Goldbach (Unterfranken/Bayern)

Datei:Goldbach in AB.svg Goldbach mit derzeit knapp 10.000 Einwohnern ist ein Markt im unterfränkischen Landkreis Aschaffenburg – nur wenige Kilometer östlich der Kreisstadt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erstmals urkundlich erwähnt werden in Goldbach ansässige Schutzjuden gegen Ende des 17.Jahrhunderts; möglicherweise hielten sich aber bereits im 14.Jahrhundert vereinzelt Familien hier auf. Zusammen mit denen aus Hösbach bildeten die Goldbacher Juden in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine kleine Gemeinde; gottesdienstliche Zusammenkünfte und Schulunterricht fanden in einem Privathause eines Gemeindeangehörigen statt. Im gleichen Hause soll sich damals auch das Ritualbad befunden haben; gegen Zahlung einer Gebühr an den jüdischen Hauseigentümer konnte die Mikwe benutzt werden. Um 1820 ließ die jüdische Gemeinde eine Synagoge an der Sachsenhausenstraße bauen; es war ein einfacher Fachwerkbau mit Lehmbewurf.

„... Die Synagoge war klein und primitiv. Es war ein kleines Haus, wo unten die Plätze für die Männer waren und man eine Treppe hochging zu den Plätzen für die Frauen. Daneben, auch im ersten Stock, war noch ein Zimmer, wo wir Kinder unseren Religionsunterricht hatten. Die Synagoge stand in einem Hof und davor war noch ein kleineres Haus. Hinter der Synagoge war die Mikwe, das religiöse Bad.”

aus: Ingrid Heeg-Engelhart, Die jüdische Gemeinde Goldbach von ihren Anfängen bis 1942, S. 239

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20185/Goldbach%20Synagoge%20140.jpg

Rekonstruktionsskizze der Synagoge von Herbert Achtmann nach Erinnerungen von F. Schönfeld, 2000

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten neben der Mikwe auch eine Religionsschule; eine jüdische Elementarschule gab es in Goldbach zu keinem Zeitpunkt. Über die Qualität des Unterrichts wird 1833 berichtet: „ ... (Die Religionsschule stehe) nach Rücksprache mit dem Rabbiner auf einer sehr niedrigen Stufe, indem der Lehrer nicht gehörig qualificirt, auf Widerruf angenommen in seinem Wirkungskreise beschränkt ist, die Eltern ihre Kinder oft, statt sie in den Religionsunterricht zu schicken, zu ihren Geschäften verwenden, oder den Lehrer vom Unterricht weg zum Schächten rufen”.

Nach dem Tode des Lehrers Herz Grünebaum, der fast 50 Jahre in der Gemeinde als Lehrer, Schächter und Kantor wirkte, wurde 1907 dessen Stelle ausgeschrieben:

                                           Stellenangebot aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 9.5.1907 

Ihre Verstorbenen begrub die Goldbacher Judenschaft auf dem jüdischen Bezirksfriedhof bei Schweinheim in der Nähe von Aschaffenburg; dieser war vermutlich im Laufe des 16. Jahrhunderts angelegt worden. Eine eigene Chewra Kaddisha der Goldbach-Hösbacher Gemeinde sorgte für die Begräbnisse.

Juden in Goldbach (Unterfranken):

        --- um 1700 ......................  2 jüdische Familien,

    --- um 1750 ......................  5     “       “   ,

    --- um 1790 ......................  4     “       “   ,

    --- 1810 .........................  7     “       “   ,

    --- 1824/25 ...................... 57 Juden (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1834 ......................... 67   “   (in 13 Familien),

    --- 1867 ......................... 54   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1890 ......................... 72   “  ,

    --- 1900 ......................... 68   "   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1910 ......................... 65   “  ,  

    --- 1925 ......................... 39   “  ,

    --- 1933 ......................... 38   “  ,

    --- 1935/36 ...................... 26   “  ,       

    --- 1942 (März) .................. 18   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ..................  2   “  .

Angaben aus: Ingrid Heeg-Engelhart, Die jüdische Gemeinde Goldbach von ihren Anfängen bis 1942

Bei der Erstellung der Matrikel (1817) sind für das Dorf 13 Familienvorstände aufgelistet. Im beginnenden 19.Jahrhundert bestritten die wenigen Judenfamilien Goldbachs ihren Lebensunterhalt zumeist als Viehhändler, Makler und Metzger.

Jüdische Ortsbewohner engagierten sich auch im kommunalen Leben, wie die ff. Zeitungsnotiz zeigt:

aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Dezember 1881 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20105/Goldbach%20Israelit%2007121881.jpg

Um 1900 wanderten einige Familien ins nahe Aschaffenburg ab. Die in Goldbach verbliebenen Familien lebten teilweise weiterhin vom Viehhandel, besaßen aber auch Einzelwarengeschäfte. Die Anzahl der in Goldbach lebenden jüdischen Familien reduzierte sich nach 1933 noch weiter; sie wurden zunehmend aus dem Wirtschaftsleben ausgrenzt und ihnen dadurch die Existenzgrundlage entzogen. Im Oktober 1935 erließ der Goldbacher Gemeinderat den Beschluss, dass jeglicher Zuzug von Juden in den Ort und der Erwerb von Grundstücken untersagt wurde.

Jüdische Bewohner wurden bereits Monate vor der „Kristallnacht“ im Dorf attackiert; diese Gewalttätigkeiten erreichten während der Novembertage des Jahres 1938 ihren Höhepunkt. Über die Ausschreitungen gegen die Goldbacher Juden im November 1938 liegt ein Bericht der Polizeistation Hösbach vom 11.11.1938 an das Bezirksamt Aschaffenburg vor:

„ ... in der Nacht vom 9./10.11.38 (sind) die Fenster der Anwesen von den in G. wohnhaften Juden eingeworfen worden. In der Nacht vom 10./11.11.38 ist um 19 Uhr mit dem Ausräumen der Synagoge ... begonnen worden. Es sind an der Synagoge lediglich noch einzelne Mauerteile stehengeblieben. Der Schaden an der Synagoge dürfte sich auf ca. 3.000 M belaufen. Diese Aktion war gegen 21 Uhr beendet gewesen. Die zusammengerottete Menschenmenge hat sich dann zerstreut und es herrschte Ruhe.”

Auch die Mikwe und die restlichen Gebäude auf dem Grundstück (Sachsenhausenstraße) sowie Wohnungs- und Geschäftseinrichtungen wurden teilweise zerstört. Sieben männliche Juden wurden „in Schutzhaft“ genommen, fünf davon ins KZ Dachau eingeliefert. In den beiden Folgejahren mussten die noch in Goldbach verbliebenen jüdischen Bewohner weitere Einschränkungen ihres Alltagslebens hinnehmen, Einkaufsverbote wurden ausgesprochen, „um die Bevölkerung vor Belästigungen durch die Juden zu schützen“. Im Laufe des Jahres 1942 wurden 16 Goldbacher - via Würzburg - nach Izbica/b. Lublin, die restlichen nach Theresienstadt deportiert. Zurückgelassene Möbel und Wäsche konnten dann von Goldbacher Bewohnern ersteigert werden. Nur zwei „in Mischehe“ verheiratete Juden blieben in Goldbach zurück und überlebten die NS-Zeit.

1948 fand vor dem Landgericht Aschaffenburg der Prozess gegen insgesamt 31 Personen statt, die an den Gewalttätigkeiten beim Novemberpogrom von 1938 aktiv beteiligt waren. Elf Angeklagte wurden wegen Landfriedensbruch zu Haftstrafen bis zu 18 Monaten verurteilt.

Seit 1986/1987 erinnert ein Gedenkstein an die einstige Existenz einer jüdischen Gemeinde in Goldbach. Er ist gegenüber dem ehemaligen Standort der Synagoge aufgestellt. Unter einer stilisierten Menora findet sich die folgende Inschrift:

Überwindet das Böse mit dem Guten

Zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger unserer Gemeinde

und die am 9. November 1938 zerstörte Synagoge.

                 * Dabei ist sie Angabe ‘9.Nov. 1938’ nicht richtig; die Zerstörung fand in der Nacht vom 10./11.November statt.

Im Jahre 2008 wurden die Namen von 22 deportierten und ermordeten jüdischen Bewohner Goldbachs auf zwei Tafeln hinzugefügt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20183/Goldbach%20Synagoge%20180.jpg Denkmal mit Namenstafeln (alle Aufn. Walter Gößwein, 2008)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20183/Goldbach%20Synagoge%20181.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20183/Goldbach%20Synagoge%20182.jpg Gedenksteine mit den Namen der jüdischen Opfer

2018 wurden in Goldbach 15 sog. Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige von drei jüdischen Familien (Brandstädter, Oppermann und Regenstein) erinnern, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden sind. Weitere Steine folgten 2019.

 

Im nahen Hösbach sind jüdische Bewohner seit dem ausgehenden 18.Jahrhundert urkundlich nachgewiesen; zur damaligen jüdischen Gemeinschaft gehörten 1794 acht jüdische Haushaltungen.

Juden in Hösbach (Unterfranken):

--- 1774 ........................ eine jüdische Familie,

--- 1794 ........................  8       “       “   n,

--- 1803 ........................  3       “       “    ,

--- 1867 ........................ 23 Juden,

--- 1880 ........................ 33   “  ,

--- 1890 ........................ 21   “  ,

--- 1900 ........................ 42   “  ,

--- 1910 ........................ 44   “  ,

--- 1925 ........................ 12   “  ,

--- 1932 ........................ 14   "  ,

--- 1939 ........................  5   "  .

Angaben aus: Goldbach-Hösbach, in: alemannia-judaica.de

Ab der zweiten Hälfte bildeten die Hösbacher Juden gemeinsam mit denen in Goldbach die Jüdische Kultusgemeinde Goldbach-Hösbach.

Die letzten jüdischen Einwohner wurden 1942 nach Izbica/b. Lublin deportiert.

Nach Angaben des Gedenkbuches ("Opfer der Verfolgung der Juden ...") sind 23 gebürtige bzw. länger in Hösbach lebende Personen mosaischen Glaubens der NS-Gewaltherrschaft zum Opfer gefallen.

Weitere Informationen:

Ignatz M. Wohlfahrt, Geschichte des Pfarrdorfes Goldbach, Goldbach 1950, S. 152 - 155

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 306/307

Herbert Schultheis, Juden in Mainfranken 1933 - 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Deportationen Würzburger Juden, in: Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Frankens, Band 1, Verlag Max Rötter, Bad Neustadt a.d.Saale 1980, S. 161 - 163

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 66

Hugo Karpf, Mahnmal für unsere jüdischen Mitbürger, in: Goldbach 775 Jahre. Geschehnisse – Ereignisse – Veränderungen, Goldbach 1993, S. 50 - 52

Ingrid Heeg-Engelhart, Die jüdische Gemeinde Goldbach von ihren Anfängen bis 1942, in: Markt Goldbach - Geschichte und Gegenwart, Markt Goldbach 1998, S. 226 – 257

Goldbach-Hösbach, in: alemannia-judaica.de (mit diversen, zumeist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Ingrid Heeg-Engelhart, Von Hösbach nach Israel – Claire Kevehazi geb. Löwenthal (1905- 2002) in memoriam, in: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 55/2003, S. 143 - 159

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 92/93

Axel Töllner/Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Goldbach-Hösbach, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G. Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 70 - 82

Nina Beckmann-Höhenberger (Red.), Goldbach verlegt am Donnerstag erste "Stolpersteine". Gedenken an jüdische Mitbürger, die in der NS-Zeit ermordet wurden, in "Main-Echo" vom 12.2.2018

Markt Goldbach (Hrg.), Stolpersteinverlegung am 15.2.2018, in: markt-goldbach.de/aktuelles/ vom 20.2.2018

Auflistung der in Goldbach verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Goldbach_(Unterfranken)

N.N. (Red,.), Stolpersteine zum Gedenken in Goldbach, online abrufbar unter: primavera24.de/stolpersteine-zum-gedenken-in-goldbach-verlegt/

Stefan Gregor (Red.), Elf Stolpersteine für Goldbach: Enkelinnen jüdischer Opfer zu Gast, in: “Main-Echo” vom 26.6.2019