Jeßnitz/Mulde (Sachsen-Anhalt)

Das anhaltinische Jeßnitz mit derzeit ca. 3.600 Einwohnern ist heute ein Teil der 2010 gebildeten Einheitsgemeinde Raguhn-Jeßnitz nahe Bitterfeld - etwa 30 Kilometer südlich von Leipzig gelegen.

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde in Jeßnitz die zweitgrößte im damaligen Herzogtum Anhalt-Dessau.

Bereits ab 1680 waren wenige Juden in Jeßnitz ansässig, die Jahrzehnte später hier eine kleine jüdische Gemeinde gründeten.

In der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts befand sich hier für mehrere Jahre eine hebräische Druckerei, die weit über die Region hinaus ihre Erzeugnisse verkaufte. Sie war vom Dessauer Hoffaktor Moses Benjamin Wulff gegründet und aus Dessau bzw. Köthen nach Jeßnitz verlagert worden. Ein Grund lag in der günstigen Lage der Ortschaft, an einer Durchgangsstraße, die in die Messestadt Leipzig führte.

Auch die Errichtung einer jüdischen Herberge, die jüdischen Messebesuchern, aber auch Kranken und Bedürftigen eine vorläufige Unterkunft gab, fiel in diese Zeit.

Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts ließ die Kultusgemeinde eine Synagoge errichten; mehr als 100 Jahre später wurde dieses Gebäude durch einen Neubau in der Langen Straße, der späteren Martha-Brautzsch-Straße ersetzt. Der neue, in neomaurischen Formen gehaltene Synagogenbau wurde im November 1865 feierlich eingeweiht.

Bereits um 1680 wurde am „Strenggraben nahe beim Flößgen“ ein eigener Begräbnisplatz angelegt; 1865 wurde der Friedhof an der heutigen Schlossstraße erweitert und ein Tahara-Haus gebaut. Jahre später wurde das Gelände mit einer Mauer umgeben.

Es gab auch zwei Vereine, die sich um die kranken und bedürftigen Gemeindeangehörigen kümmerten.

Juden in Jeßnitz:

         --- um 1700 ............... wenige jüdische Familien,

    --- 1818 .................. 153 Juden,

    --- um 1835/40 ........ ca. 165   “  ,

    --- um 1900 ........... ca.  50   “  ,

    --- 1905 ..................  39   “  ,

    --- 1913 ..................  34   “  ,

    --- 1933 ..................  29   “  ,

    --- 1939 ..................  20   “  ,

    --- 1942 ..................  keine.

Angaben aus: Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt (Hrg.), Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt , S. 168

Ihren personellen Höchststand erreichte die Kultusgemeinde um 1835/1840 mit fast 170 Angehörigen; doch bereits ab Mitte des Jahrhunderts wanderten viele Mitglieder ab, sodass die Gemeinde deutlich schrumpfte. Die jüdischen Einwohner von Jeßnitz übten verschiedene Berufe aus; neben Handwerken wurden Dienstleistungs- und Handelsgeschäfte betrieben. Jüdische Unternehmer forcierten das Tuchmacherhandwerk in der Kleinstadt; dabei spielte die Familie Herz eine besondere Rolle. So machte 1805 Isaac Herz einen Wollgarnhandel (in der Leopoldstraße) auf. Jahrzehnte später wurde durch die Errichtung einer Dampffärberei das Unternehmen vergrößert. 

Durch sein Engagement für seine Heimatstadt hat sich besonders Isidor Herz ausgezeichnet; mehr als drei Jahrzehnte war er an hervorgehobener Stelle Gemeinderatsmitglied; zudem war er Angehöriger des Anhaltischen Landtags. Anlässlich seiner 25-jährigen Tätigkeit im Gemeinderat erhielt er 1898 die Ehrenbürgerwürde von Jeßnitz.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten noch 28 jüdische Einwohner in der Kleinstadt.

Während des Novemberpogroms von 1938 demolierten Jeßnitzer SA- u. SS-Angehörige in Zivil jüdisches Eigentum; auch die Synagoge wurde verwüstet und in Brand gesetzt. Später wurden die Trümmerreste des Synagogengebäudes abgetragen und das Gelände neu bebaut. Alle jüdischen Bürger wurden zeitweilig auf der Polizeiwache festgehalten; eine Person verschleppte man ins KZ Buchenwald. Auch der jüdische Friedhof wurde während der NS-Zeit geschändet.

Die in Jeßnitz verbliebenen jüdischen Einwohner wurden nach der „Kristallnacht“ zwangsweise im sog. „Judenhaus“ zusammengelegt; von hier aus wurden sie dann 1942/1943 nach Theresienstadt bzw. in ein Ghetto/Lager im besetzten Polen deportiert.

Einziger überlebender Rückkehrer (aus dem KZ Buchenwald) war Fritz Herz, der in den unmittelbaren Nachkriegsjahren Bürgermeister in Jeßnitz war.

Nach 1945 wurde der jüdische Friedhof wieder hergerichtet; eine letzte Beisetzung fand 1982 statt. Die Friedhofshalle ist zwar noch vorhanden, jedoch nicht mehr im Originalzustand; sie steht heute unter Denkmalschutz und wird seit den 1970er Jahren von der neuapostolischen Kirchengemeinde als Versammlungsort genutzt.

Bis auf den heutigen Tag gibt es kein Denkmal am Standort der einstigen Synagoge.

Weitere Informationen:

Friedrich Rappsilber, Die Juden in Jeßnitz, in: Jüdisches Gemeindeblatt für Anhalt und Umgegend, Dessau April 1933

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 426/427

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag Wernigerode 1997, S. 166 - 170

Bernd Gerhard Ulbrich, Nationalsozialismus und Antisemitismus in Anhalt. Skizzen zu den Jahren 1932 bis 1942, edition RK, Dessau 2005

Iris Lademann (Red.), Leben und Wirken jüdischer Bürger in Jeßnitz gewürdigt, in: „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 7.11.2008

Giuseppe Veltri/Christian Wiese (Hrg.), Jüdische Bildung und Kultur in Sachsen-Anhalt von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus, minima judaica 7, Metropol-Verlag, Berlin 2009, S. 116 ff. (betr. Druckereien des Moses Benjamin Wulff“)