Köthen (Sachsen-Anhalt)

Bildergebnis für Köthen karte postleitzahl Köthen (früher auch: Cöthen) – derzeit etwa 28.000 Einwohner - ist die Kreisstadt des Sachsen-Anhaltischen Landkreises Anhalt-Bitterfeld - knapp 20 Kilometer südwestlich von Dessau gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Erste Hinweise auf die Existenz von Juden in Cöthen finden sich bereits gegen Ende des 14.Jahrhunderts, doch dürfte ihre kleine Gemeinschaft durch häufige Verfolgungen kaum dauerhaft Bestand gehabt haben.

Koethen-1650-Merian.jpg

Köthen um 1650, Stich von M. Merian (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Eine erste urkundliche Erwähnung von Juden in Cöthen stammt aber erst aus der Zeit des beginnenden Dreißigjährigen Krieges (Ratsrechnung von 1620); zu dieser Zeit sollen fünf jüdische Familien in Köthen ansässig gewesen sein, die mit Schutzbriefen des Fürsten Leopold ausgestattet waren.

Ein kleiner Begräbnisplatz wurde vermutlich 1777 in einem sumpfigen Wiesengelände, am „Welschen Busch“ in der Trautmannstraße, angelegt; ab 1706 soll am Holzmarkt ein Gebäude zur Mikwe umgebaut worden sein.

Bis zur Konstituierung der jüdischen Gemeinde 1777 durften die Juden Cöthens keine eigene Synagoge errichten; deshalb hielten sie ihre Gottesdienste in Privaträumen in der Schalaunischen Straße ab. Die „Synagogengemeinde Cöthen“ umfasste damals auch die Ortschaften Güsten, Nienburg, Wörbzig und Wulfen.

Der erste Vorsteher der Judenschaft im Fürstentum Anhalt-Köthen war ein Mann namens Jacob Philadelphia, der als jüdischer Magus zu dieser Zeit eine bekannte Persönlichkeit war.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die jüdische Gemeinde in Köthen zur führenden im Fürstentum. Die Synagoge richtete man in Räumen eines Gebäudes in der Burgstraße ein; sie wurde 1802 feierlich eingeweiht. In den Vorderhäusern befanden sich die Religionsschule und die Wohnung für den Lehrer.

Bis ins 19.Jahrhundert hinein lebten die Juden Köthens eher in bescheidenen Verhältnissen, ihr Lebenserwerb bestand im Hausierhandel und in Wechselgeschäften. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts - die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde war auf ca. 250 Personen angestiegen - wurde die alte Synagoge abgerissen und an gleicher Stelle nach Entwürfen des Berliner Architekten Hagemann eine wesentlich größere gebaut; sie wurde 1891 eingeweiht. Das Bauwerk war in einem Mischstil aus romanischen und maurischen Elementen errichtet worden; ein turmartiger Aufsatz mit Zwiebelhaube war sein markantes äußeres Merkmal; im Innern gab es eine dreiseitig umlaufende Frauenempore. Die „Cöthensche Zeitung“ lobte damals den Neubau als „wohlgelungenes Werk“ und bedauerte, dass „das hübsche Bauwerk so versteckt liegt – es würde sich freistehend viel besser präsentieren und auch auch der Stadt zur Zierde gereichen“.

                                   Köthener Synagoge (Computersimulation: Vladimir Levin/Center of Jewish Art, Jerusalem)

Die jüdischen Kinder besuchten die städtischen Schulen Köthens; Religionsunterricht erteilte der jeweilige Lehrer und Kantor der Gemeinde.

1888 wurde in der Maxdorfer Straße der neue jüdische Friedhof eingeweiht; die dortige Feierhalle war mit einer Kuppel überschirmt.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2050/Koethen%20Friedhof%20012.jpg Trauerhalle (Aufn. Christian Ratzel, um 2010, aus: alemannia-judaica.de)

Das alte Beerdigungsgelände am „Welschen Busch“ wurde aufgegeben und der Natur überlassen; die Grabsteine wurden später zum Wegebau zweckentfremdet.

Juden in Köthen:

        --- 1777 ............................  22 jüdische Familien,

    --- 1788 ............................  72 Juden,

    --- um 1800 ..................... ca. 100   “  ,

    --- 1819 ............................  34 jüdische Familien,

    --- um 1875 ..................... ca. 350 Juden,

    --- 1884 ............................ 270   “  ,

    --- 1890 ............................ 332   “  ,

    --- 1903 ............................ 310   “  ,

    --- 1905 ............................ 230   “  ,

    --- 1910 ............................ 275   “  ,

    --- 1925 ............................ 245   “  ,

    --- 1933 ............................ 156   “  ,*   * andere Angabe: ca. 230 Pers.

    --- 1939 ............................  56   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .....................  keine.

Angaben aus: Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band III, S. 1253 f.

und                 Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, ..., S. 194 

Die ersten zögerlichen Anfänge auf dem Wege zur Gleichstellung der in Köthen lebenden Juden zeigten sich im Jahre 1815, als die Kramerinnung jüdischen Händlern gestattete, Innungsmitglied zu werden. Auch eine Anerkennung als "Bürger" war nun möglich; allerdings musste zuvor eine Zahlung von neun Talern (bei Christen waren es nur drei) geleistet werden.

Als die anhaltinischen Juden 1869 durch ein Reichsgesetz des Norddeutschen Bundes die bürgerliche Gleichstellung erlangten, änderte sich die Sozial- und Berufsstruktur der Köthener Juden; langsam assimilierten sich die jüdischen Bürger. Auch die Zunahme der Eheschließungen zwischen Juden und Christen kann als Indiz der Integration in die Gesellschaft verstanden werden. Der Kaufmann Isidor Schönfeld, der Rabbiner Leon Baneth, Sohn des bedeutenden Talmudgelehrten und Rabbiners Eduard Baneth (geb. 1855), Prof. Dr. Walter Roth, Chefredakteur der „Deutschen Chemiker-Zeitung“, sowie der Kantor Goldwasser waren die prägenden Persönlichkeiten der letzten Generation der traditionsreichen jüdischen Gemeinde Köthens.

Nach der NS-Machtübernahme 1933 ging die Zahl der jüdischen Bewohner innerhalb von nur fünf Jahren auf ein Drittel zurück.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde die Köthener Synagoge geschändet, geplündert, in Brand gesetzt und vollständig zerstört; die Ruine wurde Monate später abgebrochen. Auch jüdische Geschäfte und Wohnungen waren Ziel von Plünderungen.

In der von Köthens tonangebendem Antisemiten Theodor Hofmann geleiteten Zeitung „Der Mitteldeutsche. Köthener Tagespost” hieß es in der  Ausgabe vom 11.Nov. dazu:

„ In vorletzter Nacht wurden die Geschäfte der Köthener Juden und die Synagoge von empörten Volksgenossen gestürmt und zerstört. Der Zorn der Köthener Bevölkerung über die unerhörte Freveltat der jüdischen Mordpest hatte sich in spontanen Demonstrationen ausgewirkt. Die Köthener Bevölkerung ist froh darüber, daß nun endlich in Köthen die letzten jüdischen Geschäfte ihre Pforten geschlossen haben. ... Einst mochten sie (Anm. die jüdischen Bewohner) wähnen, in Köthen ein kleines Jerusalem auftun zu können, heute mögen sie begreifen, daß die Köthener keine Lust haben, mit Juden zusammen in einer Stadt hausen zu müssen ! Einst wolltet ihr uns Nazis vertilgen, heute rufen wir euch zu: Verschwindet ! Und zwar möglichst plötzlich ! Für euch ist kein Raum mehr unter uns ! Unser ist der Sieg !

Die Synagogenruine wurde 1939 abgetragen. Auch die beiden jüdischen Friedhöfe wurden zerstört, die Trauerhalle überstand den Pogrom.

Viele der 1938 noch in Köthen lebenden jüdischen Bewohner wurden in einer Baracke auf dem Viehmarktplatz zusammengepfercht. Die letzten noch in der Stadt lebenden Juden wurden im Laufe des Jahres 1942 nach Theresienstadt deportiert; die allermeisten kamen ums Leben.

Nach Kriegsende kehrten nur wenige Juden nach Köthen zurück; eine neue Gemeinde konstituierte sich nicht.

Der neue jüdische Friedhof wurde nach 1945 wiederhergerichtet und weist heute ca. 160 Grabstellen auf; das Areal ist durch eine Hecke vom unmittelbar angrenzenden christlichen Friedhof abgeteilt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20106/koethen01.JPG  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20106/koethen06.JPG

Jüdische Begräbnisstätte in der Maxdorfer Straße (Aufn. Hans-Peter Laqueur, 2007)

1962 wurde am ehemaligen Standort der Synagoge eine Gedenktafel „Zum Angedenken an die Opfer der nazistischen Judenverfolgung 1933 bis 1945” angebracht.

Mit der Verlegung von acht sog. „Stolpersteinen“ wurde in Köthen im Jahre 2010 begonnen; inzwischen liegen in den Gehwegen ca. 20 dieser Steine (Stand 2018).

Bildergebnis für köthen stolpersteine Abb. aus: koethen-anhalt.de

In der ca. 15 Kilometer nördlich von Köthen gelegenen Kleinstadt Aken/Elbe sollen bereits im 12.Jahrhundert jüdische Bewohner gelebt haben; aus dieser Zeit ist das „Yodendorp“ belegt. Vertreibungen von 1348 und 1493 führten dazu, dass sich in Aken bis Anfang des 19.Jahrhunderts (bis 1808) keine Juden ansiedelten bzw. ansässig machen durften. Erst um 1810 zogen wenige jüdische Familien zu, und es kam zur Bildung einer neuen Gemeinde; ihre höchste Angehörigenzahl wurde um 1870 mit nahezu 80 Personen erreicht. Neben Handwerksgeschäften wurden zwei Tabakfabriken und mehrere Strohseilfabriken von jüdischen Unternehmern betrieben.

Gottesdienste wurden in wechselnden angemieteten Räumen abgehalten. Ihr neues Begräbnisareal - im Anschluss an den allgemeinen Friedhof - hatte die Gemeinde im Jahre 1846 angelegt.

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts setzte die Abwanderung der Juden aus Aken ein; um 1930 lebten nur noch ca. zehn Juden im Ort, die der israelitischen Kultusgemeinde in Köthen angeschlossen waren. Im Herbst 1942 wurden die letzten jüdischen Bewohner Akens - via Magdeburg - deportiert.

Auf Initiative der Arbeitsgruppe „Stolpern in Aken“ wurden 2018 die ersten sieben sog. „Stolpersteine“ verlegt; allein fünf Steine erinnern an Mitglieder der jüdischen Familie Wilkenfeld.

Weitere Informationen:

Ignaz Bloch, Juden in Aken an der Elbe - Geschichte einer kleinen Gemeinde in Deutschland, (Manuskript, vermutlich aus den 1920er Jahren)

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band III, S. 1253 f.

Werner Grossert, Zur Geschichte der Köthener Juden, in: W.Grossert, Köthener Geschichten aus dem 19.Jahrh., Teil 1, Köthen 1990

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 194 - 196

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 436 - 438

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Wernigerode 1997, S. 14 – 18 und S. 171 - 176

Holger Brülls, Die Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof in Köthen. Ein jüdischer Sakralbau der Gründerzeit im ‘maurischen Stil’, in: Mitteilungen des Vereins für Anhaltinische Landeskunde, 6.Jg., 1997, S. 69 - 102

Viktor Samarkin, Köthen/Anhalt, in: Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 114 - 123

Holger Brülls, Synagogen in Sachsen-Anhalt, Arbeitsberichte des Landesamtes für Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 3, Verlag für Bauwesen, Berlin 1998, S. 168 - 179

Aliza Cohen-Mushlin/Harmen Thies, Synagogenarchitektur in Deutschland vom Barock zum ‘Neuen Bauen’, Dokumentation zur Ausstellung, Selbstverlag TU Braunschweig, Fachgebiet Baugeschichte, 2002, S. 89/90

Viktor Samarkin, Zur Geschichte der Juden in Köthen zu Beginn des 19.Jahrhunderts, in: Anhalt, deine Juden ... Dessauer Herbstseminar 2000 zur Geschichte der Juden in Deutschland, Hrg. Moses-Mendelssohn-Gesellschaft Dessau e.V., Heft 13/ 2002, S. 69 - 88

Bernd Gerhard Ulbrich, Nationalsozialismus u. Antisemitismus in Anhalt. Skizzen zu den Jahren 1932 bis 1942, edition RK, Dessau 2005

Matthias Bartl (Red.), Köthen. Stolpersteine halten Erinnerung lebendig, in: „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 28.10.2010

Stadt Köthen (Bearb.), Die ersten Stolpersteine sind verlegt, in: koethen-anhalt.de vom 16.11.2010

Auflistung der in Köthen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Köthen_(Anhalt)

Matthias Bartl (Red.), Ein Magus als Vorsteher der Juden in Anhalt-Köthen, in: "Mitteldeutsche Zeitung" vom 11.2.2012

Matthias Bartl (Red.), Vom Lumpenhändler zum Bankier, in: "Mitteldeutsche Zeitung" vom 15.2.2012

Jüdischer Friedhof Köthen, in: alemannia-judaica.de

Matthias Bartl (Red.), Opfer des Nationalsozialismus. Stolpersteine sollen auch in Aken das Gedenken bewahren, in: „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 23.2.2017

Sylke Hermann (Red.), Sieben Steine der Erinnerung: In Aken wurden die ersten Stolpersteine verlegt, in: „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 24.6.2018