Langen (Hessen)

Datei:Langen (Hessen) in OF.svg Langen ist eine Stadt mit derzeit ca. 36.000 Einwohnern im Landkreis Offenbach - zwischen Darmstadt und Frankfurt/M. gelegen (Karte Hagar, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im letzten Viertel des 17.Jahrhunderts sind erstmals wenige Juden in Langen urkundlich nachweisbar; es sollen Nachfahren sephardischer Juden gewesen sein. Im Laufe des 19.Jahrhunderts nahm die jüdische Bevölkerung langsam, aber stetig zu.

Gottesdienste fanden bis in die 1850er Jahre in einem angemieteten Raume in der Obergasse statt, danach in einem eigenen Gebäude in der Borngasse. Wegen der räumlichen Enge erwarb die jüdische Gemeinde ein Grundstück in der Dieburger Straße und errichtete dort ein Synagogengebäude im neoromanischen Baustil; diesem war eine Mikwe angeschlossen, die 1902 eingeweiht wurde.

Synagoge in Langen, Dieburger Straße (hist. Aufn., Stadt Langen)

Die Einweihung war „ein Fest für die ganze Stadt”; das „Langener Wochenblatt” wertete die Teilnahme der gesamten Bürgerschaft als Beweis dafür, wie hier die einzelnen „Confessionen verstehen in Frieden miteinander zu leben”.

In seiner Ausgabe vom 15.Sept. 1902 berichtete „Der Israelit“:

Langen, 10. September (Synagogen-Einweihung). Hierselbst fand dieser Tage die feierliche Einweihung der neuen Synagoge statt, mit deren Bau man vor Jahresfrist begonnen hatte. Das Gebäude steht an der Dillenburger Straße (Anm.: richtig wäre Dieburgerstraße) am Südostausgange des Städtchens, es ist in roten Backsteinen errichtet und macht auf den Beschauer einen guten Eindruck. Die Kosten zu dem Bau inklusive des Bauplatzes beliefen sich auf ca. 20.000 Mark, eine Summe, die die Gemeinde aus eigenen Mitteln aufbrachte. ... Eine israelitische Gemeinde bestand in Langen schon vor dem Jahre 1853. Dem Gottesdienste der Israeliten diente bisher ein unscheinbares Gebäude, unweit des Ludwigsplatzes. Hier versammelten sich um die zweite Nachmittagsstunde die Teilnehmer an der Einweihungsfeierlichkeit. Im alten Gotteshaus fand ein Abschiedsgottesdienst statt. ... Sodann schritt man in gemeinsamem Festzuge nach der neuen Synagoge. ... Unter den Staats- und städtischen Behörden bemerkte man den Kreisrat von Offenbach, Herrn von Hombergk, und den Bürgermeister von Langen, Herrn Metzger. Die schon genannten Baumeister und Bauleute bildeten im Zuge die Fortsetzung. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde, ... , schritt vor den sich beteiligenden Vereinen her, welche sich wie folgt anschlossen: Bürgerverein, Schützenverein, Kirchengesangverein, Verschönerungsverein, Gesangverein „Eintracht“, Gesangverein „Frohsinn“. Gesangverein „Liederkranz“, Militärverein, Veteranenverein, Turngemeinde, Turngesellschaft, Turnverein, Turnverein „Vorwärts“, Radfahrerverein, Lehrerkollegien der Volks- und Bürgerschule, katholischer und evangelischer Kirchenvorstand, Gemeindemitglieder und Gäste beschlossen den Zug, ... Herr Dr. Marx öffnete nun die Eingangspforte, indem er auf hebräisch die Worte sprach: „Öffne sich nun die Pforte, auf dass ein Volk einziehe, das die Treue bewahrt. Wie Gott uns im alten Hause geschützt hat, so möge er uns von nun an bis in Ewigkeit schützen.“ Der Festgottesdienst wurde durch mehrere Gesänge des Kantors mit dem Chor eingeleitet. Die Festpredigt, verknüpft mit einem Gebet für den Landesfürsten, hielt nunmehr Herr Dr. Marx. ... Im weiteren segnete er das Gebäude ein und wie auf dessen Bedeutung, Bestimmung und Zweck hin. War der Umzug der Thorarollen schon vor der Predigt geschehen, so stellte man jetzt die Rollen in die heilige Lade, die am Ende der Feierlichkeit geschlossen wurde.  Die Synagoge ist im Innern weiß gemalt, die Decke mit goldenen Sternen verziert, sie besitzt eine Galerie, zu der ein besonderer Aufgang führt. Ein prachtvolles Gärtchen umringt das ganze Gebäude und trägt zu dessen Verschönerung viel bei. 

                  Entwurf zur Neugestaltung des Innenraumes (Max Lazarus, 1927)

Mit der Renovierung und baulichen Umgestaltung der Synagoge 1927 wandte sich die jüdische Gemeinde vom orthodoxen Ritus ab; sie gehörte nun zum liberalen Rabbinat Darmstadt.

Seitens der Gemeinde war zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde ein Religionslehrer angestellt; die Besetzung der Stelle war einem häufigen Wechsel unterworfen.

   gemeindliche Stellenanzeigen von 1912 und 1919

1874 erwarb die jüdische Gemeinde einen Begräbnisplatz neben dem christlichen Friedhof und übergab ihn vier Jahre später seiner Bestimmung. Zuvor waren die Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Groß Gerau beerdigt worden.

Juden in Langen:

         --- um 1700 ......................   3 jüdische Familien,

    --- 1830 .........................  31 Juden,

    --- 1840 .........................  50   "  ,

    --- 1848 .........................  69   “  ,

    --- 1861 .........................  60   "  ,

    --- 1870 ......................... 103   “   (ca. 2% d. Bevölk.),*     *Angabe vermutlich nicht korrekt

    --- 1880 .........................  60   "  ,

    --- 1905 .........................  91   “  ,

    --- 1910 ......................... 102   “   (1,5% d. Bevölk.),

    --- 1925 .........................  92   “  ,

    --- 1933 .........................  80   “  ,

    --- 1935 .........................  54   “  ,

    --- 1938 .........................   2   “  ,

    --- 1939 (Juni) ..................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 467 f.

und                 Heidi Fogel, Eine Stadt zwischen Demokratie und Diktatur - Dokumentation zur Geschichte Langens

Die Langener Juden lebten überwiegend in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen und gehörten zu den angesehenen Geschäftsleuten des Ortes. Neben einem Seifenfabrikanten, zwei Viehhändlern und zwei Metzgern arbeiteten die übrigen meist als Kleingewerbetreibende im Textil-, Schuhwaren- und Holzhandel. Im gesellschaftlichen Leben spielte der jüdische Bevölkerungsteil keine tragende Rolle.

     Gewerbliche Anzeige von 1890

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Langen etwa 80 jüdische Einwohner.

Am Abend des 31. März 1933 wurde die Bevölkerung Langens auf einer NSDAP-Kundgebung am Lutherplatz auf den bevorstehenden reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte eingestimmt; der aus Langen stammende NSDAP-Landtagsabgeordnete und hiesige Bürgermeister Göckel hielt die Rede. Tags darauf zogen SA-Angehörige vor die jüdischen Geschäfte, klebten Plakate wie „Kauft nicht bei Juden” an die Schaufenster und hinderten Käufer am Betreten der Geschäfte. In den ersten Jahren der NS-Zeit übersiedelte bereits ein Teil der jüdischen Bewohner Langens nach Frankfurt/M., einige wenige emigrierten ins Ausland.

         Abschiedsanzeige des jüdischen Textilhändlers Moritz Kahn

Zwischen 1935 und 1938 wurden die Diffamierungen der in Langen ansässigen jüdischen Minderheit und ihrer Fürsprecher immer brutaler; so kam es im Sommer 1935 zu gewalttätigen Ausschreitungen gegenüber dem Herausgeber des „Langener Wochenblattes”, der eine Anzeige eines jüdischen Textilhändlers veröffentlicht hatte, in der er sich vor seiner Emigration nach Palästina von Freunden und früheren Kunden verabschiedete. Im gleichen Jahre war die Langener Synagoge Ziel eines antisemitischen Anschlags; diese Gewalttaten wiederholten sich noch zweimal im Laufe des Jahres 1938.

                   Aus einer Meldung des Langener Bürgermeisters an das Kreisamt Offenbach vom 9.5.1938:

„ ... In der Nacht von 6. auf 7.Mai ds. Js. wurden in Langen sämtliche Häuser der JUDEN mit Aufschriften “Jude verreck” und ähnlich versehen, ebenso wurde die Synagoge aufgebrochen und beschädigt. Am Samstag Abend gegen 7 Uhr wurde die Synagoge von einigen 100 Jungen gestürmt, die Fenster zertrümmert und sämtliches Mobiliar ... kleingeschlagen. ...“

Nachdem der NSDAP-Ortsgruppenleiter von einem Instruktionsbesuch beim NSDAP-Kreisleiter in Offenbach nach Langen zurückgekehrt war, wurde am 10.November 1938 auf seine Anweisung hin die Langener Synagoge in Brand gesetzt. Bereits in den Morgenstunden hatten sich zahlreiche Mitglieder verschiedener NS-Organisationen hier versammelt, waren in das Synagogengebäude in der Dieburger Straße eingedrungen und zertrümmerten dort - unter dem Gejohle einer Menschenmenge - mit Äxten die Inneneinrichtung. Als die Feuerwehr eintraf, brannte das Gebäude bereits lichterloh; trotz Versuche, den Brand unter Kontrolle zu bringen, wurde die Synagoge völlig eingeäschert. Anschließend zogen NS-Gewalttäter durch den Ort, drangen in Häuser und Wohnungen jüdischer Bewohner ein, misshandelten diese und demolierten das Inventar. Die überwiegende Mehrheit der Langener Bevölkerung soll den Ereignissen während des Novemberpogroms unbeteiligt gegenüber gestanden haben.

                   Am 11.11.1938 ließ die NSDAP-Ortsgruppe die folgende Anzeige schalten:

                 

Das Synagogengrundstück kaufte die Kommune Langen an; die Ruine blieb bis Kriegsende stehen. Bis auf zwei evangelisch-getaufte Jüdinnen verließen bis Ende 1938 die letzten jüdischen Einwohner die Stadt Langen; sie zogen ausnahmslos nach Frankfurt/Main. Von hier aus wurden sie 1941/1942 in die Vernichtungslager deportiert; nachweislich waren darunter mindestens 24 Langener Juden.

Im Februar 1948 wurden vor dem Landgericht in Darmstadt die Vorgänge des 9./10.November 1938 in Langen behandelt; sieben der an den Ausschreitungen Beteiligte standen vor Gericht.

Am einstigen Standort der Langener Synagoge - die Beseitigung der Ruine erfolgte 1946 - wurde wenig später aus den noch vorhandenen Reststeinen ein Mahnmal - eines der ersten seiner Art in Hessen - errichtet. Eine Inschrift informiert wie folgt:

In Langen lebten seit dem 17. Jahrhundert jüdische Einwohner. Im Jahre 1933 zählte die jüdische Gemeinde 77 Mitglieder. Während der Nazigewaltherrschaft von 1933 bis 1945 wurden diese Menschen gedemütigt, entrechtet, vertrieben, misshandelt und ermordet. Ihr Schicksal wird nicht vergessen. Aus den Trümmern der an dieser Stelle von den Nazischergen zerstörten Synagoge wurde im Jahre 1946 dieses Mahnmal errichtet.

Heilig ist uns die Erinnerung an die Opfer ohne Zahl.

  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20199/Langen%20Synagoge%20172.jpg

Gedenkstätte am Synagogenplatz - Gedenkinschrift (beide Aufn. Otmar Frühauf, 2009)     

    virtuelle Rekonstruktion der Synagoge Langen (Architectura Virtualis, 2011) 

Die mit Gräbern jüdischer Verstorbener belegte Friedhofsfläche, die sich anfänglich am Rande des kommunalen Friedhofs befand, liegt auf Grund der Vergrößerung des Friedhofs inzwischen nun inmitten des allgemeinen Begräbnisareals.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20162/Langen%20Friedhof%20180.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20162/Langen%20Friedhof%20171a.jpg Aufn. J. Hahn, 2006

Am Eingang des jüdischen Friedhofs befindet sich seit 1966 obig abgebildete Gedenktafel mit folgendem Wortlaut: „Unseren heimgegangenen jüdischen Mitbürgern – errichtet von der Stadt Langen.“

Seit 2007/2008 markieren sog. „Stolpersteine“ die letzten Wohnstätten jüdischer Bewohner Langens. Derzeit erinnern in Langen insgesamt 87 Stolpersteine, eine Stolperschwelle und eine Gedenktafel an alle NS-Opfer; davon gedenken 81 Steine der jüdischen Opfer: fast die Hälfte von ihnen wurde ermordet, die anderen rettete nur die Emigration/Flucht ins Ausland.

http://www.stolpersteine-langen.de/files/einzelsteine/schiff_anton.jpg http://stolpersteine-langen.de/files/einzelsteine/simon_georg.jpg http://www.stolpersteine-langen.de/files/einzelsteine/kahn_bertha_betty.jpg http://www.stolpersteine-langen.de/files/einzelsteine/kahn_franziska.jpg

http://www.stolpersteine-langen.de/files/einzelsteine/morgenstern_isaak.jpg  http://stolpersteine-langen.de/files/einzelsteine/rossmann_julius.jpg Sechs von fast 90 sog. „Stolpersteinen“ in Langen (Aufn. aus: stolpersteine-langen.de)

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 467 ff.

Gerhard Grein, Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Langen und ihrer Synagoge - eine Dokumentation, hrg. Kulturabteilung der Stadt Langen, Langen 1978

Heidi Fogel, Eine Stadt zwischen Demokratie und Diktatur - Dokumentation zur Geschichte Langens von 1918 - 1945, in: Beiträge zur Stadtgeschichte, Band 3, Langen 1983, S. 179 ff.

Wolf-Arno Kropat, Kristallnacht in Hessen - Der Judenpogrom vom November 1938. Eine Dokumentation, in: Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen X, Wiesbaden 1988, S. 110 f.

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 276 - 278

Stadtarchiv Langen, Zur Geschichte der Langener Synagoge, o.J.

Thorwald Ritter, Die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Klein-Krotzenburg, bloch-Verlag, Frankfurt/M. 1997, S. 34/35

Herbert Bauch, Der 9.November - Ein deutscher Tag, in: Landschaft Dreieich, Blätter für Heimatforschung, Jahresband 1997, Dreieich/Langen 1997, S. 83 ff.

Herbert Bauch, Zur Geschichte der Langener Synagoge, Maschinenmanuskript Stadtarchiv Langen, o.J.

Die Synagoge in Langen“ (DVD), Stadtarchiv Langen, 2009

Denis Düttmann (Red.), Gegen das Vergessen, in: op-online vom 6.10.2009

Initiative gegen das Vergessen (Hrg.), Stolpersteine für Langen, 2009 (enthält eine interaktive Karte mit Verlegestandorten und Biografien der Opfer)

Auflistung der in Langen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wiki-langen.de/index.php?title=Stolpersteine (mit Abbildungen)

Marion Imperatori, Als die Kinder in Langen samstags zur Synagoge gingen. Eine Zeitreise in die Vergangenheit, Materialien für die pädagogische Arbeit, hrg. vom Fritz-Bauer-Institut Frankfurt/M. 2009

Langen, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)