Feldbaues, Gewerb und Handel konnte sich der Ort des Wohlstandes erfreuen. Sittlichkeit, Mäßigkeit u. Friedensliebe, besonders religiöse Duldung sind die Charaktere der Einwohner. Unter der glorreichen Regierung unseres Landesfürsten Großherzog Friedrich fühlte sich das Land glücklich. Seine reinen konstitutionellen Gesinnungen, seine edlen u. weisen Gesetze machten ihn zum Liebling des Volkes. Sein Namen strahlt allverehrt als helleuchtender Stern im Kranze europäischer Fürsten. Die bürgerliche Gleichstellung, welche er seinen ihr. Unterthanen am 15 t. Okt. 1862 verlieh, haben dieselben zum ewigen Dank verpflichtet. ... Amen, es werde wahr.

Diese Urkunde wurde verfaßt und geschrieben von J.H. Marc Hauptlehrer

Gedenke mir es geht zum Guten

                                             Synagoge (Ausschnitt aus einer Bildpostkarte)

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten auch ein um 1825 geschaffenes Ritualbad und ein um 1860 erworbenes Gebäude, in dem die jüdische Schule untergebracht war. Seit 1819 gab es eine zunächst private, ab 1844 öffentliche israelitische Elementarschule, die bis Mitte der 1870er Jahre Bestand hatte.

Anzeige aus: „Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis“ vom 10.Februar 1844 

  Stellenanzeige aus: „Der Israelit“ vom 16.Sept. 1885

Als letzte Ruhestätte diente den verstorbenen Leutershausener Juden der Friedhof in Hemsbach.

Juden in Leutershausen:

    --- um 1700/20 ......................   3 jüdische Familien,

    --- um 1750 .........................  24 (erwachsene) Juden,

    --- 1790 ........................ ca.  70 Juden,

    --- 1804 ............................  20 jüdische Familien,

    --- 1825 ............................ 103 Juden,

    --- 1843 ............................ 156   “  ,

    --- 1864 ............................ 165   “  (ca. 11% d. Bevölk.),

    --- 1875 ............................ 135   “  ,

    --- 1885 ............................ 132   “  ,

    --- 1900 ............................  68   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1911 ............................  63   “  ,

    --- 1933 ............................  43   “  ,

    --- 1940 (Sept.) ....................   5   “  ,*  * andere Angabe: keine

             (Nov.) .....................   keine.

Angaben aus: F. Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, S. 178

und                Rainer Gutjahr, Zur Geschichte der Juden in Leutershausen, S. 15/16

Die Leutershausener Juden verdienten in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts ihren Lebensunterhalt als Makler, Hausierer und Trödler, wenige übten auch ein Handwerk aus. Mit fortschreitender Industrialisierung und Verstädterung seit den 1860er Jahren wanderten zahlreiche jüdische Familien aus Leutershausen ab. Gleichzeitig verbesserte sich die wirtschaftliche Situation der im Ort verbliebenen Familien, die nun größtenteils vom Vieh- und Getreidehandel lebten und zu bescheidenem Wohlstand gelangten.

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Leutershausen noch ca. 40 Bewohner mosaischen Glaubens. Das bis zu dieser Zeit  gutnachbarschaftliche, z.T. auch freundschaftliche Verhältnis zwischen Christen und Juden verschlechterte sich unter dem Druck des NS-Propaganda zunehmend: Kontakte zu Juden mussten abgebrochen, ihre Geschäfte gemieden werden, wenn man nicht öffentlich angeprangert werden wollte. Doch soll es in Leutershausen in der NS-Zeit zu keinerlei gewaltsamen Übergriffen auf die jüdische Bevölkerungsminderheit gekommen sein; trotzdem hatten bis Mitte 1939 alle Juden das Dorf verlassen; sie waren zumeist in die USA emigriert.

                   Am 1.April 1939 ließ der Leutershausener Bürgermeister im Ortsblatt in gehässiger Weise verlauten:

Leutershausen frei von Juden ! Die letzten Krummnasen verliessen den Ort/ Einst jüdische Hochburg

Die Juden sind ja bekannt dafür, dass sie einen besonderen Riecher für ‘fette Geschäftchen’ haben. Aus diesem Grunde konnte man in früheren Jahren auch sehr leicht feststellen, dass sich die Mischpocke immer zu gemeinsamen Tun in den Orten aufhielten, da nach Lage, Verkehrsverbindung und Ausdehnungsmöglichkeit ein rentables Geschäft zu erwarten war. ... Leutershausen, der saubere Bergstrassenort, war ein solches Ziel der Judenclique. Mehr und mehr häuften sich dort die ‘Diener Jehovas’ an, und als im Jahre 1933 das nationalsozialistische Regime die Macht in Deutschland übernahm, da erfreuten sich die Leutershausener nicht weniger als ‘32 jüdischer Bürger’. ... In vielen Bauernhäusern von Leutershausen und Umgebung klopften diese ‘ehrlichen Handelsleute’ an, denn sie ‘sorgten’ ja dafür, dass dem Bauersmann das Vieh nicht im Stalle stehen blieb. Nach und nach wurde denn diesen Vieh- und Handelsjuden der Boden auch in Leutershausen doch zu heiss, zumal die Geschäfte merklich nachliessen ... Jetzt aber ist es so weit. Am letzten Donnerstag sind die beiden letzten Itzigs sang- und klanglos von hier abgezogen und haben die Gemeinde vollkommen judenfrei gemacht. Die überwiegende Mehrheit des Ortes fühlt sich glücklich, endlich reinen Tisch zu haben ... Die Bevölkerung wird im Verein mit der heranwachsenden Jugend darüber wachen, dass für alle Zeiten die Gemeinde Leutershausen frei von Juden bleiben wird.

Da das Synagogengebäude bereits im Frühjahr 1938 in den Besitz der politischen Gemeinde Leutershausen übergegangen war, wurde es vor der Zerstörung in der Reichspogromnacht vom November 1938 bewahrt. Zwar sollen SA-Männer aus Ladenburg erschienen sein, um die Synagoge anzuzünden; doch Anwohner verwiesen darauf, dass das Gebäude inzwischen im kommunalen Besitz und die angrenzende "arische" Tabakscheune bei einer Inbrandsetzung gefährdet wäre.

Während ca. 25 Juden noch eine Emigration gelang (in die USA, Argentinien, Palästina), wurden mindestens 20 gebürtige jüdische Bewohner Leutershausens Opfer der Shoa; aus allen Ortsteilen Hirschbergs sollen es 27 Menschen gewesen sein.

In den Kriegsjahren hatte das Synagogengebäude als Kriegsgefangenenunterkunft gedient. 1950 wurde es der „Jewish Restitution Successor Organisation” übertragen. Nach kurzem Verbleib im Besitz des Landes Baden-Württemberg ging es 1955 in Privateigentum über und diente bis 1993 gewerblichen Zwecken. 1985 erwarb die Gemeinde Hirschberg das einstige Synagogengebäude. Nach aufwändigen, mit hohen Kosten verbundenen Renovierungsarbeiten wurde es im Herbst 2001 als „Haus der Kultur und Begegnung“ der Öffentlichkeit übergeben.

        Ehem. Synagoge (Aufn. Arbeitskreis Ehem. Synagoge Leutershausen, 2001)

Das Westfenster über dem Haupteingang – entworfen vom schottischen Glaskünstler John Clark - symbolisiert mit seinem weißen Davidstern die frühere Nutzung des Gebäudes als Synagoge.

Bereits seit 1988 erinnert an der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel an die einstigen jüdischen Bewohner des Ortes:

Wir gedenken unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger,

die in den Jahren 1933 bis 1945 der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft zum Opfer fielen.

Ihr Leid soll uns Mahnung und Verpflichtung sein.

Auf Initiative des „Arbeitskreises Ehemalige Synagoge“ wurde im November 2014 an der Alten Synagoge ein Mahnmal eingeweiht. Die von der Mannheimer Künstlerin Myriam Holme aus Messing gestaltete, etwa vier Meter hohe Baumskulptur hat 27 Äste, die an die ermordeten Juden Leutershausens erinnern.

           Baumskulptur als Mahnmal (Aufn. Gutschalk, 2014)

 

Zu Beginn der 1920er Jahre gehörte die jüdische Gemeinde von Lützelsachsen als Filialgemeinde zu Leutershausen. Jüdische Bewohner soll es ab gegen Ende des 17.Jahrhunderts im Dorfe gegeben haben; zu Beginn des 19.Jahrhunderts erreichte die Gemeinde ihren zahlenmäßigen Höchststand. [vgl. Lützelsachsen (Baden-Württemberg)]

 

In Großsachsen, einem Ortsteil von Hirschberg, gab es auch eine winzige jüdische Gemeinschaft, deren Wurzeln bis gegen Ende des 16.Jahrhunderts zurückreichen. 1553/1556 wurde die Anwesenheit von Juden in Großsachsen („Abraham und Jacob Jud zu Großensachsenheim) erstmals urkundlich erwähnt. In der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts ließen sich dann vier jüdische Familien im Dorf nieder. Im 19.Jahrhundert gehörten der kleinen Gemeinschaft durchgängig immer ca. 30 – 40 Personen an. Ein in einem Privathause am Mühlengraben untergebrachter Betraum diente den wenigen jüdischen Familien bis ca. 1925 als gottesdienstlicher Mittelpunkt. In den Jahren danach wurden die Synagoge in Leutershausen aufgesucht. Verstorbene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Hemsbach beerdigt.

Anfang der 1930er Jahre lebten noch zwölf jüdische Bewohner im Ort; einigen gelang es, noch rechtzeitig zu emigrieren; sechs Personen wurden deportiert und ermordet.

Hinweis: Im gleichnamigen Leutershausen in Mittelfranken/Bayern gab es auch eine israelitische Gemeinde (vgl. dazu: Leutershausen/Altmühl).

Weitere Informationen:

F. Hundsnurscher/G. Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden, in: Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Band 19, Stuttgart 1968, S. 116 und S. 77/178

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 1987, S. 116

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 466/467

"Ehemalige Synagoge soll restauriert werden", in: "Weinheimer Nachrichten" , No. 260 vom 11. November 1978

Gemeinde Hirschberg a.d.B. (Hrg.), Alte Synagoge Leutershausen - Haus der Kultur und Begegnung, Hirschberg 2001

Rainer Gutjahr, Zur Geschichte der Juden in Leutershausen , in: Alte Synagoge Leutershausen - Haus der Kultur und Begegnung, Hrg. Gemeinde Hirschberg a.d.B. 2001, S. 11 - 26

Verschiedene Presseartikel 2001/02, u.a. Art. "Von der sanierten Synagoge schwärmen alle", in: "Mannheimer Morgen" vom 22.3.2002

Rainer Gutjahr, Der israelitische Elementarunterricht im badischen Leutershausen an der Bergstraße zwischen dem ‘Judenedikt’ von 1809 und der Einführung der Simultanschule 1876, in: Gerhard Fritz (Hrg.), Landesgeschichte und Geschichtsdidaktik. Festschrift für Rainer Jooß, Schwäbisch-Gemünd 2004, S. 53 - 71

Rainer Gutjahr/Michael Frank, Die Alte Synagoge in Hirschberg-Leutershausen, in: Orte des Gedenkens und Erinnerns in Baden-Württemberg, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 2007, S. 185 -188

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 200 – 203

Leutershausen a.d. Bergstraße, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Erhard Schnurr, Die Juden aus Großsachsen und Leutershausen in der nationalsozialistischen Verfolgung: Zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger der Gemeinde Hirschberg an der Bergstraße, Hrg. Arbeitskreis Ehemalige Synagoge Leutershausen, Zwingenberg 2010

Christiane Twiehaus, Synagogen im Großherzogtum Baden (1806-1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien, in: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg. Universitätsverlag Winter Heidelberg 2012, S. 31 - 33

Hans-Peter Riethmüller, Jeder Ast steht für jüdischen Nachbarn, in: morgenweb. Nachrichtenportal Rhein-Neckar, Nov. 2014

N.N. (Red.), Hirschberg. Schwere Jahre überstanden, in: „Mannheimer Morgen“ vom 4.11.2017 (betr. Synagoge Leutershausen)

Annette Steiniger (Red.), Stolpersteine in Hirschberg-Großsachsen, in: "Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 6.1.2018

Hans-Petzer Riethmüller (Red.), Drei Stolpersteine gegen das Vergessen, in: „Weinheimer Nachrichten“ vom 27.6.2018 (betr. Großsachsen/OT von Hirschberg)

Anja Stepic (Red.), Leutershausen. Festakt zum 150jährigen Bestehen der ehemaligen Synagoge, in: "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 17.9.2018

Walter Brand (Red.), Viele Hirschberger Juden waren längst emigriert, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 9.11.2018