Bartenstein (Ostpreußen)

 Unweit einer Ordensburg entstand nach 1320 eine Siedlung namens ‚Rosenthal’, die wenig später in Bartenstein umbenannt wurde; die Kleinstadt ist das heutige, von derzeit ca. 24.000 Menschen bewohnte Bartoszyce in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren.

Um die Mitte des 18.Jahrhunderts kann eine jüdische Familie in Bartenstein urkundlich nachgewiesen werden. Das Familienoberhaupt war mit einem aus dem Jahre 1737 ausgestellten Schutzbrief des preußischen Königs Friedrich Wilhelm ausgestattet, der es erlaubte, „mit allerhand Kram, besonders mit Seidenwaren“ zu handeln. Mit dem Tode des Schutzbriefinhabers verließen die übrigen Familienangehörigen Bartenstein. Erst nach der Emanzipation in Preußen setzte ein zögerlicher Zuzug jüdischer Bewohner ein.

Der Bau einer Synagoge erfolgte vermutlich in den 1850er Jahren, sie lag im Mühlenweg/Ecke Synagogenstraße. Der jüdische Begräbnisplatz befand sich am Oberteich in der Rastenburger Straße.

Seit 1847 gehörten alle Glaubensjuden im Kreise Friedland zur Synagogengemeinde Bartenstein.

In Friedland selbst gab es an der Litauer Straße auch einen jüdischen Friedhof und einen in einem Privathaus untergebrachten Betsaal. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Friedland ca. 20 Juden.

Juden in Bartenstein:

       --- um 1750 ......................  eine jüdische Familie,

    --- um 1785/1800 .................  keine,

    --- 1812 .........................  eine     “       "   ,

    --- 1828 .........................  33 Juden,

    --- 1846 .........................  69   “  ,

    --- 1880 .........................  86   “  ,

    --- 1890 .........................  65   “  (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1895 .........................  81   “  ,

    --- 1910 .........................  95   "  ,

    --- um 1925 .................. ca.  60   “  ,

    --- 1937 .........................   9 jüdische Familien,

    --- 1940 .........................  12 Juden.

Angaben aus: Klaus-Eberhard Murawski, Juden in einem ostpreußischen Landkreis

            http://static2.akpool.de/images/cards/69/696124.jpg Zentrum von Bartenstein (hist. Aufn., um 1920)

Eine sehr wohlhabende und einflussreiche Familie in Bartenstein war die jüdische Familie Meyer, deren Wohlstand sich auf den Betrieb der seit ca. 1845/50 bestehenden „Mahlmühl Meyer“ gründete. In den 1930er Jahren war das Unternehmen im Besitz einer Dampf- und einer Wassermühle und zudem einer mit Dampf betriebenen Ölmühle. Neben der Herstellung von Mehl handelten die Meyers auch mit Getreide, Futter- und Düngemitteln.

In Bartenstein gab es eine Reihe jüdischer Einzelhandelsgeschäfte, die während der Boykotttage zu Anfang April 1933 betroffen waren. Der „Arisierung“ der Folgejahre fiel auch das größte Unternehmen in jüdischem Besitz, die Bartensteiner Mühlenwerke J. Meyer, zum Opfer.

http://farm1.static.flickr.com/57/210777584_3b6b1a5905.jpg Briefkopf der Firma

Während der Novembertage des Jahres 1938 wurde die Bartensteiner Synagoge von SA- und älteren HJ-Angehörigen niedergebrannt; die Feuerwehr beschränkte sich bei ihren Löscharbeiten auf den Schutz der Nachbarhäuser. Über das weitere Schicksal der Bartensteiner Juden liegen nur bruchstückhafte Angaben vor. Einem Teil der Familien gelang es, sich durch Emigration in die USA zu retten. Ende 1942 wurden vermutlich die letzten verbliebenen jüdischen Bewohner deportiert. Man geht nach heutigen Erkenntnissen davon aus, dass mindestens 19 jüdische Bewohner Bartensteins dem Holocaust zum Opfer gefallen sind. Außer einem Gedenkstein für die Holocaust-Opfer und nur wenigen Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof gibt es heute keine weiteren Hinweise auf die einstige israelitische Gemeinde.

Schippenbeil um 1870 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In zum Kreis Bartenstein zählenden Schippenbeil, dem heutigen Sępopol, konstituierte sich 1864 eine eigene Synagogengemeinde, die sich allerdings nur aus sehr wenigen Familien zusammensetzte; 1880 waren es 58 Personen. Die Gemeinde verfügte über einen eigenen Friedhof an der Scheunenstraße und eine Synagoge, die aber um 1870 durch einen Brand zerstört wurde. In den Folgejahrzehnten versammelten sich die Gemeindeangehörigen in angemieteten Beträumen. Wenige Jahre später bildete sich ein „Jüdisches Central-Unterstützungs-Comité für Ostpreußen“, das für die Errichtung eines Waisenhauses verantwortlich zeichnete.

Im Jahr 1933 lebten in Schippenbeil ca. 25 Bewohner mosaischen Glaubens.

Während der Endphase des Krieges gab es in Schippenbeil ein Außenlager des KZ Stutthof, in dem mehr als 1.100 Jüdinnen und 100 Juden zur Zwangsarbeit eingesetzt waren. Mitte Januar 1945 wurde das Lager vor den vorrückenden sowjetischen Truppen geräumt und die Häftlinge in den Raum Königsberg verlegt; auf dem folgenden Evakuierungsmarsch zur Samland-Küste wurden die meisten von ihren Bewachern massakriert.

 

In Angerburg, dem östlich von Bartenstein gelegenen poln. Wegorzewo, gab es im Laufe des 19.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde, die sich um 1870 aus ca. 70 Angehörigen zusammensetzte. Händler aus Polen, die mit Holz und Fischen handelten, waren die ersten Juden, die sich in Angerburg kurzzeitig aufhielten. Die sich in Angerburg ansiedelnden Juden – die ersten Familien sind nach 1810 belegt - stammten zumeist aus dem Grenzgebiet von Großpolen und Westpommern und handelten vor allem mit Leinen und anderen Tuchen, Schuhen und Pferden; unter ihnen gab es auch Branntweinbrenner. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte ging ihre Zahl aber zurück: 1880 lebten hier 54 und 1933 noch 42 Juden. Während des Ersten Weltkrieges blieb der angemietete Betraum geschlossen, weil der Prediger nicht mehr bezahlt werden konnte. Ansonsten wurde die Synagoge in Rastenburg aufgesucht.   

               Geschäftsanzeige

Über das Schicksal der wenigen während der NS-Zeit in Angerburg lebenden jüdischen Einwohner ist kaum etwas bekannt; 1939 sollen in der Kleinstadt noch 16 Personen gelebt haben.  vgl. dazu: Angerburg (Ostpreußen)

 

Die israelitische Kultusgemeinde im ca. 20 Kilometer westlich von Bartenstein liegenden Landsberg, dem heutigen polnischen Górowo Ilaweckíe, zählte um 1850/1860 mehr als 200 Angehörige, ihre Zahl ging aber in den Folgejahrzehnten deutlich zurück; so waren es um die Jahrhundertwende nur noch ca. 60 Personen mosaischen Glaubens. Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten ein Friedhofsgelände und eine 1865 eingeweihte Synagoge. Bereits vor 1933 waren die wenigen jüdischen Einwohner antisemitischen Anschlägen ausgesetzt; in den 1930er Jahren verließen fast alle Juden die Stadt. - Nur wenige Grabsteine des im 19.Jahrhundert angelegten Friedhofs sind erhalten geblieben.

 

Im beginnenden 19. Jahrhunderts lebten einige jüdische Familien in Bischofstein (poln. Bisztynek). Eine kleine Gemeinde bildete sich gegen Ende der 1840er Jahre. Über ein Synagogengebäude verfügte diese aber nicht; Zusammenkünfte fanden in privaten Räumlichkeiten statt. Hingegen gab es bereits seit den 1820er Jahren einen Friedhof an der Straße nach Rößel. Die Gemeinschaft zählte maximal 70 Personen, um 1900 waren es kaum 40 Personen. Ca. 20 gebürtige bzw. länger in Bartenstein lebende Juden sollen Opfer der Shoa geworden sein. - Heute findet man keinerlei Spuren des jüdischen Friedhofs mehr.

Weitere Informationen:

Max Hein, Geschichte der Stadt Bartenstein 1332 - 1932, Selbstverlag der Stadt Bartenstein 1932

Aloys Sommerfeld, Juden im Ermland - Ihr Schicksal nach 1933, in: Beiheft No. 10 der Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands, Münster/Westfalen 1991, S. 48 ff.

Paul Graetz, ‘Arisierung’ der Mühlenwerke J. Meyer, in: Wolfgang Benz (Hrg.), Die Juden in Deutschland 1933 - 1945, München 1993, S. 307 f.

Martin Bergau, Der Junge von der Bernsteinküste. Erlebte Zeitgeschichte 1938 - 1948, Heidelberg 1994

Klaus-Eberhard Murawski, Juden in einem ostpreußischen Landkreis, aus: ‘Unser Bartenstein’ - Heimatblatt Bartenstein/Ostpr., Jg. 49/Dez. 1998 (Sonderdruck)

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol.1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 45 und S. 91 und Vol. 2, S. 703 und S. 1147

Bartoszyce - Sepopol - Wegorzewo - Górowo Ilaweckíe, in: sztetl.org.pl