Cronheim (Mittelfranken/Bayern)

Datei:Gunzenhausen in WUG.svg Die Ortschaft Cronheim mit derzeit kaum 500 Bewohnern ist heute ein Ortsteil der Stadt Gunzenhausen im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Möglicherweise hielten sich im Dorf bereits Anfang des 17.Jahrhunderts die ersten Juden auf; die erste gesicherte Nachricht darauf stammt aus dem Jahre 1628, als fünf Familien hier eine vorläufige Bleibe gefunden hatten. Wenige Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg erlaubte der Eichstätter Fürstbischof eine dauerhafte Niederlassung von vier jüdischen Familien. In Cronheim existierte mindestens seit den 1670er Jahren eine jüdische Kultusgemeinde; ein aus dem Jahre 1673 stammender Thorawimpel belegt diese Aussage. Das in Cronheim geführte Memorbuch stammt aber erst aus den 1780er Jahren. Über Jahrhunderte hinweg haben in Cronheim Katholiken, Protestanten und Juden mehr oder weniger friedlich zusammengelebt; zeitweilig soll die jüdische Bevölkerung ca. 40% des Dorfes ausgemacht haben.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten eine 1816/1817 gegenüber dem Schloss erbaute Synagoge mit angeschlossenem rituellen Frauenbad; die Synagoge beherbergte gleichzeitig auch das Gemeindehaus mit Schulräumen. Die früheste Erwähnung einer Synagoge stammt bereits aus der Zeit um 1670.

    http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20239/Cronheim%20Synagoge%20280.jpg

Synagoge und Schule (links: hist. Aufn., Sammlung P.K. Müller - rechts: Modell, Therapiezentrum Schloss Cronheim)

Seit Ende der 1820er Jahre bestand in Cronheim eine jüdische Elementarschule; diese existierte bis 1921/1922.

  gemeindliches Stellenangebot aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 19.4.1876                                                      aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4.5.1922

Verstorbene Cronheimer Juden wurden auf dem großen Verbandsfriedhof in Bechhofen beerdigt. Hier fanden vor allem Juden aus dem Fürstentum Brandenburg-Ansbach, aber auch solche aus reichsritterschaftlichen Orten ihre letzte Ruhe. 

Um 1930 unterstand die kleine Gemeinde dem Bezirksrabbinat Ansbach.

Juden in Cronheim:

    --- um 1630 ........................   5 jüdische Familien,

 --- 1714 ...........................   4     „       „    ,

 --- 1796 ...........................  32     „       „    ,

 --- 1811/12 .................... ca. 170 Juden (ca. 41% d. Bevölk.)

 --- 1837 ........................... 197   „  ,

 --- 1867 ........................... 141   „   (ca. 26% d. Bevölk.),

 --- 1890 ...........................  91   „  ,

 --- 1900 ...........................  73   „  ,

 --- 1910 ...........................  56   „   (ca. 11% d. Bevölk.),

        --- 1933 ...........................  35   „   (ca. 7% d. Bevölk.),

 --- 1938 (Aug.) ....................  13   „  ,

                 (Dez.) ....................  keine.

Angaben aus: Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945 , S. 166

und                 Ralf Rossmeissl, Mikrokosmos Cronheim. Ein Dorf, drei Religionen

Mit der Erlangung des Rechts der Freizügigkeit (1861) setzte die Abwanderung jüdischer Familien, vornehmlich nach Fürth und Nürnberg, ein. Anfang der 1930er Jahre lebten nur noch wenige jüdische Familien in Cronheim; infolge der NS-Repressionspolitik nahm die Zahl der Gemeindeangehörigen immer mehr ab: So konnten bald keine regelmäßigen Gottesdienste mehr durchgeführt werden. Um zumindest an hohen Feiertagen den Gemeindemitgliedern einen Synagogenbesuch in einer benachbarten Ortschaft zu ermöglichen, verkaufte man den Synagogen-Kronleuchter und verwandte den Erlös für die Erstattung der Fahrkosten der Synagogenbesucher.

Wenige Wochen vor dem Pogrom wurde die Cronheimer Synagoge durch „Unbekannte“ aufgebrochen und geschändet; das Gebäude wurde noch kurz vor der „Kristallnacht“ verkauft. Am 10.Nov. 1938 wurden von Juden bewohnte Häuser demoliert und einige Männer „in Schutzhaft“ genommen. Ein Teil der Cronheimer Juden konnte emigrieren, zumeist in die USA; die letzten acht Cronheimer Juden wurden Ende November 1938 nach Augsburg ausgewiesen; alle wurden Opfer der Shoa.

            ehem. Synagogengebäude (Aufn. U. Metzner, 2004, aus: synagogen.info)

Das ehemalige Synagogengebäudes - durch mehrfache Umbauten allerdings verändert - ist bis heute erhalten geblieben. Bei den 2003/2004 begonnenen Restaurierungsarbeiten wurde auf dem Dachboden eine Genisa mit beschädigten religiösen Schriften gefunden. 2010/2011 wurde das Gebäude der ehemaligen Synagoge renoviert; dabei wurden mehrere Wohnungen für "Betreutes Wohnen" des Therapiezentrums Schloss Cronheim eingerichtet. Dem Therapiezentrum ist das Museum „Mikrokosmos Cronheim - ein Dorf - drei Religionen” angegliedert; in der von der Ortgemeinde betriebenen Ausstellung wird an die Holocaust-Opfer des Dorfes erinnert. Daneben zeigt das Museum aber auch Exponate aus der bäuerlichen Lebenswelt. Die Mikwe im Untergeschoss ist Bestandteil des Museums.

[vgl. Gunzenhausen (Bayern)]

Weitere Informationen:

Karl Ried, Cronheim - ein ehemaliger Adelssitz, Selbstverlag, Eichstätt 1935

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 166/167

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 156

Ralf Rossmeissl, Mikrokosmos Cronheim. Ein Dorf drei Religionen, Selbstverlag, Schwabach 2000

Cronheim (Stadt Gunzenhausen), in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Herbert Liedel/Helmut Dollhopf, Jerusalem lag in Franken. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Echter-Verlag GmbH, Würzburg 2006, S. 32 – 37

Eva Fritz, Ehemalige Synagoge Cronheim. Begrenzte Untersuchung zum Baugefüge und zu historischen Oberflächenbearbeitungen, Weißenburg 2007

H.-Chr. Haas/A. Hager, Cronheim, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 2, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2010, S. 164 - 174

Hans-Peter Süss, Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken, in: Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands Band 25, 2010, S. 54 - 56

N.N. (Red.), Unikate ergattert. Stadt erwarb alte hebräische Schriftstücke, in: „Altmühlbote“ vom 8.3.2013