Berkach (Thüringen)

Bildergebnis für berkach karte postleitzahl  Karte Berkach ist ein Dorf im südlichen Landkreis Schmalkalden-Meiningen (seit 2007 ein Ortsteil der Gemeinde Grabfeld) – zwischen Suhl und Bad Neustadt a.d.Saale gelegen (Karten aus: suche-postleitzahl.org und Metilsteiner, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0).

Bereits um 1625 hat sich der erste Jude in Berkach im Grabfeld aufgehalten. Nach Angaben der Kirchenchronik sollen sich die ersten jüdische Familien um 1700 im kleinen Dorf Berkach südlich von Meiningen niedergelassen haben. Sie hatten zuvor im benachbarten Nordheim gelebt und waren dort wegen Differenzen mit dem christlichen Bevölkerungsteil von der Ortsherrschaft, dem Reichsritter von Stein, ausgewiesen und nun auf dessen Höfen in Berkach wieder angesiedelt worden. Ihre Ansässigkeit war an Schutzgeldzahlungen an die Freiherren von Stein u.a. gebunden. Die jüdischen Familien wohnten größtenteils in Häusern im Zehnthof und im Hinterdorf von Berkach. Ihr Wohngebiet soll durch Schlagbäume vom übrigen Dorf abgetrennt gewesen sein. Um 1810 wurden im Dorf insgesamt 19 jüdische Familien gezählt, die unter dem Schutz von drei Ortsherrschaften standen: 14 Familien bei den Reichsrittern von Stein, drei unter Altwürzburgischer Herrschaft und eine Familie unter der Adelsfamilie von Kalb.

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts konnten sie - auf Grund eines im Herzogtum Sachsen-Meiningen erlassenen Gesetzes - nach Zahlung einer Abgabe das Ortsbürgerrecht erhalten. Die Synagoge und das Schulhaus brachte man in bereits vorhandenen Gebäuden unter: So soll bereits um 1750 ein als „Schul“ bezeichnetes Gebäude bestanden haben, für das der Judenschultheiß an die Freiherren von Stein „Hauszins“ entrichten musste. Um 1760/1762 erstellte man dann eine neue Synagoge, die fast 100 Jahre genutzt wurde. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts wurde eine neue Synagoge und ein Schulhaus an der Mühlfelder Straße gebaut und 1854 beide Gebäude feierlich eingeweiht. Anlässlich dieser Einweihung hatte Hermann Naftali Ehrlich, der seit 1845 von der jüdischen Gemeinde in Berkach als Lehrer, Vorbeter und Kantor angestellt war, eine musikalische Einweihungsordnung zur Umrahmung verfasst.

Zu dem Anlass der Synagogeneinweihung gab die jüdische Gemeinde auch einen Sonderdruck heraus; darin hieß es:

“ ... Diese gedruckte Festordnung soll jedem Anwesenden bei der Feierlichkeit eines Theils zur Bessern Erbauung und um sich selbst am Gesange betheiligen zu können, dienen; anderen Theils sollte auch dadurch diese Feier zum bleibenden Denkmal für die Nachkommen der hiesigen Gemeinde gemacht werden, ... Ueber die Entstehung der Gebäude nun Folgendes: Die Nothwendigkeit einer neuen Synagoge und eines neuen Schulhauses wurde in unserer Gemeinde schon 15 Jahre lang gefühlt und von Jahr zu Jahr angeregt, ohne daß ernstliche Schritte dazu geschahen. ... Der völlige Beschluß zum Neubau wurde erst mit der Anstellung des Schullehrers Ehrlich ... gefaßt. ... Die Gesamtkosten der beiden Gebäude erstreckten sich über 6000 Gulden, welche ohne Fonds und ohne auswärtige Collecten größtentheils aus eigenen Mitteln bestritten wurden. Gewiß ein großes Opfer für eine nur aus 30 Familien bestehende Gemeinde. ... Am ersten Schewuothtage 1852 wurde der Grundstein ... gelegt. ... Schon nach einem Jahre der Grundsteinlegung standen beide Gebäude: die Synagoge und Schulhaus, zur Zierde des Orts, zur Ehre der Gemeinde und zum Ruhme derjenigen, die den Bau mit Eifer und aufopfernder Liebe gefördert haben, vollendet da.  Sowohl die äußere als innere Einrichtung läßt nichts zu wünschen übrig. Kanzel, Altar, Subsellien, Tabernakel, Chorstände, sowie die Emporen sind auf das Geschmackvollste aufgestellt. In der Vorhalle führt zur rechten und linken Seite eine Treppe zur Gallerie, ... 12 Säulen, welche vom Boden bis zur Decke laufen, sich oben vereinigen und mit vergoldeten Kapitellen versehen sind, machen nicht weniger die Zierde des Gotteshauses aus, als die 10 hohen Fenster, die vom Schiffe der Synagoge bis zu den Emporen durchlaufen, und dem Gotteshause nicht nur eine schöne Aussicht, sondern auch eine große Helle verschaffen. ...

(Vollständiger Text siehe: Franz Levi (Bearb.), 12 Gulden vom Judenschutzgeld ... Jüdisches Leben in Berkach und Südwestthüringen, S. 239 - 244)

Seit Ende der 1830er Jahre gab es in Berkach eine Mikwe, die drei ältere, in Privathäusern untergebrachte Kellerbäder ersetzte.

Ihren Friedhof hatte die jüdische Gemeinde um 1820 am südlichen Ortsrand von Berkach angelegt; zuvor waren die Verstorbenen zum Sammelfriedhof nach Kleinbardorf bei Bad Königshofen gebracht worden.

Juden in Berkach:

         --- um 1740 ........................... 12 jüdische Familien,

    --- um 1810 ...........................  19     “       “    ,

    --- 1820 ..............................  32     “       “    ,

    --- 1833 .............................. 152 Juden (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1851 .............................. 170   “   (in 36 Familien),

    --- 1861 .............................. 177   “  ,

    --- 1871 .............................. 143   “  ,

    --- 1895 ..............................  99   “  ,

    --- 1900 ..............................  64   “  ,

    --- 1913 ..............................  37   “  ,

    --- 1924 ..............................  28   “  ,

    --- 1933 ..............................  20   “  ,

    --- 1939 ..............................  13   “  ,*    * erwachsene Mitglieder

    --- 1942 (Okt.) .......................  keine.

Angaben aus: Monika Kahl, Denkmale jüdischer Kultur in Thüringen, S. 44

und                Nothnagel/Neubert/u.a., Berkach - ein ehemaliger Hort jüdischen Kulturerbes im Freistaat Thüringen; S. 118

und                Franz Levi (Bearb.), 12 Gulden vom Judenschutzgeld ... -  Jüdisches Leben in Berkach..., S. 30

Um 1835 machte die jüdische Bevölkerung des Dorfes etwa ein Drittel und um 1850/1860 noch ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus, doch bereits um die Jahrhundertwende hat Ab- und Auswanderung die Zahl der hier ansässigen jüdischen Familien deutlich reduziert. Zu Beginn der NS-Zeit waren es nur noch sehr wenige Familien jüdischen Glaubens, die in Berkach lebten.

Beim Novemberpogrom wurden die männlichen Juden von Meininger SA-Leuten aus ihren Häusern geholt und ins KZ Buchenwald abtransportiert. Das Synagogen- und das Schulgebäude blieben - durch Einschreiten Berkacher Bewohner - von einer Brandlegung verschont; im folgenden Jahre mussten beide an die Kommune Berkach verkauft werden. Eine Thorarolle konnte von einem Gemeindemitglied gerettet und in die Emigration mitgenommen werden; diese befindet sich bis heute in Obhut einer jüdischen Gemeinde in New Jersey (USA). Während das Schulhaus der jüdischen Gemeinde nach 1938 dann Wohnzwecken diente, wurde das Synagogengebäude als Schmiede und später als Lagerhaus genutzt. Der jüdische Friedhof wurde teilweise zerstört. Die letzten jüdischen Einwohner Berkachs wurden im September 1942 nach Theresienstadt deportiert; keiner von ihnen soll überlebt haben.

In Berkach sind - als einzige im heutigen Freistaat Thüringen - die jüdischen Kultstätten, Synagoge, Schulhaus, Mikwe und Friedhof baulich erhalten geblieben. Nach umfangreichen, mit Bundesmitteln finanzierten Restaurierungsarbeiten wurde der Synagogenbau in der Mühlfelder Straße Ende 1991 wieder eingeweiht. Er dient heute wieder als jüdisches Gotteshaus und zudem als eine Stätte der Begegnung. Seit 1993 gilt das Gebäude offiziell als Kulturdenkmal.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2060/Berkach%20Synagoge%20103.jpg Eine Gedenktafel im Innern der Synagoge führt die Namen der letzten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berkach auf (Abb. J. Hahn, 2005).

Bei der Restaurierung im Jahr 1999 wurde im Bereich des Thoraschreines ein Fenster eingebaut, das es tatsächlich nicht gegeben hat; deshalb wurde dieses Fenster bei einer weiteren Restaurierung im Jahr 2004/2005 wieder zugemauert; auch das Sichtfachwerk wurde wieder abgedeckt.

                         

Synagoge nach den Restaurierungen von 1999 (Aufn. TU-Darmstadt) und 2005 (Aufn. J. Hahn)

                                                    Blick von der Frauenempore (Aufn. Peter Michaelis)

                            Computer-Rekonstruktion des Innenraumes (Zoya Arshavsky, Center for Jewish Art/Jerusalem)

Im Jahre 2009 wurde an der ehemaligen Schule eine Gedenktafel für den Lehrer und Chasan Hermann Ehrlich (1815-1879) angebracht; er war auch Herausgeber der europaweit bedeutenden „Liturgischen Zeitschrift“; sein Grab befindet sich in Plaue. Auch eine 1988 wiederentdeckte Mikwe aus dem Jahre 1838 - ein isoliert stehendes Häuschen auf einer Wiese (Poststraße) - wurde wenige Jahre später umfassend saniert und ebenfalls als „Kulturdenkmal“ eingetragen.

               restaurierte Mikwe (Aufn. hassia-judaica, um 1995)

Zu Beginn der 1990er Jahre wurde der jüdische Friedhof am südlichen Ortsrand weitgehend wiederhergestellt. Zu DDR-Zeiten war das grenznahe Gelände nicht zugänglich und - ohne entsprechende Pflege - von der Vegetation überwuchert. Heute erinnern noch ca. 145 Grabsteine an verstorbene Juden aus der nahen Region.

jüdischer Friedhof in Berkach (Aufn. J. Hahn, 2005) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2060/Berkach%20Friedhof%20101.jpg

Weitere Informationen:

Denn mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker”, in: "Thüringer Allgemeine" vom 2.11.1991

Ein Schlagbaum trennte Juden und Christen” (Zeitungsbericht zur Wiedereinweihung der Synagoge in Berkach), in: "Freies Wort" vom 1.11.1991

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 251 - 253

Gundula Bach, Ein Ensemble jüdischer Geschichte in Berkach, Berkach 1996

Monika Kahl, Denkmale jüdischer Kultur in Thüringen, in: Kulturgeschichtliche Reihe, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege, Band 2, Bad Homburg/Leipzig 1997, S. 44 - 51

H.Nothnagel/O.Neubert/u.a., Berkach - ein ehemaliger Hort jüdischen Kulturerbes im Freistaat Thüringen, in: Hans Nothnagel (Hrg.), Juden in Südthüringen, Band 3: Juden in der ehem. Residenzstadt Meiningen und deren Umfeld, Verlag Buchhaus, Suhl 1999, S. 93 - 133

Franz Levi (Bearb.), 12 Gulden vom Judenschutzgeld ... - Jüdisches Leben in Berkach und Südwestthüringen, in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Große Reihe, Band 7, Verlag Urban & Fischer, München/Jena, 2001

Gabriele Olbrisch, Landrabbinate in Thüringen 1811 - 1871. Jüdische Schul- und Kulturreform unter staatlicher Regie, in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen - Kleine Reihe, Band 9, Böhlau Verlag Köln - Weimar - Wien 2003, S. 42/43

Spurensuche nach jüdischem Leben in Thüringen, Hrg. Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien, Bad Berka 2004, S. 100/101

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2007, S. 70 – 74

Berkach, in: alemannia-judaica.de (mit Text- und Bildbeiträgen zur jüdischen Ortshistorie) 

Geschichte der Juden in Berkach, in: Netzwerk für jüdisches Leben in Thüringen, online abrufbar unter: juedisches-leben-thueringen.de

Juden als Nachbarn in Südthüringen“ - Gedenkschrift zum 160. Jubiläum der Einweihung von Synagoge und jüdischer Schule zu Berkach im Grabfeld, Juni 2014

Gerlinde Sommer (Red.), Zu Besuch in Berkach: Ein Dorf mit reichem jüdischen Erbe, in: „Thüringische Landeszeitung“ vom 7.7.2014

Gerhild Elisabeth Birmann-Dähne, Jüdische Friedhöfe in der Rhön, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2018